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Können ökologisch gehaltene Hühner glücklich sein?

Was brauchen Hühner eigentlich zum Glücklichsein? Tierwohl beschäftigt nicht nur landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch Verbraucherinnen und Verbraucher. Wie kann man das Tierwohl optimieren und und dabei allen Aspekten wie der Wirtschaftlichkeit, der Nachhaltigkeit sowie der ethischen Verantwortung gerecht werden?
Viele moderne Produktionssysteme sorgen dafür, dass Hühner sich nicht artgerecht verhalten können. Unglückliche Hühner sind daher vor allem solche, die grundlegende Verhaltensweisen nicht mehr ausführen können. Wichtige Beispiele dafür sind zum einen das Fehlen einer Glucke oder einer sozialen Struktur und zum anderen eine monotone Fütterung oder auch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit.
Besonders eindrücklich wird das bei auf Leistung gezüchteten Mastlinien. Schnell wachsende Broiler erreichen ihr Schlachtgewicht bereits so früh, dass sie häufig noch vor der Geschlechtsreife körperliche Probleme entwickeln. Manche Tiere können oft schon in jungem Alter kaum noch laufen, geschweige denn aufstehen und sind dann auch nicht mehr fortpflanzungsfähig.
Was macht ein Huhn glücklich?
Eine vorläufige Definition "glücklicher" Hühner kann also sein: Das Tier zeigt Verhaltensweisen, die möglichst stark mit denen ihrer wilden Artgenossen übereinstimmen. Die Hühner können sich frei in der Landschaft bewegen, nach Futter scharren, Gras und Insekten picken und mit Artgenossen interagieren. Dazu zählt auch, dass beide Geschlechter anwesend sind und sich eine natürliche Beziehung zwischen den Geschlechtern entwickelt.
Interessant in diesem Zusammenhang ist dabei das sogenannte Zweinutzungshuhn. Im Gegensatz zu spezialisierten Lege- oder Mastlinien und dem Fokus auf die wirtschaftliche Nutzung von Fleisch oder Eiern, kommen hier Tiere zum Einsatz, die auf beide Aspekte gezüchtet wurden. Das Zweinutzungshuhn ist eine Abkehr weg von der Einseitigkeit und hin zur Aufzucht beider Geschlechter. Hähne und Hennen haben also die Möglichkeit im Laufe ihres Lebens ihr vollständiges Verhaltensrepertoire zu entwickeln.
Neben der Artgerechtheit muss allerdings auch die Tiergerechtheit mitgedacht werden. Moderne Legehennen sind Leistungstiere mit hohen Anforderungen an ihren Stoffwechsel. Umso wichtiger ist es daher, sie mit ausreichend Nährstoffen und Vitaminen zu versorgen. "Die Gesundheit der Tiere gehört unweigerlich in diesen Kontext mitgedacht und damit die Versorgung mit notwendigen Nähr- und Wirkstoffen entsprechend der gezüchteten Stoffwechsel-Leistungen", betont Florian Leiber, Leiter der Gruppe Tierernährung am Forschungsinstitut Biologischer Landbau (FiBL) Schweiz während seines Vortrags beim diesjährigen ÖTZ-Fachforum.
Darüber hinaus spielt die Abwesenheit beziehungsweise die Freiheit von Stress, Hunger, Schmerzen, Angst und Krankheit eine entscheidende Rolle. Auch ein respektvoller Umgang durch den Menschen gehört zum Tierwohl.
"Körperliche Integrität und respektvolles Handling durch den Menschen – das ist eine Frage der Würde", so Leiber.
Hühnern Schutz und Beschäftigung bieten
Glückliche Hühner brauchen Platz – Richtlinien der Bio-Verbände geben zum Beispiel vor, wie viel Platz so ein Huhn haben muss. Bio Suisse beispielsweise empfiehlt mindestens fünf Quadratmeter Auslauf pro Tier.
