Landwirtschaft


Kirschessigfliege – Schädling im Obst- und Weinbau

Drosophila suzukii (Matsumura), Familie: Taufliegen
Kirschessigfliege und Larven. Zum Vergrößern klicken.
Die Kirschessigfliege (links) legt ihre Eier an unreife und reife Früchte, in denen sich ihre Maden entwickeln (links an Himbeere). Fotos: Jürgen Just, JKI

Kirschessigfliege: Erkennen und bestimmen

Kirschessigfliegenmännchen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Kirschessigfliegen-Männchen erkennt man gut an den dunklen Flecken auf den Flügeln. Foto: Jürgen Just, JKI

Die adulten Fliegen sind zwei bis drei Millimeter lang, haben rote Augen und einen braun-gelblichen Körper. Das Weibchen besitzt einen scharf gezähnten Legeapparat, mit dem sie die Fruchtschale anritzt, um ihre Eier in der Frucht abzulegen. Die Männchen der Kirschessigfliege haben einen dunklen Fleck nahe der Flügelenden.

Die Larven sind typische weiße Fliegenmaden ohne Kopf oder Beine. Sie werden etwa drei Millimeter lang und lassen sich optisch nicht von anderen Fruchtfliegenarten unterscheiden.

An befallenen Früchten sind sehr kleine Anstechlöcher erkennbar. Die Früchte werden weich und verfaulen durch Sekundärinfektionen zum Beispiel durch Grauschimmel.

Ähnliche Schädlinge

Mit ihrer Körperfärbung ähneln Kirschessigfliegen stark den in Europa heimischen Essigfliegen, vor allem der Schwarzbäuchigen Taufliege Drosophila melanogaster. Diese können ihre Eier jedoch nur in überreife, faulende Früchte ablegen. Ein deutliches Unterscheidungsmerkmal ist der dunkle Flügelfleck der Kirschessigfliegen-Männchen.

Hohes Schadpotenzial an vielen Obstkulturen

Befallene Kirsche. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Durch Kirschessigfliege befallene Früchte werden weich und matschig. Foto: Felix Briem, JKI

Die aus Südostasien stammende Kirschessigfliege trat als Schädling in Deutschland erstmals 2011 in Erscheinung. Innerhalb von drei Jahren konnte sich der invasive Schädling über ganz Deutschland ausbreiten.

Die extrem schnelle Ausbreitung der Kirschessigfliege ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass dieser Schädling in der Wahl der Wirtspflanze wenig wählerisch ist: Drosphila suzukii befällt die meisten weichschaligen Obstarten und rote Traubensorten, insbesondere Kirschen und Beeren. Spät reifende Arten und Sorten sind wegen der starken Vermehrung während des Sommers besonders gefährdet. Bei Weintrauben sind die dunklen Sorten mit dünner Haut und kompakter Traubenstruktur besonders anfällig. Darüber hinaus befällt die Kirschessigfliege aber auch wildwachsende, beerentragende Pflanzen. Äpfel und Birnen können nur bei bereits geschädigter Fruchtschale befallen werden.

Die Kirschessigfliege kann immensen Schaden anrichten. Die Larven entwickeln sich in der Frucht und ernähren sich vom Fruchtfleisch. Befallene Früchte werden dadurch schnell weich und matschig. Durch die beim Anstechen der Frucht entstehenden Löcher kann es zudem zu Sekundärinfektionen kommen. Im Anbau von Beerenobst und Süßkirschen in Frankreich, Italien und Spanien sind in Jahren mit hohem Befall teilweise 80 bis 90 Prozent der Früchte beschädigt worden und auch Totalausfälle aufgetreten. 2014 verursachte die Kirschessigfliege in Deutschland Verluste in Millionenhöhe im Beeren-, Steinobst- und Weinanbau. Aufgrund von Befallsbeobachtungen über mehrere Jahre wurde die Kirschessigfliege mittlerweile als weniger schädlich im Weinbau eingestuft als ihre einheimische Verwandte, die Schwarzbäuchige Taufliege Drosophila melanogaster.

Biologie und Verbreitung

Kirschessigfliegenmaden auf einer Himbeere. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Larven der Kirschessigfliege (hier in geöffneter Himbeere) fressen im Innern der Frucht.
Foto: Jürgen Just, JKI

Die adulten Tiere der Kirschessigfliege überwintern in geschützten Verstecken an immergrünen Pflanzen in Hecken und Wäldern. Sie werden bei Temperaturen zwischen 5 und 10 Grad Celsius wieder aktiv. Bei beginnender Reife der Früchte – erkennbar am Farbumschlag – wandern die Fliegen in die Kulturen ein und beginnen mit der Eiablage. Die Weibchen der Kirschessigfliege besitzen einen kräftigen, gezahnten Legeapparat, mit dem sie gesunde Früchte anstechen und mit Eiern belegen können. Ein Weibchen kann 300 bis 600 Eier legen, meist mehrere Eier pro Frucht. Die Larven entwickeln und verpuppen sich später innerhalb der Frucht, in Ausnahmen ist die Verpuppung auch außerhalb der Frucht möglich. Die Fliege bildet Winter- und Sommerformen aus, die sich in ihrer Biologie leicht unterscheiden. Die etwas dunkleren Winterformen mit ihren größeren Flügeln sind kältetolerant und können einige Stunden bei bis zu -10 Grad Celsius überstehen.

