Demonstrationsbetriebe


Gut Rothenhausen: Gemeinschaft der Generationen

Mann mit Kind auf dem Arm, eine Frau und ein älterer Mann stehen vor dem Hofladen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Das Miteinander der Generationen wird täglich auf Gut Rothenhausen gelebt und ist im Betriebskonzept verankert.

Bereits als Jugendliche nahmen sich Fritz Otto und sein Schulfreund Friedhelm Kruckelmann vor, eine Hofgemeinschaft zu gründen. Sie taten sich mit Gleichgesinnten zusammen und übernahmen das Gut Rothenhausen in der Nähe von Lübeck. Von Anfang an machten sich die Mitglieder der Hofgemeinschaft mit ihren finanziellen Unterstützerinnen und Unterstützern Gedanken über die Eigentumsverhältnisse. Sie etablierten ein System, bei dem sie als Gruppe Verantwortung für den Hof übernahmen. Ihr Umfeld reagierte skeptisch auf dieses Vorhaben, doch inzwischen geht ihr Hofkonzept seit 40 Jahren auf. Selbst die Übergabe an die nächste Generation war bereits erfolgreich.

Ein Hof auf vielen Schultern

Blick auf das Feld, auf dem Salat und Gemüse wächst. Im Hintergrund ist ein Traktor zu sehen, sowie mehrere Strohballen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Gut Rothenhausen ist ein Demeter-Betrieb mit Gemüsegärtnerei, Bäckerei, Käserei und Hofladen.

Fritz Otto gilt auf Gut Rothenhausen als eine Art Urgestein. Er lebt bereits 40 Jahre auf dem Demeter-Betrieb und war einer von fünf Personen, die als Gemeinschaft den Hof 1976 übernahmen. Der Vater seines Schulfreundes und Gemeinschafts-Mitglieds Friedhelm Kruckelmann finanzierte damals den Kauf. Er hatte nach längeren Diskussionen seine anfängliche Skepsis überwunden und unterstützte die jungen Menschen, indem er sein eigenes Land verkaufte und das Hofgut bei Lübeck erwarb.

Inspiriert vom hessischen Dottenfelderhof traten Otto, Kruckelmann und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter gemeinsam dafür an, einen Hof zu gründen, dessen Eigentum auf einen gemeinnützigen Verein übertragen wurde und für den jeder die Verantwortung übernahm. In ihrem Umfeld bestanden große Zweifel am Erfolg dieses Vorhabens. "Viele glaubten, dass die Hofindividualität nur von einer starken Persönlichkeit realisiert werden kann", erklärt Fritz Otto. "Wir haben aber gezeigt, dass sie aus einer Vielzahl von Menschen entsteht und in der Gemeinschaft weitergegeben werden kann."

Der Hofbesitz sollte nicht wie eine Ware gehandhabt werden.

Blick auf eine Weide mit Kühen im Hintergrund ist ein Windrad zu sehen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Mit dem Windrad will die Hofgemeinschaft einen Beitrag zur Erzeugung von elektronischem Strom leisten.

Ausgangspunkt für ihr Hofkonzept war die Überzeugung: "Der Hofbesitz sollte nicht wie eine Ware gehandhabt werden", bringt Otto es auf den Punkt. Deswegen gründeten sie einen Verein, der den Hof treuhänderisch verwaltet. Nach einer Übergangsphase von 10 Jahren übertrug die Familie Kruckelmann schließlich das Eigentum an Grund und Boden als Schenkung direkt auf den Verein.

Der fließende Übergang

Nach über dreißig Jahren beschloss die Gemeinschaft, dass eine jüngere Generation den Hof übernehmen sollte. "Wir suchten nach Menschen, die sich mit viel Verantwortungsgefühl in den Hof einfügen würden", erinnert sich Otto. "Die Hofgemeinschaft brauchte starke Individualisten, die sich in ihrer Rolle aber ständig verändern können – vom Prozessführer zum Lehrling."