Doch die Größe der Fläche allein reicht nicht, um ein Huhn "glücklich" zu machen. Der Aufbau beziehungsweise die Struktur der genutzten Fläche ist hierbei entscheidend. "Hühner meiden offene, strukturlose Flächen, da sie dort leichte Beute für Raubtiere wären", erklärt Florian Leiber. Umso wichtiger ist es daher, den Tieren Schutzmöglichkeiten zu bieten, zum Beispiel mit Büschen, Bäumen oder anderen baulichen Maßnahmen im Feld.
Gerade natürliche Strukturen wie (Obst-)Bäume oder auch Gras befriedigen noch einen weiteren, sehr wichtigen Trieb von Hühnern: die Nahrungssuche. Sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit und scharren, picken oder erkunden ihre Umgebung mit Augen, Schnabel und Füßen. Viele moderne Haltungssysteme verhindern jedoch genau dieses Verhalten.
Dabei hat das Huhn biologisch gesehen die besten Voraussetzungen für ein natürliches und breit aufgestelltes Nahrungsrepertoire: Als Omnivore frisst es Pflanzen sowie Insekten, aber auch kleine Steinchen stehen auf dem Speiseplan. Das Verdauungssystem ist komplex aufgebaut: Der Kropf dient als Nahrungsspeicher, der Drüsenmagen fügt Enzyme und Säuren hinzu, und der Muskelmagen zerkleinert die Nahrung mithilfe der zuvor aufgenommenen Steinchen – denn Hühner haben keine Zähne. Auch die Verdauung von Gras ist dank der speziellen Darm-Morphologie dazu in der Lage, faserreiche Nahrung wie Gras zu verwerten. "Wenn sie Gras verdauen können, dann brauchen sie das auch", meint Leiber.
Tierwohl trifft Nachhaltigkeit
In der gesamten Diskussion um das Tierwohl seien laut Leiber neben der Tierwohl-Dimension noch weitere Dimensionen mitzudenken:
- Ethische Dimension: Integrität und Ausgewogenheit der verwendeten Genotypen
- Nachhaltigkeits-Dimension: Flächenverbrauch; Hühner brauchen viel Eiweiß, weshalb Soja noch immer wichtig ist (Importe), aber: Nahrungsmittel-/Flächenkonkurrenz zu anderen Tieren
- Nährstoffkreislauf: Einsatz von Dung als Dünger, aber Stickstoffüberschüsse in europäischen Böden aufgrund der Tierhaltung
Besonders die Flächennutzung und die Nährstoffkreisläufe sind in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben. Denn klar ist: Wenn man sich die Landwirtschaft in Deutschland anschaut, so wird deutlich, dass große Anteile der Flächen auf das Konto der Tierhaltung gehen. Die Folgen für die Umwelt, Stichwort "Stickstoffüberschüsse", sind dabei nicht von der Hand zu weisen.
Was ist aber nun mit Zweinutzungshühnern, die grasen dürfen? Sind sie Teil der Lösung oder sind sie ein Dilemma, weil sie zwar dem Tierwohl gerecht werden, wir aber mit dieser Haltung gleichzeitig unsere Böden und Flächen weiter beanspruchen? Das FiBL ist im Projekt "Rauhuhn" genau dieser Frage nachgegangen.
Dabei wurde untersucht, wie viel Raufutter Hühner tatsächlich zu sich nehmen und welche Auswirkungen dies auf die Nährstoffeffizienz sowie Leistungs- und Produktqualitätsparameter hat. Verglichen wurden dabei konventionelle Hybridrassen mit Tieren der ÖTZ-Rasse "Coffee". Die Ergebnisse zeigen, dass die Tiere rund ein Viertel bis ein Fünftel ihres Bedarfs mit Gras und Kräutern deckten. "Wirtschaftlich betrachtet hat die Raufutteraufnahme viele Vorteile: Die Hühner benötigen weniger Futter und die Legeleistung der Coffee-Tiere war erwartungsgemäß", erklärt Leiber. Hinzukommt, dass mit grasreichem Futter gleichzeitig die Stickstoffausscheidungen und damit die Stickstoffeinträge in den Boden geringer waren. Ein positiver Aspekt in Sachen Umwelt.
