Sind Bio-Lebensmittel wirklich ungespritzt?

Sind Bio-Lebensmittel wirklich ungespritzt?

Fakt ist, dass Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau deutlicher weniger Rückstände an chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln aufweisen als konventionelle Ware. Das belegen zahlreiche Studien der Lebensmitteluntersuchungsämter. Das Ökomonitoring Baden-Württemberg bescheinigt Bio-Lebensmitteln bereits seit über zwanzig Jahren eine hohe Qualität.

Bio-Früchte deutlich weniger belastet

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat 2023 insgesamt 22.314 Lebensmittel auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln geprüft. Die Untersuchungen zeigen, dass Bio-Produkte deutlich weniger Rückstände enthalten als konventionell erzeugte Ware. So waren bei 72 Prozent der Proben aus ökologischem Anbau keine Belastungen nachweisbar.

Bei konventioneller Ware traf dies nur auf ein gutes Drittel der Proben zu. Drei Viertel mancher Obstsorten waren nicht nur mit einem, sondern mit mehreren Wirkstoffen belastet. Dies betraf vor allem Kirschen, Mandarinen, Johannisbeeren, Tafeltrauben, Pfirsiche/Nektarinen, Orangen und Erdbeeren.

Dänische Untersuchungen

Der Pestizidbericht der dänischen Veterinär- und Lebensmittelbehörde und des Nationalen Lebensmittelinstituts hat noch größere Unterschiede zwischen Bio und konventionell ermittelt: So fanden sich in 80 Prozent der konventionellen Früchte und 42 Prozent des Gemüses Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Besonders hoch waren die Rückstände bei Orangen (100 Prozent) und Clementinen (97) Prozent. Von den in unserem Nachbarland 220 getesteten Bio-Lebensmitteln waren nur fünf (2,3 Prozent) geringfügig mit Rückständen belastet.

Rückstände in Lebensmitteln – Ökomonitoring Baden-Württemberg

Die hohe Bio-Qualität bestätigt das aktuelle Ökomonitoring. Dabei untersuchten die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter 810 Bio-Produkte. Wie in den Vorjahren schnitten ökologisches Obst und Gemüse auch in 2024 wieder besser ab als konventionell erzeugte Ware. Das gilt sowohl für die Häufigkeit von Rückstandsbefunden als auch für die Höhe der Rückstandsgehalte chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel.

Bereits seit 2002 führen wir in Baden-Württemberg ein bis heute EU- und bundesweit einzigartiges Untersuchungsprogramm für Lebensmittel aus ökologischem Landbau durch, um das Verbrauchervertrauen in Bio-Produkte zu stärken. Der positive Trend der vergangenen Jahre setzte sich auch 2024 fort,

erläutert der baden-württembergische Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Peter Hauk.

Übersicht: Mittlere Pflanzenschutzmittelrückstandsgehalte pro Probe (in mg/kg)

Obst20202021202220232024
ökologisch0,0040,0020,0050,0270,006
konventionell*0,440,480,380,440,55
Gemüse201720182019202020212024
ökologisch0,0030,0080,0020,0040,0020,005
konventionell**0,360,460,410,290,400,65

 *ohne Oberflächenbehandlungsmittel / Konservierungsstoffe sowie Phosphonsäure und Bromid
**ohne Phosphonsäure und Bromid
Quelle: Ökomonitoring 2024

Kaum Rückstände in Bio-Obst und Gemüse

Bei 76 Prozent der Proben aus ökologischem Anbau waren keine Pflanzenschutzmittelrückstände nachweisbar.

Sofern Rückstände festgestellt wurden, lagen die Gehalte überwiegend im Spurenbereich (unter 0,01 mg/kg). Konventionelles Obst enthielt dagegen im Mittel 0,55 mg/kg Pflanzenschutzmittelrückstände, konventionell erzeugtes Gemüse im Mittel 0,65 mg/kg Pflanzenschutzmittelrückstände. Dieser höhere Gehalt an Pflanzenschutzmitteln ist auf den im konventionellen Anbau zugelassenen Einsatz unterschiedlicher Wirkstoffgruppen für den chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zurückzuführen. Ein dichtes Regelwerk sorgt dafür, dass diese Rückstände kein Risiko für Verbraucherinnen und Verbraucher darstellen.

