Bio-Zertifizierung im Alltag: was halten Bio-Betriebe von der Öko-Kontrolle?

Bio-Zertifizierung im Alltag: Was halten Bio-Betriebe von der Öko-Kontrolle?

Zwei Bio-Landwirtschaftsbetriebe und ein Bio-Verarbeitungsunternehmen geben Einblick in ihre langjährige Arbeit mit dem Öko-Kontrollsystem. Sie erklären, warum sie auf die Bio-Zertifizierung setzen, welche Herausforderungen sie sehen – und weshalb die jährliche Kontrolle für sie ein fester Bestandteil erfolgreicher Bio-Produktion ist.

Die Bio-Gärtnerei Herb: Bio-Zertifizierung als Erfolgsfaktor für Direktvermarktung

In Kempten im Allgäu führt Christian Herb eine Gärtnerei, die über 700 verschiedene Kräuter- und Gemüsearten im Angebot hat. Diese werden im eigenen Hofladen oder im Onlineshop verkauft und sind nach Naturland-Richtlinien zertifiziert. Wir haben den Inhaber Christian Herb gefragt, warum er seit über 25 Jahren auf Bio setzt und wie er die Bio-Kontrolle erlebt.

Bereits Mitte der 1990er Jahre wurde Christian Herb, damals noch konventioneller Kräuter- und Gemüsegärtner, regelmäßig von Kundinnen und Kunden gefragt, ob sein Sortiment auch in Bio-Qualität erhältlich sei. Die Nachfrage war so deutlich, dass er gemeinsam mit seiner Frau 1997 beschloss, den Betrieb vollständig auf ökologischen Anbau umzustellen – zertifiziert und kontrolliert.

Bio-Zertifizierung als Antwort auf bewussten Konsum und Kundenwünsche

Heute ist die Bio-Zertifizierung ein integraler Bestandteil des wirtschaftlichen Erfolgsmodells der Gärtnerei. Sie schafft Vertrauen bei der wachsenden Zahl bewusster Konsumentinnen und Konsumenten, die gezielt nach Produkten mit klarer Herkunft und transparenter Produktion suchen. "Für unseren Betrieb ist der Bioanbau wirtschaftlich essenziell – wir ziehen genau die Kundschaft an, die unsere Werte teilt", berichtet der Betriebsleiter.

Doch es bleibt nicht bei der ökonomischen Dimension. Auch ideell ist Bio eine Haltung, die sich durch den gesamten Betrieb zieht. "Es ist ein gutes Gefühl, dass sich Mitarbeitende, unsere Familie und unser Kundenstamm unbesorgt in der Gärtnerei bewegen können. Sie dürfen Kräuter kosten, riechen, probieren – ohne Bedenken hinsichtlich Pestizidrückständen."

Bio-Kontrolle im Praxisalltag: Qualitätssicherung im Spannungsfeld zwischen Aufwand und Nutzen

Einmal jährlich wird der Betrieb wie alle ökologisch wirtschaftenden Unternehmen kontrolliert. "Obwohl ich die Kontrolle schon über 25 Jahre lang durchlaufe, ist der Tag immer wieder aufregend", so der Gärtner. Die Audit-Termine empfindet er keineswegs als reine Pflichterfüllung, vielmehr bestätigen sie ihm, dass er immer noch auf dem richtigen Weg ist. Es ist eine Gelegenheit, mit der Kontrollstelle in den Dialog zu treten und den Betrieb weiterzuentwickeln.

Natürlich bringt die Praxis auch Herausforderungen mit sich. Ein wiederkehrendes Thema ist die Verwendung von konventionellem Saatgut, wenn keine ökologischen Alternativen verfügbar sind. "Die Dokumentation der Ausnahmen über organicXseeds ist im Alltag durchaus zeitintensiv – das muss man einplanen." Dennoch ist auch das ein Teil des Qualitätsanspruchs, den der Betrieb an sich selbst stellt.

In den vergangenen Jahren habe sich zudem einiges verändert. Insbesondere die fortschreitende Digitalisierung trage zur Vereinfachung der Abläufe bei: "Der Aufwand für Dokumentation ist messbar gesunken – das macht die Vorbereitung effizienter, erläutert Christian Herb."

Positives Fazit: Bio-Kontrolle lohnt sich mehrfach

Die Zusammenarbeit mit seiner Kontrollstelle beschreibt der Betriebsleiter als positiv und konstruktiv. Sie hilft ihm auch im Kundenkontakt, denn da ist die Zertifizierung ein klares Verkaufsargument. "Unsere Kundschaft schätzt es sehr, dass es eine unabhängige Kontrolle gibt. Das schafft Vertrauen und hebt unser Angebot deutlich ab – gerade im Direktverkauf." Auch gegenüber Geschäftspartnerinnen und Geschäftspartnern sei die Zertifizierung ein valider Nachweis für Qualität und Sorgfalt.

