Wie lassen sich Lebensmittel "ohne Gentechnik" erkennen?

Wie lassen sich Lebensmittel "ohne Gentechnik" erkennen?

Die Europäische Kommission will die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) weitgehend abschaffen. Das würde es Verbraucherinnen und Verbrauchern erschweren, weiterhin Lebensmittel ohne Gentechnik zu kaufen. Gentechnikfreie konventionelle Produkte ließen sich dann nur noch am Siegel "Ohne Gentechnik" erkennen. Bio-Produkte müssen nach wie vor ohne Gentechnik hergestellt werden.

Was bedeutet die EU-Deregulierung der Kennzeichnungspflicht für GVO-Lebensmittel?

Bisher befinden sich bei uns so gut wie keine GVO-Lebensmittel im Handel. Dies wird sich aber voraussichtlich ändern. Denn Anfang Dezember 2025 hat sich die EU in den sogenannten Trilog-Verhandlungen vorläufig auf eine Deregulierung der Gentechnik-Kennzeichnungspflicht geeinigt. Allerdings müssen das Europaparlament und die Mitgliedstaaten noch darüber abstimmen.

Danach gäbe es künftig zwei verschiedene Kategorien und zwei Regelwerke für Pflanzen, die mit Neuen genomischen Techniken (NGT) hergestellt werden. NGT-Pflanzen, die mit neuen gentechnischen Verfahren wie CRISPR/Cas entwickelt wurden und keine artfremden Gene enthalten, fallen unter die Kategorie 1. Für diese sollen die strengen Kennzeichnungspflichten entfallen, da sie als gleichwertig mit herkömmlichen Pflanzen eingestuft werden. Nur noch für NGT-Pflanzen mit massiven gentechnischen Eingriffen (Kategorie 2) sollen die bestehenden strengen Regeln größtenteils weiterhin gelten. Die stellen jedoch die Minderheit.

Für rund 94 Prozent aller NGT-veränderten Pflanzen sollen künftig keine wirksamen Schutzmechanismen mehr gelten,

kritisiert der Öko-Anbauverband Biokreis.

CRISPR/CAS – was ist das?

Die Biotechnologieunternehmen entwickeln immer ausgefeiltere Techniken, um Organismen gentechnisch zu verändern: zum Beispiel CRISPR/Cas, auch als Genschere bekannt oder Genom-Editierung genannt. Damit kann die DNA an gezielten Stellen geschnitten werden. Dadurch können Gene verändert, entfernt oder eingefügt werden. Im Vergleich zur "alten" Gentechnik lässt sich damit das Genom punktgenau verändern. Befürworterinnen und Befürworter sehen darin eine sichere Züchtungsmöglichkeit und keinen Unterschied zur herkömmlichen Pflanzenzüchtung.

Öko-Anbauverbände bestreiten das: Auch bei den neuen Verfahren werde die DNA von Pflanzen und Tieren direkt innerhalb des Zellkerns verändert. Deshalb handele es sich aus technischer und rechtlicher Sicht eindeutig um gentechnische Veränderungen, so die Internationale Vereinigung für ökologische Landbaubewegungen (IFOAM).

Welche Auswirkungen hat die Deregulierung von GVO-Lebensmitteln?

Kommt das Gesetz wie beschlossen, hat es gravierende Folgen für Verbraucherinnen und Verbraucher, Bio-Landwirtinnen und Bio-Landwirte sowie den gesamten Bio-Lebensmittelsektor.

Deregulierung beendet die Wahlfreiheit für Verbraucherinnen und Verbraucher

Die EU will die Kennzeichnung für NGT-Pflanzen der Kategorie 1 abschaffen, obwohl die Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher sich seit Jahrzehnten in allen Umfragen gegen Gentechnik auf dem Acker und im Essen und für eine Kennzeichnungspflicht ausspricht. Ohne Kennzeichnung können wir bei konventionellen Lebensmitteln nicht mehr erkennen, ob sie gentechnisch verändert sind.

Deregulierung bedroht Ökolandbau

Durch die Lockerungen der Kennzeichnungspflicht kommen mehr GVO-Lebensmittel in Verkehr. In der gesamten Kette der Lebensmittelerzeugung könnten genmanipulierte Organismen Bio-Produkte verunreinigen. Ein Nebeneinander (Koexistenz) von Ökolandbau und GVO halten viele Bio-Landwirtinnen und Bio-Landwirte für unmöglich. Beispielsweise könnten die Samen von gentechnisch veränderten Pflanzen mit dem Wind oder über Tiere leicht auf einem benachbarten Bio-Acker landen. Eine gemeinschaftliche Maschinennutzung birgt ebenfalls Gefahren:

Wir nutzen die Sä- und Erntemaschinen gemeinsam mit unseren konventionell arbeitenden Nachbarbetrieben. Sobald einer von denen gentechnisch veränderte Pflanzen anbaut, geht das nicht mehr,

befürchtet Biokreis-Bäuerin Barbara Endraß.

