Verarbeiter


Mensch oder Maschine? Robotik in der Verarbeitung

Eine Mitarbeiterin bedient eine Maschine. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Das Wissen verlagert sich vom eigentlichen Lebensmittelhandwerk hin zur Bedienung einer Maschine. Foto: Dominic Menzler, BLE

Wie in allen Branchen der Wirtschaft nimmt die Automatisierungstechnik, insbesondere die Robotik (Robotertechnik), auch in der Lebensmittelverarbeitung zu. Dies stellt Bio-Verarbeiter vor neue Chancen und Herausforderungen. Um diese angemessen bei den betrieblichen Verarbeitungsprozessen berücksichtigen zu können, ist es wichtig für Entscheiderinnen und Entscheider, sich bereits vor der Einführung von Robotern mit möglichen Auswirkungen auseinanderzusetzen. Unter Automatisierungstechnik versteht man Verfahren, bei dem künstliche Mittel (Maschinen, Roboter) eingesetzt werden, damit ein Vorgang selbsttätig abläuft. In der Lebensmittelverarbeitung werden bisher weniger Maschinen und Roboter als in anderen Wirtschaftszweigen eingesetzt, jedoch wächst der Anteil stetig. Damit stehen immer mehr Verarbeiter vor der Frage, ob und wie sie die neuen Techniken beurteilen und einsetzen sollen.

Einsatzbereiche der Automatisierungstechnik

Unternehmensbefragungen zeigen auf, dass Maschinen und insbesondere Roboter derzeit hauptsächlich bei kraftaufwendigen, ergonomisch ungünstigen und monotonen Arbeiten eingesetzt werden. Auch wenn spezielle Hygienestandards und Sicherheitsanforderungen vorliegen, übernehmen sie zunehmend die Arbeit.

So sind Roboter heute zum Bespiel bereits in Käsereiferäumen oder bei der Brotbeschickung von Öfen im Einsatz. Die Entwicklung der Greifertechnik und Bildverarbeitung solcher Maschinen geht inzwischen so weit, dass Roboter direkt das Produkt verarbeiten können. In Schlachtbetrieben zum Bespiel können sie exakte Schnittstellen an Tierhälften erkennen und zerteilen.

Weitere Gründe für zunehmende Automatisierung

Naheliegend ist es, Einspargründe für die Automatisierung anzuführen. Eine Maschine kann einfache, sich wiederholende Tätigkeiten, wie das Abfüllen bestimmter Füllmengen übernehmen und dabei schneller als der Mensch arbeiten. Dadurch werden die Fertigungsmenge gesteigert, Personalkosten eingespart und die Effizienz erhöht.

Roboter haben eine hohe Wiederholgenauigkeit und erbringen dadurch eine gleichmäßigere Produktqualität. Beim Zerteilen von Fleisch in vorbestimmte Fleischstücke zum Beispiel, kann dies deutlich weniger Nacharbeit und weniger Abfall bedeuten.

Automatisierung im Spannungsfeld

Automatisierungstechnik einzusetzen ist deshalb bei bestimmten Schritten im Verarbeitungsprozess aus den oben erwähnten Gründen interessant. Ein sinnvoller Einsatz ist jedoch immer von einer genauen Einzelprüfung abhängig, denn eine Reihe weiterer betrieblicher Faktoren sind abzuwägen:

  • Wie ist eine hohe Anschaffungsinvestition zu bewerten? Ist die Herstellungsmenge wirtschaftlich für die Anschaffung oder sind die Stückzahlen zu gering?
  • Wie flexibel kann auf Umsatzschwankungen oder Produktneuheiten reagiert werden?
  • Welche Kosten fallen für regelmäßige Wartung und Reparaturen an?

Neben diesen Wirtschaftlichkeitsüberlegungen wird vor allem über die Auswirkungen auf die Lebensmittelqualität und den Menschen diskutiert. In der ökologischen Lebensmittelherstellung wird die Lebensmittelqualität unter ganzheitlichen Gesichtspunkten betrachtet. Dies stellt die Hersteller vor die Herausforderung, die natürlichen Rohstoffe mit spezifischen Eigenschaften so zu verarbeiten, dass sowohl die angelegten Qualitäten als auch eine umweltfreundliche Verarbeitung möglich ist. Mit diesem Thema setzt sich besonders die schonende Verarbeitung auseinander und gibt wichtige Hinweise.

