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Bio gleich Sozial? Herausforderung Sozialstandards

Grafik zur Verbrauchererwartung bei Bioprodukten. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Einhaltung von Sozialstandards steht für Verbraucher und Verbraucherinnen beim Kauf von Bioprodukten an vierter Stelle. Grafik: infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH, Ökobarometer 2017

Weltweit gelten internationale Standards und Richtlinien, um gewisse Grundsätze in der internationalen Marktwirtschaft und Zusammenarbeit zu garantieren. Diese bestehen hauptsächlich aus den Grundsätzen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) und der UN-Konventionen über die Rechte von Kindern. Doch die globale Konkurrenz ist hart. Um an Märkten teilnehmen zu können, Investoren zu gewinnen und sich Wettbewerbsvorteile zu beschaffen, werden Sozialstandards und grundlegende Rechte von Arbeitnehmerinnen und -nehmern häufig missachtet.

Die ILO-Kernarbeitsnormen

Neben den oben genannten Standards und Richtlinien, gibt es eine Vielzahl weiterer privater Standards, mit welchen Unternehmen in Selbstverpflichtung gegenüber Handelspartnern, Verbraucherinnen oder Verbrauchern, bescheinigen können, dass sie und ihre Lieferanten sich der Einhaltung von Sozialstandards verpflichten. Grundlage dieser Standards sind häufig die ILO-Kernarbeitsnormen, welche auf vier Grundsätzen bestehen:

  • Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen
  • Beseitigung der Zwangsarbeit
  • Abschaffung der Kinderarbeit
  • Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf

Die Biokundschaft erwartet es längst

Gründe, sich intensiver mit Sozialstandards zu beschäftigen, gibt es viele. Vielen Unternehmen aus der Biobranche war es von Gründung an wichtig, mit ihren Partnern in aller Welt eine sozial faire Zusammenarbeit zu garantieren und dies auch ihren Kundinnen und Kunden gegenüber zu kommunizieren. Diese Verarbeiter beschäftigen sich also auch aus reiner Selbstverpflichtung mit der Einhaltung der Standards. Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau geben in diesem Punkt keine Vorgaben, sodass die Einhaltung von Sozialstandards nicht automatisch garantiert ist, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher ein Bioprodukt erwerben. Umfragen zeigen jedoch, dass soziale Kriterien beim Kauf von Bioprodukten eine wichtige Rolle spielen. Verbraucherinnen und Verbraucher gehen also bereits davon aus, dass solche Standards eingehalten werden. Der Einzelhandel möchte den Erwartungen seiner Kundschaft nachkommen und fordert dementsprechend auch von den Herstellern vermehrt den Nachweis zur Einhaltung von Sozialstandards.

Hinweis: Die verschiedenen ökologischen Anbauverbände greifen Sozialrichtlinien in unterschiedlicher Intensität auf. Teils werden diese in den allgemeinen Grundsätzen des Verbandes beschrieben, teils auch direkt kontrolliert. Naturland ist der einzige Verband, der in jeder der Kontrollen auch seine Sozialrichtlinien abprüft. Die Zugehörigkeit zu einem ökologischen Anbauverband in Deutschland, mit Ausnahme von Naturland, garantiert also nicht, dass Sozialkriterien unmittelbar kontrolliert werden.

Hier können Unternehmen ansetzen

Übersicht über Sozialstandarts. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Auswahl an Anbietern von Sozialstandards ist groß. Grafik: International Trade Centre

Je nachdem aus welchem Grund Verarbeiter sich mit Sozialstandards auseinander setzen möchten, gibt es verschiedene Möglichkeiten, Ansätze und Anbieter, nach deren Richtlinien sich ein Unternehmen zertifizieren lassen kann. Auf freiwilliger Basis wird häufig ein Code of Conduct (Verhaltenskodex) vereinbart, mit dem Verhaltensweisen in freiwilliger Selbstbindung zwischen Handelspartnern auferlegt werden. Inhalt dieses Code of Conducts können beispielsweise die ILO Kernarbeitsnormen, die allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) und die UN-Konventionen über die Rechte von Kindern sein. Auch eine Lieferantenselbstauskunft ist eine Möglichkeit, um sich dem Thema auf freiwilliger Basis zu nähern.

