Lieferkettengesetz und We Care-Standard

Lieferkettengesetz und We Care-Standard

Das neue Lieferkettengesetz ist beschlossen. Es gilt ab 2023 für Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten. Für die Bio-Branche gibt es jetzt einen eigenen Nachhaltigkeitsstandard: Das "We care"-Siegel zeichnet Unternehmen aus, die umfassende ökologische und soziale Kriterien gemeinsam mit ihren Partnern einhalten.

T-Shirts aus Bangladesch, seltene Erden für unsere Handys und Kaffee aus Brasilien – keine andere Nation ist so in internationale Lieferketten eingebunden wie Deutschland. Dabei genießen wir unseren Wohlstand oft auf Kosten anderer. Laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind weltweit 75 Millionen Kinder von ausbeuterischer Kinderarbeit betroffen. Der Lohnanteil einer Näherin an einem Marken-T-Shirt beträgt 0,6 Prozent des Verkaufspreises. Allein die Textilindustrie verbraucht jährlich 43 Millionen Tonnen Chemikalien.

Nur wenige Unternehmen überprüfen die Arbeits- und Umweltbedingungen bei ihren Zulieferern aus aller Welt. Um das zu ändern, hat das BMZ jetzt ein nationales Lieferkettengesetz auf den Weg gebracht. Ab 2023 sind deutsche Unternehmen mit mehr als 3000 Beschäftigten verpflichtet, auf die Menschenrechte und soziale Mindeststandards entlang ihrer Lieferketten zu achten.

We Care will mehr

Die Initiative Lieferkettengesetz, ein Zusammenschluss aus 124 Menschenrechts-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen, möchte mehr erreichen: "Das Gesetz gilt zunächst nur für wenige Unternehmen. Durch die fehlende zivilrechtliche Haftung wird Opfern von schweren Menschenrechtsverletzungen ein verbesserter Rechtsschutz vor deutschen Gerichten verwehrt. Und auch die Einhaltung von Umweltstandards berücksichtigt das Gesetz nur marginal."

Besser machen soll es der neue Nachhaltigkeitsstandard des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL) We Care: Für diesen Standard können sich alle Unternehmen zertifizieren lassen, die Lebensmittel importieren, selbst verarbeiten oder herstellen. Aber auch Groß- und Einzelhändler, die Rohwaren oder Fertigprodukte vertreiben.

Unternehmen statt Produkte prüfen

Bei We Care werden nicht wie bei anderen Bio-Standards einzelne Produkte geprüft, sondern Unternehmen zertifiziert: Sie müssen auf vier Handlungsfeldern nachhaltig arbeiten: der Unternehmensführung, dem Lieferketten- und Umweltmanagement sowie der Mitarbeiterverantwortung. Vom Anbau in den Ursprungsländern oder in den heimischen Regionen bis zum fertigen Produkt muss ein We-Care-zertifiziertes Unternehmen insgesamt 164 ökologische, faire sowie soziale Kriterien einhalten!

Am Unternehmensstandort geht es zum Beispiel um gentechnikfreie Sortimente, Erhalt von Biodiversität, Tierwohl, Reduzierung der Treibhausgasemissionen oder Tarif- beziehungsweise Mindestlöhne. Dabei integriert We Care bestehende Standards wie das europäische Umweltmanagement-System EMAS oder die der Öko-Anbauverbände. Wer beispielsweise Bioland-zertifiziert ist, muss zu Gentechnik und Tierwohlkriterien nichts mehr nachweisen. So lassen sich Doppelzertifizierungen vermeiden.

Lieferketten im Visier

Beim Lieferkettenmanagement ist festgelegt, wie ein Unternehmen seine Verantwortung entlang der Lieferkette aktiv gestalten, sie formulieren und in der Umsetzung dokumentieren muss. Hier geht es um soziale Kriterien wie den Ausschluss von Kinderarbeit. Umweltrisiken wie der hohe Wasserverbrauch von Avocados stehen ebenfalls im Fokus.

Wenn in der Lieferkette eines zertifizierten Unternehmens Sozial-, Umwelt- oder Tierwohlstandards verletzt werden, verlangt We Care sofort gegenzusteuern. Darüber hinaus muss das Unternehmen nachweisen, dass es mit seinen Lieferanten und Lieferantinnen langfristig und partnerschaftlich zusammenarbeitet. Der Einkauf achtet darauf, dass die Bäuerinnen und Bauern faire Preise für ihre Rohwaren erhalten. Die Lieferanten und Lieferantinnen müssen sich auch ihrerseits We-Care-konform verhalten, um mit We-Care-zertifizierten Unternehmen zusammenarbeiten zu können.

Unabhängig und wissenschaftlich

Das Öko-Institut Freiburg begleitet We Care wissenschaftlich. Für Dr. Jenny Teufel vom Öko-Institut hat der neue Nachhaltigkeitsstandard drei Vorteile. "Erstens füllt er die Lücken bestehender Systeme, zweitens ist er offen für alle Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft und drittens erfolgt die Zertifizierung über eine unabhängige und anerkannte Zertifizierungsstelle." Das FiBL Deutschland e.V. ist der Träger von We Care und damit auch des Siegels. Dabei gibt es ein Basislevel und ein höheres Level. Das Basislevel dient der internen Verbesserung und Kommunikation. Für das höhere Level muss ein Unternehmen zu mindestens 80 Prozent Bio-Produkte herstellen oder im Sortiment führen. Nur damit dürfen Unternehmen das We-Care-Zeichen auch auf den Produktverpackungen führen.

Praktische Umsetzung

Wer das We Care Zeichen bekommen will, muss sein Unternehmen von unabhängigen Auditorinnen und Auditoren prüfen lassen. Das dauert je nach Unternehmensgröße einen bis mehrere Tage.

Als erste Pilotunternehmen haben sich bereits die Handelskette Alnatura und der Tee-, Kaffee- und Gewürzhersteller Lebensbaum und zertifizieren lassen. "We care verpflichtet uns, überall genau hinzusehen. Werden die Menschenrechte in Risikogebieten wie dem Teeanbaugebiet Assam eingehalten? Können die Kinder unserer Lieferanten selbst in abgelegenen Gebieten zur Schule gehen?", erläutert Henning Osmers-Rentzsch von Lebensbaum.

Aber auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher könnte der neue Standard einen Mehrwert bringen. Sie müssen nicht mehr zwischen verschiedenen Siegeln auswählen. Die Botschaft lautet: "Nicht die Kunden müssen achtgeben, sondern wir kümmern uns um Nachhaltigkeit als Ganzes über das gesamte Sortiment hinweg", verspricht der Nachhaltigkeitsbeauftragte Osmers-Rentzsch.


Letzte Aktualisierung 08.03.2021

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