Neue Öko-Verordnung: Änderungen für die Landwirtschaft

Neue EU-Öko-Verordnung: Was ändert sich für Öko-Landwirtinnen und -Landwirte?

Am 1. Januar 2022 ist die neue EU-Öko-Verordnung in Kraft getreten. Mit der neuen Verordnung kommt viel Neues auf die Bio-Branche zu. Wir haben für Sie die wichtigsten Änderungen für den landwirtschaftlichen Bereich zusammengefasst.

Seit 1. Januar 2022 gilt die EU-Öko-Verordnung 2018/848. Sie löst damit die Verordnung 834/2007 ab, die zwischen 2009 und 2021 die Regeln für den Öko-Landbau vorgegeben hat. Eigentlich sollte die neue Öko-Verordnung bereits am 1. Januar 2021 in Kraft treten. Bis zuletzt gab es jedoch noch allerhand Klärungsbedarf zu zahlreichen Produktionsfragen. Deswegen und wegen der Corona-Pandemie beschloss man im November 2020 die Verschiebung des Geltungsbeginns auf den 1. Januar 2022.

Mit der überarbeiteten Verordnung kommt nun viel Neues auf die Bio-Branche zu. Welches die wichtigsten Änderungen explizit für die landwirtschaftliche Erzeugung sind, haben wir für Sie im Folgenden zusammengefasst.

Neues Vorsorgekonzept

Alle Bio-Unternehmen, also auch Landwirtinnen und Landwirte, müssen von nun an bei der Kontrolle in einem Vorsorgekonzept nachweisen, wie sie Verunreinigungen von Bio-Waren mit nicht zugelassenen Stoffen vermeiden. Kritische Punkte im landwirtschaftlichen Betrieb sind hier zum Beispiel der Saatgut- und Betriebsmitteleinkauf oder der überbetriebliche Maschineneinsatz. Vorsorge müssen die Betriebe jedoch nur im Einflussbereich des eigenen Unternehmens treffen. Das, was der Nachbar oder Lieferant tut, fällt nicht in ihren Verantwortungsbereich. Das Gleiche gilt für Verunreinigungen durch allgemeine Umweltkontaminationen, wie zum Beispiel Dioxin. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) hat für landwirtschaftliche Unternehmen einen kostenlosen Praxisleitfaden zu diesem Thema erstellt.

Kontrolle risikoorientierter

Die Öko-Kontrolle auf den landwirtschaftlichen Betrieben wird grundsätzlich weiterhin einmal jährlich stattfinden – von nun an allerdings stärker risikoorientiert. Das bedeutet: Risikoarme Betriebe, auf denen in den vergangenen drei Jahren keine Verstöße festgestellt wurden, können ab jetzt alle zwei Jahre ohne Vorort-Besuch kontrolliert werden. Risikoreichere Betriebe müssen hingegen damit rechnen, dass mehr zusätzliche und unangekündigte Kontrollen auf ihren Betriebsflächen stattfinden.

Neuer Begriff: Umstellungsproduktionseinheiten

Mit der neuen Öko-Verordnung wird die sogenannte "Umstellungsproduktionseinheit" eingeführt. Diese ist definiert als "eine Produktionseinheit, die während des Umstellungszeitraums […] unter Einhaltung der für die ökologische/biologische Produktion geltenden Anforderungen bewirtschaftet wird; sie kann aus Landparzellen oder anderen Wirtschaftsgütern bestehen […]". Mit diesem Begriff sollen also Bereiche im landwirtschaftlichen Betrieb klarer von solchen abgegrenzt werden, die schon umgestellt oder noch konventionell sind.

Was ändert sich im Pflanzenbau?

Die bisherigen Grundsätze des ökologischen Pflanzenbaus bleiben auch in der neuen Öko-Verordnung erhalten. Das heißt zum Beispiel, die Pflanzenproduktion muss grundsätzlich in gewachsenem Boden erfolgen. Dies gilt nun explizit auch für den Unterglasanbau. Die Kultur in Töpfen ist nur bei Zierpflanzen und Kräutern, welche auch in Töpfen an die Endverbraucherinnen und -verbraucher verkauft werden, sowie für Jungpflanzen erlaubt. Die Treiberei in Wasser ist künftig nur noch bei Chicorée und Sprossen zulässig. Bei Schnittlauch darf dieses Verfahren hingegen nicht mehr angewendet werden. Chicorée darf ausnahmsweise auch in Kultursubstraten getrieben werden.