Christian Herb zieht ein durchweg positives Fazit: "Wenn es einen Absatzmarkt für die Produkte gibt, lohnt sich die Zertifizierung auf jeden Fall – ökonomisch und ideell", so der Gärtner. Sein Betrieb zeigt exemplarisch, wie eine frühe Entscheidung für den Bio-Anbau zu einer stabilen wirtschaftlichen Basis führen kann. Und wie die Kombination aus innerer Haltung, Kundenorientierung und externer Kontrolle ein Modell schafft, das langfristig überzeugt – in der Praxis ebenso wie im Markt.

Mühlenhof Zepelin: Bio-Zertifizierung als strategischer Baustein für Großbetriebe

Auf dem Mühlenhof Zepelin in Mecklenburg-Vorpommern bewirtschaftet Benedict Ley mit seinem Team 1.600 Hektar nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus. Als Bioland-Betrieb mit 700 Mast- und Aufzuchtfärsen ist der Betrieb auf nachhaltige Landwirtschaft und Transparenz angewiesen. Im Interview erzählt er, warum die Bio-Zertifzierung für seinen Betrieb wichtig ist und welche Herausforderungen das Kontrollsystem mit sich bringen.

Vom Wunsch zur Wirklichkeit: Warum Bio für den Mühlenhof Zepelin selbstverständlich ist

"Bio ist kein Idealismus – es ist eine logische Konsequenz", so beschreibt Benedict Ley seine Überzeugung. Die Entscheidung für den ökologischen Landbau ist in vielen Betrieben ein strategischer Schritt. Für diesen Betrieb jedoch war es eine Kombination aus persönlicher Überzeugung und betrieblicher Verantwortung – entstanden aus gesundheitlichen Gründen in der Familie und dem Wunsch, gesunde, rückstandsfreie Lebensmittel zu erzeugen.

"Für uns war klar: Wenn wir wirklich gesunde Lebensmittel erzeugen wollen, gehört der Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und synthetische Dünger dazu", so der Betriebsleiter. Eine intensive Auseinandersetzung mit Rückständen in Lebensmitteln führte dazu, dass ökologisches Wirtschaften die einzige sinnvolle Produktionsweise ist.

Bio-Zertifizierung als Basis für aktive Vermarktung

Die ökologische Ausrichtung hat sich über die Jahre verstärkt – sowohl emotional als auch fachlich. "Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen, mit chemisch gebeiztem Saatgut zu arbeiten", sagt der Betriebsleiter. Die Sensibilität für das, was täglich auf den Feldern passiert, habe im Laufe der Zeit zugenommen. Gleichzeitig sei der Wunsch gewachsen, sich von globalen Märkten unabhängiger zu machen und eine aktivere Vermarktung aufzubauen.

Trotz Herausforderungen im Bio-Markt sieht der Betrieb eine stabile Nachfrage und schätzt insbesondere die enge und faire Zusammenarbeit mit Verarbeitungsbetrieben. "Unsere Kundinnen und Kunden – Bio-Mühlen, Safthersteller, Frostereien – erwarten die Bio-Zertifizierung nicht nur, sie setzen sie voraus", so der Unternehmer. Gerade im Direktkontakt mit der weiterverarbeitenden Industrie sieht der Betrieb ein Alleinstellungsmerkmal: "Für unsere Größenordnung wären wir im konventionellen Markt nichts Besonderes – im Bio-Bereich hingegen ein verlässlicher Partner für große Mengen."

Bio-Kontrolle ist keine Formsache und wird zunehmend effizienter

Die Bio-Zertifizierung wird im Betrieb als positiv streng empfunden – gerade weil sie den Markt schützt. "Die jährliche Betriebsprüfung, bei der Stoffströme und Belege genau geprüft werden, ist keine Formsache. Sie bestätigt den Wert unserer Arbeit. Wir sehen schwarz auf weiß, warum wir das alles machen." Durch die vollständige Digitalisierung des Belegwesens sei die Kontrolle in den letzten Jahren deutlich effizienter geworden, das schätzt Benedict Ley. Die Kontrollstelle nutze inzwischen dieselben digitalen Standards, wodurch der Prozess transparenter und weniger aufwendig würde.

Herausforderung der Bio-Zertifizierung im Betriebsalltag

Dennoch bleibt der Verwaltungsaufwand hoch – insbesondere bei der Meldepflicht von Änderungen im Betrieb, etwa bei der Tierhaltung oder dem Einsatz bestimmter Saatgutmischungen. "Wir wollen unsere Kontrollstelle stets einbeziehen, aber im laufenden Betriebsalltag ist es nicht immer leicht, daran zu denken", räumt der Landwirt ein.

Ein besonderer Aufwand entsteht beim Einsatz nicht verfügbarer Bio-Saat – eine Erfahrung, die dem Betrieb noch gut in Erinnerung geblieben ist. "Wir hatten uns früh um eine spezielle Lupinensorte bemüht, für die es keine Bio-Ware gab. Zwei Tage nach der Aussaat tauchte sie dann doch plötzlich wieder in der Datenbank auf – das hat zu einem enormen Dokumentationsaufwand geführt. Aber auch das konnte gelöst werden." Solche Erfahrungen zeigen, wie eng Regeltreue, Praxisrealität und Dokumentationspflicht miteinander verwoben sind.

