Verarbeitung


Fehlende Öko-Richtlinien hemmen die Bioverarbeitung von Insekten

Ausgehend von Futtermitteln für die Aquakultur hat Naturland bereits erste Biorichtlinien zur Insektenzucht entwickelt. Für den menschlichen Verzehr fand sich bis zum Jahr 2018 bisher kein Produkt in Bioqualität auf dem deutschen Markt. Seit Juli 2018 gibt es nun auch einen Bioinsektenriegel, allerdings wurden die Biogrillen für den Snack auf einer kanadischen Farm gezüchtet. In Deutschland gibt es bislang keine Bioinsektenzucht, zu unklar sind die gesetzlichen Regelungen für die Ökoerzeugung. Bei konventioneller Insektenverarbeitung sind in Europa insbesondere die Niederländer mit der Firma Protix Vorreiter. Seit Mai 2018 ist die Insektenverarbeitung in der EU in der Novel Food Verordnung geregelt.

Mehlwürmer im Topf. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Insekten können als Ganzes verzehrt oder zu Pulver weiterverarbeitet werden. Foto: Axel Bueckert / iStock / Getty Images Plus via Getty Images

Erste Riegel in Bioqualität in Deutschland

Das Berliner Start-up "Bearprotein" hat Mitte 2018 einen Bioinsektenriegel auf den deutschen Markt gebracht, zunächst in den Filialen von Basic und Bio Company. Auch online können die Snacks bestellt werden. Der Riegel besteht zum Großteil aus dem Mehl biologisch gezüchteter Grillen. Nach Unternehmensangaben kann sich Bearprotein vor Anfragen nach dem Bioinsektenriegel kaum retten. Weitere Geschmacksrichtungen sind vorgesehen.

Schweiz entwickelte eigene Richtlinien

In der Schweiz widmet sich ein junges Start-up-Unternehmen der Herstellung und Verbreitung von Bioinsekten in Form von Riegeln und Burgern. Die Essento Insektenspezialitäten gibt es nach Unternehmensangaben seit 2017 in Schweizer Supermärkten, bei ausgewählten Einzelhändlerinnen und Einzelhändlern und Restaurants. Hauptzutat ist der Mehlwurm. Dieser stammt aus der Bioinsektenzucht Ensectable in Endingen in der Schweiz. Die Insektenprodukte sind Bio Suisse-zertifiziert. Seit Anfang 2019 sind die Verbandsrichtlinien für die ökologische Insektenproduktion in Kraft getreten. Demnach sind nur Insektenarten gemäß Verordnung des Eidgenössisches Departement des Innern (EDI) über neuartige Lebensmittel zum menschlichen Verzehr zugelassen.

Das Schweizer Unternehmen Essento hat auch Bioinsektenburger und "Bioinsektenballs" auf den Markt gebracht. Die Insekten werden in der hauseigenen Manufaktur in Zürich zu Bio-Burger Patty und Bio Insect Balls verarbeitet. Das Unternehmen bietet auch Produkte mit ganzen Insekten als Snacks an.

Kanada ist schon weiter

In Kanada, wo die Insektenriegel von dem deutschen Start-up Bearprotein ihren Ursprung haben, ist die Vielfalt an Insektenprodukten für den menschlichen Verzehr groß. Bei "Entomofarms" finden sich auf der Homepage viele Rezepte und Anregungen von süßen Ingwerplätzchen mit Grille bis hin zu deftigen Gerichten mit geschärften Grillen. Das Unternehmen ist biozertifiziert und züchtet auf 20.000 Quadratmetern Bioinsekten. Entomofarms züchtet die Grillen in der freilaufenden Zucht. Die Tiere leben in einer geschlossenen Halle und können sich frei im Raum bewegen.

Konventionelle Betriebe machen den Anfang

Insektengericht
In normalen Gerichten verarbeitete Insekten haben bisher eine höhere Akzeptanz bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Foto: stockphototrends / iStock / Getty Images Plus via Getty Images


Auf der Suche nach alternativen Proteinquellen gibt es in Deutschland einige Unternehmen, die Insekten konventionell züchten und verarbeiten. Immer mehr Produkte auch für die menschliche Ernährung finden sich im Handel. So gibt es Insektennudeln, wo beispielsweise das Weizenmehl durch Insektenmehl ersetzt wird. Seit Anfang des Jahres gibt es auch bei der Drogeriemarktkette dm Insektennudeln – allerdings nur im Online-Shop. Hergestellt wird die Pasta vom Unternehmen "Plumento Foods", das neben Nudeln auch Kekse, Granola und Croutons aus Insektenmehl produziert. Die Buffalowürmer für die dm-Insektenpasta werden in den Niederlanden gezüchtet.

Auch Insektenburger sind keine Unbekannten mehr und haben zum Beispiel über die Burgergrillkette Hans im Glück deutschlandweit eine Verbreitung gefunden. Nur besteht der Burger nicht aus Bioinsekten. Der Hersteller Bugfoundation liefert den Bratling an die Burgerkette und berichtet zunehmend von einer Kundennachfrage, die die Burgereinlage auch in Bioqualität wünschen.