Auch in den Getreidemühlen oder im Lager könnte GVO-Getreide in der Bio-Ernte landen. Mit GVO verunreinigtes Bio-Getreide lasse sich nicht mehr als Bio verkaufen. Wer dann dafür hafte, fragt sich Endraß.

Deregulierung erhöht den Aufwand bei Herstellung und Handel

Dank des EU-weiten Rückverfolgbarkeits- und Kennzeichnungssystems ließ sich bisher eine GVO-freie Lieferkette garantieren. Dies würde künftig nicht mehr funktionieren.

Ohne verlässliche Kennzeichnung entlang der Produktionsprozesse muss Wahlfreiheit aufwendig erarbeitet werden,

betont Alexander Beck, Geschäftsführer der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller e.V. (Neue genomische Techniken – AöL e.V.)

Für Bio-Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller bedeute die neue Rechtslage erhebliche praktische Herausforderungen. Insbesondere die Rückverfolgbarkeit sei für Bio-Betriebe entscheidend. Zumal sich die "neuen" Gentechniken in den Produkten bislang kaum nachweisen lassen. Alexander Hissting, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG) befürchtet, dass sich dieser Mehraufwand auch in höheren Lebensmittelpreisen niederschlagen könnte.

Daher haben die Unternehmen  REWE, dm, Alnatura, dennree und Rapunzel in einem offenen Brief an die zuständigen EU-Parlamentarier gefordert, die vollständige Kennzeichnungspflicht für Neue Gentechnik zu erhalten.

Warum sollten wir Lebensmittel ohne Gentechnik kaufen?

Unabhängig von persönlichen gesundheitlichen Bedenken gibt es viele gute Gründe, gentechnikfreie Lebensmittel zu kaufen:

  • Erhalt der natürlichen Biodiversität
  • Risiko für verunreinigte Bio-Produkte sinkt
  • "Ohne Gentechnik" könnte ein Alleinstellungsmerkmal europäischer Lebensmittel bleiben
  • NGT-Pflanzen bringen bisher nicht den versprochenen Mehrwert für die Welternährung
  • GVO und damit verbundene Patente nützen den großen Agrarkonzernen, aber nicht den Landwirtinnen und Landwirten (GVO-Saatgut lässt sich nicht selbst gewinnen und nachbauen)

Überall, wo Bio drauf steht, darf laut EU-Öko-Verordnung keine Gentechnik drin sein. Daher tragen die wenigsten Bio-Produkte ein weiteres Label zur Gentechnikfreiheit. 

Bio bleibt sicher. Wir arbeiten auch in Zukunft ohne gentechnisch veränderte Organismen. Weil wir mit der Natur und nicht gegen sie wirtschaften,

Tina Andres, Vorsitzende des Bio-Spitzenverbands Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Konventionelle gentechnikfreie Lebensmittel lassen sich an dem Siegel "Ohne Gentechnik" erkennen. Das Siegel steht bisher vor allem auf tierischen Produkten wie Milch, Eiern und Fleisch, da es dort die Kennzeichnungslücke bei GVO-Tierfutter gibt. Die Zahl der "Ohne Gentechnik"-Produkte liegt im fünfstelligen Bereich.

Mit der Deregulierung dürften viel mehr Unternehmen ihre Produkte als gentechnikfrei kennzeichnen. Alexander Hissting vom VLOG versichert:

"Ohne Gentechnik" und Bio werden auch in Zukunft gentechnikfreie Lebensmittel garantieren, soviel ist sicher.

Welche Haltungsform-Kennzeichnung garantiert ohne Gentechnik?

Bisher konnte im Handel auch an der Haltungsform-Kennzeichnung des Handels erkannt werden, ob Fleisch oder Milchprodukte gentechnikfrei entstanden sind. Ab Haltungsform 3 mussten die Futtermittel gentechnikfrei sein oder aus regionalem Anbau stammen.

Text: Jutta Schneider-Rapp, Ökonsult


Mehr zum Thema auf Oekolandbau.de:

Letzte Aktualisierung 04.02.2025

Nach oben
Nach oben