Klimawandel, Reblaus & Co. – Herausforderungen für die Gesunderhaltungsstrategien im (Öko-)Weinbau

Die Öko-Beratungsgesellschaft mbH (Naturland) lud zu einer Wissenstransferveranstaltung auf das Weingut Rainer Sauer in Escherndorf (Weinanbaugebiet Franken). Unter dem Titel "Herausforderungen für die Gesunderhaltungsstrategien im (Öko-)Weinbau aufgrund des Klimawandels – alte und neue Schadorganismen im Fokus" kamen Winzerinnen und Winzer, Beraterinnen und Berater sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, um aktuelle Erkenntnisse und Handlungsoptionen zu diskutieren.

2 Menschen stehen zwischen Weinreben

Klimawandel als Herausforderung für den Öko-Weinbau

Dr. Wolfgang Patzwahl machte deutlich: Steigende Temperaturen, längere Vegetationsperioden, mehr Hitzetage und Starkniederschläge stellen nicht nur die Reben, sondern auch das Pflanzenschutzmanagement vor völlig neue Herausforderungen. Besonders problematisch sind die vermehrten Infektionszyklen von Oidium (Erysiphe necator) und Peronospora (Plasmopara viticola) sowie die Zunahme invasiver Schadorganismen.

Anhand von VITIMETEO-Daten wurde aufgezeigt, dass selbst bei maximaler Ausschöpfung der Möglichkeiten der Anwendung von Kupfer-basierten Pflanzenschutzmitteln im Öko-Weinbau massive Ertrags- und Qualitätsverluste durch Peronospora auftreten können. Gleichzeitig gewinnt Oidium an Bedeutung, da es von den wärmeren Klimabedingungen profitiert. Ein Befall darf erst gar nicht auflaufen – eine konsequente Kontrolle, Laubarbeit und angepasste Spritzintervalle sind entscheidend für einen erfolgreichen Öko-Weinbau.

Alte Bekannte, neue Probleme

Neben den bekannten Pilzkrankheiten sind Phytoplasmen und Viren ein zunehmendes Problem.

Krankheiten wie Schwarzholzkrankheit (Bois noir) oder Flavescence dorée sowie Viruserkrankungen wie Blattrollkrankheit, Reisigkrankheit und Grauburgunderkrankheit (GPGV) nehmen zu. Verstärkt wird ihre Ausbreitung durch wärmere Winter und aktivere Vektorpopulationen (Zikaden, Wollläuse, Schildläuse). Virusfreies Pflanzgut und striktes Monitoring sind die Basis jeder Prävention. Am Beispiel des Himbeerringfleckenvirus (RpRSV, ch-Typ) wurde gezeigt, dass es nicht genügt, die Verteilungshäufigkeit von Viren zu erfassen. Entscheidend sind wissenschaftlich fundierte Vergleichsuntersuchungen zwischen Standard-Rebsorten/Klonen ohne Virusbefall und befallenen Klonen, um das tatsächliche Schadpotential zu ermitteln.

Eines der wenigen Beispiele solch einer Vergleichsuntersuchung stammt von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim:

  • Versuchsanstellung: A-Klon-Quartier der Klonenselektionsprüfung für Silvaner Klon Wü 0115
  • Ergebnis: Nach sieben Ertragsjahren lag der Ertrag des virusbelasteten Klons Wü 0115 ca. 70 bis 75 Prozent unter dem Standard-Vergleichsklon Wü 92.

In weiteren Praxisweinbergen wurden diese Ergebnisse hinsichtlich der Ertragsentwicklung auch in der Praxis bestätigt.

Diese Ergebnisse unterstreichen die wirtschaftliche Bedeutung von Virusinfektionen und zeigen, dass ohne vergleichende Langzeitstudien das Risiko für Winzerinnen und Winzer nicht adäquat eingeschätzt werden kann.

Die Reblaus kehrt zurück – oder war nie weg

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war der Vortrag von Lea Linhart (BOKU Wien), die aus ihrer Forschung zur Reblaus berichtete. Gemeinsam mit Prof. Dr. Astrid Forneck untersucht sie die Dynamik von Blatt- und Wurzelformen sowie das Monitoring von Reblauspopulationen. Die Ergebnisse zeigen: Veränderte Anbaustrukturen, klimatische Verschiebungen und genetisch diverse Populationen erhöhen das Risiko auch für unterlagen-geschützte Bestände. Ein wirksames Monitoring-System ist daher unverzichtbar.

Praxisnahe Empfehlungen

Neben theoretischen Inhalten wurden bei der Veranstaltung auch praktische Ansätze der Kulturführung vorgestellt:

  • Laubarbeit: Entblätterung der Traubenzone verbessert das Kleinklima, reduziert Feuchtigkeit und unterstützt Pflanzenschutzmaßnahmen.
  • Optimierte Applikation: Anpassung von Spritzintervallen, Wassermengen und Technik an Wachstum und Wetter.
  • Monitoring und Hygiene: Frühzeitige Kontrollen, Laboranalysen und konsequenter Umgang mit infizierten Stöcken. Sortenwahl: Einsatz resistenzstarker PIWI-Sorten und standortangepasster Unterlagen gewinnt an Bedeutung.

Zum Abschluss der Veranstaltung gab es den Programmpunkt "Begehung von Rebanlagen – Erkennen und Bewerten von Schadorganismen im praktischen (Öko-)Weinbau". Dabei hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, gemeinsam mit Lea Linhart (BOKU Wien, Institut für Weinbau und Pomologie) und Dr. Wolfgang Patzwahl (Beratung für Naturland / Öko-BeratungsGesellschaft mbH) praktische Erfahrungen im Erkennen und Bewerten von Schadorganismen zu sammeln und die theoretischen Inhalte direkt im Weinberg umzusetzen.

Fazit: Forschung, Beratung & Praxis Hand in Hand

Die von Naturland initiierte Veranstaltung zeigte, dass Öko-Weinbau ohne kontinuierliche Anpassung der Gesunderhaltungsstrategien künftig nicht auskommen wird. Die enge Zusammenarbeit zwischen Praxis, Beratung und Forschung – wie sie auch die Kooperation mit der BOKU Wien verdeutlichte – ist der Schlüssel, um Reben fit für den Klimawandel zu machen.


Wissenstransfer- und Fachveranstaltungen für die Öko-Branche

Hinweis: Die Veranstaltung wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau (BÖL) durchgeführt und gefördert.

Ob neue Forschungsergebnisse, innovative Praxislösungen oder der direkte Austausch mit anderen Akteurinnen und Akteuren – die Wissenstransfer- und Fachveranstaltungen bringen die Öko-Branche zusammen. Hier entstehen Impulse für die betriebliche Weiterentwicklung, werden Forschung und Praxis verknüpft und gemeinsam die richtigen Fragen für morgen gestellt. In unserem Veranstaltungskalender finden Sie weitere Veranstaltungen.


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