Demonstrationsbetriebe


Sozialer Ökohof St. Josef: Verantwortung und Vertrauen

Betriebsleiter Dr. Menger erklärt, wie er seine Gurkenpflanzen schützt. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Nützlinge als biologischer Pflanzenschutz: Sie fressen Ungeziefer, ohne den Gewächsen dabei zu schaden.

"Unsere Arbeitswelt ist hart", weiß Dr. Andreas Menger, Betriebsleiter des Sozialen Ökohof St. Josef, im niedersächsischen Papenburg. Psychischer Stress, Termin- und Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und technische Herausforderungen – all das ist heute an der Tagesordnung. Viele Menschen sind diesen Anforderungen nicht gewachsen. Die Konsequenz: Wer nicht "funktioniert", fällt durchs Raster. Der Bioland-Betrieb St. Josef bietet betroffenen Menschen – solchen mit Behinderung und Langzeitarbeitslosen – eine berufliche Perspektive in der Landwirtschaft. Hier bekommen sie die Chance und Zeit, sich ihren Möglichkeiten und Talenten entsprechend individuell zu entwickeln. Denn, davon ist Menger überzeugt, "jeder Mensch hat in gleicher Weise Anrecht auf Teilhabe an einem geregelten Arbeitsleben." 

Verschiedenheit akzeptieren

Die Gewächshäuser des Sozialen Ökohof von oben. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
In den Gewächshäusern wachsen neben Klassikern wie Tomaten, Gurken, Kohlrabi und Kräutern auch Peperoni.

Der Hof St. Josef ist ein mittelständisches Unternehmen mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er ist ein wirtschaftlicher Betrieb, der das Ziel hat, biologische Lebensmittel zu produzieren und zu verkaufen. Die Besonderheit ist: Seit 2004 ist der Demonstrationsbetrieb als Werkstatt für Menschen mit Behinderung anerkannt. "Allerdings ist der Hof keine klassische Werkstatt, sondern ein ganz normaler Bauernhof", betont Andreas Menger. Sein Konzept sieht vor, Menschen mit Behinderung und Langzeitarbeitslose gemeinsam zu beschäftigen und ihnen eine berufliche Perspektive zu bieten. Den Begriff "Inklusion" vermeidet der Betriebsleiter bewusst, denn er ist überzeugt: "Inklusion kann man nicht machen, Inklusion ist ein Menschenrecht. Dazu müssen wir die Verschiedenheit der Menschen akzeptieren und sie als Teil unserer Gesellschaft betrachten." Auf dem Ökohof funktioniert das, denn in Mengers Augen ist jeder, der am Wirtschaftsgeschehen teilnimmt, automatisch ein Teil der Gesellschaft.

Inklusion kann man nicht machen, Inklusion ist ein Menschenrecht.

Menschen fördern und fordern

Ein Mitarbeiter bei der Tomatenernte. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Auch dieses Jahr hofft das Team auf gute Erträge. Im letzten Jahr konnten sie 14 Tonnen Tomaten ernten.

Verantwortung und Vertrauen – beides ist entscheidend für das Projekt. Als Betriebsleiter und Geschäftsführer ist es Dr. Menger wichtig, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwortung übernehmen – für ihre Aufgaben, für sich selbst und ihre Interessen. "Im Gegenzug muss man ihnen vertrauen und Dinge zutrauen", weiß Menger. Diese Erfahrungen sind wichtig, denn viele der Menschen, die auf den Hof kommen, haben ihr Selbstvertrauen verloren. Bei der Arbeit sollen sie es zurückgewinnen und Pflichtbewusstsein entwickeln. Andreas Menger plädiert daher dafür, sie zu fordern, auch, wenn das möglicherweise Konfliktpotenzial liefert. "Aber das kommt in allen Berufen vor. Insofern unterscheiden wir uns als Arbeitgeber nicht wesentlich von anderen", fasst er zusammen.

Aufgaben im Team meistern

Nahaufnahme saftig grüner Petersilienpflanzen in Töpfen. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Tätigkeiten auf dem Ökohof sind genauso vielfältig wie die 32 Gemüsesorten, die hier angebaut werden.