Einheitliche Regelungen fehlen: Interview mit Florian Berendt

Ein Experte für die Verwendung von Insekten als alternative Proteinquelle ist der selbstständige Unternehmer Florian Berendt. Er vermutet in Deutschland auch für die ökologische Insektenverarbeitung ein großes Potenzial. Nach seiner Einschätzung dürften die Insekten überwiegend in der Tierernährung als Proteinquelle ein Wachstumsmarkt sein. Gerade die ökologische Verarbeitung von Bioinsekten ist seiner Meinung nach ideal, um den Kreislaufgedanken konsequent umzusetzen. Oekolandbau.de hat ein Interview mit Berendt geführt.

Oekolandbau.de: Welche Gründe sprechen für die Verwendung von Insekten?

Berendt: Es gibt viele Gründe, die für eine Verwendung von Insekten sowohl in der Tierernährung als auch in der Humanernährung sprechen. In der Tierernährung spielt vor allem die Versorgung mit hochwertigen Proteinen eine wichtige Rolle. Insekten können unabhängig von landwirtschaftlichen Nutzflächen produziert werden. Sie bieten in der Tierernährung eine sehr gute Alternative zu Soja und Fischmehl, beides weitestgehend keine Futtermittel, die mit Nachhaltigkeit glänzen.

In der Tierernährung bieten sich Möglichkeiten, endlich auf konventionell produzierte Aminosäuren zu verzichten. Des Weiteren können Insekten für die Fütterung auf organischen Nebenprodukten aus der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft wie Mist oder Absortierungen von Obst und Gemüse gezüchtet werden. Davon fallen allein in Deutschland jährlich insgesamt 92 Millionen Tonnen an.

Aber auch in der Humanernährung werden Insekten zukünftig eine immer größere Rolle spielen. Was in anderen Kulturen völlig normal ist, gewinnt nun auch, vor allem aus dem Aspekt der Nachhaltigkeit, in unserer westlichen Gesellschaft wieder mehr an Bedeutung. Auch hier als Proteinlieferant oder als Ersatzprodukt zu "normalen" Fleischprodukten. So können durch den direkten Verzehr zum Beispiel eines Burgers aus Grillen anstatt aus Rindfleisch große Mengen an CO2, Wasser, Futtermitteln und Land eingespart werden.

Oekolandbau.de: Warum gibt es in Deutschland keine Bioverarbeiter von Insekten für den tierischen und menschlichen Speiseplan? Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit sich Verarbeitungsunternehmen auf dieses neue Terrain auch im Biobereich wagen?

Berendt: Das größte Problem ist, dass es noch keine einheitliche Regelung zur ökologischen Erzeugung und Verarbeitung von Insekten gibt. Die Europäische Kommission hat Anfang des Jahres 2019 angefangen, erste Regelungen zu entwerfen und diese auch mit den entsprechenden Interessensverbänden zu teilen und zu besprechen. Leider ist diese Regelung nun erst einmal wieder vom Tisch, da die EU-Verordnung für den Ökolandbau keine Vorschriften zur Insektenverarbeitung kennt.

Naturland hat 2019 eigene Standards entwickelt, um wenigstens eine Verwendung in der nachhaltigen Fütterung für die Aquakultur zu ermöglichen. Inwieweit dies aber biozertifizierten Unternehmen nützt, ist fraglich, da es ja kein offiziell im Bioanbau zugelassenes Futtermittel ist. Jedoch wird erkennbar, dass hier viel passiert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es einheitliche Regelungen zur Fütterung gibt und dann wird auch einer Aufnahme der Insektenproduktion und Verarbeitung in die Ökoverordnung nichts mehr im Wege stehen.

Oekolandbau.de: Sind Lebensmittel aus Bioinsekten ein wachsender Markt oder tun sich die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher schwer damit, Insekten zu essen? Wo sehen Sie die größten Potenziale für die Bioverarbeitung von Insekten?

Berendt: Ich persönlich sehe vor allem kurz- und mittelfristig das größte Potenzial in der Produktion als Futtermittel. Aber auch beim menschlichen Verzehr sieht man immer mehr, dass ein Umdenken stattfindet. Und so denke ich, dass es für nachfolgende Generationen völlig normal sein wird, Insektenprodukte zu verzehren. Das beste Beispiel, für einen solchen Wandel in der Akzeptanz, ist Sushi. Vor einigen Jahren konnte sich kaum einer vorstellen, rohen Fisch zu essen, heute völlig normal.

Oekolandbau.de: Planen Sie in Zukunft eine Zucht und Herstellung von Insekten in Deutschland?

Berendt: Tatsächlich bin ich gerade dabei, eine eigene Zuchtanlage für nach ökologischen Richtlinien erzeugte Insekten zu planen. Die Gründung der Firma steht allerdings noch ganz am Anfang.

Insekten als Nahrung bieten viel Potenzial

Einige Länder haben schon Wege aufgezeigt, wie die Bioverarbeitung von Insekten erfolgreich funktionieren kann. Gemeinsam ist den Unternehmensgründerinnen und -gründern der Innovationsgeist und die Freude an dem Rohstoff Insekten. Voraussetzung zur Umsetzung und der kompletten Bioerzeugung von der Zucht über die Verarbeitung bis hin zum Endprodukt im Land sind aber klare EU-Rechtsvorschriften für den Ökologischen Landbau.


Letzte Aktualisierung: 05.09.2019