Die rückwirkende Anerkennung von Umstellungszeiten (zum Beispiel auf Flächen, auf denen Agrarumweltmaßnahmen durchgeführt wurden) ist nach wie vor möglich, gestaltet sich nach neuer EU-Öko-Verordnung jedoch aufwändiger.

Leguminosen in der Fruchtfolge sind laut neuer EU-Öko-Verordnung nun Pflicht. In welchem Umfang, ist jedoch nicht definiert. Eine Ausnahme gilt für Dauergrünland und mehrjährige Futterkulturen.

Betriebsfremde Düngemittel und Pflanzenschutz

Was bislang schon für Gülle, Jauche und Mist galt, ist nun auch für Biogas-Gärreste tierischen Ursprungs geregelt: Sie dürfen nicht aus industrieller Tierhaltung stammen (das heißt mehr als 2,5 Großvieheinheiten pro Hektar, Schweine überwiegend auf Spalten, Geflügel in Käfigen). Neu aufgenommen in die Positivliste der Düngemittel wurden Muschelabfälle, Humin- und Fulvinsäuren sowie Pflanzenkohle.

In Sachen Pflanzenschutz gibt es zwei wesentliche Veränderungen: Die Ausbringung von kupferhaltigen Pflanzenschutzmitteln ist von nun an auf eine Menge von 28 Kilogramm Kupfer je Hektar in einem Zeitraum von sieben Jahren begrenzt. Das bedeutet im Schnitt vier Kilogramm Kupfer je Hektar und Jahr, bisher waren bis zu sechs pro Jahr zulässig. Quassia ist als natürliches Pflanzenschutzmittel nicht mehr erlaubt.

Saatgut und vegetatives Vermehrungsmaterial

Mit "Pflanzenvermehrungsmaterial" wurden ein Begriff in die Verordnung eingeführt, der nun gleichermaßen Saatgut und vegetatives Vermehrungsmaterial umfasst. Mit der neuen EU-Öko-Verordnung werden auch erstmals Definitionen und Regeln für ökologisch gezüchtete Sorten eingeführt. Dadurch soll die Öko-Züchtung weiter vorangebracht werden. Neu hinzugekommen sind zudem Regeln für "ökologisch gezogenes heterogenes Material". Damit soll die Erzeugung, Vermarktung und Verwendung sogenannter heterogener Populationen aus bäuerlicher Saatgutpflege – auch als "Hofsorten" bezeichnet – erleichtert werden.

Die Einführung einer Datenbank, die verbindliche Angaben zur Verfügbarkeit von Öko-Saatgut macht, ist nun für alle Mitgliedsstaaten verpflichtend vorgeschrieben. Für Deutschland ist dies nichts Neues, denn hier ist die Nutzung der Datenbank organicXseeds.de schon lange geübte Praxis. Einige Neuerungen gibt es hier aber auch für deutsche Öko-Landwirtinnen und -Landwirte: Die Verfügbarkeitsprüfung gilt von nun an für jegliches vegetatives Vermehrungsmaterial, also nicht mehr nur für Kartoffeln. Als neue Kategorie wird außerdem "ökologisch heterogenes Material" (siehe oben) eingeführt und es muss zwischen Öko- und Umstellungsware unterschieden werden.

Saatgut beziehungsweise Pflanzgut aus Umstellung – das heißt, geerntet nach zwölf Monaten Umstellungszeit – vom eigenen Betrieb kann uneingeschränkt verwendet werden. Die Verwendung von zugekauftem Saatgut beziehungsweise Pflanzgut aus Umstellung ist nur dann ohne Genehmigung zulässig, wenn ökologische Ware nicht verfügbar ist.

Die Verwendung von Jungpflanzen (zum Beispiel Obstbäume, Zierpflanzen), die in Öko-Betrieben aus konventionellem Ausgangsmaterial erzeugt werden, dürfen weiterhin als ökologisches Pflanzenvermehrungsmaterial (samt EU-Bio-Logo) vermarktet werden. In diesem Punkt gab es bis zuletzt Ungewissheit. Erst kurz vor Weihnachten 2021 schaffte die EU-Kommission hier Klarheit.

Generell gilt: Konventionelles Vermehrungsmaterial soll nach aktuellem Verordnungsstand nur noch bis zum 31.12.2036 verwendet werden dürfen.

Was ändert sich in der ökologischen Tierhaltung

Grundsätzlich bleibt die EU-Öko-Verordnung ihren Grundsätzen in der ökologischen Tierhaltung treu. Dennoch gibt es einige wesentliche Neuerungen und Änderungen.

