Demonstrationsbetriebe


Biobauernhof Göhring: Wenn Tiere Kinder bewegen

Familie Göhring, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Familie Göhring führt ihren Biobauernhof seit 2004 nach den Richtlinien des Bioland-Verbandes.

Neue Wege in der Landwirtschaft gehen – diese Idee verfolgt der Bioland-Hof Göhring im baden-württembergischen Mengen. Neben dem landwirtschaftlichen Zweig hat der Betrieb inzwischen mit seinen tiergestützten Therapieangeboten ein zweites Standbein aufgebaut. Regelmäßig besuchen Kinder und Jugendliche mit Handicap den Hof, um mit Bauernhoftieren zu arbeiten. Solche pädagogisch wertvollen Erlebnisse für Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung zu schaffen ist Triebfeder und Ansporn für Andrea Göhring. Nach Jahren der Pionierarbeit ist sie inzwischen auch Autorin des Standard-Fachbuchs „Bauernhoftiere bewegen Kinder“. In einem Bereich allerdings, in dem therapeutische Begriffe nicht geschützt sind und klare De¬finitionen fehlen, ist diese soziale Arbeit eine tägliche Herausforderung.

Landwirtschaft zum (Be)greifen

Andrea Göhring mit Ziegen, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Andrea Göhring weiß: Begegnungen mit Tieren können vor allem junge Menschen emotionalisieren und ihnen therapeutisch helfen.

Man könnte meinen, die Rinder, Ziegen, Hühner und Minischweine seien einfach zum Spaß da. Sie liegen im Gras, picken Körner oder wühlen im Sand. Nach Legehennen, Milchkühen oder zukünftigen Schnitzeln sieht das nicht aus. Im Gegenteil: Hier gönnt sich offenbar jemand ein paar Tiere fürs Idyll, ganz so, wie man es fast nur noch aus Kinderbüchern kennt. Doch weit gefehlt, diese Tiere gehören zum Biohof Göhring und sind zum Arbeiten dort. Sie sind „Co-Therapeuten“ für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Handicap. Wie wir Menschen, so haben auch Tiere ihre Eigenarten und Charaktereigenschaften. Diese Sicht ist entscheidend für den therapeutischen Ansatz. Landwirtschaft zum (Be)greifen ist das Motto.

Spielplatz, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Genügend Platz zum Spielen gehört selbstverständlich auch dazu.

Hof Göhring ist ein reiner Ackerbaubetrieb, mit circa 100 Hektar Ackerland, 20 Hektar Grünland und einem kleinen Hofladen. Das Gros der Erzeugung – von Weizen und Kartoffeln über Linsen bis hin zu Hanf – geht zur Weiterverarbeitung an Erzeugergemeinschaften und Firmen wie Chiron. Die P¬flanzgutvermehrung von Kartoffeln ist ein weiterer Bereich, dem man sich mit Überzeugung widmet. Doch Tiere gehören zu einem Bauernhof einfach dazu, fanden die Göhrings. Nur nicht zur Lebensmittelerzeugung. Sie sind „Mitbewohner“, „Mitarbeiter“ und „Co-Therapeuten“. Daher gibt es einzelne Tiere und eher kleine Gruppen, statt der üblichen Herden. Im Bauernhofumfeld lässt sich fast alles übers Leben lernen,  finden die Landwirte.

Bauernhoftiere bewegen Kinder

Lupinen, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Neben dem pädagogischen Zweig gehört die Erzeugung von Ackerfrüchten wie Lupine zum Tagesgeschäft des Hofs.

