Verarbeiter


Fachkräftemangel in der Lebensmittelbranche

Mitarbeiterin und Mitarbeiter im Austausch. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Durch die mittelständischen Strukturen in Verarbeitungsunternehmen sind kurze Wege und ein persönlicher Austausch zwischen Jung und Alt garantiert. Foto: Biohofbäckerei Mauracher

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft könnten dem deutschen Arbeitsmarkt bis 2030 knapp fünf Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fehlen. Bis zu elf bis 15 Millionen können es nach einer Bevölkerungsvorausrechnung des Bundes bis 2060 werden. Dadurch entstehende Einnahmeausfälle werden sich auf bis zu 30 Milliarden Euro summieren. Keine andere Ökonomie in Europa muss ähnliche Zahlen fürchten. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie schreibt dazu auf seiner Webseite: "Angesichts der demografischen Entwicklung ist die Sicherung des Fachkräftebedarfs eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte für alle Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft."

Die deutsche Lebensmittelwirtschaft ist stark mittelständisch geprägt. Zahlreiche Familienunternehmen stellen Arbeitsplätze für zwölf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland bereit. Außerdem bietet sie jedes Jahr 230.000 Ausbildungsstellen an. Im Lebensmittelhandwerk und der Ernährungsindustrie sind es allein rund 69.000 Ausbildungsstellen. Diese können schon jetzt in weiten Teilen nicht mehr besetzt werden. 

Konkurrenzprobleme trotz Innovationen

Nicht nur in der konventionellen, auch in der Biolebensmittelbranche werden immer mehr innovative Produkte entwickelt. Biolimonade oder Vollkorn-Gemüsesticks, Kichererbsennudeln und Veggiestäbchen – die Vielfalt, die Herstellerbetriebe auf den Markt bringen scheint unbegrenzt. Das bedeutet auch, dass in dem Bereich nicht mehr nur die klassischen Bäckerinnen und Bäcker oder Metzgerinnen und Metzger arbeiten, sondern auch Produktentwicklerinnen und Produktentwickler, Lebensmitteltechnikerinnen und -techniker oder Ökotrophologinnen und Ökotrophologen. Gerade in der Produktion wird aber auch an Fließband und Robotik gearbeitet. Für diese Arbeit bekommen Fachkräfte in anderen Gewerken, wie beispielsweise der Automobilbranche, teilweise das doppelte Gehalt. Trotz der ideellen Ansprüche und Innovationen der Bio-Branche, fällt eine Fachkräfterekrutierung angesichts dieser starken Konkurrenz dann oft schwer.

Im Lebensmittelhandwerk und den Bioverarbeitungsbetrieben fehlt es zudem insgesamt an ausreichend Ressourcen für eine gute Personalentwicklung. Ein systematisches Personalmanagement fehlt und die Bezahlung ist im Vergleich zu anderen Branchen eher gering. Laut Mittelstandsbarometer wird der Fachkräftemangel neben schwankenden Rohstoffpreisen und einer schwachen Konjunkturentwicklung im Lebensmittelhandwerk sogar als größte Gefahr für die Entwicklung eines Unternehmens gesehen. Das Handwerk gehört zu den von Fachkräfteengpässen besonders betroffenen Bereichen. Schwierigkeiten in der Besetzung offener Stellen sind vielerorts bereits zur Regel geworden. Im Jahr 2011 waren noch vier von zehn Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben, 2016 ist es bereits jede zweite Stelle. Die Belegschaften werden älter, die Nachwuchskräfte fehlen und die Digitalisierung verschärft das Problem sogar.

