Verbraucher


Wie bringe ich mehr Bio in meine Stadt?

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Die Diplom-Pädagogin leitet die Abteilung Umwelt und Nachhaltigkeit bei der Gesellschaft für Kulturveranstaltungen und Umweltaktivitäten Tollwood. Foto: Tollwood GmbH

Damit wir künftig tier- und umweltfreundlicher essen, müssen nicht nur Privatleute, sondern auch Städte und Kommunen mehr Biowaren einkaufen. Wie Verbraucherinnen und Verbraucher, Vereine und Verbände Bio vor Ort gemeinsam voranbringen, weiß Stephanie Weigel, Koordinatorin vom Bündnis Artgerechtes München.

Oekolandbau.de: Ein Aktionsbündnis Artgerechtes München klingt gut, aber was verbirgt sich dahinter?

Weigel: Wir sind ein lockeres Bündnis mit fast 46.000 Unterstützerinnen und Unterstützern aus der Münchner Stadtgesellschaft. Dazu gehören die klassischen Verbände wie Slow Food und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, aber auch Sportvereine, engagierte Verbraucherinnen und Verbraucher, Unternehmen, über hundert Gastronominnen und Gastronomen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und viele Künstlerinnen und Künstler. Unser gemeinsames Ziel ist es, dass es in München auf städtischen Empfängen, in allen Kindergärten, Schulen und öffentlichen Kantinen sowie auf allen Veranstaltungen, bei denen die Stadt Hausherrin ist, nur noch artgerecht produziertes Fleisch gibt. Natürlich können wir als einzelne Verbraucherinnen und Verbraucher mit dem Einkaufskorb viel tun, aber auch die Städte müssen richtungsweisende Signale geben und ihre Einkaufs- und Beschaffungspolitik ändern, also Produkte aus artgerechter Tierhaltung einkaufen. Nur dann können wir wirklich etwas bewirken.

Oekolandbau.de: Ist artgerechtes Fleisch gleich Biofleisch?

Weigel: Ja, alles Biofleisch gilt bei uns als artgerecht. Zertifizierte Bioprodukte sind aufgrund der festgelegten gesetzlichen Richtlinien und Kontrollmechanismen auch ein gangbarer Weg für Städte und Kommunen. Außerdem akzeptieren wir als Bündnis auch noch tierfreundliche Betriebe mit dem Neulandsiegel und dem Premiumsiegel des Deutsches Tierschutzbundes. Davon gibt es bisher aber noch nicht so viele Produkte.

Oekolandbau.de: Wie haben Sie so viele Menschen mobilisieren können?

Weigel: Im Grunde haben wir mit dem Aktionsbündnis nur eine Plattform geschaffen, auf der sich Menschen wirkungsvoll engagieren können. Die Art und Weise, wie unsere Nutztiere gehalten werden, ist für Verbraucherinnen und Verbraucher in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema geworden. Die industrielle Massentierhaltung hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung mehr. Die Menschen sind durchaus bereit, für gute Tierhaltung mehr zu bezahlen. Aber es muss eben auch klar erkennbar sein, welche Produkte aus guter Haltung stammen und welche aus industrieller Massentierhaltung.

Grüner Riesenadler demonstriert mit Schild des Aktionsbündnisses. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Aktiv und kreativ: Mitglieder des Münchner Bündnisses in Berlin. Foto: Tollwood GmbH

Oekolandbau.de: Wie lange gibt es das Bündnis schon und was hat es bisher erreicht?

Weigel: Wir haben das Bündnis im Mai 2015 ins Leben gerufen und es hatte von Anfang an großen Zulauf. Wir haben auch schon einiges bewirkt: Städtische Kitas bekommen jetzt zu 90 Prozent tierische Bioprodukte. Das lässt sich leicht bewerkstelligen, da die Kitas alle gemeinsam einkaufen. In diesem Schuljahr versuchen auch sechs Münchner Modellschulen bei tierischen Produkten komplett auf Bio umzusteigen. Ein weiterer Erfolg ist, dass es seit 2016 auf allen städtischen Empfängen nur noch Speisen aus artgerechter Tierhaltung gibt. Per Stadtratsbeschluss wird demnächst auch eine städtische Institution als Piloteinrichtung auf Produkte aus artgerechter Haltung umsteigen.

