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Vegan ab Hof: Bio-vegane Landwirtschaft

Porträt von Daniel Mettke.
Daniel Mettke berät interessierte Betriebe zur Umstellung auf die bio-vegane Wirtschaftsweise. Foto: Daniel Mettke

In Deutschland leben circa 900.000 Menschen vegan. Neben einer "tierfreien" Ernährung achten konsequente Veganerinnen und Veganer auch bei Kleidung und Kosmetika darauf, dass keine tierischen Bestandteile enthalten sind. Nur wie und wo werden die Rohstoffe für die veganen Produkte erzeugt? In der bio-veganen Landwirtschaft beginnen die veganen Ideale bereits auf dem Hof, noch bevor die Rohstoffe weiterverarbeitet oder der Salat in der Gemüsekiste landet. Oekolandbau.de sprach mit Daniel Mettke über die bio-vegane Wirtschaftsweise. Der Diplom-Ingenieur für Ökologische Landwirtschaft ist im Biologisch-Veganen Netzwerk (BVN) aktiv und selbständig als Berater für bio-veganen Landbau und Produktvermarktung tätig. 

Oekolandbau.de: Was bedeutet bio-vegane Landwirtschaft? 

Mettke: Eine bio-vegane Landwirtschaft vereinbart die rechtlichen Grundlagen des ökologischen Landbaus mit den Idealen und Zielen des Veganismus. Laut der Vegan Society in Großbritannien bedeutet Veganismus tierisches Leid im eigenen Konsumverhalten auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Im alltäglichen Leben heißt das, alle tierischen Produkte wie Fleisch, Eier, Milch und Leder zu vermeiden. Übertragen auf die Landwirtschaft bedeutet das einen Verzicht auf alle Zusätze und Stoffe, die tierischen Ursprungs sind. Außerdem ist der Einsatz tierleiderzeugender Mittel einschließlich der im Ökolandbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel stark eingeschränkt. In der bio-veganen Landwirtschaft ist die Schadschwelle* idealerweise noch höher angesetzt als in der normalen Biolandwirtschaft. Der Einsatz biologischer Pflanzenschutzmittel stellt eine absolute Ausnahme dar und wird nur legitimiert, wenn die Ertragsverluste eine Existenzbedrohung für die Betriebe darstellen.

Kurz gesagt: Bio-vegan bedeutet Landwirtschaft betreiben, aber ohne "Mist". Mit "Mist" ist nicht nur der tierische Dung aus der Nutztierhaltung gemeint, sondern auch eine soziale und tierische Ausbeutung. Dies schließt auch die Berücksichtigung der sozialen Bedingungen ein, unter denen Menschen in der Landwirtschaft arbeiten.

Oekolandbau.de: Was bewegt einen Biolandwirt bio-vegan zu wirtschaften?

Mettke: Im Frühjahr letzten Jahres habe ich zu diesem Thema eine Bachelor-Arbeit betreut. Die Verfasserin befragte Landwirtinnen und Landwirte nach ihren Motiven bio-vegane Landwirtschaft zu betreiben. Tierschutzethische Aspekte, die mit einer Ablehnung der Nutztierhaltung einhergehen und den Tieren ein Recht auf Leben und Freiheit einräumen, stehen laut dieser Umfrage bei den Befragten eindeutig im Vordergrund. 

Oekolandbau.de: Welche sind die größten Herausforderungen in der bio-veganen Landwirtschaft? 

Mettke: Der Einfluss des Standortes ist in der bio-veganen Landwirtschaft auf jeden Fall größer als in der tierhaltenden biologischen Landwirtschaft, da die Landwirtin oder der Landwirt die Bodenbeschaffenheit nicht durch tierische Dünger kurzfristig aufwerten kann. Bei viehlosen Betrieben, zu denen auch solche zählen, die nach bio-veganem Ideal wirtschaften, geschieht dies vorwiegend über die Fruchtfolge und erschwert eine punktuelle Bereitstellung von Pflanzennährstoffen. Pflanzliche Streudünger sind derzeit für eine großflächige Anwendung noch sehr teuer. Sollten die Stickstoffpreise zukünftig steigen, hoffe ich aber auf eine Angleichung der Kosten, wodurch pflanzliche Bio-Komplettdünger somit wettbewerbsfähiger würden. Für den Garten zu Hause kann ich solche pflanzlichen Dünger auf Vinassebasis, aus geschroteten Olivensteinen aus der Olivenverarbeitung oder Kakaoschalen aus der Schokoladenproduktion sehr empfehlen.

