Demonstrationsbetriebe


Seepointerhof: Schlaue Hennen und ihre Brüder

Josef Bauer beim Hühnerfüttern. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Josef Bauer geht aus ethischen Gründen neue Wege in der Hühnerhaltung.

Josef Bauer ist mutig: Aus ethischen Gründen geht er neue Wege in der Legehennenhaltung mit der Zweinutzungsrasse Sandy. Die weiblichen Tiere wachsen als Legehennen, die männlichen Küken als Masthähnchen auf. Das ist teurer als die übliche Methode, vermeidet aber sinnloses Kükentöten. Der Biolandwirt vom Seepointerhof hält 4.600 Hühner. Was sich rein zahlenmäßig nach Fabrik anhört, wirkt beim Besuch des Hofes ziemlich idyllisch.

Hühner auf der Wiese. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die weißen Hühner der Rasse Sandy sind robust, neugierig und haben eine gute Legeleistung.

Einige weiße Hühner stolzieren dort frei herum und erkunden neugierig ihre Umgebung. "Wir müssen den Zaun höher machen", kommentiert Bauer und ergänzt, dass die "Freigänger" unerlaubterweise täglich aus dem Freiland-Auslauf aufs Hofgelände flattern und dabei recht erfinderisch sind. Sie nutzen Bäume und Vordächer, um dann stufenweise über den Zaun zu kommen. "Dabei haben sie auch in ihrem "korrekten" Auslauf schon eine große Streuobstwiese und somit viel Gelegenheit ihren Bewegungsdrang und ihre Neugierde zu stillen", beschwert sich Bauer, allerdings mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Das Einfangen der entwischten Hennen ist zwar etwas lästig, aber im Großen und Ganzen gefallen ihm die Zweinutzungshühner doch außerordentlich gut. "Sie sind robust und weniger anfällig für Krankheiten, agil und schlau. Sie kapieren schnell, wo Futter und Nester sind und eben auch, wie es über den Zaun geht."

Eier und Fleisch nutzen

Eier. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Eier von Sandy-Hennen können die Kundinnen und Kunden schon an der Farbe erkennen.

Die schlauen Hennen sind von der Rasse Sandy. Der Rest der Herde fühlt sich übrigens auch im Gehege sehr wohl, wo sie ausgiebige Sand- und Sonnenbäder nehmen und fleißig nach Körnern, Insekten sowie Würmern picken und auf die alten Streuobstbäume flattern. Das Besondere dieser Hennen, deren Job es ist, Eier zu legen: Ihre Brüder werden gemästet, so wie es früher üblich war. Heute sieht die Realität so aus: Es gibt "optimierte" Spezialrassen mit hoher Legeleistung von bis zu 320 Eiern pro Jahr, die kaum Fleisch ansetzen. Auf der anderen Seite werden wiederum speziell auf die Mast gezüchtete Rassen binnen weniger Wochen rund und schlachtreif. Infolge der Leistungszüchtung sind die männlichen Küken bei der Legehennenaufzucht unbrauchbar. Sie werden direkt nach dem Schlüpfen vernichtet. "Das war aus ethischen Gründen für uns nicht mehr tragbar", erklärt der Landwirt. Deshalb experimentiert er seit einigen Jahren mit Zweinutzungshühnern, die Eier und Fleisch liefern. "Nachdem wir im Jahr 2014 erst mit 200 Zweinutzungshühnern begonnen haben und im folgenden Jahr auf 600 Hühner aufstockten, wagten wir 2017 den Sprung zu einem ganzen Stall voller Zweinutzungshühner. 2018 stellen wir komplett um. Ich habe mir verschiedene Rassen angesehen und bin bei Sandy gelandet, die gut zu uns passt."

Hennen finanzieren die Bruderhähne mit

Dose und Wurst verpackt. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Bruderhahn-Wurst wird von einem regionalen Metzger gemacht und kommt gut an bei der Kundschaft.

