Demonstrationsbetriebe


Biolandhof Ellenberg: Laborarbeit und Feldversuch

Fassade und Eingang des hofeignen Kartoffelladens. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Vermarktet werden die Kartoffeln im Online-Shop und direkt ab Hof.

Ackersegen, Rote Emmalie und Blauer Schwede klingen wie Sprich- oder Schimpfwörter. In Wahrheit aber sind es Kartoffelsorten. Die "Rote Emmalie" mit ihrem purpurnen Fruchtfleisch, dem würzigen Geschmack und der feinen Konsistenz wurde von einer Fachjury zur Kartoffel des Jahres 2018 gewählt. Ihr Schöpfer heißt Karsten Ellenberg, der gemeinsam mit Frau Petra und seinen Söhnen Julius und Hannes die einzige bäuerliche Öko-Kartoffelzucht Deutschlands betreibt. Zwei Missionen hat die Familie des Demonstrationsbetriebs Biolandhof Ellenberg im niedersächsischen Barum bei Uelzen: Sie erhalten alte Kartoffelsorten und züchten neue. Das erklärte Ziel: Vielfalt, Transparenz und Unabhängigkeit schaffen – von der Zucht bis zum Verkauf.

Sortenvielfalt: eine Bereicherung

Blühende Kartoffelpflanzen auf dem Acker. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Auf 80 Hektar Fläche werden auf dem Biolandhof Ellenberg jährlich 35 der 100 Kartoffelsorten angebaut.

Glaubt man dem Betriebsleiter Karsten Ellenberg, dann baut seine Familie "schon ewig" Kartoffeln an. Die Leidenschaft für die erdigen Knollen ist dem Landwirt sofort anzumerken – sie ist eine echte Familientradition. Vererbt vom Großvater zum Enkel, schlägt der Kartoffelanbau 1991 eine neue Richtung ein: Karsten und Ehefrau Petra Ellenberg stellen den Betrieb auf ökologischen Landbau nach Bioland-Richtlinien um. Nach kurzer Zeit des Experimentierens mit anderen Nutzpflanzenarten wie Weizen und Bohnen ist für die Familie schnell klar: Der Erhalt alter und die Zucht neuer Kartoffelsorten faszinieren sie am meisten.

Betriebsleiter Karsten Ellenberg im Gewächshaus vor seinen Zuchtpflanzen. Klick führt zu Groaßnsicht in neuem Fenster.
Ein Züchter muss sich immer nach dem Zuchtziel fragen: Was soll die Pflanze, die er vermehren will, alles können?

Geschmack, Farbe und Form – all diese Eigenschaften sind bei alten Kartoffelsorten variantenreicher als bei modernen Hochleistungssorten. "Man hat bis vor 20 Jahren eher auf Masse und Resistenz, auf das Ziel ‚Volksernährung‘ hin gezüchtet, was dadurch auf der Strecke geblieben ist, ist die Vielfalt im Geschmack. Diese Entwicklung ist heute nicht mehr zeitgemäß", erklärt Karsten Ellenberg. Als überzeugter Biolandwirt möchte er andere Wege gehen. Genuss- und Geschmackserlebnisse stehen für ihn im Vordergrund. Für die Kartoffelvielfalt, für weiße, hell- und tiefgelbe, rosa, rote, lila und blaue, für würzige, buttrige, süße und erdige Kartoffeln nimmt er Sorten mit weniger Ertrag oder Resistenzen gerne in Kauf. Sie sind, wie verschiedene Apfel-, Bier- und Käsesorten, eine kulinarische Bereicherung. Denn: "Vielfalt zu schmecken ist ein Stück Lebensqualität", ist der Kartoffelexperte überzeugt.

Zucht: eine Wissenschaft (für sich)

Grüne Stecklinge in einem Kunststoffbehälter. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
In einer Nährflüssigkeit werden die Stecklinge vermehrt, bevor sie aufs Feld kommen.