Mensch und Maschine

Bäckerin und Bäcker arbeiten in der Backstube. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die UNESCO hat die deutsche Brotkultur 2014 in das immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen. Foto: Thomas Stephan, BLE

Die ursprüngliche Idee der vorzugsweise handwerklichen Verarbeitung in der ökologischen Verarbeitungsweise befindet sich in der stetigen Weiterentwicklung. Daraus leiten sich neue Fragestellungen ab:

  • Wie können Menschen, deren Arbeit durch Maschinen ersetzt wird, für andere Aufgaben weiterqualifiziert werden?
  • Wie verändert sich die Arbeitssituation für den Menschen, der den Automaten bedient oder den, der den "Kollegen" Roboter neben sich haben wird?

Mit diesen Veränderungen in der Arbeitswelt verändern sich auch die Anforderungen an den Menschen. Sie brauchen ein Aus- und Weiterbildungsangebot, das an die neuen Techniken angepasst ist. Roboter müssen programmiert, gewartet und kontrolliert werden, dadurch entstehen neue Tätigkeitsbereiche. So werden zukünftige Bäckerinnen und Bäcker zum Beispiel in der Ausbildung auch spezielles Robotic Wissen erlernen und sich darin ständig weiterbilden müssen.

Die genannten Fragestellungen können nicht losgelöst betrachtet werden von möglichen Bedenken der Menschen, die mit den Robotern zu tun haben. Die Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes und vor einem befremdlichen Umgang mit Robotern sind Gegenstand zahlreicher Untersuchungen in Medien und Wissenschaft. Wenn betroffene Menschen frühzeitig im Betrieb in den Planungsprozess miteinbezogen werden, können mögliche Befürchtungen und Hoffnungen rechtzeitig wahrgenommen und bearbeitet werden. Wird dadurch eine Akzeptanz der neuen Arbeitssituation erreicht, kann sich ein erfolgsversprechendes Miteinander von Mensch und Maschine entwickeln.

Ist handwerkliches Können zukunftsfähig?

Die Automatisierung schreitet im Verarbeitungsprozess voran, dennoch können Algorithmen menschliche Gestaltungskraft nicht ersetzen. Automatisierung strebt danach vereinheitlichte Lebensmittel zu erzeugen. Handwerkliches Können hingegen fördert die Produktvielfalt und damit auch das, was eine Firma auszeichnet: Ihre Identität und ihre besonderen Merkmale, die sie von anderen Unternehmen unterscheidet.

Auch die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) hat dies erkannt und zeichnet inzwischen immaterielle Kulturgüter aus. Zu diesen zählt auch das Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist. "Kultur ist nicht nur der Genuss oder der Erhalt derselben, sondern das lebendige Vermögen sie herzustellen" schreiben die Autoren Christine Ax und Dieter Horchler in der Zeitschrift UNESCO heute1|2007 (PDF-Dokument). Deshalb nahm die UNESCO 2014 zum Beispiel die deutsche Brotkultur in das immaterielle Weltkulturerbe auf. Sie würdigte die verschiedensten Herstellungsweisen, die regionalen Spezialitäten und die große Formenvielfalt der Brote. Dieses Wissen und Können gibt eine Bäckergeneration der Nächsten weiter und wird fortlaufend um neue Erkenntnisse erweitert. Beides sind Voraussetzungen für eine zukunftsfähige ökologische Lebensmittelverarbeitung.

Mensch und Lebensmittel im Mittelpunkt

Keine Frage, der Einzug von Maschinen und Robotern in die Verarbeitung hat schon lange begonnen und geht weiter. An welcher Stelle und in welcher Weise das im Herstellungsprozess erfolgt, bleibt letztendlich die freie Entscheidung der Unternehmerin oder des Unternehmers. Entscheidend für eine authentische ökologische Verarbeitung ist, dass neben notwendigen Wirtschaftlichkeitsgründen, der Mensch und das Lebensmittel im Mittelpunkt der unternehmerischen Betrachtung bleiben. Von diesem Standpunkt aus gilt es für den Verarbeiter die neuen Techniken mit ihren Chancen und Herausforderungen abzuwägen und zielgerichtet einzusetzen.


Letzte Aktualisierung: 18.02.2018