Oekolandbau.de: Ist das nicht zu teuer?

Weigel: Nein, unsere Erfahrungen aus dem Projekt "Bio für Kinder" mit über 650.000 Biohauptmahlzeiten und Studien zeigen, dass überall da, wo Großküchen nach festen Speiseplänen kochen, also bei Kitas und Kantinen, es nur etwa zehn Prozent teurer ist, artgerechte Waren einzusetzen. Beim Catering auf Veranstaltungen liegen die Mehrkosten zwischen zehn und zwanzig Prozent. Das liegt durchaus im Rahmen der gesellschaftlichen Akzeptanz. Beispielsweise zeigt das von uns jährlich organisierte Tollwood Festival seit vielen Jahren, dass Bio auf Großveranstaltungen bezahlbar ist. Die Gäste bekommen 100 Prozent Bio zu Preisen, die nicht höher sind als auf konventionellen Großveranstaltungen in München.

Mann mit vegetarischen Pizzen vor Stand mit Biosiegel. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Auf dem Münchner Tollwood-Festival gibt es schon überall Biospeisen. Foto: Bernd Wackerbauer

Oekolandbau.de: Dann wird die Vision vom Bio-Oktoberfest bald wahr?

Weigel: Der Prozess ist in Gang, aber das kann noch dauern. Bei der Auswahl der Festwirtinnen und Festwirten beziehungsweise den Ausschreibungen der Stadt für die Platzvergabe auf der Wiesn spielen ökologische Kriterien bisher nur eine geringe Rolle. Ein Stadtratsbeschluss hierzu steht an. Allerdings fordern manche Politikerinnen und Politiker und Vertreterinnen und Vertreter des Bauernverbandes, dass es auch schon für konventionelle Produkte aus Bayern Pluspunkte gibt. Aber nur, weil Hähnchen oder Schweinshaxe aus Bayern stammen, sind sie noch lange nicht artgerecht produziert. Gleichzeitig versuchen wir mit den Festwirtinnen und Festwirten ins Gespräch zu kommen, sie vom Mehrwert von Bio zu überzeugen und ihnen Einkaufsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Oekolandbau.de: Wie bringen die Bündnismitglieder die Idee voran? Was können Verbraucherinnen und Verbraucher tun?

Weigel: Wir funktionieren nach dem Motto, jeder wirkt in seinem Umfeld und tut, was er oder sie kann. Eltern setzen sich in ihrer Schule für besseres Essen ein. Vereine klären ihre Mitglieder auf und sammeln Unterschriften. Bezirksausschüsse setzen sich dafür ein, dass auf Straßen- und Stadtteilfesten in ihrem Bezirk künftig nur noch artgerechtes Fleisch serviert wird. Ganz viel tun auch unsere Künstlerinnen und Künstler. Es gab schon Benefizabende zugunsten unseres Bündnisses. Und bekannte Schauspieler wie Senta Berger und Ottfried Fischer geben unserer Kampagne ein Gesicht und können ihre Fans für artgerechte Speisen begeistern.

Oekolandbau.de: Und was kann ich machen, wenn ich nicht in München wohne?

Weigel: Wir haben viele Anfragen aus anderen Städten. Wer nicht aus München kommt und das Aktionsbündnis mit seiner Stimme unterstützt, wird in der Rubrik "Freunde der Aktion geführt" und macht damit deutlich: München ist kein Spezialfall, die Haltung der Menschen zur Herkunft tierischer Produkte ist bundesweit im Umbruch.

Und inzwischen machen sich ja auch viele andere Städte auf den Weg. Beispielsweise schreibt Bremen vor, dass es auf öffentlichen Empfängen nur noch artgerechte Produkte gibt. In Köln und Berlin haben sich Ernährungsräte gebildet, die viel verändern möchten. In ländlichen Regionen können Verbraucherinnen und Verbraucher mit den örtlichen Bäuerinnen und Bauern kooperieren. Unsere Erfahrung zeigt: Kommt der Zug Richtung artgerechte oder Bioernährung erst einmal ins Rollen, geht es auf jeden Fall voran. Die Diskussion um Massentierhaltung und ihre Auswirkungen ist voll im Gang und wird nicht mehr umkehrbar sein.


Letzte Aktualisierung: 12.09.2017