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Wirkung von Pökelstoffen

Das aus Nitrat gebildete oder den Fleischwaren direkt zugesetzte Nitrit reagiert im schwach sauren Milieu der Fleischerzeugnisse sofort zu Stickoxid (N0). Als Nebenprodukt entsteht auch Nitrat, das gegebenenfalls nach bakterieller Reduktion zu Nitrit dem Pökelprozess wieder zur Verfügung steht. Das Stickoxid, eine sehr reaktive chemische Verbindung, bewirkt den Ablauf der vier erwünschten Reaktionen beim Pökeln von Fleischerzeugnissen (WIRTH, 1985):

Farbbildende Wirkung ("Pökelrot")

Bei der Bildung der roten Pökelfarbe reagiert der Muskelfarbstoff Myoglobin mit Stickoxid (NO), das im sauren Milieu aus Nitrit entsteht. Die gleiche Reaktion vollzieht sich am Hämoglobin, dem Blutfarbstoff, das in den Rohstoffen für Fleischerzeugnisse (Muskulatur und Blutplasma) in geringer Menge zu erwarten ist. Die Verbindung Stickoxid-Myoglobin bzw. Hämoglobin, das 'Pökelrot', ist relativ licht-, sauerstoff- und hitzestabil. Die Bildung einer ausreichenden Pökelfarbe ist erheblich technologieabhängig. Die minimal notwendige Menge an Nitrit zur Ausbildung einer ausreichenden Pökelfarbe bei allen Fleischerzeugnissen wird heute bei 30-50 ppm (mg/kg) gesehen.

Aromabildende Wirkung ("Pökelaroma")

Bei der Einwirkung von Nitrit auf Fleisch und Fleischerzeugnisse entsteht ein typischer Geruch und Geschmack, der sich eindeutig von dem der nur mit Kochsalz behandelten Fleischerzeugnisse unterscheidet und den man als 'Pökelaroma' bezeichnet. Dabei ist das Aroma erhitzter gepökelter Fleischerzeugnisse etwas anders als das roher gepökelter Fleischerzeugnisse; offensichtlich entstehen bei höheren Temperaturen andere oder zusätzliche aromatisierende Verbindungen. Sicher ist, dass das Pökelaroma aus den Reaktionen mehrerer Fleischinhaltsstoffe mit Nitrit oder Stickoxiden entsteht. So sind bisher Alkohole, Aldehyde, Inosin, Hypoxanthin und besonders schwefelhaltige Verbindungen als Reaktionspartner bekanntgeworden. Zur Ausbildung des typischen Pökelaromas in Fleischerzeugnissen sind 20-40 ppm Nitrit ausreichend.

Konservierende Wirkung ("mikrobiologische Hemmwirkung")

Schon zu Anfang des letzten Jahrhunderts wurde erkannt, dass Nitrit schon in relativ geringer Konzentration die Vermehrung zahlreicher Arten von Bakterien hemmt. So werden auch die lebensmittelvergiftenden Keimarten Clostridium botulinum, Salmonellen, Staphylokokken bei Konzentrationen von ca. 80-150 ppm in ihrer Entwicklung eingeschränkt. Diese Erkenntnis hat für den Einsatz von Nitrit als Pökelstoff bis in unsere Zeit eine wichtige Rolle gespielt. Eindeutig ist jedoch, dass der konservierende Effekt von Nitrit immer im Zusammenwirken mit anderen Faktoren gesehen werden muss. Untersuchungen aus jüngerer Zeit haben gezeigt, dass die Wirkung des Nitrits im Hinblick auf die mikrobiologische Stabilisierung der Erzeugnisse in der Vergangenheit offensichtlich überschätzt wurde. Einen deutlich größeren Einfluß auf die Haltbarkeit haben vor allem die Erhitzung und die Kühlung, sowie der pH-Wert und der aW-Wert.

Antioxidative Wirkung ("Schutz der Fette vor Oxidation")

Erst relativ spät wurde erkannt, dass das Nitrit auch eine verzögernde Wirkung auf den oxidativen Fettverderb hat. Die hierfür notwendige minimale Nitritkonzentration ist nicht festlegbar, da man die Wirkung überwiegend in der Komplexbildung mit prooxidativen Substanzen im Erzeugnis, z. B. Eisenionen im Fleisch sieht, die stark vom Rohmaterial abhängt. Ausschließlich mit Kochsalz hergestellte Erzeugnisse unterliegen in der Regel einem schnelleren Geschmacksabbau, vor allem bei feinzerkleinerten Erzeugnissen, denen bei der Herstellung viel Luft und somit Sauerstoff untergemischt wird. Dagegen erreichen mit Nitrit hergestellte Erzeugnisse eine längere Aufbewahrungszeit, bevor ein deutlicher Geschmacksabbau auftritt.

