Demonstrationsbetriebe


Hessische Staatsdomäne Frankenhausen: Rinder essen statt vergessen

Kuhherde auf einer Weide. Klick führt zu Großansicht  in neuem Fenster.
Vom Frühjahr bis in den Herbst sind die Tiere täglich auf den umliegenden Weiden.

Sie sind kernig, fruchtbar, langlebig, liefern leckere Milch und Fleisch. Dennoch gehört das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind (DSN) zu den gefährdeten Nutztierrassen. Der Demonstrationsbetrieb Hessische Staatsdomäne Frankenhausen hilft, den Bestand zu erhalten und kann die Produkte aus der Tierhaltung gut verkaufen.

Gefährdete Nutztiere retten

Mit nur noch 2.800 Kühen war das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind die "Gefährdete Nutztierrasse des Jahres 2016". Zwei Bullen und 100 Milchkühe plus Nachzucht leben auf der Staatsdomäne, von Ende März bis Oktober größtenteils auf der Weide, im Winter in einem geräumigen Stall mit Liegeboxen und Tiefstreu. Die Milch geht zur Weiterverarbeitung an die Upländer Bauernmolkerei.

Weiß-braun gefleckte Kuh trägt eine blaue Schärpe. Klilck führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Auch die rotbunte Griet ist eine reinrassige DSN-Kuh. Die braune Farbe setzt sich nur bei wenigen Tieren durch.

Die kleineren, kompakten Kühe sind fast ausgestorben, weil lange nur auf sogenannte Hochleistungskühe gesetzt wurde. "Im konventionellen Bereich sind das Milchleistungen bis zu 11.000 Kilo pro Kuh und Jahr, im Biobereich bis zu 8.000 kg/Kuh/Jahr", weiß Kerstin Vienna, Bereichsleiterin Tierhaltung. Die schwarzbunten Kühe ihrer Herde haben eine durchschnittliche Leistung von 6.150 kg/Jahr ohne Kraftfuttereinsatz. Vienna kann aber viele Gründe aufzählen, warum genau diese Rasse sehr gut zur Staatsdomäne passt: "Die Entscheidung ist auf die DSN-Rinder gefallen, weil sie aus der Region kommen und an sie angepasst sind. Unsere Kühe verwerten das Raufutter sehr gut, sie sind robust gegen die ansonsten häufig vorkommenden Klauen- und Euterkrankheiten und es handelt sich um Zweinutzungsrinder." Zweinutzung bedeutet, dass Milch und Fleisch vom Tier verwertet werden und jeweils eine sehr gute Qualität haben. Heute ist es üblich, nur ein Zuchtmerkmal herauszuheben und zu optimieren.

Vorbildliche Haltung

Kühe im Laufstall. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Der Laufstall ist so gestaltet, dass jedes Tier genügend Platz zum Fressen hat.

Für die Staatsdomäne ermöglichen die Schwarzbunten eine nachhaltige Nutzung, die zu einer vorbildlichen ökologischen Landwirtschaft passt. "Beispielsweise bekommen die Kühe kein Kraftfutter, das die Milchleistung besonders puscht", erklärt Vienna. Die Kühe fressen, wie die Natur das für sie vorgesehen hat: Gras, Heu und Silage daraus, sonst nichts. "Auch dafür entschieden wir uns aus mehreren Gründen", so Vienna. "Wir haben einen sehr guten Ackerstandort und erzielen gute Preise mit unserem Getreide. Zudem tragen unsere Kühe Hörner. Kraftfutter ist für Kühe wie Süßigkeiten für Kinder. Da geht das Gerangel ums Futter los und das Verletzungsrisiko steigt. Auch physiologisch ist es für die Tiere gesünder, wenn die Milchleistung im Rahmen bleibt." Typisch für die DSN-Rinder sind ihre schönen Hörner. Keine Selbstverständlichkeit. Hornlose Kühe sind heute fast die Regel – auch im Ökolandbau. Entweder werden die Kälber in den ersten Wochen nach der Geburt enthornt, was mit einer Sondergenehmigung und unter Betäubungs- und Schmerzmitteln auch im Biolandbau erlaubt ist. Um diese Prozedur zu vermeiden, kreuzen immer mehr Ökobetriebe genetisch hornlose Tiere in ihre Herden ein.

