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Nachhaltiges Wachstum in der Biobranche

Verschiedenen Nüsse und Ölsamen. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Die Rohstoffknappheit wird zum Problem. Auch deutsche Bio-Unternehmen sind vermehrt auf Importe aus Drittländern angewiesen, um die Nachfrage bedienen zu können. Foto: Dominic Menzler, BLE

Der Bio-Markt wächst. Nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit. Insbesondere der Bio-Boom in den USA wirkt sich vermehrt auf den nationalen Markt aus. Die Nachfrage hierzulande steigt seit Jahren um durchschnittlich zehn Prozent. Die landwirtschaftliche Produktion kann mit dieser Nachfrage nicht mithalten. Die dadurch entstehende Lücke können Bio-Unternehmen derzeit nur über Importe decken. Doch auch andere Märkte fragen die Rohstoffe vermehrt nach, sodass es zu immer stärkerer Konkurrenz kommt.

Prinzipientreue versus Marktentwicklung

Die ursprünglichen Prinzipien des Ökolandbaus, von der IFOAM (International Federation of Organic Agricultural Movements) als Ökologie, Gerechtigkeit, Gesundheit und Sorgfalt formuliert, werden von einigen Akteuren des Bio-Sektors beispielhaft umgesetzt. Gesetzlich verankert wurde jedoch nur die Ökologie. In der Bio-Branche kommt es vermehrt zu Unternehmenskonzentrationen. Dies hat zwar einen wünschenswerten Effekt auf die Marktentwicklung und führt zu einer Annäherung des "100 Prozent Bio" Ziels. Es liefert jedoch keine wirkliche Vertiefung der ursprünglich von der Bio-Bewegung angedachten Impulse.

Steigendes Wachstum als Herausforderung

Die steigende Nachfrage möchte natürlich auch bedient werden. Welches Unternehmen freut sich nicht, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher vermehrt nach seinen Produkten im Regal greifen? Doch das steigende Wachstum bringt auch Herausforderungen mit sich, zum einen auf der ganz praktischen Ebene, zum anderen auf der ideologischen Ebene. Durch den steigenden Wettbewerb um Rohwaren steigt natürlich auch das Risiko, mit Betrugsware konfrontiert zu werden. Die Zuverlässigkeit der Biokonformität gerät zunehmend unter Druck. Gleichzeitig kommen ursprünglich in regionalen Wirtschaftskreisläufen verankerte Unternehmen in die Situation, diese Kreisläufe durchbrechen zu müssen und sind auf einmal mit erhöhten Transportkosten oder Fragen nach sozialen Standards, Urwaldrodungen oder Landgrabbing konfrontiert.

Vorreiter sein für nachhaltiges Wirtschaften

Zwei Personen am Marktstand. Klick führt zu Großansicht im neuen Fenster.
Das Projekt "Nascent" ist der Meinung, dass eine Veränderung des Ernährungssystems nur durch viele kleine Initiativen geschehen kann. Foto: Europäische Kommission

Die Bio-Branche ist in vielen Dingen Vorreiter in der Lebensmittelwirtschaft. Alexander Beck, Geschäftsführer der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller, stellt daher die Frage, ob sie nicht auch im Bereich des nachhaltigen Wirtschaftens als Vorreiter agieren kann und sollte. Es gibt bereits Bestrebungen in diese Richtung, wie zum Beispiel die solidarische Landwirtschaft oder die Gemeinwohlökonomie, mit welcher sich einige Bio-Verarbeiter schon heute intensiv auseinandersetzen. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung beschäftigt sich mit seiner Fördermaßnahme Nachhaltiges Wirtschaften zum Beispiel im Projekt "Nascent" mit Fragen nach transformativen Wirtschaftsformen und deren Einfluss auf eine nachhaltige Ernährungswirtschaft. Die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer gehen davon aus, dass eine Veränderung des Ernährungssystems eher durch viele kleine Initiativen auf allen Ebenen geschehen kann, als durch das Wachstum einzelner Lebensmittelunternehmer.

Ideal versus Realität

Eine eindeutige Lösung für dieses Dilemma wird es nicht geben, sondern verschiedene Lösungen für unterschiedliche Unternehmen. Jede Bio-Verarbeiterin und jeder Bio-Verarbeiter sollte sich aber bewusst machen, dass es hier Prozesse in der Branche gibt, auf die Antworten gefunden werden müssen. Es geht schließlich um Glaubwürdigkeit – des eigenen Unternehmens, aber auch der Branche.

Jedes Unternehmen kann sich die Frage stellen, ob das Unternehmensbild, das Ideal und die Philosophie, nach der es arbeiten will, tatsächlich noch zur Unternehmensrealität passen, oder ob zu viel Wachstum nicht auch zu Lasten der eigenen Glaubwürdigkeit gehen kann. Wirtschaftliche Akteure haben natürlich nur einen gewissen Spielraum, denn grundsätzlich will jedes Unternehmen am Markt bestehen. Eine große Rolle spielen auch die politischen Rahmenbedingungen. Dennoch hat eine Branche die Möglichkeit, mutig voranzuschreiten und die Fragen nach dem Umbau des Wirtschaftssystems öffentlich zu stellen. Wenn Unternehmen bewusstere und mutigere Entscheidungen in diese Richtung treffen, trägt das Früchte.


Letzte Aktualisierung: 29.01.2018