Dabei hat das Ökomonitoring Stoffe wie Bromid, die nicht nur in Pflanzenschutzmitteln, sondern auch natürlich in der Umwelt vorkommen, nicht berücksichtigt. Auch Oberflächenbehandlungsmittel, die konventionelle Zitrusfrüchte nach der Ernte länger haltbar machen, wurden nicht analysiert. Diese sind bei Bio-Früchten tabu. Daher empfehlen viele Rezepte immer Bio-Zitronen zu verwenden.

Wieso enthalten Bio-Früchte überhaupt Rückstände?

Der höhere Gehalt an Pflanzenschutzmitteln sei auf den im konventionellen Anbau zugelassenen Einsatz unterschiedlicher Wirkstoffgruppen für den chemisch-synthetischen Pflanzenschutz zurückzuführen, erklärt der Untersuchungsbericht. Diese seien im ökologischen Anbau verboten.

Allerdings können diese Chemikalien durch Abdrift, sprich Wind, oder über Wasser auch auf Bio-Felder gelangen. Bestimmte chemische Substanzen werden  über die Luft auch über weite Strecken transportiert, wie die Studie "Pestizidbelastung der Luft" des Bündnis für Enkeltaugliche Landwirtschaft zeigt. Deshalb können auch Bio-Lebensmittel geringfügig belastet sein.

Für den Ausbau des ökologischen Landbaus ist die Nachfrage nach ökologisch erzeugten Produkten und das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher in Bio-Produkte ein wichtiger Baustein. Dieses Vertrauen in Bio-Produkte können wir auch in diesem Jahr voll bestätigen,

freute sich Minister Peter Hauk.

Wechselwirkungen zwischen Wirkstoffen beachten

Laut dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit enthalten Lebensmittel in Deutschland nur selten mehr Rückstände von Pflanzenschutzmitteln als erlaubt. Eine Überschreitung des festgesetzten Grenzwertes (Rückstandshöchstmenge) bedeute noch kein gesundheitliches Risiko für Verbraucherinnen und Verbraucher, so das BVL.

Aber: Bei der Festlegung der Grenzwerte wird nicht bewertet, welche Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Wirkstoffen der Pflanzenschutzmittel bestehen. Denn zusätzlich landen in unserem Körper nicht nur Rückstände von einem Pflanzenschutzmittel, sondern eine Vielzahl an chemischen Wirkstoffen – inklusive Mikroplastik und synthetische Industriechemikalien.

Wie wirken chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel auf Menschen?

Die Fachleute streiten darüber, ob und wie gefährlich mit Pflanzenschutzmitteln belastete Lebensmittel sind. Einige Stoffe stünden im Verdacht, die Nerven zu schädigen oder das Hormonsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit zu beeinflussen, formuliert die Verbraucherzentrale Hamburg.

Besonders umstritten sind die Auswirkungen des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat. Eine aktuelle Langzeitstudie (englisch) des italienischen Ramazzini-Instituts bestätigt die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation, dass Glyphosat krebserregend sei. Im Versuch bekamen Laborratten die von der EU akzeptierte, tägliche Dosis an Glyphosat. Als Folge erkrankten etwa zwei Prozent der Tiere an Leukämie.

Höheres Risiko bei direktem Kontakt

Wer direkt mit Pflanzenschutzmitteln arbeitet, trägt ein höheres Risiko zu erkranken. Also Landwirtinnen und Landwirte sowie Gärtnerinnen und Gärtner. So empfiehlt das Bundesarbeitsministerium  Parkinson als Berufskrankheit anzuerkennen: "Die Anerkennung als Berufskrankheit kommt bei Personen in Betracht, die Herbizide, Fungizide oder Insektizide langjährig und häufig im beruflichen Kontext selbst angewendet haben."

Text: Jutta Schneider-Rapp, Ökonsult


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Letzte Aktualisierung 11.08.2025

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