Verbraucher


Schwärmen für regionale Produkte

Verbraucherin probiert Aufstrich am Marktstand. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Heute probieren und beim nächsten Mal bestellen – so läuft die Schwärmerei. Foto: Marktschwärmerei Stuttgart

Konzept Selfmade-Markt

Jeden Freitag öffnet die Marktschwärmerei in Stuttgart: im Sommer draußen und im Winter im Keller der Cannstatter Kulturinsel. Bisher holen gut zwanzig Verbraucherinnen und Verbraucher hier ihre vorbestellten Waren ab und reden ein bisschen mit den Bäuerinnen und Bauern über Wetter und Waren. Das sind das ganze Jahre über Fruchtsäfte von heimischen Streuobstwiesen, Fleisch vom Angler Sattelschwein und Biorind sowie Eier, Öle, Honig und Biobrot. Nur das Gemüseangebot variiert stark nach Saison. Im Sommer und Herbst herrscht eine bunte Vielfalt an Obst und Gemüse. Im Winter dominieren Rote Beete, Kohl und Co. Zitrusfrüchte und andere Importwaren sind tabu. "Der Reiz bei uns ist, dass die Erzeuger hier nur das verkaufen, was sie selbst herstellen. Handelsware wie auf dem Wochenmarkt und in Hofläden, gibt es grundsätzlich nicht", erläutert Thomas Schädler, der die Stuttgarter Schwärmerei aufgebaut hat und organisiert.

Die Idee

Die Stuttgarter ist eine von derzeit rund neunzig bereits aktiven oder im Aufbau befindlichen Schwärmereien zwischen Flensburg und Freiburg. Hochburg ist Berlin. Sie alle firmieren unter dem Dach der deutschen Marktschwärmer. Das gemeinwohlorientierte Start-up Unternehmen will mit einer Internetplattform Verbraucherinnen und Verbrauchern den Zugang zu regionalen Lebensmitteln erleichtern und gleichzeitig den persönlichen Kontakt zwischen Kundinnen und Kunden und Erzeugerinnen und Erzeugern herstellen. Die Idee zu den selbst organisierten Miniwochenmärkten stammt aus Frankreich und nennt sich dort La Ruche qui dit Oui! ("Der Bienenkorb, der Ja sagt").  Die deutschen Marktschwärmer sind mit internationalen Namen "Food Assembly" gestartet, haben sich dann aber passend zum heimischen Konzept umgetauft. Mittlerweile gibt es diese modernen online-basierten Verkaufstreffen in vielen Ländern Europas. Die jeweiligen nationalen Dachorganisationen beraten die Gründerinnen und Gründer und stellen die Software für den Onlineshop. Die Gastgebenden müssen die Schwärmerei mit Leben füllen.

Raum ist die halbe Miete

Erzeuger und Kunde am Marktstand. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Streuobstsäfte sind nicht Bio, aber lecker und nachhaltig. Foto: Marktschwärmerei Stuttgart

Für Thomas Schädler war die größte Hürde in der teuren Großstadt, einen passenden Ort für den Warenaustausch zu finden. "Der Raum darf nicht viel kosten, muss für Erzeuger und Kunden leicht erreichbar sein und möglichst noch zentrumsnah liegen."

Viel einfacher war es für den landwirtschaftlichen Unternehmensberater, interessierte Erzeugerinnen und Erzeuger von Lebensmitteln aus der Region aufzuspüren: Mittlerweile machen zwölf in durchschnittlicher Entfernung von 22 Kilometern bei ihm mit. Gerade kleinere Betriebe, für die sich weder ein eigener Onlineshop noch Abokisten lohnen, sind interessiert. "Ich sehe das als zusätzlichen Vermarktungsweg, dem Online-Handel gehört die Zukunft", erklärt beispielsweise Bioland-Bauer Matthias Schöllkopf seine Motive. Der Naturgetränkehersteller Philipp Ricker kann hier seine selbst gekelterten Fruchtsäfte und Moste in den großen "Baginbox"-Behältern direkt an den Mann und die Frau bringen. Ein Versand der drei bis fünf Liter fassenden Boxen wäre viel zu teuer.

Bequem bestellen, aber selbst abholen

Marktstand mit verschiedenen Brotsorten zum Probieren. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Buntes Markttreiben bei der Chemnitzer Marktschwärmerei zum Erntedankfest. Foto: Marktschwärmerei Chemnitz

Bei der Auswahl der Betriebe gilt: Bio ist erwünscht und Regionalität ein Muss. Viele der kleineren Erzeugerinnen und Erzeuger arbeiten zwar ökologisch, können sich aber die Gebühren für die Zertifizierung nicht leisten. Auf jeden Fall müssen die Gastgebenden überprüfen, ob die Betriebe nachhaltig wirtschaften und ihre Tiere artgerecht halten.

Sind die Lebensmittelbetriebe gefunden, gilt es Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Die meiste Werbung läuft über die sozialen Netzwerke. Insgesamt 620 Menschen sind bei der Stuttgarter Schwärmerei registriert, aber die wenigsten kommen regelmäßig. "Üblich ist, dass etwa fünf Prozent der Registrierten kommen. Damit es sich richtig rentiert, bräuchten wir wöchentlich vierzig Kunden", wünscht sich Schädler. Vermutlich schaffen es viele Interessierte nicht, sich bis Mittwoch zu überlegen, was sie fürs Wochenende bestellen möchten. Später geht nichts mehr, da Gastgeber Schädler rechtzeitig die Erzeugerinnen und Erzeuger informieren muss, was sie mitbringen sollen. Ansonsten haben die Verbraucherinnen und Verbraucher keinerlei Verpflichtungen: Die Registrierung ist kostenlos und sie bestellen nur was und wann sie wollen. Anders als bei der Abokiste brauchen sie sich nicht abzumelden.

Keine Reste

Ein weiterer großer Vorteil ist, dass bei den Schwämereien keinerlei Lebensmittel in der Tonne landen. Da die Erzeugerinnen und Erzeuger nur das liefern, was bestellt ist, bleibt keine Ware übrig. Somit können keine Lebensmittel verderben und die Transportkosten bleiben dank der Regionalität überschaubar. Viele Gründe sprechen also dafür, einmal eine Marktschwärmerei in der Nachbarschaft auszuprobieren oder selbst mit Gleichgesinnten eine aufzumachen. Am besten brummen übrigens Marktschwärmereien, die besondere Spezialitäten anbieten. So gibt es in Kiel Muscheln, in Berlin frischen Fisch aus der Uckermark und in Chemnitz Straußensteak und Eierlikör.


Letzte Aktualisierung: 30.01.2018