Biostimulanzien – Wie groß ist das Potenzial?

Seitdem auch konventionelle Betriebe verstärkt auf Biostimulanzien setzen, wächst der Markt und die Entwicklung neuer Präparate rasant. Doch was können die Mittel im Ökolandbau tatsächlich leisten? Für welche Kulturen lohnt sich der Einsatz und worauf kommt es bei der Ausbringung an?

Eine effizientere Nährstoffnutzung, mehr Toleranz gegenüber Hitze- oder Trockenstress und bessere Qualitäten der Ernteprodukte – das versprechen Biostimulanzien. Dabei handelt es sich um natürliche Substanzen und Mikroorganismen, die in sehr unterschiedlichen Formen und Zusammensetzungen ausgebracht werden.

Dabei dienen sie weder als direkte Nährstoffquelle, noch enthalten sie Wirkstoffe gegen pflanzliche Krankheitserreger und Schädlinge. Ihre positive Wirkung auf das Pflanzenwachstum entfalten sie über ihre physiologische Wirkung auf die Pflanzen oder durch eine bodenökologische Wirkung in den Nährstoffkreisläufen.

Von Algenextrakten bis Silizium

Die angebotenen Biostimulanzien basieren auf sehr unterschiedlichen Ausgangsstoffen. Sehr verbreitet sind Präparate mit Mikroorganismen wie Pilzen und Bakterien. Dazu gehören zum Beispiel Mykorrhizapilze für eine gesteigerte Nährstoffaufnahme und Bakterien, die Phosphat im Boden mobilisieren oder Luftstickstoff fixieren können.

Eine weitere wichtige Gruppe sind bioaktive Stoffe aus Algenextrakten, die meist eine phytohormonelle Wirkung haben. Andere Präparate basieren auf organischen Stoffen wie Amino-, Humin- und Fulvosäuren oder anorganischen Substanzen wie Silizium. Die verfügbaren Präparate sind häufig Mischungen aus unterschiedlichen Gruppen.

Potenzial im Gemüse- und Ackerbau

Im Ökolandbau werden Biostimulanzien wie Urgesteinsmehl oder Pflanzenextrakte schon seit langem eingesetzt. Hier sind sie in der Regel als "Pflanzenstärkungsmittel" bekannt. Doch inzwischen setzen auch immer mehr konventionelle Betriebe auf entsprechende Präparate. Der Einsatzschwerpunkt liegt derzeit vor allem im Garten- und Gemüsebau. Doch Fachleute sehen auch im Ackerbau Potenzial, vor allem bei wirtschaftlich attraktiven Kulturen wie Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps und Mais.

Die Nachfrage und das Angebot an Mitteln ist in den letzten Jahren stark gewachsen. "Biostimulanzien sind ein echter Wachstumsmarkt", sagt Prof. Christel Baum, Expertin für Biostimulanzien an der Universität Rostock. Das gilt laut Baum für Deutschland, wo der Umsatz jährlich um über vier Prozent steigt, aber vor allem weltweit mit jährlichen Umsatzzuwächsen von durchschnittlich zehn Prozent.

Rechtliche Einordnung von Biostimulanzien

Die wirksamen Inhaltsstoffe von Biostimulanzien reichen von Mikroorganismen wie Bakterien und Pilzen über Algenextrakte und Aminosäuren bis zu anorganischen Stoffen wie Silizium und organischen Säuren wie Amino-, Humin- und Fulvosäuren. Viele der verfügbaren Präparate sind Kombinationen mehrerer Inhaltsstoffe. Die enorme Vielfalt in der Zusammensetzung macht die rechtliche Einordnung von Biostimulanzien schwierig und ist laut Prof. Christel Baum „ein laufender Prozess“. Zurzeit gelten Pflanzenstärkungsmittel, Bodenhilfsmittel und Pflanzenhilfsmittel als Biostimulanzien, die die Widerstandsfähigkeit und die Nährstoffaufnahme von Kulturpflanzen verbessern. Biostimulanzien werden in Deutschland über die Düngemittelverordnung reguliert. In der EU sind sie definiert als Produkte, die das Pflanzenwachstum stimulieren durch verbesserte Stresstoleranz, Nährstoffverfügbarkeit und Qualitätseigenschaften des Erntegutes, unabhängig von ihrem Nährstoffgehalt.

Biostimulanzien sind nicht günstig

Dabei sind die Kosten für die Präparate nicht unerheblich. Laut Prof. Baum müssen Betriebe zum Beispiel bei Biostimulanzien auf Basis von Mikroorganismen mit mindestens 50 Euro pro Hektar rechnen. „Je nach Intensität und Kombination der Inhaltsstoffe können die Preise auch deutlich darüber liegen“, sagt Christel Baum. Denn die Erzeugung hochwertiger Biostimulanzien ist aufwändig und mit hohen Qualitätsanforderungen verbunden. 

Damit sich diese Kosten rechnen, müssen die Mittel entsprechend höhere Erträge ermöglichen. Doch welche Mehrerträge sind mit Biostimulanzien möglich? Die bisherigen Forschungsergebnisse in Deutschland sind uneinheitlich und die Zahl der gesichert positiven Ergebnisse vergleichsweise gering. Allerdings gibt es zu dieser noch jungen Produktgruppe bisher nur wenige breit angelegte Studien und Exaktversuche.