Schwebfliege auf Ringelblume. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Die Larven der Schwebfliege vertilgen jede Menge Blattläuse. Mit Blühpflanzen wie Ringelblumen lockt man die adulten Tiere zwischen die Gemüsepflanzen. Foto: Daniel Mettke

Um Schadorganismen auf kleinstmöglichem Niveau zu halten, ergreifen die Bäuerinnen und Bauern in der bio-veganen Landwirtschaft verschiedenste Maßnahmen. Dazu gehören eine langgliedrige Fruchtfolge, in der die selbe Kultur idealerweise erst wieder nach 48 Monaten auf der gleichen Fläche angebaut wird, sowie eine kleinteiligere Bewirtschaftung der Flächen und weitere vorbeugende Pflanzenschutzmaßnahmen wie Kulturschutznetze als mechanische Barriere gegen Schadorganismen.

Oekolandbau.de: Haben bio-vegane Höfe eine Verbandszugehörigkeit?

Mettke: Es gibt bereits nach bio-veganem Ideal wirtschaftende Betriebe, die Mitglied bei Bioland oder Naturland sind. Bei Demeter stellt sich eine Mitgliedschaft für bio-vegane Höfe etwas komplizierter dar, denn der Einsatz biologisch-dynamischer Präparate ist laut Demeter-Richtlinien vorgeschrieben. Diese Präparate enthalten jedoch zum Teil tierische Bestandteile wie beispielsweise Hornmist, was natürlich im Widerspruch zu den bio-veganen Richtlinien steht. Aber mittlerweile diskutieren auch einige Demeter-Landwirtinnen und -Landwirte über eine bio-vegane Bewirtschaftung im Gemüsebau. Die Prinzipien der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise sollten sich weiter entwickeln und nicht in dem von Rudolf Steiner gesetzten dogmatischen Rahmen verharren. Sonst bleibt dort die Innovation auf der Strecke.

Oekolandbau.de: Wie viele bio-vegan wirtschaftende Betriebe gibt es bereits? 

Mettke: Es gibt mittlerweile 22 Betriebe in Großbritannien, die nach den Stockfree Organic Standards (Biologisch-Vegane Standards) wirtschaften. Der Vegetarierbund listet 21 Landwirtinnen und Landwirte in Deutschland, die bio-vegan oder viehlos wirtschaften. Ihnen ist bislang einzig gemein, dass sie weitestmöglich auf die Zufuhr von Nutztierdüngern verzichten.

Vegan-Organic Logo. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Produkte aus bio-veganer Landwirtschaft tragen in Großbritannien und Nordamerika das Vegan-Organic Logo des Vegan Organic Network. Quelle: Vegan Organic Network

Oekolandbau.de: Werden die Betriebe kontrolliert? Und wie kann ich bio-vegan hergestellte Produkte von Bioprodukten unterscheiden? 

Mettke: Bio-kontrolliert werden die Betriebe in Großbritannien von der Soil Association, die "vegane Kontrolle" erfolgt durch Stockfree Organic Services. Auch in Nordamerika gibt es mittlerweile einige bio-vegane Betriebe, die nach diesen Standards durch QCS kontrolliert werden. Die Stockfree Organic Standards gehen in 15 Punkten über die ökologischen Richtlinien der IFOAM hinaus, die sich auf verschiedene tierleidvermeidende Kriterien beziehen. Verbraucherinnen und Verbraucher können dort durch die Kennzeichnung mit dem Vegan-Organic-Label bio-vegan angebaute Produkte klar von anderen Produkten unterscheiden.

