Die Europäische Kommission will die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) weitgehend abschaffen. Das würde es Verbraucherinnen und Verbrauchern erschweren, weiterhin Lebensmittel ohne Gentechnik zu kaufen. Gentechnikfreie konventionelle Produkte ließen sich dann nur noch am Siegel "Ohne Gentechnik" erkennen. Bio-Produkte müssen nach wie vor ohne Gentechnik hergestellt werden.
Deregulierung bedroht Ökolandbau
Durch die Lockerungen der Kennzeichnungspflicht kommen mehr GVO-Lebensmittel in Verkehr. In der gesamten Kette der Lebensmittelerzeugung könnten genmanipulierte Organismen Bio-Produkte verunreinigen. Ein Nebeneinander (Koexistenz) von Ökolandbau und GVO halten viele Bio-Landwirtinnen und Bio-Landwirte für unmöglich. Beispielsweise könnten die Samen von gentechnisch veränderten Pflanzen mit dem Wind oder über Tiere leicht auf einem benachbarten Bio-Acker landen. Eine gemeinschaftliche Maschinennutzung birgt ebenfalls Gefahren:
Wir nutzen die Sä- und Erntemaschinen gemeinsam mit unseren konventionell arbeitenden Nachbarbetrieben. Sobald einer von denen gentechnisch veränderte Pflanzen anbaut, geht das nicht mehr,
befürchtet Biokreis-Bäuerin Barbara Endraß.
Auch in den Getreidemühlen oder im Lager könnte GVO-Getreide in der Bio-Ernte landen. Mit GVO verunreinigtes Bio-Getreide lasse sich nicht mehr als Bio verkaufen. Wer dann dafür hafte, fragt sich Endraß.
Deregulierung erhöht den Aufwand bei Herstellung und Handel
Dank des EU-weiten Rückverfolgbarkeits- und Kennzeichnungssystems ließ sich bisher eine GVO-freie Lieferkette garantieren. Dies würde künftig nicht mehr funktionieren.
Ohne verlässliche Kennzeichnung entlang der Produktionsprozesse muss Wahlfreiheit aufwendig erarbeitet werden,
betont Alexander Beck, Geschäftsführer der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller e.V. (Neue genomische Techniken – AöL e.V.)
Für Bio-Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller bedeute die neue Rechtslage erhebliche praktische Herausforderungen. Insbesondere die Rückverfolgbarkeit sei für Bio-Betriebe entscheidend. Zumal sich die "neuen" Gentechniken in den Produkten bislang kaum nachweisen lassen. Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG) befürchtet, dass sich dieser Mehraufwand auch in höheren Lebensmittelpreisen niederschlagen könnte.
Daher haben die Unternehmen REWE, dm, Alnatura, dennree und Rapunzel in einem offenen Brief an die zuständigen EU-Parlamentarier gefordert, die vollständige Kennzeichnungspflicht für Neue Gentechnik zu erhalten.
Text: Jutta Schneider-Rapp, Ökonsult