Demonstrationsbetriebe


Vauß-Hof: Viel Energie, weniger Ressourcen

Hofgebäude. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Altes Gemäuer: 1146 erstmalig erwähnt stammt "Vauß-Hof" von Vogt, dem bischöflichen Geldeintreiber.

Marius Pötting wollte eigentlich nicht in die Landwirtschaft, heute lebt er mit der ganzen Familie auf ökologische Weise – und das im wahrsten Wortsinn mit viel Energie. Denn auf dem Vauß-Hof entstehen nicht nur Lebensmittel, sondern durch Photovoltaik und das eigene Windkraftrad auch so viel regenerativer Strom, wie 700 Einfamilienhaushalte im Jahr benötigen. Doch das ist nur ein kleiner Teil einer großen Philosophie, die bei Marius Pötting ganz einfach klingt. Er plädiert dafür, sich grundsätzliche Fragen zu stellen und diese zu Ende zu denken. Wie er damit konkret Ressourcen schont, erlebt man auf seinem Hof.

Landwirtschaft verbindet das Hier mit der Welt  

"Ich habe Landwirtschaft gehasst", beginnt Marius Pötting das Gespräch auf dem Vauß-Hof. Angesichts der Atmosphäre an diesem Spätsommernachmittag kaum vorstellbar: Aus roten, teils mit Efeu bewachsenen Backstein-Gebäuden blicken blonde Pferdeköpfe, an einem Baum baumelt eine Schaukel. Das Hänseln als "Stinkebauer" in der Schule hatte ihm den Beruf seines Vaters zunächst verleidet. Der Freiwilligendienst bei den Steyler Missionaren in Brasilien und Honduras ließ ihn jedoch umdenken.  

Wenn man erlebt, dass der Himmel nicht der Sonne wegen glüht – das vergisst man nicht.

Rinderstall voller Solarpanele. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Der Rinderstall wird langsam, aber stetig ausgebaut. Energie "von außen" braucht er aber nicht.

Bei der Arbeit mit landlosen Bäuerinnen und Bauern erfuhr Pötting, dass "Menschen für ein Stück Land sterben würden" und er überflog brennende Regenwälder: "Wenn man erlebt, dass der Himmel nicht der Sonne wegen glüht – das vergisst man nicht." Er erkannte die Landwirtschaft als Handlungsraum, der die Arbeit vor Ort mit der Welt verbindet. Zurück in Deutschland begann er deshalb das Studium zum Agraringenieur und reaktivierte 2002 den 1987 von seinen Eltern geschlossenen Betrieb. 2007 dann die Umstellung auf "Bio".

Grundsätzliche Fragen statt Masterplan

Windkraftanlagen auf freiem Feld. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Das 100 Meter hohe Windrad wird bald durch ein 230 Meter hohes "Bürger-Windrad" ersetzt, um mehr Menschen zu beteiligen.

Einen Masterplan hatte Marius Pötting nicht, nur das Ziel, den Stoffkreislauf seines Hofes zu schließen. Dabei stellte er sich "ganz grundsätzliche Fragen". Zum Beispiel: Wo wird am meisten Primärenergie verbraucht? So ersetzte er zunächst die Ölheizung durch einen Scheitholzkessel. Der Turbo in Sachen Energie war jedoch die Photovoltaik – und ein glücklicher Umstand: Durch einen Freund bekam Pötting beim Einkauf von Solarmodulen bessere Konditionen. So wuchs mit dem Betrieb auch die Anzahl der Anlagen und mit ihr auch die Nachfrage von außen. Pötting wurde eine Zeit lang zum Subunternehmer im Zeichen der Sonne, beriet Interessierte und installierte Anlagen. Dies ermöglichte ihm, 2009 gemeinsam mit Studienfreunden in eine eigene Windkraftanlage investieren zu können. Seitdem produziert sie 1,5 Millionen Kilowattstunden (kW/h) Strom pro Jahr, die Solarmodule 300.000 kW/h. Dies entspricht insgesamt dem Bedarf von 700 Einfamilienhaushalten im Jahr.   

Kleines Elektro-Auto. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Seit 2010 fließt der "selbstgemachte" Strom auch in ein E-Auto. Auf Verbrennungsmotoren kann man aber noch nicht verzichten.

Die Investitionen haben sich gerechnet. Zunächst durch die garantierte Einspeisevergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sowie die Produktion für den Eigenverbrauch. Heute ist der Vauß-Hof Teil eines Zusammenschlusses von Produzierenden dezentralen Stroms, die diesen gemeinsam an der Leipziger Strombörse handeln und damit Energiekonzernen Konkurrenz machen und optimale Preise erzielen. Marius Pötting sieht in der Stromerzeugung eine große Chance für die gesamte Landwirtschaft – auch wenn man keine direkten Kontakte in die Branche besitzt: "Der Strompreis kennt nur eine Richtung, die nach oben. Wenn sich eine Anlage bei heutigen Strompreisen rechnet, brauche ich nicht lange überlegen." Die meisten Höfe bringen ihm zufolge "einen guten Grundstock" dafür mit, zuallererst Platz. Betriebe, die sich für Stromerzeugung interessieren, sollten sich zum Beispiel auf seinem Hof ansehen, wie es funktionieren kann. Außerdem sollten sie auf langsames Wachstum setzen und aktiv auf mögliche Partner zugehen, um sich ein Netzwerk aufzubauen, "angefangen beim guten Draht zum örtlichen Elektriker".

Ein schlüssiges, authentisches und glaubwürdiges Ganzes

Pumpenwagen vor Gewächshaus. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Ein ehemaliger Pumpenwagen der Feuerwehr versorgt Gewächshaus und Freiflächen mit Regenwasser.

Der Vauß-Hof ist dem Ziel des geschlossenen Energie-Kreislaufes sehr nahe. Der Scheitholzkessel ist mittlerweile Teil eines Heiznetzwerkes für Gebäude und Wasser, das aus eigenen Brunnen kommt. Eine Hackschnitzelheizung, eine mit der Universität Kassel zu Forschungszwecken realisierte Solarthermie-Anlage sowie große Wärmespeicher befinden sich im ehemaligen Nachbarhof. Die Hackschnitzel stammen von gehäckselten Kopfweiden, ein typisches Gewächs des Paderborner Landes, das ohne regelmäßiges "Köpfen" auseinanderbricht. Pötting übernimmt diese Arbeit für die Gemeinde und verhindert damit nicht nur, dass seine Familie kalte Füße bekommt, sondern auch den Verlust traditioneller Kulturlandschaft. Eine Idee so einfach wie genial, entstanden aus der Frage, wie sich Holz am nachhaltigsten nutzen lässt.

Der Vauß-Hof schont Ressourcen, indem das genutzt wird, was andere leichtfertig wegwerfen. Die Wasserpumpe für das Gewächshaus der Solidarischen Landwirtschaft ist ein ausrangierter Pumpenwagen der Feuerwehr, gebaut wird mit Rest-Beton, Altholz und anderen wiederverwertbaren Baustoffen. So viel Konsequenz kann einschüchtern. Doch Marius Pötting weiß, "es ist eine Frage des Trainings. Ich versuche einfach, grundsätzliche Fragen zu Ende zu denken." Er mag Landwirtschaft mal gehasst haben. Heute spürt man allerdings, dass er sie liebt. Denn sie ermöglicht ihm, Prozesse auf seine Weise nachhaltig zu gestalten. Das ergibt auch für die Kunden "ein schlüssiges, authentisches und glaubwürdiges Ganzes".

Autor: Constantin Härthe

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Letzte Aktualisierung: 24.10.2016