Neue Ideen für eine neue Generation

Frau in der Produktion der Bohlsener Mühle. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
In der Produktion der Verarbeitungsunternehmen gibt es verschiedene Berufsbilder, die für junge Menschen interessant sind. Foto: Bohlsener Mühle

Deshalb müssen die Biolebensmittelhersteller vor allem mit einem guten Teamspirit, der Vielfalt der Arbeitsgebiete, dem moralischen Anspruch der eigenen Branche und der sozialen Nachhaltigkeit im Unternehmen punkten. Das beinhaltet besondere Angebote und Argumente, die Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bieten können:

  • Wertebasierte Arbeit und die Möglichkeit, einen Beitrag zur Ökologisierung der Welt zu leisten
  • Kennenlernen der Entstehung eines ökologischen Produkts und des ökologischen Wirtschaftens
  • Erfahren des klassischen Lebensmittelhandwerks neben neuen Berufsbildern und Projekten
  • ein breites, abwechslungsreiches Aufgabenspektrum im Bereich Lebensmittel und Ernährung
  • die Arbeit in einem Sektor, der zunehmend die Menschen bewegt und mittlerweile auch eine politische und moralische Dimension hat
  • soziale Nachhaltigkeit im Unternehmen selbst: alternative Mobilität, ökologische Bauweise und Versorgung mit Bioessen
  • geringe Mitarbeiterzahl und weniger Anonymität/ flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege
  • die Möglichkeit, frühzeitig Verantwortung zu übernehmen
  • Chancen, individuelle Lösungen mit den Mitarbeitenden zu finden

Chancen durch eine vielfältige Belegschaft

In dem Leitfaden "Fachkräfte finden und binden" des Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e. V., gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, heißt es, dass "sowohl im Inland als auch im Ausland zahlreiche Fachkräfte zur Verfügung (stehen). Möglicherweise handelt es sich dabei um Zielgruppen, die bislang noch nicht im Fokus Ihrer Personalauswahl lagen." Gemeint ist vor allem auch eine vielfältige Belegschaft, die sich durch neue Fachkräfte verschiedenen Geschlechts, Alters und Familienstands, verschiedener Herkunft, Kultur, Religion oder Weltanschauung auszeichnet. Mit einer solchen Vielfalt können Bioverarbeiter ihren Unternehmenserfolg wesentlich steigern. Durch eine größere Auswahl an Bewerberinnen und Bewerbern, durch einen bunten Fundus an Wissen, Erfahrungen und Perspektiven, die wiederum Kreativität und Innovationen generieren. Aber auch durch Sprachvielfalt und länderspezifische Kenntnisse, durch die sich neue Märkte erschließen und neue Kundinnen und Kunden gewinnen lassen und schließlich auch das Image des Unternehmens verbessern.

Möglichkeiten durch Bildung und neue Medien

Chancen bestehen aber auch im Ausbau des Bildungssektors. Ökospezifische Ausbildungen gibt es vor allem im landwirtschaftlichen Bereich. Studiengänge wie nachhaltige Wirtschaftssysteme sind immer noch die Ausnahme. In den klassischen Studiengängen der Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft spielt "Bio" noch eine geringe Rolle. Hier gibt es eindeutig Chancen zum Ausbau für diese Berufe und so Wege zu einem interessierten, jungen Publikum. Hier sind aber weniger die Verarbeiter selbst, als vielmehr die Politik gefragt.

Zudem sollte das Lebensmittelhandwerk dringend gestärkt werden. Die hohe Bedeutung der klassischen Berufe in Bäckereien und Metzgereien sollten an jeder Stelle betont werden. Dabei müssen die Lebensmittelunternehmen selbstbewusst auftreten, auch branchenfremde Menschen einstellen und neue Kanäle im Internet nutzen. Verarbeiter können zudem beispielsweise mit Schulen kooperieren, wo durch praxisorientierte Nachwuchsförderung den Schülerinnen und Schülern Lust auf eine Ausbildung in der Bioverarbeitung gemacht werden kann. Ziel einer solchen "Lernpartnerschaft" kann beispielsweise sein, Schülerinnen und Schülern in der Berufsorientierungsphase die Vielfältigkeit der Lebensmittelwirtschaft zu präsentieren. Und zu zeigen, was hinter einem guten Produkt steckt: soziale Verantwortung, Ökonomie und Ökologie. Dabei lernen die jungen Menschen einen Biohersteller als potenziellen Arbeitgeber kennen und der Hersteller die Schülerinnen und Schüler als mögliche Auszubildende.


Letzte Aktualisierung: 15.07.2018