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Ackern fürs Insektenleben

Porträt Frank Gottwald. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Frank Gottwald leitet den Naturschutzbereich des WWF-Projekts "Landwirtschaft für Artenvielfalt" im Auftrag des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung. Foto: privat

In Deutschland sind sowohl die Anzahl von Insekten als auch die Vielfalt der Insektenarten in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. Dies belegen zum Beispiel die vom Bundesamt für Naturschutz veröffentlichten Roten Listen. Mitverantwortlich dafür sind ausgeräumte Landschaften und eine intensive Landwirtschaft. Biologe Frank Gottwald, erklärt wie es auf unseren Feldern und Wiesen wieder mehr brummen und summen könnte.

Oekolandbau.de: Ist eine Landwirtschaft ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel möglich?

Herr Gottwald: Der ökologische Landbau zeigt, dass es auch ohne Pestizide geht: Mit ausgeklügelten Fruchtfolgen statt Monokulturen sowie der Förderung von Nützlingen lässt sich auch ohne chemisch-synthetische Pestizide erfolgreich wirtschaften und die Artenvielfalt erhalten.

Blauer Schmetterling auf gelber Blume. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Der Hauchhechel-Bläuling braucht Blütenpflanzen wie den Hornklee. Foto: Frank Gottwald

Oekolandbau.de: Wieviel mehr Tiere leben denn auf dem Ökoacker?

Herr Gottwald: Dazu gibt es mittlerweile sehr viele Studien. Je nach Region und Artengruppe variieren die Zahlen: Im Extremfall wurden auf Ökoäckern mehr als hundertmal so viele blütenbesuchende Insekten gezählt wie auf konventionell bewirtschafteten Äckern. Bei der Artenzahl waren es bis zu zwanzigmal mehr. Viele Studien ermitteln Werte zwischen plus fünf und fünfzig Prozent mehr Insekten im ökologischen Landbau. Bei Ackerflächen sind die Unterschiede größer als im Grünland.

Blühstreifen neben Getreidefeld. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Hier gibt es für Menschen, Insekten und andere Wildtiere viel Nahrung. Foto: Frank Gottwald

Gleichzeitig sind Artenvielfalt und Häufigkeit bei Wildkräutern auf Ökoäckern deutlich höher. In eigenen Untersuchungen haben wir vier- bis zwanzigmal mehr typische Ackerwildkräuter auf Ökoflächen gefunden als auf konventionell bewirtschafteten Flächen. Da Wildkräuter die Nahrungsgrundlage für viele Insekten sind, kommen hier auch mehr Arten vor.

Oekolandbau.de: Gibt es weitere Ursachen für den Rückgang der Insekten?

Bild von Saum. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Säume aus Sträuchern und Bäumen bereichern die Land(wirt)schaft. Foto: Jutta Schneider-Rapp

Herr Gottwald: Auch die Düngung und die Landschaftsstruktur sind wichtig für die Artenvielfalt. Wenn die Bauern ihre Äcker und Wiesen stark düngen, gibt es weniger Blütenpflanzen. Je weniger Pflanzenarten vorkommen, desto geringer ist die Zahl der Insekten. Darüber hinaus wird das Mikroklima in den intensiv gedüngten, massigen Pflanzenbeständen kühler. Das hemmt die Entwicklung vieler unserer wärmeliebenden Insekten wie Heuschrecken. Außerdem sind zahlreiche Insekten auf Biotope in der Landschaft angewiesen, die nicht landwirtschaftlich genutzt werden.

Gestreiftes Insekt auf weißgelber Kamillenblüte. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Nützlinge wie Schwebfliegen benötigen auch Blütennektar. Foto: Frank Gottwald

Oekolandbau.de: Was sind das für Biotope?

Herr Gottwald: Das können Gehölze, Hecken, Krautsäume, wenig oder gar nicht genutzte Offenflächen sowie Trockenrasen oder Feuchtflächen sein. Viele Arten leben direkt in diesen Biotopen. Tagfalter und Wildbienen wandern entlang von Hecken und Säumen, da sie dort Windschutz und Nahrung finden. Weitere Arten wie Käfer, Spinnen, Schwebfliegen und Schlupfwespen überwintern darin. Darunter sind viele Nützlinge. Deshalb sollten Bäuerinnen und Bauern solche Streifen stehenlassen oder neu anlegen, damit Marienkäfer, Schwebfliegen und Co. von dort auf die Felder fliegen können.

Grundsätzlich gilt: Je reichhaltiger die Landschaft mit diesen Biotopen ausgestattet ist, desto höher die Insektenvielfalt.

Hellgrüne Heuschrecke im hohen Gras. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Sonnig, aber geschützt: Sumpfschrecke im ungemähten Wiesenstreifen Foto: Frank Gottwald

Oekolandbau.de: Was können (Bio-) Bäuerinnen und Bauern sonst noch tun?

Herr Gottwald: In Ackerlebensräumen spielt das Angebot von Ackerwildkräutern für Insekten eine große Rolle. Wer seine Beikräuter perfekt entfernt, seine Äcker also sehr sauber hält, nimmt den Insekten die Nahrung.

Wenn eine Grünlandfläche komplett abgemäht wird, verschwinden empfindliche Insekten wie Heuschrecken auf einen Schlag: Sie verlieren den Schutz in der Vegetation, trocknen aus oder werden gefressen. Blütenbesuchende Insekten finden plötzlich keinen Nektar mehr – dies gilt auch besonders für Klee- und Luzernebestände.

Am besten sollte man beim Mähen von Grünland und Kleegras (Feldfutter) einen Streifen oder eine Teilfläche stehenlassen. Schon schmale Streifen von zwei bis drei Metern können ausreichen, um für Bienen, Hummeln und Tagfalter genug Blüten und Nektarquellen zu erhalten. Heuschrecken und andere Insekten überleben darin, bis die Kräuter und Gräser wieder nachgewachsen sind. Mit Blühstreifen mit speziellen Saatgutmischungen lassen sich in den Äckern oder auch am Hof nahrungsreiche Lebensräume für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge oder Schwebfliegen schaffen.

Hoher, grüner Streifen in der gemähten Wiese. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Einfach ein Stück Wiese stehenlassen und die Insekten überleben. Foto: Frank Gottwald

Oekolandbau.de: Was können Verbraucherinnen und Verbraucher für die Insekten tun?

Herr Gottwald: Jeder Kauf von Produkten aus ökologischem Anbau unterstützt die Artenvielfalt in der Kulturlandschaft! Wer noch mehr tun will, kann darauf achten, wo die Produkte herkommen und ob sie besonders naturfreundlich angebaut worden sind. Die Informationsquellen hierzu sind zwar noch rar, nehmen aber zu. Beispielsweise können Verbraucher in unserem Projekt Landwirtschaft für Artenvielfalt über einen QR-Code auf dem Produkt mehr über die Betriebe erfahren, von denen das Produkt stammt.


Letzte Aktualisierung: 09.07.2018