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Kann Ökolandbau die Welt ernähren?

Kühe auf einer Weide. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Laut FiBL-Studie sind 100 Prozent Ökolandbau weltweit theoretisch möglich. Dann dürften landwirtschaftliche Nutztiere aber nur noch mit Gras und Nebenprodukten der Lebensmittelindustrie gefüttert werden. Quelle: Thomas Stephan, BLE

Die ökologische Landwirtschaft schont Umwelt und Ressourcen. Daher wird sie gerne als Lösungsweg vorgeschlagen, wenn es darum geht, negativen Entwicklungen wie Klimawandel, Überdüngung und hohem Pflanzenschutzmittelverbrauch entgegenzuwirken. Kritikerinnen und Kritiker halten jedoch dagegen, dass der Ökolandbau wegen seiner im Vergleich zum konventionellen Anbau geringeren Erträge mehr Ackerfläche verbraucht. Daher käme die ökologische Landwirtschaft nicht infrage, um die Ernährung von neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 sicherzustellen. 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) haben nun in verschiedenen Modellszenarien errechnet, dass sich die Welt theoretisch doch allein mit Nahrungsmitteln aus ökologischer Landwirtschaft ernähren ließe. Allerdings, so die Einschränkung, nur dann, wenn sich gleichzeitig auch die Konsumgewohnheiten der Menschen drastisch ändern. Im Klartext heißt das: Weniger Lebensmittel wegwerfen und weniger Fleisch essen. Die Studie des FiBL wurde jüngst im Fachmagazin "Nature communications" veröffentlicht. 

Mehrere Wege führen ans Ziel

"Um die Landwirtschaft bis 2050 komplett auf Bio umzustellen, wäre etwa ein Drittel mehr Fläche nötig als heute", sagt Christian Schader, Mitverfasser der Studie und Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit am FiBL. Zusätzliches Ackerland in dieser Größenordnung steht aber nicht zur Verfügung. Im Gegenteil: Laut Prognosen der FAO wird die Weltbevölkerung bis 2050 um circa zwei Milliarden Menschen auf 9,2 Milliarden anwachsen. Gleichzeitig gehen weltweit jedes Jahr etwa 10 Millionen Hektar Ackerfläche unwiederbringlich durch Erosion oder Versiegelung verloren. Wolle man mehr Ökolandbau, so Schader, könne man das nur erreichen, wenn man Nahrungsmittelabfälle reduziert und auf den Ackerflächen weniger Futter anbaut. 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen in der Studie auf, wie verschiedene Strategien optimal kombiniert werden können, um ans Ziel zu gelangen: "Wenn man den Anbau von tierischem Kraftfutter und die Verschwendung von Lebensmitteln um jeweils die Hälfte reduzieren würde, könnte man die Landwirtschaft weltweit schon zu 60 Prozent auf Bio umstellen, ohne dafür wesentlich mehr Land zu verbrauchen", erklärt Schader. "Auch die vollständige Umstellung – also 100 Prozent Ökolandbau weltweit – wäre theoretisch möglich". Das würde allerdings voraussetzen, dass die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte reduziert und auf den Ackerflächen weltweit gar keine Futtermittel mehr angebaut würden. Die Tiere würden nur noch Gras und Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie fressen. Für uns Menschen hätte dies zur Konsequenz, dass der Konsum tierischer Produkte um rund ein Drittel eingeschränkt würde. Der Kalorien- und Proteinbedarf müsste vermehrt durch pflanzliche Nahrung wie Hülsenfrüchte gedeckt werden.

Sind diese Szenarien realistisch?

Zeichnung: Mülltonne mit Lebensmittelabfällen. Foto: Pixabay. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Allein in Deutschland werden jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Will man in Zukunft mehr Ökolandbau, muss diese Lebensmittelverschwendung stark reduziert werden, so die FiBL-Studie. Quelle: pixabay

