Demonstrationsbetriebe


Hof Gasswies: Der "Deal" mit den Kühen

Mann beim Melken. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Beim Melken passt Betriebsleiter Alfred Rutschmann auf, dass noch genügend Milch für die Kälber im Euter übrigbleibt.

Für Alfred und Silvia Rutschmann vom Hof Gasswies in Klettgau (Baden-Württemberg) ist klar: "Es kann nicht sein, dass die Kuh sich dem Haltungssystem anpasst, es muss umgekehrt sein." Deswegen fressen ihre behornten Kühe vom Frühjahr bis in den Herbst auf der Weide frisches Gras und – das ist in der Milchviehhaltung etwas ganz Besonderes – die Kälber dürfen bei den Müttern sein. In einer auf dem Hof entwickelten Methode säugen die Mutterkühe ihre Kälber selbst und werden behutsam an eine Trennung gewöhnt. Die Kehrseite der Medaille: Die Molkerei hätte gerne mehr Milch und kontinuierlichere Lieferungen. Die Rutschmanns verraten, warum sich diese Art der Betriebsführung dennoch lohnt. 

Choreographie der Kühe 

Morgens um kurz nach sechs in Klettgau: Die Kühe schlendern von der Nachtweide in den Stall. Dort werden sie als erstes gemolken, dann wird die Herde sortiert. Die Kühe ohne Kalb gehen direkt zum Fressen, die Mutterkühe zu ihrem Nachwuchs. Die Tore werden geöffnet und Alt- und Jungtieren kommen zusammen. Es dauert keine Minute bis die Kälber an den Zitzen ihrer Mütter hängen. Nach einer Stunde Trinken und Schmusen gehen alle wieder ihrer Wege, die Kühe zurück auf die Weide, die Kälber in ihren "Kindergarten", einem eigenen Stallbereich. Alles klappt ohne Abschiedsschmerz, denn sie "wissen", dass sie sich am Abend wiedersehen.

Kalb trinkt bei der Mutterkuh. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Nach dem Melken dürfen die Kälbchen zu ihren Müttern und haben Zeit zum ausgiebigen Trinken und Schmusen.

"Unsere Zielrichtung war immer die Einfachheit. Wir wollen die Tiere möglichst natürlich und wesensgemäß halten. Nur so, macht es für uns Sinn", erklärt Betriebsleiter Alfred Rutschmann. Die ‘muttergebundene Kälberaufzucht’, wie das Aufzuchtsystem in der Fachsprache genannt wird, wurde auf Hof Gasswies eingeführt, um für mehr Tiergesundheit zu sorgen. Es gab vermehrte Fälle von Kälberdurchfall. Die Versuche, diesen mit verstärkten Hygiene- Maßnahmen, der Tier-Medizin oder der Haltung in Außenboxen entgegenzuwirken, blieben erfolglos. Da stellte Alfred zusammen mit seiner Frau Silvia alles noch einmal auf den Prüfstand und sie entwickelten ihr neues System. 

Unsere Zielrichtung war immer die Einfachheit.

"Drei Tage dauert es, bis die Tiere verstanden haben, wohin sie laufen müssen. Dann klappt die Choreographie", erklärt Silvia Rutschmann. Der vertraute Umgang mit den Tieren ist dabei von Bedeutung: "Wir möchten verstehen, wie ein Tier tickt und versuchen, in seine Wahrnehmungs- und Kommunikationswelt einzutauchen. Das macht die Zusammenarbeit stress- und unfallfreier und erleichtert allen den Alltag."

Mehr als Milchlieferanten

Kälber im Stall. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Tiere lernen schrittweise, sich für eine länger werdende Zeitdauer loszulassen. So gelingt die spätere Trennung relativ sanft.

"Unser Kühe sind viel mehr als bloße Milchlieferanten, sie sind das Herz des Hofs Gasswies", sind sich die Rutschmanns einig. Deswegen gingen sie einen "Deal" mit ihnen ein: "Die Mütter dürfen ihre Kälber großziehen, aber ein bisschen Milch müssen sie uns schon geben." 

Konkret bedeutet das: Kommt ein Kalb auf die Welt, bleibt es zwischen zwei bis drei Tagen bei der Mutter. Anschließend kommt diese nur noch über Nacht. Und nach einer Woche treffen sich die beiden zwei Mal am Tag für eine halbe bis ganze Stunde nach dem Melken. Nach drei Monaten gehen die Jungtiere dann auch auf die Weide. Ihnen werden erfahrene Kühe als "Ammen" zur Seite gestellt, die den Kleinen Orientierung geben und die Gruppe zusammenhalten.

Zwei Kälber beim Spielen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Kälber kommen alle im Frühjahr zur Welt. Sie wachsen gemeinsam auf und finden immer jemanden zum Spielen und Tollen.

500 bis 800 Liter trinkt ein Kalb im Jahr. Um diesen "Verlust“ auszugleichen, haben die Rutschmanns ein Modell der Kuh-Patenschaften etabliert. Mit einem Jahresbeitrag von 120 Euro unterstützen Interessierte die Haltungsform. "Am Anfang machten wir den Fehler, die Kälber zu viel saufen zu lassen. Sie lernten den Umstieg auf Gras und Heu nicht – und wir hatten keine Milch mehr im Tank. Das gefiel unserer Hausbank gar nicht", erklären die Rutschmanns. 

Heute haben sie die Balance gefunden und können den Minderertrag der Milch mit verschiedenen Maßnahmen beinahe ausgleichen. Dazu zählen auch geringere Tierarztkosten: Die Erfahrung der Rutschmanns und einige aktuelle Studien zeigen, dass Kälber, die muttergebunden aufwachsen, gesünder sind.

Vielfalt auf der Wiese

Kühe auf dem Weg zur Weide. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Von Frühjahr bis Herbst dürfen die Kühe auf die Weiden. Dort gibt es frisches Grünfutter, das im Winter als Heu verfüttert wird.

Eine weitere Besonderheit des Hof Gasswies ist das saisonale Kalben: Die Kühe bekommen ihre Jungen immer von Februar bis Mai, im Frühjahr wächst bestes Futter auf den Wiesen. Das ist gut für die Mutterkühe, die nun viel Energie zur Milchproduktion brauchen.

Von Frühjahr bis Herbst dürfen die Kühe auf die Weiden. Dort gibt es frisches Grünfutter, das im Winter als Heu verfüttert wird.

Auf etwa 30 Hektar Grünland blühen ganz unterschiedliche Pflanzen, darunter auch Nahrung für Bienen und andere Insekten. Doch gerade der Einsatz für die biologische Vielfalt bedeutet Einbußen in der Vermarktung. Durch die saisonale Taktung wird die gesamte Herde im Winter "trockengestellt". Sechs bis acht Wochen vor der Geburt werden die Kühe nicht mehr gemolken. In dieser Zeit bekommt die Molkerei "Schwarzwaldmilch" aus Freiburg fast keine Milch vom Biohof. 

Wie viel von deinem Ideal kannst du umsetzen, dass es dabei noch finanziell funktioniert?

"Unsere Kühe geben nur so viel Milch, wie es die Klettgauer Landschaft ermöglicht. Das sind rund 5.000 Liter pro Kuh im Jahr. Das Doppelte wäre theoretisch möglich", erklärt der Betriebsleiter. Und doch sind die Rutschmanns zufrieden. "Ob sich das rechnet, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Die Frage lautet doch: Wie viel von deinem Ideal kannst du umsetzen, dass es dabei noch finanziell funktioniert?"

Autorin: Karin Wilhelm

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Letzte Aktualisierung: 24.05.2016