Ein junger und ein alter Mann pflanzen Jungpflanzen auf dem Acker. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Auf einer Fläche von 72 Hektar betreibt die Hofgemeinschaft Ackerbau mit neunjähriger Fruchtfolge.

Bei der Bewerbung der Familie Hennig hatten sie gleich ein gutes Gefühl. Und auch die Hennigs waren sofort begeistert: "Wir wollten unbedingt in die Landwirtschaft, aber auf keinen Fall allein", fasst es Philipp Hennig zusammen. Sie versprachen sich vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Selbstständigkeit. "Wir suchten nach einer ‚echten Gleichberechtigung‘. Jeder sollte erwerbstätig und gleichzeitig für die Familie da sein können. Das geht nur, wenn das Hofprojekt auf mehreren Schultern getragen wird", erklärt Hennig.

Das Entscheidende bei der Hofübergabe war vielmehr die innere Haltung der Personen, als das fachliche Wissen.

Da das Hofsystem viel zu komplex war, um sofort einen klaren Schnitt zu machen, einigten sich beide Generationen auf einen fließenden Übergang. Für Otto steht heute fest: "Das Entscheidende bei der Hofübergabe war vielmehr die innere Haltung der Personen, als das fachliche Wissen."

Ein Huhn steht auf Grünland, im Hintergrund ist ein weiteres zu sehen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Hennen und einige Hähne leben im Hühnermobil mit grünem Auslauf zum Picken und Sandbaden.

Aus beider Sicht waren ein paar "Spielregeln" für den Prozess entscheidend: das klare Formulieren von Erwartungen und Bedürfnissen sowohl aus der Sicht der Einzelperson als auch des Betriebs, das Trennen zwischen technisch-fachlichen und persönlichen Ansichten sowie die Würdigung der Leistung der alten Generation. Außerdem helfe es, ein Datum festzulegen, wann welcher Bereich übergeben werden soll. "Als ich die starke Verantwortlichkeit erlebte, wusste ich, dass ich mich zurückziehen kann", berichtet Otto. Und ganz weg war er auch nicht: Teil des Konzepts von Gut Rothenhausen ist es, dass alle alten Betriebsleiter ein lebenslanges Wohnrecht haben. Außerdem ist er heute noch aktiv im Verein.

Im Austausch bleiben

Die Hennigs haben den Generationswechsel nicht alleine vollzogen. Weitere junge Familien kamen auf den Hof und lösten schrittweise die alte Generation ab. Darunter auch Jenni Ponsens, die mit ihrem Freund vor drei Jahren hierherkam: "Wir haben uns immer erträumt, einen vielfältigen Hof mit einer Gruppe von Menschen zu bewirtschaften. Da war das Gut Rothenhausen genauso, wie wir es uns vorgestellt haben."

Eine Frau steht im Gewächshaus und hält eine Gurke prüfend in der Hand. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Im unbeheizten Gewächshaus können in den Sommermonaten Tomaten, Gurken, Stangenbohnen und Basilikum geerntet werden.

Für Ponsens ist es sehr reizvoll, dass sie sich noch mit der älteren Generation austauschen und von deren Erfahrungen profitieren können. Das soziale Miteinander und die Kommunikation sei überhaupt von wichtigster Bedeutung für den Hofalltag. Es gibt regelmäßige Treffen zu organisatorischen Verwaltungsfragen, aber auch bewusste gesellige Miteinander. Darüber hinaus wurden Formate entwickelt wie Dialogspaziergänge, also intensive Zweiergespräche, um mehr Verständnis für sein Gegenüber zu gewinnen. Ob das Projekt funktioniert liege letzten Endes an jedem einzelnen Mitglied, ergänzt Hennig: "Wer Teil einer Hofgemeinschaft werden möchte, muss Lust auf das Ganze haben. Er sollte bereit sein, sich mit anderen auseinanderzusetzen, auch mal zu reiben, und sich selbst weiter-zuentwickeln."

Autorin: Karin Wilhelm

Hier finden Sie das demoSPEZIAL zum Herunterladen und Ausdrucken.

Letzte Aktualisierung: 15.08.2016