Bei der Verdauung zeigte sich ein Unterschied zwischen konventionellen Mastbroilern und der Zweinutzungsrasse. Zwar verdauten beide extensiveres Futter schlechter als spezialisiertes Mastfutter, doch die Zweinutzungsrasse kam deutlich besser damit zurecht und verdaute das Raufutter im Laufe ihres Lebens immer besser. Bei den Coffee-Tieren blieb die Proteinverwertung gleich, während sich die Energieverwertung verbesserte. Bei den konventionellen Hybridrassen blieb die Energieverwertung hingegen gleich, aber die Proteinverwertung verschlechterte sich.
Nicht nur eine Frage der Haltung
Ob grasende Zweinutzungshühner nun das Dilemma lösen können? Florian Leiber meint: "Ja, weil sie Tierwohl und Tierwürde, landwirtschaftliche und landschaftliche Vielfalt sowie den sorgfältigen Umgang mit Nährstoffen und eine geringere Nahrungsmittelkonkurrenz zum Menschen miteinander verbinden. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, dass die Rassen weniger effizient sind, grasende Hühner immer noch einen höheren Flächenverbrauch haben und sie damit eine gewisse Futterkonkurrenz zu Wiederkäuern sind.“
Für Leiber ist klar, dass selbst die besten Haltungssysteme an ökologische Grenzen stoßen, wenn unser Konsum hoch bleibt.
"Eine nachhaltige Tierhaltung funktioniert nur, wenn Produktion und Nachfrage im Rahmen der verfügbaren Landressourcen bleiben. Letztlich ist nur ein bescheidener Eierkonsum wirklich Bio. Das wirklich anzuerkennen, ist nicht leicht.“
Stimmen aus der Branche zum Thema Tierwohl in der Bio-Geflügelhaltung
"Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die Gegenwart zu verstehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand vor allem eines im Fokus: möglichst schnell möglichst viele Lebensmittel zu produzieren. Aus dem Halten von Tieren wurde ein Produzieren. Effizienz wurde zur Leitlogik, Hochleistungszucht zum Standard. Dabei haben sich Denkweisen verfestigt, die bis heute nachwirken: Produktivität = Menge, billig = sozial und Tierwohl = Zusatzoption. Diese drei Denkfehler prägen noch immer große Teile des Systems.
Doch das Verständnis von Tierwohl hat sich weiterentwickelt. Es umfasst heute weit mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit, Verhalten, Robustheit und die Verantwortung des gesamten Systems gehören dazu. Daraus ergibt sich eine zentrale Erkenntnis: Nicht das Tier ist das Problem, sondern das System. Die Konsequenz daraus ist klar – das System muss sich an das Tier anpassen, nicht umgekehrt. Statt also Probleme im Nachhinein zu beheben, geht es beim Thema Tierwohl vor allem darum, sie von vornherein zu vermeiden. Das verbessert nicht nur das Leben der Tiere, sondern auch die Arbeitsbedingungen und die wirtschaftliche Stabilität der Betriebe."
"Ich glaube, dass die bessere Tierhaltung langfristig immer der Gewinner sein wird, denn der Anspruch der Konsumentinnen und Konsumenten wird weiterhin in diese Richtung gehen. Ich denke, dass das Zweinutzungshuhn eine Nische bleiben wird in diesem Segment. Aber es wird eine Nische sein, die noch Wachstumspotenzial hat. Es liegt an jedem einzelnen Betrieb, die Nische so groß zu machen oder so zu gestalten, dass er genügend Kundschaft findet, die bereit ist, dafür zu bezahlen."
