Verbraucher


Biowein ernten und erleben

Frau erntet Weintrauben. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Mal raus aus Alltag: Die Weinlese verspricht Abwechslung. Foto: BLE, Dominic Menzler

Natürlich lässt sich der ökologische Rebensaft bequem auf dem Sofa genießen. Doch wer wirklich wissen will, wie Biowein entsteht, kann im Herbst bei der Lese mithelfen. Einen Tag lang Biowinzerin oder Biowinzer zu sein, ist ein echtes Erlebnis. Das schaffen auch Laien.

Zugegeben stundenlang am steilen Hang stehen und Trauben pflücken, danach den schweren Korb zur Sammelstelle schleppen - so eine Weinlese per Hand ist kein Honigschlecken. Trotzdem war die Verbraucherin Soja Lukenda begeistert. Eine ganze Woche hat die Stuttgarterin auf dem Bioland Weingut Stritzinger in Klingenberg am Main mitgeholfen. Die Idee dazu, geisterte ihr schon länger im Kopf herum, eine beim ökologischen Anbauverband gewonnene Weinlesewoche machte es möglich: "Ich wollte immer gerne wissen, wie die Traube in die Flasche kommt, welche Schritte ein Wein durchläuft, bis wir ihn kaufen können." Als aktive Food-Bloggerin beschäftigt sich die 29-Jährige schon seit Jahren intensiv mit Lebensmitteln. "Besonders interessieren mich die Herstellungsweisen und Verarbeitung von Lebensmitteln, die nicht industriell hergestellt und hochgradig industriell verarbeitet sind. Dazu passt die Weinlese bei einem Biobetrieb sehr gut."

Frau vor Weinberg. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Sonja Lukenda vor "ihrem" Weinberg. Foto: Sonja Lukenda

Erlebnisse im Weinberg und Keller

Vor allem Winzerinnen und Winzer mit Direktvermarktung ermöglichen ihrer Kundschaft im Weinberg mitzuhelfen. So bietet beispielsweise das rheinhessische Spitzenweingut Brüder Dr. Becker im September ein Weinerlebniswochenende an. Auf dem Programm des Demeter Betriebes stehen frische Trauben pflücken und kosten, den Rücken beugen und danach in Keller und Kelter die Weinverarbeitung kennenlernen. Beim fränkischen Weingut Familie Stritzinger können Verbraucherinnen und Verbraucher im Rahmen der bayrischen Ökoerlebnistage ebenfalls einen Tag lang Weinleserinnen und Weinleser sein. 

Die meisten Biowinzerinnen und Biowinzer machen daraus jedoch kein eigenes Event. Wer ein Weingut in seiner Nähe kennt, kann dort einfach nachfragen. Die Ernte beginnt in der Regel Mitte September. Sonja Lukenda möchte ihre Arbeit im Weinberg jedenfalls nicht missen "Ich wusste guten Wein schon vorher zu schätzen, aber nach der Weinlese war das definitiv nochmal sehr viel bewusster. Diese Erfahrung sollte jeder Weinliebhaber einmal gemacht haben. Ich werde in jedem Fall auch wieder zur Weinlese gehen, das steht fest."

Herbstlicher Weinberg. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Herbstliche Weinberge laden zu Spaziergängen ein. Foto: Andreas Greiner

Länger und weltweit ernten…

Während sich ein Tag Weinlese relativ spontan erleben lässt, müssen richtige Erntejobs meist längerfristig geplant sein. In aller Welt Wein und mehr ernten, können Menschen beim WWOOFen. Das Netzwerk World-Wide Opportunities On Organic Farms (WWOOF) vermittelt Freiwilligen Kontakte zu ökologisch arbeitenden Betrieben. Zum Beispiel zum Ecovin Weingut Brühler Hof in Volxheim/Rheinhessen. Hier sind von Januar bis Ende Oktober zupackende Menschen willkommen. "Üblicherweise bleiben WWOOFer mindestens eine Woche bei uns. Sieben Tage haben sie Kost und Logis frei, vier Tage davon helfen sie im Weinberg", erklärt Winzer Hans-Peter Müller. Auch im Weinland Frankreich lassen sich über WWOOF France interessierte Betriebe finden. In unserem Nachbarland ist die Weinlese ein beliebter Studentenjob. Alternativ können Interessierte auch auf dem Portal von Work and Travel nach Jobs umschauen. Wer zur europäischen Weinernte im Herbst keine Zeit hat, kann auf neuseeländischen Weingütern mithelfen. Dort ist der Mai der Haupterntemonat.   

…oder doch lieber aktiv genießen

Aber auch nach und vor der Ernte stehen viele Bioweingüter Gästen offen. Im Herbst und Winter gibt es überall Verkostungen. Die neuen Jahrgänge gibt es in Reinkultur zu kosten, aber häufig auch in Verbindung mit einem guten Essen. Spezielle Sensorikseminare schulen unseren Gaumen. Wer wollte nicht schon einmal wissen, was Weinexpertinnen und Weinexperten aus einem einfach Gläschen Wein so alles herauslesen können. Im Frühjahr lassen sich die Winzerinnen und Winzer beim Pflegen der Reben über die Schulter schauen. Und im Sommer empfehlen sich Wanderungen durch lebendige Bioweinberge. Blühende Pflanzen wie Esparsetten, Inkarnatklee und Lupinen sammeln Stickstoff für die Reben (Gründüngung), bieten zahlreichen Insekten eine Heimat und sind eine Augenweide. Verschiedene Reiseanbieter bieten auch mehrtägige Weinwanderdungen oder Radtouren an. Neuerdings gibt es in Zusammenarbeit mit dem auf ökologischen Weinbau spezialisierten Verband Ecovin sogar erste Bioweinreisen. Zum Beispiel in der Pfalz.


Letzte Aktualisierung: 24.08.2016