Neue Impulse für die Ernährungspolitik

Neue Impulse für die Ernährungspolitik

"Der Markt allein wird die notwendige Neuausrichtung unseres Ernährungs- und Agrarsystems nicht leisten können. Wir brauchen eingriffstiefere Instrumente – auch in der Gemeinschaftsverpflegung." Dafür plädiert Professor Achim Spiller, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz im Interview mit der Oekolandbau.de-Redaktion.

Oekolandbau.de: Nach Auffassung des WBAE gibt es immer mehr Belege für ein partielles Marktversagen in der Ernährungswirtschaft, das zu erheblichen Nachhaltigkeitsdefiziten und zu hohen volkswirtschaftlichen Belastungen in unserem Gesundheitswesen führt. Woran machen Sie dieses Marktversagen fest?

Spiller: Es gibt mehrerer Gründe, warum der Markt bei Nahrungsmitteln nicht so funktioniert, wie wir uns das wünschen würden. Erstens sind wesentliche Produkteigenschaften Vertrauenssache. Man kann dem Produkt nicht ansehen, wie es hergestellt wurde. Zertifizierungssysteme für bestimmte Prozessqualitäten – wie Bio-Standards – können helfen. Aber für wichtige Parameter wie beispielsweise Klimafreundlichkeit fehlen bisher solche Auszeichnungen. Zweitens passt unsere biologische Ausstattung nicht zu unserer heutigen Ernährungsumgebung. Unsere Steinzeitgene geben uns eine hohe Präferenz für Kohlenhydrate und Fette, damit wir für Hungerzeiten gut gerüstet sind. Drittens haben wir kein vernünftiges Sättigungsgefühl für Getränkekalorien, weil unsere Biologie auf Wasser und nicht auf Softgetränke eingestellt ist. Gleichzeitig – viertens – erzielen Lebensmittelproduzenten mit ungesunden Lebensmitteln die höchsten Renditen. Also mit Süßwaren, Softdrinks, Fertiggerichten usw. Mit Obst und Gemüse kann man nicht viel Geld verdienen. Entsprechend findet hier auch wenig Werbung statt. Diese vier Faktoren führen zu Fehlanreizen im Markt. Alleine von sich heraus ist der Markt deshalb nicht in der Lage, die Defizite in Sachen Nachhaltigkeit und Gesundheit zu lösen.

Nanny State Index

In keinem anderen EU-Land werden Alkohol, Essen und Rauchen so wenig reguliert und besteuert wie in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt der Nanny State Index (2019) des Londoner "Institute for Economic Affairs" (IEA).

Oekolandbau.de: Das heißt, wir brauchen mehr Regulierung, mehr Veggie-Day & Co?

Spiller: Das ist eine ganz wichtige Frage. Vor allem in Deutschland haben wir eine ganz besonders stark individualisierte Ernährungsverantwortung. So wird beispielsweise das Problem Übergewicht stark individualisiert. Immer sind die Einzelnen verantwortlich. Das hat bei uns eine starke kulturelle Verankerung. So sieht der Nanny State Index, ein Ranking der Staaten in Bezug auf Eingriffe bei unserer Ernährung, Deutschland im europäischen Vergleich auf Platz 28. Das heißt: hierzulande wird am wenigsten reguliert, die Bürgerinnen und Bürger werden am wenigsten unterstützt. Und wenn wir in der Ernährungspolitik etwas bewirken wollen, dann ist das derzeit extrem bildungsbürgerlich ausgerichtet. Wir machen eine Website und einen Flyer, wir informieren. Aber weite Teile der Gesellschaft erreichen wir damit nicht. Wir brauchen deshalb eingriffstiefere Instrumente, wie beispielsweise Lenkungssteuern zur Anpassung der Preise, Werbebeschränkungen, Standards für eine hochwertige Kita- und Schulverpflegung…

Oekolandbau.de: …die es in Form der DGE-Qualitätsstandards bereits gibt…

Spiller: …aber die sind nur in einzelnen Bundesländern verbindlich und noch weniger werden sie kontrolliert. Unser Ernährungssystem verursacht extrem hohe externe Kosten, aber wir kurieren vor allem am Ende. Deshalb brauchen wir einen anderen, einen stärker präventiven Ansatz. Nicht zuletzt die Corona-Krise zeigt uns doch gerade, wie wichtig Prävention ist.

