Tagesspiegel Fachkonferenz Agrar und Ernährung: Landwirtschaft, Politik und Handel im Stresstest

Die politischen Entscheidungen von heute bestimmen, wie resilient unsere Ernährungsversorgung morgen ist, hieß es in der Einladung zur Tagesspiegel Fachkonferenz Agrar und Ernährung, die Anfang Juli 2026 in Berlin stattfand. In den Beiträgen und Workshops wurde deutlich: Ernährungs-Resilienz hat viele Dimensionen. Die Herausforderungen reichen vom Acker bis zum Teller und darüber hinaus.

Agrarbiotop.

Dr. Bettina Rudloff von der Stiftung Wissenschaft und Politik wies auf aktuelle geopolitische Entwicklungen hin, wie die veränderten globalen Macht- und Koalitionslagen und den Anstieg der Düngemittel- und Energiepreise durch Kriege. Rudloff sprach auch über die Bestrebungen von China, zum größten Anbieter von Agrarprodukten zu werden, indem das Land seine eigenen Produkte subventioniert. 

Jenseits der Geopolitik aber seien Klimaereignisse die größten Treiber für Versorgungskrisen. Europa sei davon besonders betroffen, sagte die Agrarökonomin. Sie zeigte auch, wie die globalen Entwicklungen die Preise in die Höhe treiben. Der EU-Verbraucherpreisindex "Nahrung" sei seit 2020 um 30 Prozent gestiegen. Der Anteil der Haushalte in Deutschland, die sich keine ernährungsphysiologisch vollwertige Mahlzeit am Tag leisten konnten, hätte im Jahr 2022 bei 9 Prozent gelegen. Ernährungs-Resilienz verbessern bedeutet nach Rudloff daher, Instrumente zu nutzen, die sowohl die Verfügbarkeit als auch den Zugang zu Nahrungsmitteln verbessern.

Der niedersächsische Minister für Umwelt, Klimaschutz und Energie Christian Meyer gab einen Einblick in die Herausforderungen auf Produktionsseite: "In den nächsten Jahren rechnen wir mit 30 Prozent mehr Wasserverbrauch und weniger Regen." Auch die Grundwasserreserven seien strapaziert. Das Land Niedersachen nähme daher Millionen in die Hand, um Wasserspeicher in der Landwirtschaft zu fördern, unter anderem für Zisternen, Entsiegelung oder auch den Umbau von Nadelwäldern zu Laubwäldern, die mehr Grundwasser bilden. 

Gewässer- und Umweltschutz macht Arbeit und bringt erst einmal weniger Erträge. Landwirtschaftliche Betriebe, die in bestimmten Zonen keine Dünge- und Pflanzenschutzmittel mehr ausbringen, würden daher Ausgleichzahlungen erhalten. Diese Maßnahmen des Gewässer- und Naturschutzes seien Teil des so genannten Niedersächsischen Weges, einer bundesweiten einmaligen Vereinbarung zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Politik. Laut Meyer werden sie unter anderem durch eine Wasserentnahmegebühr finanziert, zu der auch private Haushalte beitragen. Denn Gewässer-, Umwelt- Boden und Klimaschutz kommt Allen zu Gute.

Mit Besorgnis wurde auf der Konferenz die Neuausrichtung der europäischen Agrarsubventionen kommentiert. Denn die Fördermittel für ökologische und umweltschonende Bewirtschaftung sollen wegfallen. Nach Einschätzung von Andreas Krüger, Präsident des NABU Deutschland, sei eine reine Flächenprämie der schlechteste Weg. Diese Gelder kämen im Wesentlichen den Verpächtern zu Gute, hätten aber keinen Effekt für die Resilienz der Landwirtschaft. 

Auch die Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. Claudia Gerster betonte, wie wichtig die Entlohnung von Naturschutzmaßnahmen sei. Wenn sie wegfällt, sei das desaströs für alle Betriebe, die sich auf den Weg gemacht hätten. Ländliche Regionen gerieten damit noch weiter ins Hintertreffen. Auch Prof. Dr. Harald Grete, Professor für Agrarentwicklung und Handel an der Humboldt-Universität zu Berlin, stellte dar, dass Resilienz mehr ist als Schockbeständigkeit. Es ginge um die Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft. "Wenn wir die Wettbewerbsfähigkeit der Tierhaltung mit Klima- und Umweltschutz vereinbaren wollen, dann braucht es politische Gestaltung", sagte der Direktor von Agora Agrar. Öffentliches Geld müsse daher in die Erhaltung und Pflege öffentlicher Güter fließen. 

Prof. Dr. Britta Renner, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, wies darauf hin, dass Ernährungssicherheit auch mit Wahlmöglichkeiten, Würde und Teilhabe zu tun hat. Über 13 Millionen Menschen in Deutschland seien heute armutsgefährdet. Wenn die Ernährungssicherheit schon brüchig ist, dann werden Krisen keine Ernährungssicherheit erzeugen, meinte sie. Sie werden die Probleme lediglich sichtbar machen und verschärfen. Weniger tierische Produkte seien daher nicht nur eine Frage von Klimaschutz und Tierwohl sondern auch eine Krisenvorsorge. Sie verwies dabei auf die 3-R-Strategie: Reduce – Remix – Replace. Das bedeutet, kleinere Portionsgrößen für tierische Produkte, Produktinnovationen, die tierische und pflanzliche Zutaten kombinieren, und Mahlzeiten, bei denen tierischen Produkte durch Alternativen ersetzt werden.

Weitere Informationen:

Tagesspiegel Background: Fachkonferenz Agrar & Ernährung "Gesund und sicher versorgt? Landwirtschaft, Politik und Handel im Stresstest"

BZfE: Rückgang kleiner und mittlerer lebensmittelverarbeitender Unternehmen – Strukturwandel mit Folgen

BZfE: Alternativprodukte zu tierischen Lebensmitteln – "Reduce–Remix–Replace"-Strategie veröffentlicht

Quelle: Pressemitteilung von Dr. Gesa Maschkowski, BZfE


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