Möchte oder braucht ein Unternehmen einen Standard, welcher kontrolliert und zertifiziert wird, so kann es zwischen einer Vielzahl an privaten Anbietern wählen. Eine gute Bewertungsbasis bietet dabei das International Trade Centre, eine gemeinsame Organisation der Vereinten Nationen und der Welthandelsorganisation (WTO), mit der sogenannten Standardsmap. Dort findet sich eine Übersicht mit verlässlichen und transparenten Informationen über alle gängigen Standards. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, nach Produkten, Ländern oder Zielmarkt zu filtern, sowie Standards miteinander zu vergleichen.

Stolpersteine für die Zukunft

Die Auswahl an Anbietern von Sozialstandards für verschiedene Produktkategorien und Länder ist zwar groß, doch eine Sozialzertifizierung bietet keinem Unternehmen eine 100 prozentige Sicherheit, dass die festgelegten Normen eingehalten werden. So gibt es nach wie vor Länder, die nicht alle ILO-Kernarbeitsnormen ratifiziert haben. Und Kontrollen der privaten Anbieter bilden häufig auch nur Momentaufnahmen ab. Viele Unternehmen investieren daher viel Zeit und Geld in zusätzliche Lieferantenaudits vor Ort.

Zudem kann es zu Zielkonflikten für Verarbeiter kommen, denn nicht jeder langjährige und zuverlässige Lieferant kann oder möchte die Kosten und Zeit für ein zusätzliches Audit in Kauf nehmen. Dies wird insbesondere dann zu einer Herausforderung, wenn die Einhaltung von Sozialstandards von Handelspartnern gefordert wird. Die zusätzlichen Kosten für solche Audits verteuern außerdem die Rohware.

Hinweis: Ein offener und enger Austausch zu dem Thema ist daher mit allen Handelspartnern notwendig. Es sollte bei dem Thema Sozialstandards nicht nur um die reine Einhaltung von vorgegeben Richtlinien gehen, sondern darum, gemeinsam im direkten Kontakt mit den Lieferanten an den Herausforderungen zu arbeiten.

Instrumente nutzen

Gespräche bei der Naturland Sozialstandard Kontrolle. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Gespräche mit Vertretern der Beschäftigten sind ein wichtiger Punkt bei der Kontrolle auf Einhaltung der Naturland Sozialstandards. Quelle: Naturland e.V.

Verarbeiter können in ihrem Unternehmen bereits vorhandene Systeme zur Lieferantenbewertung nutzen und diese um Kriterien zu sozialen Standards erweitern. Alternativ kann eine eigene Matrix erstellt werden, anhand welcher das Unternehmen entscheidet, ob ein Lieferant die erforderlichen Standards erfüllt oder nicht. Wichtig dabei ist, herauszufinden, wie hoch der Anteil an Rohwaren aus risikobehafteten Herkunftsländern für das Unternehmen ist. Welches Land als Risikoland einzustufen ist, lässt sich anhand einer Liste der Business Social Compliance Initiative (BSCI) und der Übersicht der ILO definieren.


Aus der Forschung - für die Praxis

Im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) werden zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt.

Aus der Forschung - für die Praxis

Im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN) wurde ein Projekt der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) und Bionext zu "Leitlinien zur Qualitätssicherung für Hersteller und Händler ökologischer Erzeugung" gefördert. Diese Leitlinien enthalten auch ein Instrument zur Lieferantenbewertung, welches jedes Unternehmen individuell für sich erweitern und zum Beispiel um Kriterien der sozialen Standards ergänzen kann. Das Instrument ist im Abschlussbericht beschrieben und kann auf Nachfrage bei der AöL auch als Excel-Datei zur Verfügung gestellt werden.

http://orgprints.org/26504/


Letzte Aktualisierung: 16.05.2017