Faire Ernährungsumgebung

Der WBAE bezeichnet eine Ernährungsumgebung als fair, wenn sie erstens auf unsere menschliche Wahrnehmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten abgestimmt ist. Und zweitens, wenn sie gesundheitsfördernder, sozial-, umwelt- und tierwohlverträglicher ist und damit zur Erhaltung der Lebensgrundlagen heutiger und zukünftig lebender Menschen beiträgt.

Oekolandbau.de: Was heißt das konkret für die Gemeinschaftsverpflegung? Wie sollte eine stärker konsumseitig ansetzende Steuerung aussehen?

Spiller: Wir benötigen in erster Linie eine faire Ernährungsumgebung (siehe Info-Kasten, die Ökolandbau-Redaktion). Unsere wichtigste Forderung dafür ist die nach einer beitragsfreien und hochwertigen Schul- und Kita-Verpflegung mit verbindlichen Standards. Das Schulfach Ernährung bringt nichts, wenn man im Unterricht über gesunder Ernährung redet und dann in die Mensa geht und dort keine gesunde Ernährung bekommt. Weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Ernährungsumgebung in der Gemeinschaftsverpflegung umfassen werbefreie Räume, Trinkwasserspender in öffentlichen Gebäuden, geeignete Preisanreize und die Bereitstellung von handlungsnahen Informationen, mehr Transparenz über und Einschränkungen von Werbung in sozialen Medien sowie angemessene Portionsgrößen.

Oekolandbau.de: Gehören zu den verbindlichen Standards auch Bio-Kriterien?

Spiller: Der WBAE sieht im Öko-Landbau einen wichtigen Pionier in der Landwirtschaft, der viele Innovationen vorangetrieben hat. Wir halten das Bio-Ausbauziel in Höhe von 20 oder 25 Prozent für sinnvoll. Allerdings sehen wir ein Ziel von 100 Prozent Ökolandbau in der Fläche als kritisch an. Hier gibt es Zielkonflikte mit der Effizienz, weil die Erträge im Ökolandbau geringer sind.

Oekolandbau.de: Sollte auch für die Gemeinschaftsverpflegung ein Bio-Anteil von 20 beziehungsweise 25 Prozent gelten?

Spiller: Wir sehen die öffentliche Hand hier in der Verantwortung, diese Ziele voranzubringen, denn der Bio-Anteil ist ja zentraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie. Das heißt konkret: Bei diesem Thema sollten sich staatliche Organe auf den verschiedenen Ebenen stärker engagieren und auch in der Gemeinschaftsverpflegung ein durchgängiges 20 Prozent-Bio-Ziel setzen.

Oekolandbau.de: Der WBAE plädiert dafür, Agrar- und Ernährungspolitik stärker zusammen zu denken. Die EU hat mit ihrer Farm-to-Fork-Strategie dazu einen neuen Impuls in die Debatte gebracht. Gleichzeitig behindert jedoch das EU-Wettbewerbsrecht, dass Kommunen bei der Vergabe von Verpflegungsdienstleistungen regionale Wertschöpfungsketten fördern können. Sehen Sie hier einen Zielkonflikt und den Bedarf für Reformen im Vergaberecht?

Spiller: Für die EU ist die Grenze zwischen "Regionalität aus Nachhaltigkeitsgründen" und "Protektionismus" ein sensibles Terrain. Das sollten wir als überzeugte Europäer auch gut finden. Auf der anderen Seite gibt es gute Gründe für regionale Systemen – vor allem dann, wenn Regionalität mit Saisonalität gekoppelt wird. Gleichzeitig wird in den Debatten der Einfluss des Transports auf die Nachhaltigkeit oft überschätzt. Unser Plädoyer wäre, die Qualitäten, um die es uns geht, bei Ausschreibungen näher zu definieren. Das könnten sein: Treibhausgas-Emissionen, Saisonalität, Frische und vieles mehr.

Oekolandbau.de: Herr Professor Spiller, wenn wir in zwei, drei Jahren wieder ein Gespräch führen: Was müsste bis dahin geschehen sein, damit die Transformation unseres Ernährungssystems gelingen kann?

Spiller: Es ist zu hoffen, dass die Politik in Deutschland Ernährung als wahlrelevantes Thema erkennt. Das wird es nach meiner Einschätzung zunehmend. Der sehr starke Zusammenhang zwischen Ernährungsstatus und schweren Coronaerkrankungen hat nochmals gezeigt, welche Probleme unsere Gesellschaft hier aufweist und wie wichtig Prävention ist. Das trifft auf die Gesundheit zu, aber natürlich genauso auf den Klimaschutz.


Letzte Aktualisierung 08.04.2021

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