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Zu Besuch im Biobauernhofkindergarten

Frauenportrait im Grünen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Erzieherin Franziska Hampl leitet und liebt den Bauernhof-Waldkindergarten. Foto: SÖL/Gabriel Werchez

Ein Biohof ist der ideale Ort für einen Bauernhofkindergarten. Warum das so ist, erklärt Franziska Hampl, Leiterin des Bauernhof-Waldkindergartens der Stiftung Ökologie und Landbau (SÖL) im Interview. In der an den stiftungseigenen Schulbauernhof angegliederten Einrichtung in der Südpfalz schnuppern 25 Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren täglich Landluft.

Oekolandbau.de: Was ist das Besondere am Bauernhof-Waldkindergarten?

Hampl: Der Kindergarten ist aus einem Waldkindergarten entstanden und wir haben dessen Konzept beibehalten. Das bedeutet für den pädagogischen Alltag, dass wir jeden Vormittag komplett draußen sind. Diese Zeit verbringen wir entweder auf dem Bauernhof, den Wiesen und Feldern des Hofes oder im Wald. Die Räumlichkeiten im Bauernhof nutzen wir für das Mittagessen und die Nachmittagsbetreuung.

Außengeländer der Bauernhofkita. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Viel Platz: Das Kindergartenaußengelände am Hof. Foto: SÖL

Oekolandbau.de: Aber warum sind Bauernhof und Wald Teil des Konzeptes? Eines der beiden würde doch schon reichen…

Hampl: Der Waldkindergarten war in den ersten 15 Jahren eine Elterninitiative. Als dann über dessen Zukunft nachgedacht wurde, schaltete sich der naheliegende Bauernhof ein. Da die Gemeinde gerade weitere Kitaplätze benötigte, bot der Betriebsleiter an, passende Räumlichkeiten auf dem Bauernhof für die Kita auszubauen. Dadurch konnten wir auch eine Nachmittagsbetreuung und Mittagessen anbieten. Die Eltern waren in die Konzeption stark eingebunden. Sie wollten die Zeit im Wald und im Freien gerne beibehalten. Außerdem ließen sich beide Aspekte an unserem Standort gut miteinander vereinbaren.

Oekolandbau.de: Welchen pädagogischen Mehrwert bietet Ihre Kita?

Hampl: Die Jahreszeiten geben bei uns den Tagesablauf vor und wir nehmen an der Betriebsroutine des Hofes teil. Diese Themen können wir direkt aufgreifen und für die Kinder pädagogisch aufbereiten. Da sie den betrieblichen Alltag mitbekommen und sehen, wenn beispielsweise Getreide geerntet oder das Vieh gefüttert wird, kommen viele Themen auch direkt von ihnen. Indem die Kinder all das unmittelbar sehen und erfahren, lernen sie sehr viel direkter. Das hat den Vorteil, dass wir die Lernsituation nicht künstlich herstellen müssen. Alle Lernfelder sind real.

Kind bei Heuernte. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Kinder beobachten den Bauern bei der Arbeit. Foto: SÖL

Oekolandbau.de: Welche besonderen Erfahrungen machen Kinder in Ihrem Kindergarten?

Hampl: Sie haben echten Kontakt mit Tieren und lernen, wo unser Essen herkommt. Wir besuchen die Hühner und die Kinder dürfen die Eier holen. Im Sommer backen wir mit selbst gepflückten Johannisbeeren einen Kuchen. Das Mehl dafür mahlen wir aus dem eigenen Getreide. Solche Erfahrungen können Kinder heute nur noch selten machen.

Oekolandbau.de: Warum ist die Einrichtung gerade an einen ökologisch wirtschaftenden Hof angeschlossen?

