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Mineralölrückstände in Lebensmitteln

Porträt Frau Dr. Sieglinde Stähle vom BLL e.V.. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Frau Dr. Sieglinde Stähle ist Wissenschaftliche Leitung beim BLL e.V. Foto: BLL / Matthias Martin

Hersteller von Biolebensmitteln investieren immer mehr Zeit und Geld in die Analyse von Rückständen ihrer Produkte. Dabei wird die Thematik um Mineralölrückstände auch in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Mineralölrückstände in Lebensmittel gelangen können. Nicht auf alle haben Hersteller bewusst Einfluss. Frau Dr. Sieglinde Stähle vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) hat sich mit diesem Thema beschäftigt und beantwortet uns einige Fragen dazu.

Oekolandbau.de: Frau Stähle, das Thema Mineralölrückstände in Lebensmitteln ist in den letzten Jahren vermehrt auch in die Öffentlichkeit getragen worden. Erst kürzlich hat Öko-Test wieder einen Testbericht dazu veröffentlicht. Worum geht es dabei eigentlich?

Stähle: 2010 wurde durch eine Untersuchung eines Schweizer Laboratoriums bekannt, dass aus Lebensmittelverpackungsmaterialien, die aus Recyclingpapier bestehen, unerwünschte Stoffe auf die verpackten Lebensmittel übergehen können. Unter anderem handelte es sich um Mineralölbestandteile, die aus Zeitungsdruckfarben in das Papierrecycling gelangen und an den Recyclingfasern haften. Im Fokus waren insbesondere trockene, lang haltbare Lebensmittel in Faltschachteln, wie Gries und Cerealien. Es folgten viele weitere Untersuchungen, unter anderem durch die Warentester wie Stiftung Warentest, durch den Handel, durch die betroffenen Lebensmittel-Anbieter und ihre Verpackungszulieferer. Es hat sich gezeigt, dass das Problem weitaus komplexer ist,  dass die Untersuchungsmöglichkeiten begrenzt sind und die wissenschaftliche Einschätzung über die tatsächliche gesundheitliche Relevanz fehlt. Der grundsätzlich unerwünschte Übergang solcher vom Mineralöl herrührenden Stoffe - genannt MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) und MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) - wurde mit einer Minimierungsstrategie, die viele Ansatzpunkte hat, deutlich reduziert. Das zeigen ganz konkret auch die Zahlen des kürzlich von Öko-Test veröffentlichten Berichtes zu Schokoladen.

Oekolandbau.de: Nun sind auch immer wieder Biolebensmittel von solchen Rückständen betroffen, woher kann das kommen?

Stähle: Biolebensmittel und ihre Rohstoffe kommen grundsätzlich bei der Herstellung und Verpackung mit den gleichen Materialien in Berührung wie konventionelle; vielleicht wird im Biobereich aus Gründen der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sogar mehr Karton und Papierverpackungen auf Altpapierbasis eingesetzt. Dies führt dazu, dass Einträge von MOSH und MOAH schwer gänzlich vermeidbar sind, insbesondere wenn im Karton gelagerte Lebensmittel nicht zusätzlich durch funktionelle Barrieren (am Karton) oder Innenbeutel geschützt werden.

Mögliche Eintragswege für Mineralölrückstände sind neben den Papierverpackungen auch der Einsatz von Maschinenölen und Schmierfetten auf Ebene der Ernte und Produktion oder Umweltbelastungen im Boden.

Oekolandbau.de: Verbraucherschutzorganisationen und Testeinrichtungen berufen sich auf Analysenergebnisse von Laboren, dennoch heißt es häufig, die Analysenmethoden seien nicht sehr zuverlässig. Wie sind solche Analysen aus Ihrer Sicht zu bewerten?

Stähle: Die heute verfügbaren Analysenmethoden sind nicht für alle Lebensmittel gleichermaßen geeignet beziehungsweise ausgereift und zeigen sehr hohe Schwankungsbreiten. Ein grundsätzliches Problem ist, dass es analoge Verbindungen gibt, die analytisch mit erfasst werden, aber nicht aus Mineralöl stammen, sondern aus Kunststoff-Materialien oder unverzichtbaren Hilfsstoffen, wie Paraffine oder aus natürlichen Stoffen wie Wachsen. Das macht die sachlich richtige Auslegung eines Messwertes schwer. NGOs und Waren-Tester machen es sich zu einfach, indem sie alle gefundenen derartigen Verbindungen plakativ als "Mineralöl" anprangern.