Die Fliegen können sich in einem Radius von etwa 125 Metern fliegend verbreiten, das Hauptproblem eines hohen Befalls ist eher in der beständigen Vermehrung innerhalb der Obstanlage als im Zuflug zu sehen. Bei Dauertemperaturen um 25 Grad Celsius dauert ein Generationszyklus nur zehn Tage. Bei feuchter und mäßig warmer Sommerwitterung kann es daher zu einem sehr raschen Populationsaufbau kommen. In Deutschland geht man von fünf bis acht Generationen pro Jahr aus. Die Fliegen können zwischen drei und neun Wochen leben, sodass es zu starken Überlappungen der verschiedenen Generationen kommen kann. Bei heißem Wetter ab 26 Grad Celsius sterben viele Eier und Larven in den Früchten ab, die bei direkter Sonnebestrahlung sehr hohe Temperaturen im Inneren entwickeln können.

In Deutschland werden Kirschessigfliegen nur in geringem Umfang durch spezialisierte parasitoide Wespen befallen. Daneben spielen generalistische Räuber wie Florfliegenlarven und Ohrwürmer eine Rolle als natürliche gegenspieler der Kirschessigfliege.

Risikopotential und Befallsfeststellung

Folgende geeignete Methoden zur Befallsüberwachung beschreibt das FiBL detailliert auf einer Infoseite.

Flugüberwachung mit Flüssigköderfallen

  • mit verdünntem Apfelessig
  • Kaufen oder selbst bauen und mit verdünntem Apfelessig ködern; eine Bauanleitung des JKI kann auf dem JKI-Wissensportal herunter geladen werden.
  • Die gefangenen Fliegen müssen auf den schwarzen Flügelfleck der Männchen hin kontrolliert werden, um zu ermitteln ob es sich um einheimische Fruchtfliegen oder die invasiven Kirschessigfliegen handelt.
  • rechtzeitig vor Farbumschlag der Früchte aufhängen und  wöchentlich kontrollieren
  • Die Wirkung der unspezifischen Flüssigköderlösung lässt mit zunehmender Reife der Früchte nach!

Früchte auf Larvenbefall untersuchen

  • ergänzend zu den Flüssigköderfallen 50 Früchte pflücken
  • Glattschalige Früchte mit der Lupe auf Einstichstellen untersuchen
  • Andere Früchte einige Stunden einfrieren oder einen Tag bei Zimmertemperatur aufbewahren und anschließend in Seifenwasser tauchen, um die Larven heraus zu locken.
  • Um die Art sicher zuzuordnen müssen die Früchte für zwei Wochen bei Zimmertemperatur aufbewahrt werden, und die schlüpfenden Fliegen auf FLügelflecken hin kontrolliert werden.

In einem laufenden Forschungsprojekt wird ein Prognosemodell namens SIMKEF entwickelt, welches zukünftig das schlagspezifische Befallsrisiko und den erwarteten Befallstermin vorhersagen soll und unter www.isip.de veröffentlicht werden soll.

Regulierungsstrategien: Was hilft gegen die Kirschessigfliege?

Kirschessigfliegenfalle. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Eine Flüssigköderfalle ist wichtig für das Monitoring. Sie kann kostengünstig selbst gebaut werden. Foto: Jürgen Just, JKI

Die eine, optimale Lösung zur Regulierung der Kirschessigfliege gibt es nicht. Nur ein Bündel verschiedener Maßnahmen kann zum Erfolg führen. Die hier gelisteten Maßnahmen sind ausführlich in einem Merkblatt des FiBL beschrieben.

Vorbeugung: von Hygiene bis Sortenwahl

Die bisherigen Erfahrungen im ökologischen Obst- und Weinanbau haben gezeigt, dass der Befallsdruck durch konsequente Hygiene und Bestandspflege erfolgreich reduziert werden kann.