Cholesteroloxide

Oxidationsprodukte des Cholesterols (lebenswichtiger Fettbestandteil), sogenannte Cholesteroloxide, sind im Tierversuch zytologisch und gefäßschädigend und stehen im Verdacht auch kanzerogen zu sein. Auslöser der Oxidation sind Hitze, Licht-Bestrahlung und freie Radikale. In Fleischerzeugnissen bestehen günstige Voraussetzungen für die Bildung von Cholesteroloxiden, da ein hoher Gehalt an prooxidativ wirkenden Eisen und ungesättigte Fettsäuren zusammentreffen.

In einer umfangreichen Untersuchung wurde nachgewiesen, dass Cholesteroloxide in erhitztem Fleisch bereits bei Kühllagerung innerhalb weniger Tage erheblich zunahmen (MÜNCH und ARNETH, 2001). Es zeigte sich, dass leberhaltige Produkte und Rohfleischerzeugnisse sehr niedrige Gehalte aufwiesen, während in Geflügelfleischprodukten unterschiedliche Konzentrationen gefunden wurden. Es wurde festgestellt, dass Nitritpökelsalz eine stark oxidationshemmende Wirkung in den Fleischerzeugnissen hatte. Die ohne Pökelstoffe hergestellten Öko-Produkte sind in diesem Fall gesundheitlich bedenklicher als konventionelle Produkte. Mangels einer toxikologischen Bewertung existieren bisher keine Richt- oder Grenzwerte für Cholesteroloxid-Gehalte im Fleischbereich. Als "Basiswerte" wurden die Gehalte von Cholesteroloxide in rohem bzw. frisch gekochtem oder gebratenem Fleisch vorgeschlagen, die als Vergleich zur Abschätzung von behandlungsbedingten Veränderungen dienen. Dies ermöglicht jedoch keine Aussage, welche Gehalte und welche Cholesteroloxide tatsächlich gesundheitlich bedenklich sein könnten.

Fazit und Beurteilung

Der Einsatz von Pökelstoffen bei der Herstellung der Fleischerzeugnisse ist differenziert zu betrachten. Ein Verzicht auf die Verwendung von Pökelstoffen verursacht bei Biofleischerzeugnissen Veränderungen hinsichtlich der sensorischen Qualität (Farbe und Aroma). Einerseits enthalten ohne Pökelstoffe hergestellte Fleischerzeugnisse mit Sicherheit keine potentiell krebserregenden Nitrosamine. Anderseits sind die Fleischerzeugnisse die ohne antibakteriell und antioxidativ wirkende Pökelstoffe hergestellt werden, hygienisch und gesundheitlich bedenklicher als die konventionellen Produkte. So wird es Verbraucherinnen und Verbraucher geben, die Fleischerzeugnisse wünschen, die aus dem Fleisch von Tieren aus ökologischer Haltung hergestellt werden jedoch konventionellen Charakter aufweisen, also mit Pökelstoffen produziert werden.

Eine Verminderung der Pökelstoffe gegenüber der konventionellen Herstellung ist in vielen Fällen möglich, ohne dass die Fleischerzeugnisse ihre charakteristischen Produkteigenschaften verlieren. In diesen Fällen wird eine Verminderung der Pökelstoffkonzentration von Verbraucherinnen und Verbrauchern positiv wahrgenommen. Andererseits wird es immer Personen geben, die Fleischerzeugnisse mit Pökelstoffen total ablehnen. Diesen Verbraucherinnen und Verbrauchern sollte ein pökelstofffreies Sortiment angeboten werden, das auf einer Vielzahl von Erzeugnissen basiert, welche traditionell ohne Pökelstoffe hergestellt werden und trotzdem einen hohen Genusswert aufweisen (z. B. Pfälzer Leberwurst, Hausmacher Blut- und Leberwurst, Hausmacher Sülze, Gelbwurst, Weißwurst, Bratwürste grob und fein, Rohschinken nach Parma-Art, und Schweinebraten statt Kochschinken sowie andere Braten, wie z. B. Roastbeef). Mit zwei derartigen Sortimenten wäre die gesamte potentielle Kundschaft, die sich für Biofleischerzeugnisse interessiert, abgedeckt und es bleibt dem Einzelnen überlassen, welches Sortiment er bevorzugt.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2017