Milchkartons auf Paletten. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Ein möglicher Eintragsweg für Mineralölrückstände sind Kartons aus Recycling-Papier. Foto: Dominic Menzler, BLE

Oekolandbau.de: Wie schätzen Sie denn das gesundheitliche Risiko solcher Rückstände ein?

Stähle: Es gibt eine offizielle Einschätzung zu MOSH und MOAH der EFSA (European Food Safety Authority) von 2012. Eine umfassende toxikologische Bewertung ist nicht abschließend verfügbar - das wird auch bei der Vielzahl der Verbindungen nie möglich sein. Man konzentriert sich in der Diskussion und bezüglich der Minimierungsstrategie auf bestimmte "Schlüsselstoffe", wie die Gruppe der aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffe aus Mineralöl (MOAH), von denen aufgrund ihrer Struktur bekannt ist, dass einzelne Verbindungen in dieser Gruppe krebserregend sein können.

Oekolandbau.de: Gibt es bereits gesetzliche Regelungen dazu? Falls nicht, wie sollten diese Regelungen aus Ihrer Sicht aussehen?

Stähle: Es gibt den seit vier Jahren währenden Versuch, eine nationale "Mineralöl-Verordnung" zu schaffen. Derzeit liegt ein vierter Entwurf vor für eine Regelung, die den Übergang der oben zitierten MOAHs auf Lebensmittel aus recyclingfaserhaltigen Lebensmittel-Packstoffen verbieten soll.

Aus unserer Sicht zeigen die jüngsten Untersuchungen und Zahlen deutlich, dass es gelungen ist, das Problem erfolgreich zu behandeln, auch ohne Gesetzgeber. Die Wirtschaft ist bereit, mit den Organen der amtlichen Lebensmittelüberwachung ein geeignetes Konzept zur Weiterverfolgung der Minimierung abzustimmen und damit auch einen Beschluss der Verbraucherschutzministerkonferenz umzusetzen.

Eine einseitige deutsche Vorschrift im Alleingang würde zu ganz erheblichen Verwerfungen im europäischen und internationalen Handel mit Verpackungen und mit verpackten Lebensmitteln führen und wird aus diesem Grund von der Wirtschaft massiv kritisiert. Wenn die Bundesregierung Regulierungsbedarf sieht, dann kann dies nur auf europäischen Weg geschehen, der bereits mit Hilfe des eingeleiteten europäischen Monitorings geprüft werden soll.

Oekolandbau.de: Hersteller von Bioprodukten wollen natürlich sowohl aus Nachhaltigkeits-, als auch aus Verbraucherschutzgründen möglichst keine Rückstände in Ihren Produkten haben, außerdem wird von Verbraucherinnen und Verbrauchern "Bio" häufig fälschlicherweise gleichgesetzt mit "Rückstandsfrei". Das macht Bio-Verarbeiter besonders angreifbar. Aber woher kommen die Rückstände der Mineralöle und lassen sie sich überhaupt bewusst vermeiden?

Stähle: Verbraucherschutz ist die oberste Prämisse für alle Lebensmittelhersteller. Wir brauchen eine sachliche Diskussion, die das Bild nicht weiter kolportiert, dass Lebensmittelunternehmer mit "Ölkännchen" die Verunreinigung ihrer Produkte zulassen. Es darf nicht weiter pauschal von "Mineralölrückständen" gesprochen werden, wenn es sich gar nicht darum handelt, sondern zum Beispiel um zulässige und unverzichtbare Stoffe mit ähnlicher Gestalt und damit um "Falsch-Befunde". Bekannte Eintragsquellen von Mineralölkontaminanten müssen selbstverständlich im Rahmen der Möglichkeiten und soweit vernünftig bearbeitet werden. Die Crux insbesondere für den Bioverarbeiter ist, dass die gebotenen Verpackungsalternativen zur Recyclingfaser, wie Frischfaser, Kunststoffe, Glas, Verbundmaterialien oder die vom Gesetzgeber vorgeschlagenen Barrierematerialien, kritischer zu bewerten sind im Hinblick auf die Nachhaltigkeit und Umweltrelevanz.

Oekolandbau.de: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Stähle.

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL) ist der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft. Ihm gehören circa 500 Verbände und Unternehmen der gesamten Lebensmittelkette – Industrie, Handel, Handwerk, Landwirtschaft und angrenzende Gebiete – sowie zahlreiche Einzelmitglieder an. Der BLL beschäftigt sich mit einer Vielzahl von Themen, wie Lebensmittelhygiene, Kennzeichnung, nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben, Zusatzstoffe, Gentechnik, Qualitätssicherung, Nahrungsergänzungsmittel oder Ökolebensmittel.


Letzte Aktualisierung: 24.07.2017