Rote Liste: Wichtige Bewohner unserer Böden bedroht?

Die Mehrzahl der in Deutschland vorkommenden Hundertfüßer und Doppelfüßer gilt derzeit als "ungefährdet". Diese positive Nachricht darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass 42 der insgesamt 182 in Deutschland etablierten einheimischen Arten und Unterarten ausgestorben, bestandsgefährdet oder extrem selten sind. Das zeigt die neue Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer, die das Bundesamt für Naturschutz gemeinsam mit dem Rote-Liste-Zentrum jetzt veröffentlicht hat.

Hände halten Erde.

Hundertfüßer und Doppelfüßer sind oft übersehene, aber bodenökologisch bedeutsame Organismengruppen. Während Hundertfüßer als Räuber die Bestände von kleinen Beutetieren in der Bodenstreu regulieren, tragen Doppelfüßer als wichtige Zersetzer maßgeblich zum Abbau organischer Substanz bei, da sie sich zum Großteil von verrottenden Pflanzen und Tieren sowie von Algen und Pilzen ernähren. Aufgrund der hohen Bindung der Tiere an ihren Lebensraum sowie ihrer eingeschränkten Mobilität, reagieren sie besonders empfindlich auf Umweltveränderungen, wie den Verlust und die Zerschneidung von geeigneten Lebensräumen. Dies macht sie zu vulnerablen Arten.

Die Rote Liste bewertet alle 182 in Deutschland etablierten und einheimischen Arten und Unterarten (Taxa) der Hundertfüßer und Doppelfüßer. 6 Arten der Hundertfüßer (3,3 Prozent) und 15 Arten der Doppelfüßer (8,2 Prozent) gelten als bestandsgefährdet (Rote-Liste-Kategorien 1, 2, 3, G), darunter 4 Arten (2,2 Prozent), die vom Aussterben bedroht sind, 9 stark gefährdete und 7 gefährdete Arten (4,9 Prozent beziehungsweise 3,8 Prozent). Für eine weitere Art (0,5 Prozent) kann das Ausmaß ihrer Gefährdung aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht exakt angegeben werden. Weitere 20 Taxa (11,0 Prozent) sind extrem selten. Eine Doppelfüßer-Art (0,5 Prozent) ist in Deutschland ausgestorben oder verschollen. 127 Taxa der Hundert- und Doppelfüßer (69,8 Prozent) gelten aktuell als “ungefährdet".

Dank einer verbesserten Datengrundlage konnte die Gefährdungseinstufung differenzierter erfolgen, als noch 2016: 10 Arten wurden in eine günstigere Rote-Liste-Kategorie eingestuft, während 20 Arten in eine schlechtere Rote-Liste-Kategorie eingestuft werden mussten. Sabine Riewenherm, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, sagt dazu:

Die neue Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer zeigt: Auch die Biodiversität unserer Böden gerät zunehmend unter Druck. Hundertfüßer und Doppelfüßer leisten einen wesentlichen Beitrag zur Funktionalität von Böden und zum Erhalt eines intakten Naturhaushalts. Dennoch werden Bodenorganismen wie diese oft übersehen und bislang unzureichend erforscht. Die verbesserte Datengrundlage der Roten Liste ist daher ein wichtiger Schritt, um die Bodenfauna stärker in den Naturschutz einzubeziehen.

Darüber hinaus wurde in der Roten Liste eine erhöhte Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung von 12 Doppelfüßer-Taxa ermittelt. Diese Taxa kommen entweder nur oder fast nur hierzulande vor oder die hier lebenden Bestände sind hochgradig von anderen Populationen isoliert. Die vier Taxa, die weltweit nur in Deutschland vorkommen, also endemisch sind, haben ihren Verbreitungsschwerpunkt im Schwarzwald.

Um die in Deutschland vorkommenden Hundertfüßer und Doppelfüßer besser zu schützen, empfehlen die Autorinnen und Autoren insbesondere den Erhalt und die Förderung strukturreicher Lebensräume sowie deren bessere Vernetzung durch Verbindungskorridore als zentrale Schutzmaßnahmen. Dr. Peter Decker, Koordinator der Roten Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer, ergänzt:

Auch der Klimawandel macht uns Sorgen und verursacht ein stilles Sterben unter unseren Füßen. Hitze, Dürre und Extremwetter verringern die Zahl geeigneter Lebensräume, lassen die Populationen vieler feuchtigkeits- und kühleliebender Arten schwinden und nehmen ihnen zunehmend die Chance auf Erholung.

Die Roten Listen der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands

Die bundesweiten Roten Listen werden vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) herausgegeben und in dessen Auftrag vom Rote-Liste-Zentrum koordiniert. Erstellt wurde die überarbeitete Fassung der Roten Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer von erfahrenen Expertinnen und Experten der Bodenzoologie und Naturschutzbiologie unter Federführung des Vielfüßer-Spezialisten Dr. Peter Decker. Er hat 2016 bereits die vorherige Rote Liste der Hundertfüßer verfasst und war Koautor bei der ersten Roten Liste der Doppelfüßer.

In den bundesweiten Roten Listen wird die Gefährdungssituation von Tier-, Pflanzen- und Pilzarten für den Bezugsraum Deutschland dargestellt. Die Roten Listen sind zugleich Inventarlisten für einzelne Artengruppen und bieten Informationen nicht nur zu den gefährdeten, sondern zu allen in Deutschland vorkommenden Arten der untersuchten Organismengruppen. Die Autorinnen und Autoren bewerten die Gefährdungssituation insbesondere anhand der Bestandssituation und der Bestandsentwicklung. Die Grundlagen für die Gefährdungsanalysen werden von einer großen Zahl von ehrenamtlichen Artenkennerinnen und Artenkennern ermittelt. Die Roten Listen selbst werden von den Autorinnen und Autoren ebenfalls in weiten Teilen ehrenamtlich erstellt.

Rote Listen stellen eine entscheidende Grundlage für den Schutz der Artenvielfalt in Deutschland dar. Sie dokumentieren den Zustand von Arten und mittelbar die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur. Damit sind sie Frühwarnsysteme für die Entwicklung der biologischen Vielfalt.

Das Rote-Liste-Zentrum

Das Rote-Liste-Zentrum koordiniert seit Dezember 2018 im Auftrag des BfN die Erstellung der bundesweiten Roten Listen. Das Bundesumweltministerium fördert das Zentrum mit jährlich 3,1 Millionen Euro. Es ist am Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn angesiedelt und wird fachlich vom BfN betreut. Das Rote-Liste-Zentrum unterstützt die Autorinnen und Autoren sowie weitere beteiligte Fachleute der Roten Listen, indem es sie bei der Erstellung fachwissenschaftlich begleitet und Kosten für die Koordination, die Arbeitstreffen der Fachleute und andere vorbereitende Arbeiten übernimmt.

Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung BfN mit dem Rote-Liste-Zentrum 

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