Gemeinsam für mehr regionale Rohstoffe

Gemeinsam für mehr regionale Rohstoffe

Was ist für Unternehmen der Biobranche naheliegender, als die benötigten Rohstoffe direkt aus der Region zu beziehen? Doch das ist heute meist die Ausnahme. Bioverarbeiterinnen und Bioverarbeiter können das ändern, indem sie Hand in Hand mit Biobäuerinnen und Biobauern zusammenarbeiten.

Nicht nur landwirtschaftliche Biobetriebe sondern auch Verarbeiterinnen und Verarbeiter können mit Regionalität punkten. Denn Wissen, wo´s herkommt wird auch aus Verbrauchersicht immer wichtiger.

Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung A.T. Kearney hat regional bio in der Gunst der Verbraucherinnen und Verbrauchern bereits 2014 überholt. Bei der Hälfte der Befragten in Deutschland, Österreich und der Schweiz machten regionale Lebensmittel einen Anteil von 20 Prozent aufwärts an ihrem Warenkorb aus. Der Anteil der Bioprodukte betrug bei der Hälfte der Befragten indes nur zehn Prozent oder mehr.

Regionale Rohstoffe sichern und fördern

Allerdings ist der Begriff regional dehnbar. "Der Begriff ist nicht geschützt, weswegen die Ansichten darüber, welche Transportwege für Lebensmittel noch als regional gelten, auseinandergehen können", erklärt Prof. Dr. Jens Vogelgesang von der Universität Hohenheim. Der Kommunikationswissenschaftler hat das Biokaufverhalten am Beispiel Berlin untersucht. Schließlich gilt die Bundeshauptstadt als Trendsetter im Life-Style-Bereich. Demnach waren sich die befragten Berlinerinnen und Berliner weitgehend einig: Ein Apfel aus dem Berliner Umland in Brandenburg gelte auf jeden Fall als regional. Drei Viertel bis zwei Drittel akzeptieren auch die Herkunft aus angrenzenden Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Sachsen.

Oft sind regionale Biorohstoffe jedoch knapp. Verarbeitungsunternehmen können dem wachsenden Anspruch nach Transparenz und regionaler Rohstoffherkunft nur gerecht werden, wenn sie verstärkt mit hiesigen Biolandwirtinnen und Biolandwirten kooperieren. Reicht deren Menge nicht aus, könnten sie weitere Betriebe zur Umstellung auf bio motivieren. Im Gegenzug erhalten sie dafür mehr Sicherheit bei der Rohstoffbeschaffung. 

Konkret geht es darum, die Erzeugerinnen und Erzeuger aktiv dabei zu unterstützen, nicht nur mehr Produkte anzubauen, sondern eben auch solche, die besonders gefragt und mit hohen Ertragsrisiken verbunden sind. Genau hier setzen verschiedene Initiativen an wie der "Runde Tisch Bio-Gemüse", der vom Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) initiiert worden ist und vom Land Niedersachsen finanziert wird. "Uns geht es darum, interessierte Handels- und Verarbeitungsunternehmen sowie Biobäuerinnen und Biobauern zusammenbringen, um so den Biogemüseanbau und die Verarbeitung regionaler Rohstoffe in Niedersachsen voranzubringen", sagt Henning Niemann, Biomarktexperte des KÖN. 

Abnahme garantieren

Noch engere Bande will die bio-offensive, eine gemeinsame Initiative der Stiftung Ökologie & Landbau und des Verbands der Landwirtschaftskammern (VLK), knüpfen. Beispielsweise können Verarbeitungsbetriebe Landwirtinnen und Landwirten für deren komplette Produktpalette eine sichere Abnahme garantieren. "Dazu zählt auch eine Abnahmesicherheit für witterungsbedingte Qualitätsschwankungen", erläutert Dr. Wolfram Dienel von der Initiative bio-offensive. Liegt etwa bei Soja oder Getreide keine ausreichende Speise- oder Backqualität vor, käme immer noch eine Vermarktung als Futtergetreide oder Futterrohstoff infrage. Für die Landwirtinnen und Landwirte würde dann das betriebliche Risiko nicht allein auf ihren Schultern lasten. 

Kooperieren mit anderen 

Vieles spricht dafür, auch auf der Verarbeitungsebene verstärkt zusammenzuarbeiten – vorausgesetzt die Unternehmen konkurrieren nicht um identische Rohstoffqualitäten. Das gibt ihnen die Sicherheit, dass sie genau die Qualität bekommen, die sie brauchen: Verarbeitet etwa eine Bäckerei protein- und kleberarme Keksmehle, könnte sie sich beim Einkauf mit einer Bäckerei zusammentun, die Brotbackmehle mit hohem Kleberanteil benötigt. 