Aufbewahrt werden die alten Sorten in der "Schatzkammer", wie die hofeigene Genbank liebevoll genannt wird. Außerdem beherbergt sie die Neuzucht der Familie. Den Grundstock hierfür legte Ellenberg Mitte der 90er Jahre mit Kartoffelmustern aus der Genbank Gatersleben. Heute lagern in seinem Labor Stecklinge von über 100 verschiedenen Kartoffelsorten. Man kann sie auf zwei Arten vermehren – vegetativ (ungeschlechtlich) und generativ (geschlechtlich). Die Vermehrung innerhalb einer Sorte erfolgt bei den Ellenbergs vegetativ durch das wiederholte Vereinzeln und Aufziehen der Stecklinge. Stimmen Größe und Anzahl, beginnt der Feldversuch. 

Vielfalt zu schmecken ist ein Stück Lebensqualität.

Rote, gelbe und violette Kartoffeln. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Blaue Anneliese, Heiderot und Violetta sind Teil der farbenfrohen Kartoffelvielfalt der Ellenbergs.

Die Zucht neuer Sorten hingegen bedarf der generativen Vermehrung mit Hilfe der Blüten. Da Kartoffelblüten keinen Nektar bilden, sind sie für Insekten unattraktiv. Züchter Ellenberg vermehrt seine Pflanzen daher im Gewächshaus und legt selbst Hand an: "Der Pollen wird per Hand von der einen auf die andere Blüte gebracht. Die befruchtete Blüte schließt sich und es entsteht eine Kartoffelbeere, in der sich Sämlinge bilden. Die kleinen Körner werden dann getrocknet und wieder eingepflanzt – eine neue Generation entsteht", erklärt der Spezialist. Dieser Prozess – von der ersten Kreuzung bis zur Zulassung einer Sorte durch das Bundessortenamt – dauert etwa 10 Jahre. Doch die Mühe lohnt sich, versichert Ellenberg: "So sind wir unabhängig von den großen Saatgutkonzernen und können Pflanzen anbauen, die für die Natur und die Region gut sind."

Bio: eine Mission

Zwei Hände halten eine in der Mitte durchgebrochene rote Kartoffel. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die "Rote Emmalie" aus eigener Züchtung ist Kartoffel des Jahres 2018.

Bei der Biologischen Kartoffelzucht der Ellenbergs werden weder Mutter-, Vater- noch Tochterpflanzen chemisch behandelt. "Wie in der Natur üblich, wird auf dem Feld selektiert: Welche Pflanze wächst schnell, üppig und ist vital gegen Krankheiten? – Das ist sozusagen der Härtetest", erläutert der Züchter. Sein Erfolg gibt ihm Recht: Die Vermarktung seiner Kartoffeln – Knollen wie Pflanzgut – baut Ellenberg immer weiter aus. Sie gehen an den Einzel- und Großhandel und werden direkt ab Hof verkauft – an Hobbygärtnerinnen und -gärtner, Hofläden, die ihr Sortiment aufwerten möchten und andere Biobetriebe, die die Biokartoffeln auf ihren Feldern anbauen. Auf die Frage, wann eine neue Sorte ‚gelungen‘ ist, hat Karsten Ellenberg eine einfache Antwort: "Die Sorte ist gut, wenn sie viel nachgefragt wird." 

Die Sorte ist gut, wenn sie viel nachgefragt wird.

So, wie die Kartoffel des Jahres 2018, die ellenbergische "Rote Emmalie". Die rotfleischige, feinwürzige Kartoffel, die ihren Namen Karsten Ellenbergs Großmutter "Emma" verdankt, verkauft sich prächtig: "Unsere Kundinnen und Kunden suchen nach dem außergewöhnlichen Geschmack. Bei der Kaufentscheidung spielen aber auch die Farbe und die Form eine Rolle; herkömmliche Supermarktkartoffeln genügen den meisten Ansprüchen nicht", verrät er. Es gibt allerdings auch Besucherinnen und Besucher, sagt der Biolandwirt, die irritiert sind von den blauen und lila Knollen, oder sie gar mit Roter Bete verwechseln. Diese Begeisterung für die farbenfrohe Kartoffelvielfalt möchten die Ellenbergs mit ihrer Arbeit weiter in der Gesellschaft etablieren und das verlorengegangene Wissen um alte Sorten zurückbringen.


Autor: Sarah Reinhart

Hier finden Sie das demoSPEZIAL zum Herunterladen und Ausdrucken (PDF-Datei).

Letzte Aktualisierung: 11.09.2018