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Mehr lernen auf dem Biohof

Anja Kirchner. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Anja Kirchner organisiert seit zehn Jahren bauernhofpädagogische Aus- und Fortbildungen. Foto: Anja Kirchner

Auf einem Biohof können wir viel lernen. Was die Bauernhofpädagogik alles bietet, erklärt die Agraringenieurin Anja Kirchner vom Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BAGLoB).

Oekolandbau.de: Was ist eigentlich Bauernhofpädagogik?

Kirchner: Der Begriff wurde bei der ersten Qualifizierung zur Bauernhofpädagogik 2005 in Schleswig-Holstein ins Leben gerufen. Charakteristisch sind individuelle auf den Hof zugeschnittene Angebote und erlebnispädagogische Elemente in der Landwirtschaft. Solche Angebote gibt es nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche, Erwachsene und sogar Senioren.

Kinder bei der Apfelernte. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Einfach mitmachen: Kinder ernten Äpfel
Foto: Andreas Greiner

Oekolandbau.de: Wer darf sich überhaupt Bauernhofpädagogin oder Bauernhofpädagoge nennen?

Kirchner: Wer an einer mehrtägigen Qualifizierung Bauernhofpädagogik teilnimmt, erhält nach erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat. Um das zu bekommen, müssen die Teilnehmenden außer praxisnahen Fortbildungstagen, ein Projekt mit einer Gruppe und eine Hospitation bei erfahrenen Kolleginnen oder Kollegen absolviert haben. Mehrtägige Qualifizierungen zur Bauernhofpädagogik gibt es derzeit in Schleswig-Holstein, Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Da können sich auch Erzieher und Erzieherinnen und naturpädagogisch Interessierte ausbilden lassen.

Kind füttert Kühe. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Tiere füttern macht allen Kindern Freude.
Foto: Anja Kirchner

Oekolandbau.de: Was können Kinder auf einem Biobauernhof alles lernen?

Kirchner: Oh, da können sie sehr viel lernen. Wichtig im Sinne von Bildung von nachhaltiger Entwicklung ist, dass die Kinder auf dem Bauernhof nicht nur landwirtschaftliches Fachwissen serviert bekommen, sondern selbst handeln. Zum Beispiel können die Kinder bei jahreszeitlichen Projekten rund um die Kartoffel beim Setzen, Hacken und Ernten der Knollen viel erleben. Dabei erfahren sie aus eigener Hand, wie Landwirtschaft funktioniert und wie abhängig sie vom Wetter ist. Das schafft ein Bewusstsein für unsere Lebensgrundlage. Wir sollten doch wissen, woher unsere Lebensmittel kommen. 

Oekolandbau.de: Auch konventionelle Betriebe haben pädagogische Angebote. Was lässt sich auf einem Biohof besonders gut lernen?

Kirchner: Die Biobäuerinnen und Biobauern sind "Lehrer" für Nachhaltige Entwicklung. Sie haben vor vielen Jahren einen Weg eingeschlagen, der einen nachhaltigen Umgang mit Gemeinschaftsgütern wie Boden, Luft und Wasser ermöglicht. Sie übernehmen Verantwortung für sich und die Gesellschaft. Auf Biobetrieben wird Nachhaltigkeit authentisch gelebt: Welcher Lernort eignet sich also besser für die Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung als ein Ökohof mit Bildungsangebot?

Oekolandbau.de: Welche Angebote für Jugendliche und Erwachsene gibt es?

Kirchner: Viele Jugendliche sind heute kaum noch hinter ihrem PC hervorzulocken. Doch gerade Jungs lassen sich mit der richtigen Anleitung für landwirtschaftliche Tätigkeiten begeistern. Besonders gerne beweisen sie ihre Kraft, zum Beispiel beim Ausmisten. Erwachsene haben oft sehr romantische Vorstellung vom Leben auf dem Biohof. Sie sehnen sich nach Einfachheit und Bodenständigkeit. Entsprechend sollten auch die Großen in die heutige Landwirtschaft eintauchen können. Ideal sind Angebote, die informative Führungen mit "Erlebniselementen" verbinden. Wer selbst Nudeln herstellt, Brot backt oder eine Wollwerkstatt besucht, weiß wie viel Arbeit das macht, aber auch wie viel Sinn und Freude darin stecken.

Oekolandbau.de: Welche Programme empfehlen Sie besonders für Kinder?

Kirchner: Viele Höfe bieten mittlerweile sogenannte Jahreskurse an. Diese sind besonders nachhaltig, weil die Kinder regelmäßig - meist einmal im Monat - einen Nachmittag auf dem Hof mithelfen. Dabei ist das jeweilige Programm an die Jahreszeit und die dann anfallenden landwirtschaftlichen Tätigkeiten angepasst. So erleben die Kinder ein ganzes Jahr Landwirtschaft selbst als Bauer oder Bäuerin. Zum Reinschnuppern eignet sich besonders ein Kindergeburtstag auf dem Biohof.

Junge im Heu. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Heu riechen, fühlen und erleben. Foto: Jutta Schneider-Rapp

Oekolandbau.de: Müssen diese Aktionen etwas kosten?

Kirchner: Das Engagement der Bäuerinnen und Bauern sollte auf jeden Fall honoriert werden. Schließlich stellen die Bäuerinnen – die meisten Pädagogen sind weiblich – ihre Zeit und ihre Höfe zur Verfügung, um den Schulunterricht mit Praxiswissen zu ergänzen oder besondere Erlebnisse mit Tieren oder in der Natur zu ermöglichen. Einigen Höfen gelingt es, sich damit ein Zusatzeinkommen zu erwirtschaften. 

Oekolandbau.de: Wo und wie finde ich Höfe, die solche Aktionen anbieten?

Kirchner: Viele der Demonstrationsbetriebe bieten Angebote für Kinder und Erwachsene an. Die Bioverbände haben Listen von Höfen mit pädagogischen Angeboten ihrer Mitgliedsbetriebe, Interessierte können entweder direkt auf der Homepage suchen oder dort nachfragen. Geeignete Betriebe finden sich außerdem auf der Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BAGLoB).


Letzte Aktualisierung: 20.01.2016