Interessant ist ein solches Modell durchaus auch für Erzeugerinnen und Erzeuger von Sonnenblumenkernen. Denn gerade beim Biosonnenblumenanbau gibt es witterungsbedingt immer wieder Qualitätseinbußen. Ist die Qualität der geernteten Produkte für geschälte Konsumware nicht gut genug, so könnte anstatt dessen eine Ölmühle die Rohware abnehmen und zu Öl verarbeiten. 

Besonders Bioölsaaten sind begehrt

Als besonders knapp gelten Ölsaaten aus regionalem Bioanbau. So stammt allein rund ein Drittel der hier verarbeiteten Biorapssamen aus Rumänien, Kasachstan oder von anderswo. Dabei ist Raps eigentlich eine heimische Kulturpflanze. Laut Analysen der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) übersteigen die Importraten bei anderen Ölsaaten sogar 90 Prozent, etwa bei Biosonnenblumen und Bioöllein. Umso wichtiger ist es für hiesige Bioölmühlen, potentielle Lieferanten aus der Region ins Boot zu holen. Das praktiziert bereits die Bio Planète Ölmühle Moog aus dem sächsischen Lommatzsch. Die Inhaberin Judith Faller-Moog verarbeitet so viele heimische Rohstoffe wie möglich: "Bioölsaaten wie beispielsweise Öllein müssen nach wie vor in großem Stil nach Deutschland importiert werden, obwohl der Anbau auch hierzulande machbar ist. Damit die Biolandwirtschaft auch hier auf lange Sicht eine Perspektive hat, zahlen wir unter anderem faire Preise und sichern unseren Partnern langfristige Abnahmegarantien zu", erklärt Moog.    

Transparenz und Wissenstransfer bei heimischen Ölen

Dafür hat sie vor gut zwei Jahren die Produktreihe "Aus meiner Heimat" eingeführt. Diese reicht von Rapsöl, Sonnenblumenöl über Leinöl bis hin zu Senf-, Leindotter- und Hanföl. Auf dem Etikett steht, von welchem landwirtschaftlichen Betrieb genau die Ölsaaten stammen. 

Über zwanzig Landwirtinnen und Landwirte aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Niedersachsen und Mecklenburg- Vorpommern liefern mittlerweile zur sächsischen Ölmühe. Aus eigener Erfahrung weiß die nebenberufliche Landwirtin, wie schwierig etwa der Anbau von Bioraps ist. Um den Ökolandbau auch in produktionstechnischer Hinsicht voranzubringen, kooperiert sie mit einem Forschungsteam der Dresdener Hochschule für Technik und Wirtschaft. Darüber hinaus hat die Ölmühle Moog mit der Vereinigung ökologischer Landbau Gäa e.V.  den "Sächsischen Fachtag zum ökologischen Ölpflanzenanbau" veranstaltet. "Das Interesse der Landwirte an dieser Fachtagung ist mittlerweile sehr groß. Wir sind hier so etwas wie eine Keimzelle für den Anbau von Bioölsaaten geworden", freut sich Moog. 

300 Tage Kartoffeln von hier

Ein erster Schritt auf dem Weg zur Regionalität kann es aber auch schon sein, weniger zu importieren. Zum Beispiel Kartoffeln: "Viel ist schon gewonnen, wenn die hiesigen Abpackbetriebe überwiegend deutsche Biokartoffeln verwenden, regionaler geht es nur zum Teil“, erläutert Niemann. Deshalb hat das KÖN zunächst den "Runden Tisch Bio-Kartoffeln" ins Leben gerufen und moderiert. Daraus hervorgegangen ist der Verein mehrbio.de e.V., der sich erfolgreich für ein größeres Angebot an heimischen Biolebensmitteln stark macht.

Entscheidend dazu beigetragen, dass es inzwischen sogar bei Discountern mindestens 300 Tage im Jahr heimische Biokartoffeln gibt, hat der Verein Bio Kartoffel Erzeuger (BKE) e.V.. Das ist ein bundesweiter Zusammenschluss von derzeit 160 Ökokartoffelbetrieben. Der Verein ist eine Informationsbörse. Er schätzt Erntemengen und -qualitäten und gibt die Informationen an die Abpackbetriebe und den Handel weiter. Die Einkäuferinnen und Einkäufer können mit diesen Daten besser planen und wissen, ob und wann sie noch Ware aus dem Ausland zukaufen müssen.

Fazit: Mehr Kooperationen mit heimischen Erzeugerinnen und Erzeugern sind gefragt.


Letzte Aktualisierung 18.10.2016

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