Mehrerträge bis 20 Prozent möglich

Expertin Baum ist von der Wirksamkeit von Biostimulanzien überzeugt: "Bei Mitteln auf Basis von Mikroorganismen und Algen zeigt eine aktuelle Metaanalyse für seriöse Präparate für deutsche Verhältnisse Mehrerträge von 10 bis 15 Prozent, allerdings mit großen Schwankungen." In weltweiten Studien wurden sogar Ertragszuwächse von über 20 Prozent ermittelt, vor allem für Trockenklimate in Südamerika und Asien.

"Die Wirkung von Biostimulanzien ist sehr standortabhängig und klimagebunden", betont die Expertin. Das größte Potenzial für Mehrerträge sieht sie in Deutschland auf ungünstigen bis mittleren Standorten mit leichten Böden. Denn hier kann eine Abmilderung von Trockenstress oder eine verbesserte Nährstoffaufnahme einen größeren Ertragsschub ermöglichen als auf Gunststandorten. Schließlich sind bindige Boden mit höheren Tonanteilen insgesamt toleranter gegenüber witterungsbedingtem Stress und puffern die Inhaltsstoffe ausgebrachter Biostimulanzien viel stärker ab, was ihre Wirkung verringert.

Wirksamkeit ist standort- und witterungsabhängig

Die verbesserte Stresstoleranz durch Biostimulanzien wird vor allem in Jahren mit ungünstiger Witterung sichtbar. Dadurch erklären sich laut Baum auch die relativ großen Schwankungen bei den Mehrerträgen in Deutschland. Schließlich ist nicht jedes Jahr ein Extremjahr und die Auswirkungen von witterungsbedingtem Stress auf die Pflanzen hängen stark vom Standort ab. In vielen trockenen Anbauregionen herrscht dagegen fast immer Trocken- und Hitzestress, sodass die Wirkung der Präparate hier besonders ausgeprägt ist.

Grundsätzlich sieht Prof. Baum für den Ökolandbau "ein etwas größeres Wirkungspotenzial" von Biostimulanzien als im konventionellen Bereich. Der Grund: Das Nährstoffniveau ist im Ökolandbau in der Regel geringer, während die Böden oft sehr vital sind. Das bietet vielen Biostimulanzien besonders günstige Voraussetzungen. "Wenn kein akuter Nährstoffmangel besteht, kann man hier mit passenden Präparaten einen echten Ertragsschub generieren, etwa über eine Phosphat-Mobilisierung durch Mikroorganismen."

Das richtige Timing entscheidet über Erfolg

Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz von Biostimulanzien ist eine optimale Applikation zum richtigen Zeitpunkt. Denn Faktoren wie Witterung, Bodenzustand, Fruchtfolge und das Entwicklungsstadium der Kultur haben großen Einfluss auf die Wirkung. Laut Baum sind Anwendungsfehler häufig ein Grund für Frust beim Einsatz, weil die Mittel nicht so wirksam sind wie erhofft. Das hemmt laut Baum auch die allgemeine Akzeptanz von Biostimulanzien.

"Es ist sehr wichtig für den Erfolg, sich bei der Ausbringung der Mittel an die Anwendungsvorgaben und Einsatzzeiten zu halten, ähnlich wie beim chemischen Pflanzenschutz", betont die Expertin. Fehler oder willkürliche Anpassungen wie etwa die Veränderung der Aufwandmenge sollten unbedingt vermieden werden. 

Biostimulanzien vorab am eigenen Standort testen

Sie empfiehlt Betrieben, die Wirksamkeit von Biostimulanzien gezielt unter den eigenen Standortbedingungen zu testen. Dafür sollte man eine wichtige Kultur auswählen und ein passendes Präparat für die angestrebte Wirkung (Qualität, Stresstoleranz) auf kleineren Schlägen testen. Das erfordert jedoch eine gewisse Ausdauer. "Ein Jahr hat keine Aussagekraft", sagt Baum. "Erst über drei Anbaujahre hinweg lässt sich die Wirkung oder Wirkungslosigkeit am Standort sinnvoll bewerten."

Grundsätzlich geht die Expertin davon aus, dass die Qualität der Präparate in den nächsten Jahren weiter steigen wird, da Unternehmen weltweit immer mehr Geld in die Forschung und Entwicklung investieren. Dabei geht es nicht nur um eine verbesserte Wirkung. Ziel ist es auch, die Ausbringung stärker mit anderen Arbeitsschritten zu kombinieren, um Kosten zu sparen. Dazu gehört zum Beispiel die Anwendung als Beizung oder als Co-Formulierung mit Düngern, die in der Praxis schon verbreitet ist.

Kein Wundermittel bei pflanzenbaulichen Fehlern

Trotz der nachgewiesenen positiven Wirkung unter bestimmten Voraussetzungen sind Biostimulanzien kein Allheilmittel. Prof. Christel Baum: "Die Präparate ersetzen weder eine angepasste Düngung noch notwendige Pflanzenschutzmaßnahmen. Sie können auch keine grundlegenden pflanzenbaulichen Fehler ausbügeln. Aber sie sind eine wertvolle Ergänzung im ackerbaulichen Werkzeugkasten und können bei richtiger Anwendung höhere Erträge und besser Qualitäten ermöglichen."


Letzte Aktualisierung 07.04.2026

Nach oben
Nach oben