Demonstrationsbetriebe


Haettelihof: Die Hinterwälder vom Bodensee

Mann und Frau lächeln in die Kamera. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Thomas Schumacher und Ute Elise Paluch haben sich zusammengetan und führen erfolgreich den Haettelihof.

"Hinterwälder" ist die deutsche Übersetzung für das alemannische Wort "Haetteli". Die kleine Rinderrasse steht mit nur noch zirka 400 Herdbuchtieren in Deutschland auf der Roten Liste. Es fing an mit einer Hand voll Tieren. Seither hält und züchtet der nach ihnen benannte Haettelihof die vom Aussterben bedrohten Rinder. Sie sind Landschaftspfleger und Fleischlieferant. Eine artgerechte Tierhaltung ist für Ute Paluch und Thomas Schumacher nicht nur bei den Nutztieren selbstverständlich. Zu ihrem Betriebskonzept gehört eine naturverträgliche Grünlandwirtschaft, Wiesen, die nachhaltig gepflegt und durch die Tiere erhalten werden – und umgekehrt. Der Standort am Bodensee macht die Gegend zu einem beliebten Ausflugsziel für Besucherinnen und Besucher. Wer auf den Demeterhof kommt, kann viel lernen. Eine weitere wichtige Rolle spielen daher pädagogische Angebote und lehrreiche Führungen.

Eigenwillige Landschaftsschützer

Braun-weiß-gefleckte Kuh mit Hörnern. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Hinterwälder (Haettelis) sind die kleinste Rinderrasse Deutschlands. Es gibt nur noch wenige von ihnen.

Man muss schon genau lesen, um die Rinderrasse nicht mit einem Hinterwäldler zu verwechseln. Ein einziger Buchstabe entscheidet: Hinterwälder sind eine alte Rinderrasse aus dem Schwarzwald. Unter ihrem alemannischen Namen Haetteli sind sie Namensgeber des Demonstrationsbetriebs am Bodensee. Die Betreiber Ute Elise Paluch und Thomas Schumacher verfolgen das Anliegen, eine moderne, tiergerechte Haltung mit nachhaltiger Grünlandwirtschaft zu pflegen und lehrreiche Zugänge zum ökologischen Landbau zu ermöglichen. Um all das zu realisieren, hat das Paar im Jahr 2000 die Chance ergriffen, einen landwirtschaftlichen Betrieb in einem Naturschutzgebiet bei Konstanz aufzuziehen. Los ging es mit lediglich einer Hand voll Rindern. Heute zählt die Herde gut 60 Tiere.

Hühner auf einer Wiese. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Das Tiroler Haubenhuhn lebt bereits auf dem Hof. Ein Mobilstall mit Legehennen soll bald dazu kommen.

"Von den Hinterwäldern gibt es noch etwa 2.500 weltweit. Das ist nicht wirklich viel", erklärt Thomas Schumacher. "Sie passen ideal in die Region und zu unserem Konzept, denn sie werden zur Landschaftspflege eingesetzt." Haettelis fressen so gut wie alle Pflanzen und halten so die Landschaft offen. Einige Rinder grasen sogar auf der "Blumeninsel" Mainau. Dabei düngen sie ihre Weiden, rückverdichten durch ihre Huftritte den Boden und tragen neue Samen ein. Kurz gesagt sind sie ideale Partner für eine extensive Haltung in Kombination von Naturpflege und Fleischerzeugung, ihrem zweiten wirtschaftlichen Nutzen für den Betrieb. "Im Offenstall fühlen sich Hinterwälder noch sehr wohl. Sie sind sehr eigenwillig, man erlebt manche Überraschung." So seien Haettelis bei Fluchtversuchen durchaus kreativ. Vielleicht allein durch die Tatsache, dass sie gute Springer sind. Außerdem ist ihr Wesen durch hohe Aufmerksamkeit und ausgeprägtes Sozialverhalten gekennzeichnet. Die Mutterkühe kümmern sich intensiv um ihr Kalb und verteidigen es vehement. Das älteste Tier der Herde zählt bereits 20 Jahre.