So der Titel eines Buches, das Andrea Göhring zusammen mit der Fachjournalistin Jutta Schneider-Rapp geschrieben hat. Es basiert auf ihren fast zehnjährigen Erfahrungen in der tiergestützten Therapie und Pädagogik und will Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher sowie Interessierte für diese Förderarbeit begeistern. Welche Stärken haben Huhn, Schwein, Schaf und Co? Und welches Bauernhoftier eignet sich am besten für welche Klienten? Praktische Übungen und viele Tipps zum Nachahmen runden das Buch ab. Allerdings sind auch andere gefragt, diesen neuen Betriebszweig voranzubringen. „Eine klare Definition in der Terminologie fehlt am Markt, ebenso wie eine grundständige Ausbildung, einheitliche Methodik und Zertifikate“, erläutert Andrea Göhring eines der Problemfelder. Anders als in der klassischen Psychologie- und Pädagogik könne sich daher jeder, der will, Therapeut nennen. Umso wichtiger seien deshalb ein klares Profil und Transparenz gegenüber Kundschaft und Behörden. Seit ihrer Ausbildung im Jahr 2010 zur Fachkraft für Tiergestützte Therapie und Pädagogik befasst sie sich mit der Thematik und beobachtet die Therapielandschaft. Das war kurz nachdem sie den elterlichen Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann Hubert übernommen hatte.

Schweine im Freiland, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Von wegen dreckiges Schwein: Ob Wild-, Mini- oder Hausschwein – die Tiere sind intelligent, neugierig und gerne aktiv.

„Sich mit Bauernhoftieren zu befassen und sie zu versorgen, das ist für die allermeisten Kinder eine ganz neue Erfahrung“, erzählt Andrea Göhring. „Vor allem dann, wenn es zuvor gar keinen Kontakt zu Tieren gab.“ Sie stellen schnell fest, dass an kulturellen Zuschreibungen wie „dumme Ziege“, „blödes Schaf“ oder „dreckiges Schwein“ nichts dran ist. An der Arbeit mit Biotieren führe aufgrund der art- und wesensgerechten Haltung kein Weg vorbei. Sie findet: „Tiere haben Charakter, Eigenarten und eine Seele. Das ist es, was Kinder spüren. Das allein bewegt schon etwas.“ Esel seien gut für das motorische Lernen. Schweine wiederum, so Göhring, motivieren introvertierte Kinder zu Aktivität, da sie neugierig und aktiv sind. Tiere geben Kindern unmittelbar Rückmeldung auf ihr Verhalten: Wer im Gehege schreit und herumtobt, kann das Huhn nicht auf den Arm nehmen. Kühe streiken, wenn die Kinder sie hinter sich her zerren statt sie behutsam von der Seite zu lenken. Nur die sanftmütigen Schafe beschweren sich nie. Die Fachkraft für tiergestützte Therapie muss also neben dem Wohl der Kinder auch stets das ihrer Tiere im Blick behalten. Wie der Mensch, so müssen auch Tiere lernen, mit Patientinnen und Patienten umzugehen. Diesem Thema widmet sich das Buch in einem eigenen Kapitel.

Erfolg dank Teamarbeit

Esel, Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster
Auch Esel werden als gute „Co-Therapeuten“ innerhalb der tiergestützten Therapie auf dem Hof eingesetzt.

Die Kosten für die Sitzungen werden von den Krankenkassen bisher nicht übernommen. Sinn, Nutzen und Erfolg für die Teilnehmenden sind zwar durchaus belegbar, doch fehlt es an einheitlichen Kriterien und offiziell anerkannten Studien. Zudem herrsche eine regelrechte „Begriffsverwirrung“ im Markt. Ein Missstand, dem auch das Fachbuch entgegenwirken soll. „Um die Kinder fundiert und individuell zu fördern, arbeite ich neben meinen tierischen Mitarbeitern immer im Team mit Therapeuten, Sonderpädagogen oder Psychologen. Gemeinsam legen wir Förderziele fest und besprechen die Fortschritte der Klienten“, sagt die gelernte Agrartechnikerin und Bauernhofpädagogin. Außerdem kooperiert sie mit Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen. Bei der Finanzierung helfen Stiftungen, Spenden und Sponsoren. Man braucht Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit, dann rechnet es sich. Für das geschäftliche Gesamtkonzept ihrer tiergestützten Therapie hat der deutsche Landfrauenverband Andrea Göhring 2018 als Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet.


Autor: Oliver Z. Weber

Hier finden Sie das demoSPEZIAL zum Herunterladen und Ausdrucken (PDF-Datei).

Letzte Aktualisierung: 02.11.2018