Neu hinzugekommen: Gehegewild und Kaninchen

Neu aufgenommen in die EU-Öko-Verordnung sind Regeln für die Haltung und den Zukauf von Gehegewild und Kaninchen.

Neue Regeln für den Zukauf von (Zucht-) Tieren

Im Wesentlichen bleibt der Zukauf von (Zucht-) Tieren auch in der neuen EU-Öko-Verordnung geregelt wie bisher. Neu ist jedoch, dass für jedes zugekaufte, konventionelle (Zucht-) Tier ab 2022 eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden muss. In der alten Verordnung war das erst ab einem bestimmten Prozentsatz erforderlich.

Seit 1.1.2022 müssen nun auch alle EU-Mitgliedsstaaten über eine Datenbank verfügen, in der alle im Land verfügbaren Öko-Tiere gelistet sind. In Deutschland hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) eine solche Datenbank bereits in enger Absprache mit den zuständigen Behörden entwickelt. Sie heißt organicXlivestock und ist schon seit Juni 2021 online. Öko-Tiere, die ab dem 1. Januar 2022 nicht auf organicXlivestock gelistet sind, gelten in Deutschland faktisch als nicht verfügbar. Das heißt: Wer in der Datenbank auf der Suche nach den benötigten ökologischen (Zucht-) Tieren und Küken (jünger als drei Tage) nicht fündig wird, kann sich auf Grundlage des Suchergebnisses eine Ausnahmegenehmigung erteilen lassen, um solche Tiere konventionell zukaufen zu dürfen.

Die Ausnahmeregelung zum Zukauf konventioneller Tiere (Zuchttiere, Küken bis drei Tage und Aquakulturjungtiere) soll generell zum 31.12.2036 auslaufen.

Fütterung

Bei Pflanzenfressern (Rinder, Schafe, Ziegen, Equiden) müssen wie bisher mindestens 60 Prozent der Futtermittel aus der Betriebseinheit selbst stammen oder – falls dies nicht möglich ist – in Zusammenarbeit mit anderen ökologischen Betrieben in derselben Region erzeugt werden. Ab 2024 wird dieser Prozentsatz auf mindestens 70 Prozent erhöht. Bei Schweinen und Geflügel steigt der Anteil betriebseigenen oder regional erzeugten Futters bereits mit Inkrafttreten der Verordnung ab Januar 2022 auf 30 Prozent (bisher 20 Prozent).

Futter von betriebseigenen Umstellungsflächen – das heißt geerntet nach zwölf Monaten Umstellungszeit – ist weiterhin zu 100 Prozent zulässig. Zugekauftes Umstellungsfutter darf ab 2022 nur noch einen Anteil von 25 Prozent (statt bisher 30 Prozent) an der jährlichen Futterration haben.

Die Zufütterung von maximal fünf Prozent konventionellem Eiweißfutter ist ab 2022 nur noch bei Jungtieren, Geflügel bis 18 Wochen und Ferkeln bis 35 Kilogramm, zulässig und soll am 31.12.2026 auslaufen. Nach Prüfung der Marktlage kann dieser Termin ab 1.1.2025 verkürzt oder verlängert werden.

Was ändert sich in der Rinderhaltung?

Die Endmast von Rindern im Stall ohne Freigeländezugang ist ab 2022 nicht mehr zulässig. Bisher waren bis zu drei Monate Endmast ohne Freigeländezugang möglich.

Was ändert sich in der Schweinehaltung?

Nach neuer Verordnung muss nun auch im Außenbereich mindestens die Hälfte der Fläche von fester Bauweise sein. Das heißt es dürfen keine Spaltenböden oder Gitterroste verwendet werden. Für die bauliche Anpassung bei den Außenflächen haben die Betriebe eine Übergangsfrist bis zum 1.1.2030.

Was ändert sich in der Geflügelhaltung?

Die neue Verordnung definiert nun eine "Veranda" für Geflügel. Dabei handelt sich um einen überdachten Bereich mit Außenklimabedingungen, der nicht rund um die Uhr zugänglich sein muss. Das Angebot einer Veranda ist nicht verpflichtend vorgeschrieben. Die Veranda zählt nicht als Freigelände und kann auch nicht zur Berechnung der Besatzdichte im Stall herangezogen werden.

Die bisherigen Außenklimabereiche/Kaltscharrräume sind nach neuer Verordnung nur dann auf die Stallfläche anrechenbar, wenn sie rund um die Uhr zugänglich sind, Tränke- und Futtereinrichtungen aufweisen und eine Isolation vom Außenklima haben.