Hampl: Konventionelle Betriebe sind oft sehr spezialisiert auf Ackerbau oder Viehzucht. Unser eher pädagogisch ausgerichteter Schulbauernhof ist äußerst vielseitig und bietet den Kindern dadurch zahlreiche Lernsituationen. Die ökologische Landwirtschaft entspricht dem, was wir den Kindern im Sinne einer nachhaltigen Lebensmittelerzeugung vermitteln wollen. Einer unserer wichtigsten Grundsätze ist es, dass wir die Natur wertschätzen. Wir sind nur Gäste, ob wir uns nun im Wald oder auf der Wiese befinden. Wir hinterlassen dort keinen Müll und zerstören auch nicht den Lebensraum der Tiere. Im Ökolandbau arbeitet der Betrieb mit der Natur und der Erde in einem stetigen Kreislauf. Die Kinder erleben artgerechte Tierhaltung. Sie verinnerlichen diese Erfahrungen und erzählen sie weiter.

Huhn mit Kinderhand. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Beim Hühner füttern lernen die Kinder Geduld. Foto: SÖL

Oekolandbau.de: Wie sieht denn ein typischer Tagesablauf in Ihrer Bauernhof-Waldkita aus?

Hampl: Morgens treffen wir uns alle unterhalb vom Hof und laufen anschließend gemeinsam zu unserem Tagesziel. Das kann der Bauernhof sein oder einer unserer Wald- und Wiesenplätze. Unterwegs lassen wir den Kindern Raum, ihre Umgebung zu entdecken. Am Ziel angekommen machen wir unseren Morgenkreis, bei dem wir den Tagesablauf mit den Kindern besprechen und frühstücken. Für die Kleinen ist der Vormittag um 11:30 Uhr, für die Großen um 12:30 Uhr mit einem Schlusskreis beendet. Alle Kinder, die bis zum Nachmittag bleiben, gehen mit uns zum Bauernhof. Dort gibt es Mittagessen vom Hof. Die Betreuung geht dann bis 16 Uhr. Meistens erforschen die Kinder den Hof, schauen Bücher an oder basteln. Auf dem Hof fallen immer wieder besondere Arbeiten an, wie zum Beispiel die Schafschur oder die Heumahd. Da sind wir mit den Kindern immer dabei.

Oekolandbau.de: Worauf müssen die Erzieherinnen in Feld, Wald und Stall besonders aufpassen?

Hampl: Die Gruppe wird nicht durch den geschlossenen Raum zusammengehalten, sondern durch die Gruppe als solche. Deshalb müssen die Erzieherinnen natürlich wachsamer sein. Wir haben dazu Regeln aufgestellt. Beispielsweise haben wir Wartepunkte festgelegt, bei denen vorausrennende Kinder auf alle anderen warten müssen. Die Kinder lernen diese Regeln sehr schnell und halten sich auch daran. Wir müssen auf das Wetter achten. Bei Sturmwarnung gehen wir nicht in den Wald und bei starker Sonneneinstrahlung suchen wir uns schattige Plätze. Auf dem Hof dürfen die Kinder nicht auf Maschinen oder Anhänger klettern. Zu den Tieren dürfen sie nur in Begleitung. Außerdem dürfen die Kinder Kräuter und Beeren nicht einfach abpflücken und essen. Sie sollen Bescheid sagen und dann besprechen wir das. Mit der Zeit lernen sie auch selbst, die Pflanzen zu bestimmen.

Kinder im Schweinestall. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Artgerechte Tierhaltung vorsichtig erleben Foto: SÖL

Oekolandbau.de: Wie finden interessierte Eltern solche Kindergärten in ihrer Nähe?

Hampl: Auf der Internetseite der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BagLoB) e.V. findet sich ein Verzeichnis zahlreicher Einrichtungen. Die Arbeitsgemeinschaft kann auch direkt angefragt werden und hilft Interessierten weiter.

Oekolandbau.de: Wie lässt sich so ein Bauernhof-Kindergarten gründen?

Hampl: Zuerst muss eine Landwirtin oder ein Landwirt gefunden werden, der mitmachen möchte. Oft sind es Erzieherinnen und Erzieher, die auf Hofsuche gehen. Dann muss die Gemeinde im Boot und der Platzbedarf da sein. In vielen Behörden ist das Konzept Bauernhofkindergarten unbekannt, die betrachten den Bauernhof eher als Gefahrenquelle für Kinder. Das kann schon mal bis zu zwei Jahre dauern, wenn dort viel Überzeugungsarbeit nötig ist.


Letzte Aktualisierung: 29.08.2018