Laut Andreas Menger ist Landwirtschaft prädestiniert für soziale Projekte. Besonders der Ökolandbau bietet eine große Vielfalt an Aufgaben, die Menschen mit Beeinträchtigungen übernehmen können. Dadurch, dass die Arbeitsabläufe weniger technisch sind, können sie in individuellem Tempo gestaltet werden. St. Josef hält ein buntes Potpourri an Tätigkeiten bereit: Gemüsepflege und -ernte, Füttern der Hühner, Wiegen und Verpacken der Eier sowie Stadtgarten- und Schulbeet-Pflege – da ist für jedes Talent etwas dabei. Und falls nicht, wird sofort flexibel auf die jeweiligen Fähigkeiten der Person reagiert und eine geeignete Aufgabe gefunden. Besonders wertvoll, da ist sich Dr. Menger sicher, ist, dass die Natur auf unser Tun reagiert: "Erledige ich meine Arbeit gewissenhaft, ernte ich Ertrag und sehe Erfolge; mache ich einen Fehler, hat er sichtbare Auswirkungen." Dieser Ansatz hat allerdings nichts mit "Kuschelpädagogik" zu tun. "Der Betrieb als Betrieb muss rollen; und das weiß hier auch jeder", fügt Menger bestimmt hinzu. Die Nachfrage nach den Bioprodukten des Hofs ist groß. Gerade in der Hauptsaison, "wenn es brummt", muss es laufen: "Da wird der Kommandoton auch schon mal etwas deutlicher." Auch wenn das Arbeiten unter Zeitdruck für viele eine Herausforderung ist, sind am Ende alle stolz, die Aufgabe als Team gemeistert zu haben.

Flexibel, offen und mutig sein

Nahaufnahme brauner Hühner. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Auf 12.000 Quadratmetern Freiland, sind 2.700 glückliche Hühner zu Hause, die täglich rund 2.400 Eier legen.

Der promovierte Diplom Psychologe Dr. Andreas Menger startete sein Berufsleben in einer klassischen Pflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderung. Die Erlebnisse dort schreckten ihn so sehr ab, dass er kurzerhand beschloss, selbst aktiv zu werden. 1989 gründete er mit Gleichgesinnten einen Verein und rief den Sozialen Ökohof St. Josef ins Leben. Heute arbeiten in den Bereichen Gartenbau, Ackerbau und Hühnerhaltung sowie in der Hauswirtschaft, die das Hof-Café mit Kuchen beliefert, mehr als dreimal so viele Menschen wie zu Beginn. Und der kreative Kopf sprüht nur so vor Ideen für die Zukunft. Was ihn dabei antreibt? – Seine ständige Neugierde, verrät er.   

Der Betrieb als Betrieb muss rollen; und das weiß hier auch jeder.

Auf die Frage, ob dieses Arbeitsmodell auch für andere Höfe realisierbar sei, antwortet er mit einem entschiedenen "Ja!". Bei der Arbeit mit benachteiligten Menschen bedarf es keiner speziellen betrieblichen Voraussetzungen, vielmehr liegt es an der persönlichen Einstellung. Interessierten Kolleginnen und Kollegen rät Andreas Menger: "Seid flexibel, offen und mutig!" 


Autor: Sarah Cordes

Hier finden Sie das demoSPEZIAL zum Herunterladen und Ausdrucken.


Betriebsporträt: Sozialer Ökohof St. Josef e.V.

Das Team des Ökohofes St. Josef. Klick führt zur Großansicht in neuem Fenster.

Der Verein Sozialer Ökohof St. Josef im niedersächsischen Papenburg wurde 1989 unter Mitwirkung von Pastor Weusthof gegründet. Seit 1990 gelten auf dem landwirtschaftlichen Betrieb die Bioland-Richtlinien. Begonnen hat alles mit Projekten für Langzeitarbeitslose. Im Jahr 2004 wurde der Betrieb als Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) anerkannt.
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Letzte Aktualisierung: 06.06.2017