Junge Kühe fressen im Laufstall. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Circa 15 Jungrinder pro Jahr kommen als geschlechtsreife Kühe wieder in die Herde zurück. Einige Bullen werden an Züchter verkauft.

Der Grund liegt auf der Hand: Die spitzen Hörner können zu Verletzungen führen. Allerdings haben sie eine wichtige Bedeutung für die Tiere, beispielsweise für die Körpersprache, die Herdenhierarchie und die Körperpflege.

Die Hörner bleiben dran

Wir versuchen mit unserer Herde zu zeigen, dass die Haltung horntragender Milchkühe sehr gut möglich ist.

"Wir versuchen mit unserer Herde zu zeigen, dass die Haltung horntragender Milchkühe möglich ist", erklärt Landwirtin Vienna und ergänzt: "Entscheidend für eine funktionierende, horntragende Herde sind genügend Platz und Ausweichmöglichkeiten im Stall. Es gibt genügend Fressplätze und Tränken und ohne Kraftfutter fällt die Zankerei darum schon mal weg. Sehr wichtig ist auch die gute Beziehung zwischen den Mitarbeitenden und den Tieren." Es kam zwar schon vor, dass eine Kuh zum Schlachter musste, weil sie einfach zu aggressiv gegen ihre Artgenossen war oder das Stallpersonal angriff. Im Regelfall sorgt jedoch das von klein auf aufgebaute Vertrauen zwischen Mensch und Tier dafür, dass die Kühe Menschen nicht mit Absicht verletzen.

Verbraucher können regional erzeugte Fleisch- und Wurstprodukte von glücklichen Kühen kaufen und erhalten damit eine gefährdete Nutztierrasse.

Im Frühjahr und Sommer suchen die Kühe sich ihre circa 100 kg Nahrung am Tag einfach selbst, kauen es wieder und sind so einige Kilometer täglich auf der Weide unterwegs. Das fördert einen gesunden Muskelaufbau und ein kräftig schmeckendes, gut marmoriertes Fleisch.

Gemeinschaft will gelernt sein

Wurst und Fleisch im Glas. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Produkte der Tiere werden von regionalen Metzgern unter anderem zu Wurst verarbeitet und im Hoflanden verkauft.

Fleisch- und Wurstprodukte von 12 bis 15 Tieren pro Jahr werden über den Hofladen der Staatsdomäne verkauft. Ebenso viele gehen an einen Schlachthof in Fulda. Ein Metzger aus dem Nachbardorf macht aus dem schmackhaften Fleisch Corned Beef, Florentiner und Pfefferbeißer. Ansonsten können Interessierte das Fleisch vorbestellen. Es geht weg wie warme Semmeln. Bedrohte Tiere zu essen, das hört sich zunächst einmal paradox an. Ist es aber nicht, denn schließlich handelt es sich um Nutz- und nicht um Kuscheltiere. Ihr Unterhalt muss sich für den Wirtschaftsbetrieb lohnen. Die Rechnung geht auf jeden Fall auf. "Verbraucher können regional erzeugte Fleisch- und Wurstprodukte von glücklichen Kühen kaufen und erhalten damit eine gefährdete Nutztierrasse", bringt Kerstin Vienna es auf den Punkt.



Betriebsporträt: Hessische Staatsdomäne Frankenhausen

Zwei Frauen in einer Parzelle mit Gemüse.

Die Hessische Staatsdomäne Frankenhausen liegt in der landwirtschaftlich begünstigten Hofgeismarer Rötsenke bei Kassel. Der 320 Hektar umfassende Betrieb wurde 1998 von der Universität Kassel gepachtet und wird seitdem ökologisch bewirtschaftet. Fast 40 Hektar dienen dem landwirtschaftlichen Feldversuchswesen Frankenhausen. 
Weiterlesen

Letzte Aktualisierung: 06.02.2019