"Tierwohl am LindenGut bedeutet, dass wir besonderen Wert auf das Wohlbefinden der Tiere legen – natürliche Lebensweise mit mehr Platz, viel Tageslicht, viel Auslauf, artgerechte Mobilstallhaltung, Demeter Futter und natürliche Additive und Transparenz gegenüber der Kundschaft zu unseren Haltungsbedingungen.
Durch rhythmisches Versetzen auf immer neue Flächen erhalten die Tiere immer wieder frisches Grün, was zur Eiweißaufnahme essenziell ist. Kleinere Gruppen in der Mobilstallhaltung geben einen besseren Überblick über die Herde, um Tiere besser beobachten zu können, vor allem zum Thema Gesundheit, Indikatoren von Gefieder, Kloake, Kammfarbe und auch Eiern.
Wir bieten unseren Hühnern im Scharraum jederzeit Luzerneballen zum Picken an, ebenso sind unsere Security-Ziegen als Aufpasser mit bei den Hühnern. Hier steht zum einen immer eine Heuraufe bereit und zum anderen auch ein Anhänger mit Stroheinstreu – hier sind auch die Hühner immer mittendrin und suchen sich das aus, was sie gerade benötigen. Durch den rhythmischen Wechsel der Mobile auf den Weiden sind die Flächen gut gedüngt und können sich sehr gut alleine regenerieren. Bodenproben geben uns Infos, ob dem Boden noch etwas fehlt oder wir gegenebenfalls kalken oder nachsäen müssen, um das Gleichgewicht für die Umwelt zu erlangen."
"Tierwohl hat viele Ebenen: Bei Hühnern gehört neben dem wesensgerechten Stall ein gutes Futterangebot, ein wirklich begrünter Grünauslauf genauso dazu, wie die Haltung in Gruppen, die für die Hennen möglichst stressfrei sind. Weil Hühner rund 80 bis 100 Gesichter (wieder)erkennen können, hat bei uns auf Klosterhof Bünghausen keine Hühnergruppe mehr als 80 Tiere. Auch dadurch sind die Hennen wirklich entspannt und nicht gestresst.
Weidehaltung ist die Grundvoraussetzung für die Hühnerhaltung – Hühner sind als ehemalige Waldbewohner dem Wesen nach daran interessiert, ihre Umgebung zu erkunden und zu erleben. Das ermöglicht die Weidehaltung mit einem abwechslungsreichen (!) Auslauf.
Die Raufutter-Aufnahme gehört dabei auch zum Huhn – aber geschickt gemanagt. Bei uns gibt es immer frisches Gras, das zur Not im Winter durch kurzschnittiges Heu ergänzt werden kann. Oder auch durch Möhren beispielsweise, die zwar kein typisches Raufutter sind, aber eine gute Futterergänzung. Und ein gutes, ein ausgewogenes und dem Tier angepasstes Futter ist immer auch gut für das Tierwohl der Hühner. Die Aufnahme dieser Futter beeinflusst die Stickstoffeinträge aus meiner Sicht nicht wesentlich – und bei einer Weidehaltung ist die Flächennutzung ja klar: Weide fürs Geflügel gehört dazu."
"Tierwohl ist uns vom Grosserhof sehr wichtig, deshalb sind wir auch Mitglied im Netzwerk Fokus Tierwohl. In der Weidehaltung sehen wir im Hinblick auf die Fleischqualität einen Vorteil. Bei der zusätzlichen Raufutteraufnahme sehen wir – was die Flächennutzung und die Stickstoffeinträge angeht – schwierig, da die Fläche nur bei einem waldähnlichem Erscheinungsbild einigermaßen gleichmäßig genutzt wird. Mit Mobilställen an mehreren wechselnden Standplätzen ist es zwar einfacher die Schwerpunkte der Nährstoffeinträge zu verschieben, aber auch nicht perfekt gelöst."
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Letzte Aktualisierung 30.03.2026






