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Gemeinwohl-Ökonomie

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Das Logo der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie. Foto: Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie

In den vergangenen Jahrzehnten konnte sich die ökologische Lebensmittelerzeugung aus der Nische heraus zu einem nicht unbedeutenden Marktsegment entwickeln. Die Biobewegung, die sich als Gegenentwurf zur agrarindustriellen Landwirtschaft verstand und auch jenseits des Ackers nach Alternativen suchte, ist mittlerweile eine etablierte Branche geworden.

Heute gibt es im Biobereich viele Unternehmen, die echte Leuchtturmbetriebe in Sachen Nachhaltigkeit sind. Denn die Suche nach Alternativen zu etablierten Systemen ist seitdem nicht aus der Mode gekommen. Nicht zuletzt in Folge der fragwürdigen Entwicklungen auf dem internationalen Finanzmarkt haben Alternativentwürfe zu der vorherrschenden Ausrichtung der Wirtschaft auf Gewinnmaximierung in den vergangenen Jahren eine Renaissance erfahren. So gibt es zahlreiche Entwürfe und praktische Ansätze, wie alternatives Wirtschaften aussehen könnte. Ein Konzept, die Welt einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen, erhält seit der Entwicklung im Jahr 2010 stetig mehr Aufmerksamkeit: Die Gemeinwohl-Ökonomie.

Ethische Werte als Basis

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein alternatives Wirtschaftsmodell, das auf den Werten Menschenwürde, Mitgefühl, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie auf demokratischer Mitbestimmung und Transparenz aufbaut. Ziel eines Unternehmens mit Gemeinwohl-orientierter Ausrichtung ist das Gelingen von zwischenmenschlichen und ökologischen Beziehungen.

Drei Frauen und ein Mann auf einem Gemüsefeld. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Projekte, die mit einer direkten Verbraucherkooperation in Zusammenhang stehen (wie hier auf der hessischen Staatsdomäne Frankenhausen), können mit einem besonderen Beitrag für das Gemeinwohl punkten. Foto: Dominic Menzler, BLE

Der Beitrag zum Gemeinwohl wird dabei zum Faktor für den unternehmerischen Erfolg und mit der sogenannten Gemeinwohl-Bilanz gemessen. Das bedeutet: Nicht mehr die wirtschaftliche Erfolgsmessung an monetären Werten (wie Finanzgewinn oder Bruttoinlandsprodukt) steht für die Unternehmen im Vordergrund, sondern humane und ökologische Nutzwerte (Grundbedürfnisse, Lebensqualitätsfaktoren und Gemeinschaftswerte). Über niedrigere Steuern, Zölle und Kredite sowie durch Vorrang im öffentlichen Einkauf sollen die auf Gemeinwohlstreben umgestellten Unternehmen für ihr Engagement belohnt werden. Ökologische Produkte und Produktion, eine hohe Arbeitsplatzqualität, innerbetriebliche Mitbestimmung und geringe Steuerung durch Fremdkapital sind weitere Stichworte, die Vorteile für Unternehmen und Gemeinwohlbilanz bedeuten. Kurz zusammenfassen lassen sich die Prinzipien des Modells so:

  • Gemeinwohl vor Gewinnmaximierung
  • Kapital als Mittel, nicht als Selbstzweck
  • Erhöhung von Freiheit und Demokratie

Transparenz mit der Gemeinwohl-Matrix

Die Gemeinwohl-Orientierung eines Unternehmens lässt sich auf einen Blick erfassen. Anhand eines Kriterienkataloges wird die Unternehmensleistung jährlich mit Punkten bewertet. Bioverarbeiterinnen und -verarbeiter sollten dabei im Wertebereich Ökologische Nachhaltigkeit prinzipiell eine gute Ausgangslage haben.

Unter den ökologischen Erzeugern und Verarbeitern sind einige Pionierunternehmen, die bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt und veröffentlicht haben, beispielsweise das Märkische Landbrot aus Berlin, die Sonnentor Kräuterhandelsgesellschaft aus dem österreichischen Zwettl oder die Biolandgärtnerei "Am Hainerbach" im oberbayerischen Bruckmühl.

Biologisch und wertebasiert: ein bewährtes Zusammenspiel

Harro Cohlshorn, Inhaber der Gärtnerei "Am Hainerbach", engagiert sich seit 2010 für die Gemeinwohl-Ökonomie. Seine Motivation erklärt er mit dem Anspruch, auch über die Landbewirtschaftung hinaus etwas verändern zu wollen. "In der Biobewegung damals wurde nicht nur auf die ökologische, sondern auch auf die soziale Seite des Wirtschaftens geschaut", so Colshorn. "Ich will nicht sagen, dass das jetzt total verloren gegangen ist, aber die Marktanforderungen haben da schon einiges zurechtgestutzt. Es geht aber eben nicht nur um den Umgang mit der Natur, es geht auch um eine andere Art des Umgangs unter den Menschen. Die Gemeinwohl-Ökonomie verbindet diese Elemente für mich sehr überzeugend."


Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie (Erweiterte Neuausgabe)
ISBN-13: 978-3552063549
Verlag: Deuticke Verlag; Auflage: 3 (16. Dezember 2014)
Taschenbuch: 208 Seiten

Letzte Aktualisierung: 12.12.2017