Neue Regeln gibt es auch bezüglich der Volierenhaltung. Laut neuer Verordnung sind zusätzlich zum Boden ab 2022 maximal zwei weitere Ebenen zulässig. In vielen deutschen Ställen gibt es drei erhöhte Ebenen. Um solche Volierensysteme baulich anzupassen, wird den Betrieben eine Übergangsfrist bis zum 1.1.2030 gewährt.

Ab 2022 müssen ausnahmslos alle Geflügelställe Sitzstangen oder erhöhte Sitzebenen aufweisen. Für Mastgeflügel war dies bislang nicht geregelt.

Erstmals werden in der neuen Verordnung auch Auslaufdistanzen für Geflügel definiert. Generell gilt hier nun ein Radius von maximal 150 Metern ab der nächstgelegenen Klappe. Für den Fall, dass das Freigelände genügend Schutz vor schlechtem Wetter und Raubtieren bietet (mindestens vier gleichmäßig verteilte Schutzeinrichtungen je Hektar), darf die Auslaufdistanz auf bis zu 350 Meter erhöht werden. Für bauliche Anpassungen ist eine Übergangszeit bis zum 1.1.2030 vorgesehen.

Neu sind auch die Vorgaben zur Trennung von Stallabteilen (Herden). Bei Mastgeflügel (außer Masthühnern) sind nun vollständige Trennwände vom Boden bis zur Decke vorgeschrieben. Stallabteile von Legehennen, Junghennen, Bruderhähnen und Masthühnern können durch halbgeschlossene Wände, Netze oder Maschendraht abgetrennt werden.

Erstmals gibt es in der EU-Öko-Verordnung auch konkrete Vorgaben für Junghennen, Bruderhähne und Elterntiere. Die wichtigsten sind:

  • Maximale Herdengröße je Stallabteil: maximal 3.000 Elterntiere, maximal 10.000 Junghennen, maximal 4.800 Bruderhähne
  • Besatzdichte im Auslauf: Ein Quadratmeter pro Tier für Junghennen und Bruderhähne, vier Quadratmeter pro Tier für Elterntiere (für die Einrichtung der Ausläufe in der geforderten Größe sind bei Junghennen und Bruderhähnen unter bestimmten Umständen Übergangsfristen bis 1.1.2030 möglich)
  • Besatzdichte im Stall:
    • Junghennen und Bruderhähne (Mastendgewicht 1,4 Kilogramm): 21 Kilogramm Lebendgewicht je Quadratmeter
    • Elterntiere: Sechs Tiere je Quadratmeter
    • Masthühner: 21 Kilogramm Lebendgewicht je Quadratmeter (maximal Tierzahl pro Quadratmeter entfällt)
  • Seit 1.1.2022 ist der Grünauslauf auch für Elterntiere vorgeschrieben.

Wo gibt es weitere Infos zur neue EU-Öko-Verordnung?

In regelmäßigen Abständen aktualisierte Informationen zur neuen EU-Öko-Verordnung können Sie unter anderem auf den Internetseiten verschiedener Öko-Kontrollstellen abrufen, zum Beispeil:

Außerdem haben das Büro Lebensmittelkunde und Qualität (BLQ) und die Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) einen an den spezifischen Bedürfnissen von Fachkräften der Bio-Branche orientierten E-Learning-Kurs zur Vorbereitung auf die neue EU-Öko-Verordnung erstellt (kostenpflichtig). Hier finden Sie weitere Informationen zum Kurs und der Anmeldung.

Die neuen Verordnung (EU) 2018/848 als Volltext und Recherchetool finden Sie hier bei oekolandbau.de.


Lesetipp:

Praxisleitfaden für landwirtschaftliche Unternehmen zur Umsetzung des Artikels 28 Absatz 1 der Öko-Verordnung (EU) 2018/848

Der Praxisleitfaden befasst sich mit den "Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung des Vorhandenseins nicht zugelassener Erzeugnisse und Stoffe", die landwirtschaftliche Betriebe nach der neuen EU-Öko-Verordnung umsetzen müssen.

  • Autorinnen und Autoren: Lena Guhrke, Babette Reusch, Wolfgang Neuerburg, Caroline Ebner (FiBL Deutschland e.V.)
  • Herausgeber: FiBL
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • Bestellung / Download: Organic Eprints

Letzte Aktualisierung 05.01.2022

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