  • Trockenheit verträgt die Kirschessigfliege sehr schlecht. Sehr wirksam in allen Kulturen sind daher alle Maßnahmen, die auf ein trockenes Bestandsklima abzielen, wie häufiges Mulchen von Unterwuchs, Anpassung der Bewässerungsintensität, Entblätterung der Traubenzone an Reben oder Schnittmaßnahmen zur Durchlüftung.
  • Reife Beeren und Kirschen möglichst frühzeitig, zügig und vollständig abernten, damit keine überreifen Früchte als Vermehrungsort in der Anlage verbleiben. Heidelbeeren und Himbeeren häufig durchernten.
  • Nicht verwertbare oder überreife Früchte aus der Anlage entfernen und vernichten.  Kompostieren reicht nicht aus! Sicherste Methode ist die Solarisation: Befallene Früchte werden 10 bis 15 Tage in einem Plastikbeutel in die Sonne gelegt, anschließend können Früchte kompostiert werden.
  • Am Boden liegende Weintrauben nach Behangregulierung mulchen; frischen Trester nicht in ungelesene Rebparzellen ausbringen.
  • Geerntete Früchte  bei Temperaturen um zwei Grad Celsius lagern, diese töten viele Larven ab
  • Geerntete Früchte gekühlt lagern, zügig liefern oder schnell verarbeiten.
  • Pilzbefall und Platzrisse in Weinreben vermeiden, diese können die Eiablage der Kirschessigfliege und der verwandten Schwarzbäuchigen Taufliege begünstigen.
  • Anfällige Weinreben-Sorten langfristig ersetzen. Hierzu zählen dünnschalige blaue Trauben mit kompakter Traubenstruktur. Grüne Trauben werden nicht befallen.

Direkte Bekämpfung mit Fallen und Netzen


Kulturschutznetze: sehr sicher, aber teuer

  • Einnetzen mit Maschenweiten von maximal 0,8 Millimeter
  • sicherste Methode, beugt Kirschessigfliegen und anderen Schädlingen wie Schalenwicklern sicher vor und vermeidet Pflanzenschutzbehandlungen
  • Besonders sinnvoll in Kirschen, weniger geeignet für Weinbeeren wegen häufiger Erntearbeiten
  • hohe Kosten für die Netze und erschwerte Erntearbeit
  • Netze nach dem Betreten der Kultur sofort wieder verschließen und regelmäßig auf Risse und Löcher untersuchen!
  • auch innerhalb der eingenetzen Kulturen Köderfallen aufhängen und regelmäßig kontrollieren
  • Achtung, auch Nützlinge und Bestäuber werden ausgeschlossen, so dass insbesondere im Himbeeranbau Befruchtungsprobleme auftreten können und zusätzliche Bestäuber unter dem Netz eingesetzt werden müssen!
  • Detaillierte Informationen zu Netztypen, ihrer Handhabung und Wirksamkeitsuntersuchungen finden Sie auf der Webseite des Demonstrationsnetzwerkes "Einnetzen von Obstkulturen gegen die Kirschessigfliege"

Massenfang mit Köderfallen

  • Wirksamkeit wird unterschiedlich beurteilt
  • für kleinere Flächen und bei Beginn des Befallsanstiegs eher geeignet, um früh gereifte Kulturen herum, um spätere Sorten vor den von dort abwandernden Tieren zu schützen
  • unerlässlich in Beerenobst, gut wirksam in Zwetschgen und Weinreben, Kirschen werden nur bis zum Reifebeginn geschützt
  • Ein Problem im Kirschanbau ist die Attraktivität der Lockstoffe, die die Fliegen schwer von vollreifen Früchten"weglocken" können.
  • Das FiBL gibt auf seiner Infoseite eine Anleitung für den Massenfang und vergleicht verschiedene Fallentypen.

Zusätzlich befinden sich Lockstofffallen in der Entwicklung, die attraktive Köder mit im Ökolandbau zulässigen Insekiziden verbinden sollen.

Direkte Bekämpfung mit zugelassenen Pflanzenschutzmitteln

Es wurden in der Vergangenheit teilweise Notfallzulassungen für Pflanzenschutzmittel auf Basis von Spinosad zur Anwendung im Obstbau erteilt.

  • Es gilt eine Notfallzulassung (Zulassungserweiterung)  für Beerenobst, Holunder, Erbeeren im Gewächshaus und für den Weinbau. Die Notfallzulassung in Freiland-Erdbeeren und Steinobst läuft im Herbst 2018 aus.
  • Achtung, nach den Richtlinien der ökologischen Anbauverbände nicht zulässig!
  • Wegen der Bienengefährlichkeit dieses Mittels sollte es nur im Notfall angewendet werden.
  • Aufgrund des späten Befalls müssen die Mittel kurz vor der Ernte ausgebracht werden, wodurch es zu einer Rückstandsproblematik kommen kann und die Wartezeiten von meist drei Tagen schwierig einzuhalten sind.
  • Aufgrund der schnellen Vermehrung der Kirschessigfliege besteht das Risiko einer Resistenzbildung.

Teilweise gute Erfahrungen aus der Schweiz mit Löschkalk und Kaolin können wegen fehlender zugelassener Pflanzenschutzmittel nicht auf Deutschland übertragen werden.

Über laufende Forschung zu weiteren Bekämpfungsmöglichkeiten der Kirschessigfliege informiert das Wissensportal des JKI.


Letzte Aktualisierung: 18.09.2018