Solche Veränderungen würden menschliche Konsumgewohnheiten ziemlich auf den Kopf stellen. Schader ist jedoch überzeugt, dass diese Ziele umsetzbar sind. "Es gibt heute schon zahlreiche Initiativen in Europa, die zu einer Senkung der Lebensmittelabfälle führen, so der Agrarwissenschaftler. "Ein gutes Beispiel ist Dänemark: Dort konnten Nahrungsmittelabfälle in den letzten sieben Jahren um ein Drittel gesenkt werden. Andere Beispiele sind Frankreich und Italien: Dort haben die Länderregierungen 2016 Gesetze erlassen, die es Supermärkten verbietet, verzehrbare Nahrungsmittel wegzuschmeißen. Stattdessen sollen diese an Wohltätigkeitsorganisationen gespendet werden." Dies sind nur einige Beispiele von vielen, wie man die Lebensmittelverschwendung reduzieren könnte. Schwieriger wird es mit dem Verzicht auf tierische Lebensmittel. Doch auch dies hält Schader für möglich, wenn der politische Wille dafür vorhanden ist. "So etwas ist natürlich nicht von heute auf morgen möglich, aber für das Jahr 2050 kann man durchaus visionär denken", so der Wissenschaftler. "Für ein nachhaltiges Ernährungssystem sind erhebliche Anstrengungen nötig, sowohl von der Politik und der Zivilgesellschaft als auch von der Privatwirtschaft." Dafür brauche es aber vor allem ein Bewusstsein dafür, dass die derzeitige Nahrungsmittelproduktion nicht nachhaltig ist und Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit hat, ist der Forscher überzeugt. Wäre sich die Bevölkerung bewusst darüber, welche Konsequenzen das derzeitige Ernährungssystem für heutige und zukünftige Generationen hat, wäre auch der Wille für die Umstellung größer. 

Stickstoffversorgung könnte bei 100 Prozent Öko zum Problem werden

Ein Mehr an ökologischer Landwirtschaft könnten weltweit zu einem enormen Abbau der Stickstoffüberschüsse führen, und damit die Belastung von Grund- und Oberflächengewässern drastisch verringern. Laut der Studie würde man bei 80 Prozent Ökoanbaufläche und gleichzeitiger Halbierung von Kraftfutter und Lebensmittelabfällen den Stickstoffüberschuss weltweit um 100 Prozent senken können. Trotzdem wäre noch eine ausreichende Stickstoffversorgung gewährleistet. "Jede weitere Erhöhung des Ökoanteils würde dann allerdings zu einem Stickstoffdefizit führen", so Schader. Doch der Agrarökonom ist auch hier optimistisch, dass die Landwirtschaft dieses Problem bewältigt: "Eine Optimierung des Leguminosenmanagements und besonders die Wiederverwertung von Nährstoffen aus Bioabfällen und Klärschlamm bieten hier erhebliches Potenzial zur Verbesserung der Stickstoffversorgung".

Ökolandbau: gut für Umwelt und Ressourcenverbrauch

Eine Zunahme der ökologisch bewirtschafteten Fläche hätte noch eine Reihe weiterer Vorteile für Umweltschutz und Ressourcenverbrauch. So würde der Einsatz synthetischer Pflanzenschutzmittel drastisch reduziert, oder – im Falle von 100 Prozent Öko – sogar ganz vermieden. Nichtsynthetische Pflanzenschutzmittel wie Kupfer, die im ökologischen Anbau verwendet werden dürfen, sind hierbei allerdings nicht berücksichtigt. Auch der Energieverbrauch könnte reduziert werden: Die FiBL-Wissenschaftler errechneten, dass bei 100 Prozent Ökolandbau Einsparungen von 19 bis 27 Prozent möglich wären. Dies ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass keine synthetischen Dünger mehr hergestellt würden. Selbst die Treibhausgasemissionen könnten mit der Strategie "100 Prozent Ökolandbau" in geringem Maße reduziert werden. 

Was die Bodenerosion betrifft, konnten die Forscherinnen und Forscher keine Unterschiede feststellen. So ist anzunehmen, dass die Bodenerosion beim Ökolandbau ähnlich stark zunimmt, wie beim konventionellen Anbau, falls keine Gegenmaßnamen ergriffen werden. Auch hinsichtlich der Phosphorüberschüsse konnte keine Differenzen zwischen öko und konventionell ermittelt werden.

Die FiBL-Studie in voller Länge ist zu finden auf der Internetseite des Fachmagazins Nature Communications: Strategies for feeding the world more sustainably with organic agriculture (englisch)


Letzte Aktualisierung: 30.11.2017