"Das ist schon ein riesiger Schritt in die richtige Richtung, aber noch nicht der Weisheit letzter Schluss", ergänzt Josef Bauer. Warum? Weil auch Sandy noch ein Hochleistungshuhn mit hoher Legeleistung ist und der Preis ihrer Eier die Brüder ein Stück weit mitfinanzieren muss. Die Gockel liefern zwar schmackhaftes Fleisch, sind aber eben viel schmächtiger als "normale" Masthähnchen. Bis das in den Augen der Verbraucherinnen und Verbraucher wieder normal ist, wird es wohl noch ein bisschen dauern. "Wir haben hingegen sehr gute Erfahrung mit Wurstprodukten aus Gockelfleisch gemacht", freut sich Bauer. Ein Metzger der Region verarbeitet das Gockelfleisch und vermarktet es auch sehr erfolgreich. Zudem werden Fleisch und Eier an Großhändler und Naturkostläden sowie Supermärkte (Edeka) verkauft.

Wir wollen mutig sein und diesen ethischen Schritt zurück zur Normalität gehen.

Gerne würde Bauer auch die Gockelbrüder direkt am Hof aufwachsen lassen, aber dazu fehlt es an Platz. Daher übernimmt die Gockelaufzucht ein Biobauer in Österreich. Wieso Österreich? "Weil Zweinutzungshühner dort schon Standard sind", so Bauer. Auch seine Legehennen bekommt er von dort, die Brüder bleiben zur Mast gleich vor Ort. Einziger Wermutstropfen: Die Gockelprodukte sind nicht, wie ansonsten alle Produkte vom Seepointerhof, naturlandzertifiziert, da die österreichischen Partner "nur" nach den EU-Richtlinien des Ökolandbaus wirtschaften.

Zweinutzung ist ein wichtiger Schritt, aber noch nicht das Ende vom Lied. Wir brauchen ein branchenübergreifendes robustes Biohuhn.

Frau verpackt Eier im Hofladen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Neben Eiern gibt es im Hofladen Nudeln aus hofeigenem Getreide und Eiern, Müsli, Braunhirse und natürlich Gockelprodukte.

Eine eigene Nachzucht ist mit Sandy noch nicht möglich. "Das ist eine Zwischenetappe", sagt der engagierte Landwirt. "Langfristig brauchen wir eine Biorasse, die wir selbst vermehren können", ist Bauer überzeugt. Bis dahin fängt er schon mal an, die Situation Schritt für Schritt zu verbessern. Dafür leistet er viel Überzeugungsarbeit, stößt dabei aber größtenteils auf Zustimmung und Verständnis, sowohl bei Groß- als auch bei Privatkunden. Die komplette Umstellung wird aber noch mal spannend: "Der Eierpreis im Hofladen steigt dann um 4 Cent auf 45 Cent, im Einzelhandel kosten die Eier aus Zweinutzungshaltung um die 60 Cent. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind, weil wir dem Tierwohl und dem natürlichen Kreislauf wieder mehr gerecht werden. Das honorieren Verbraucherinnen und Verbraucher von heute glücklicherweise." Obwohl die neuen Ideen noch in der Umsetzungsphase sind, denkt Josef Bauer schon wieder über weitere Schritte nach: zum Beispiel Partner für die Aufzucht der Gockel in der Region zu finden und sie gemeinsam mit "normalen" Masthähnchen nach den Richtlinien von Naturland aufzuziehen.


Autorin: Hella Hansen

Hier finden Sie das demoSPEZIAL zum Herunterladen und Ausdrucken.


Betriebsporträt: Seepointerhof

Betriebsleiterehepaar im Getreidefeld. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.

Josef Bauer stellte bereits 1990 die Ackerflächen des Seepointerhofs bei Kumhausen auf ökologischen Landbau nach Naturland-Richtlinien um. Mit der Betriebsübernahme folgte auch die Umstellung der Hühnerhaltung.
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Letzte Aktualisierung: 06.11.2017