Fleisch aus der Region

Rinder in einem Offenstall. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Haettelis gelten als sehr eigen, sind aber auch kreativ und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten.

Traditionell wurden die Hinterwälder dreifach genutzt; für Milch, Fleisch und Arbeit. Doch durch die Intensivierung in der Landwirtschaft erweist sich der Milchertrag als zu gering, das sehr feinfasrige Fleisch kommt zu gemächlich auf die Rippen und die Arbeit früherer Zeiten machen heute Maschinen. Nach ähnlichem Muster gerieten viele Nutztierrassen an den Rand ihrer Existenz. Schumacher betont, was bei der Nutzung alter Rassen wichtig ist: "Es muss alles zusammenpassen. Tierart, Standort, Umfeld und Marktsituation." Manchmal aber hilft der Zufall. Schumacher und Paluch haben sich am Niederrhein während des Studiums kennengelernt. Der Landwirt und Psychologe und die Keramik-Designerin haben sich zusammen für den Bodensee entschieden. Ihr Haettelihof begann als Projekt. "Der Standort kam gewissermaßen zu uns. Die Lage des Betriebs ist ein echtes Geschenk", sagt Ute Elise Paluch. Die Nähe zu Konstanz sei dabei allerdings "Fluch und Segen" zugleich. Zwar verkauft sich das Fleisch der Rinder perfekt per Direktvermarktung innerhalb eines Radius‘ von nur 30 Kilometern. Die Schlachtung und die Verarbeitung erfolgen in der Nähe – Regionalität par exellence. In Sachen Bio, Naturpflege und Nachhaltigkeit sei in der Gegend allerdings noch Nachholbedarf.  

Von den Hinterwäldern gibt es nur noch etwa 2.500 Tiere weltweit. Das ist nicht wirklich viel.

Das schafft Gelegenheit für weitere Vermarktungsideen, wie etwa der Plan, Legehennen auf den Hof zu holen. Zum anderen lässt sich das eigene Wissen weitervermitteln, um insgesamt mehr Menschen von Bio zu begeistern.

Lernen durch Erleben

Schafe auf der Weide. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Hinderwälder eigenen sich nicht für haptisches Erfahren. Dafür sind zum Beispiel Schafe zuständig.

Dass die nächste Wohnsiedlung unweit entfernt liegt, vergisst man inmitten vom Grün der NATURA 2000 – Flächen recht schnell. Genau da setzt Ute Paluch mit ihren pädagogischen Angeboten an. Regelmäßig sind Gruppen zu Besuch, um in Naturnähe ihre Erfahrungen mit P¬flanzen, Tieren und Lebensmitteln zu machen. Da die Haettelis sich nicht so sehr für die haptischen Anteile der pädagogischen Arbeit eigenen, leben weitere Tiere auf dem Hof, namentlich Schafe, Hühner und weitere Rinder. Zum Beispiel Emma, eine Kuh vom Demonstrationsbetrieb Göhring. Als eines der Pensionstiere ist sie an Menschen gewöhnt, begrüßt offensiv alle Besucher und lässt sich ausgiebig streicheln. Das sorgt gleich für einen Schuss Entschleunigung, ein Impuls, der Ute Elise Paluch wichtig ist. "Neben Daten und Fakten sind Anfassen und Begreifen über das Erleben zentral für ein Lernen mit Erfolg", weiß sie. Zu sehen gibt es neben den Tieren 300 Streuobstbäume. Betrieb und Umgebung bieten reichlich Hecken, Wälder und Wildp¬¬flanzen für Erkundungen und lehrreiche Angebote. Dabei geht es immer auch um Wandel, dem gerade ein Biobetrieb stetig unterworfen ist. Der Haettelihof geht mit gutem Beispiel voran.

Anfassen und Erleben sind entscheidend für Lernen mit Erfolg.


Autor: Oliver Z. Weber

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Letzte Aktualisierung: 18.02.2019