Stockfree-Logo. Klick führt zu Großansicht in neuem Fenster.
Vegan wirtschaftende Betreibe, die nicht bio-zertifiziert sind kennzeichnen ihre Produkte mit dem Stockfree-Logo. Quelle: Vegan Organic Network

In Deutschland gibt es derzeit noch keinen offiziellen Zertifizierungsrahmen. Mit einer Vereinsgründung des Biologisch-Veganen-Netzwerks könnten wir nächstes Jahr auch eine deutschsprachige Zertifizierung mit deutschsprachigem Logo ermöglichen. Landwirtinnen und Landwirte können ihren Betrieb aber schon jetzt nach dem Prinzip der "Stockfree grower-to-grower certification" umstellen. Dieses System beruht auf einer gegenseitigen Inspektion von Landwirtinnen und Landwirten. So war es lange Zeit auch in den Bio-Anbauverbänden üblich, bevor mit den EU-Rechtsvorschriften für den Ökologischen Landbau ein verbindlicher Rechtsrahmen geschaffen wurde. Da sich das Projekt noch in der Pilotphase befindet, ist das Zertifizierungsverfahren derzeit kostenfrei. Noch nicht ökologisch, aber viehlos wirtschaftende Betriebe dürfen unter Einhaltung und Unterzeichnung der Konformitätserklärung zu den IFOAM-Standards das "Stockfree" Logo nutzen. Damit sind sie natürlich nicht berechtigt das EU-Bio-Logo zu nutzen und dürfen auch nicht damit werben, ökologischen Landbau zu betreiben. Bereits ökologisch zertifizierte Betriebe, die viehlos wirtschaften, dürfen das Logo "Vegan Organic" nach der Umstellungszeit nutzen, wenn zu deren Beginn die Kontrolle durch die "Stockfree grower-to-grower certification" erfolgte. 

Oekolandbau.de: Werden die Preise für bio-vegan zertifizierte Produkte teurer sein?

Mettke: Darüber kann und will ich noch keine Aussage machen, da hier bisher noch keine bio-vegan zertifizierten Produkte auf dem Markt sind. Man muss sehen wie viel aufwendiger die kriteriengebundene bio-vegane Wirtschaftsweise letztendlich sein wird. An einem Marktstand eines nach bio-veganem Ideal wirtschaftenden deutschen Betriebs sind die Preise vergleichbar mit denen anderer Bio-Direktvermarkter. Ein viehloser veganer Vertragslandwirt, der Bio-Feldgemüse für einen österreichischen Discounter anbaut, vermarktet seine Ware zu den üblichen Preisen normaler Bioware.

Oekolandbau.de: Wie ist Ihre Einschätzung: Wie viele der 900.000 (1,1 Prozent) in Deutschland lebenden Veganerinnen und Veganer legen Wert auf eine biologische Erzeugung?

Mettke: Sicherlich sind unter den Veganerinnen und Veganern einige, die sich noch nicht ökologisch ernähren. Meiner Meinung nach, müssen solche vegan lebenden Menschen in dieser Hinsicht stärker in die Pflicht genommen werden. Nur weil ein Produkt einen "veganen Stempel" trägt, wird die Welt nicht gleich besser. Vegan ohne Bio geht für meine Begriffe nicht! Nur weil etwas vegan ist, bedeutet es nicht, dass es gleichzeitig auch den ökologischen und sozialen Gerechtigkeitskriterien entspricht. Was nützt es mir, wenn ein Produkt zwar "tierleidfrei", aber unter schändlichen sozialen Bedingungen produziert wurde? Gerade im Alltagsverhalten wirken wir alle mit unserer Konsumentscheidung. Das fängt bei mir schon mit der Frage an: "Welches Auto fährst du?" Dafür muss man auch ein Bewusstsein bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern schaffen.



Begriffserklärungen

  • Schadschwelle: Die Schadschwelle ist erreicht, wenn die Kosten einer Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln den Kosten eines potentiellen Ertragsverlustes durch Nichtbehandlung entsprechen.
  • Vegan Society: Den Veganismus unterstützende Organisation in Großbritannien (vergibt die "Veganblume")
  • IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements): Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen
  • QCS: Öko-Kontrollstelle
  • Soil Association: Anbauverband

Letzte Aktualisierung: 13.03.2015

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