Zusammenarbeit mit der Bio-Kontrollstelle als Erfolgsfaktor

Das Verhältnis zur Kontrollstelle beurteilt Ley positiv: "Von Anfang an war das für uns eine Begleitung auf Augenhöhe. Wir konnten Fragen offen ansprechen, wurden ernst genommen und haben fachlich fundierte Antworten erhalten – auch bei komplexen Sachverhalten, wo selbst Verbände oder Behörden nicht immer sofort weiterhelfen konnten."

Diese praxisnahe Rolle ist heute ein wichtiges Element für die Weiterentwicklung des Betriebs. "Uns ist wichtig, dass wir zeigen können, wie wir arbeiten – auch wenn einmal etwas nicht ganz glatt läuft. Dann braucht es Spielraum, um zu korrigieren, nicht pauschale Sanktionierung."

Für Betriebe, die über eine Umstellung nachdenken, rät der Unternehmer: "Sprecht mit mehreren Kontrollstellen, ladet sie ein, diskutiert vorab Herausforderungen. Dann merkt man schnell, ob man den richtigen Partner gefunden hat." Die Wahl der Kontrollstelle sei strategisch wichtig – für den laufenden Betrieb ebenso wie für die Zukunftsfähigkeit.

Abschließend formuliert der Betriebsleiter einen klaren Wunsch: "Weniger Bürokratie wäre wünschenswert. Wer unsere Betriebe kontrolliert, muss den Alltag verstehen. Nur so können Regeln sinnvoll angewendet und Betriebe fair begleitet werden."

Zwergenwiese Naturkost GmbH: Bio seit über 40 Jahren – und mit voller Überzeugung

Lange bevor es eine gesetzliche Grundlage für ökologischen Landbau gab, hatte sich Zwergenwiese für eine konsequent nachhaltige Unternehmensphilosophie entschieden. Geschäftsführer Jochen Walz erläutert: "Bereits 1979 trafen die Gründer die bewusste Entscheidung für eine naturnahe Lebens- und Produktionsweise – getragen von der Überzeugung, dass Wirtschaften im Einklang mit Natur und Mensch möglich sein muss." Wir wollten von Ihm wissen, welche Bedeutung die Bio-Zertifizierung für diesen Betrieb hat und wie er die Bio-Kontrolle erlebt.

Bio ist nicht Trend, sondern das Fundament und die Bestätigung gelebter Werte

Was auf der Schwäbischen Alb in einer Landkommune mit Zwiebelschmelz im Glas begann, wurde zu einem großen Unternehmen mit einer reichen Produktpalette von den bekannten Aufstrichen über Würzsaucen und Fertiggerichte bis hin zu Obst im Glas.

"Der Natur das zurückgeben, was man ihr entnimmt, und dabei die Grundlage für eine gesunde Zukunft sichern – das war und ist unser Anspruch", betont Jochen Walz. Schon bei der Gründung wurde der ökologische Ansatz als Alternative zur konventionellen Landwirtschaft mit chemischen Pflanzenschutzmitteln verstanden. Die Gründer wollten den negativen Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft auf die Umwelt und die Gesundheit etwas entgegensetzen. Die Werte der Gründer sind bis heute fester Bestandteil der Unternehmenskultur. "Was in der Region wächst, wird auch vor Ort verarbeitet – unter klar definierten ökologischen Standards", so Walz. "Dabei steht die gesamte Produktion unter strengem Monitoring, um sicherzustellen, dass die Balance zwischen ökologischer Verantwortung und Produktqualität gewahrt bleibt."

Für die Zwergenwiese ist das Bio-Siegel weit mehr als ein gesetzlicher Nachweis. Es steht für Glaubwürdigkeit, Verantwortung und Qualität. "Jedes einzelne Produkt, das wir herstellen, ist ein Beitrag für unsere Natur und für den Menschen", heißt es aus dem Unternehmen. Die Bio-Zertifizierung dient dabei nicht nur der rechtlichen Absicherung, sondern spiegelt das Selbstverständnis der Marke wider: nachhaltig, vertrauenswürdig und bewusst.

Das Bio-Zertifikat spielt auch im Kundenkontakt eine zentrale Rolle. Für die Zwergenwiese ist es ein "Prädikatssiegel", das Vertrauen schafft und die Werte des Unternehmens sichtbar nach außen trägt. In einer zunehmend bewussteren Verbrauchergesellschaft dient es als klares Qualitätsversprechen.

Dennoch bleibt der Anspruch, Bio in seiner vollen Tiefe umzusetzen, eine tägliche Herausforderung – vom Anbau über die Verarbeitung bis hin zur Dokumentation. "Bio fordert jeden Tag den vollen Einsatz", sagt Jochen Walz. "Diese umfassende Verantwortung ist und bleibt Teil der täglichen Arbeit."

Bio-Kontrollen als konstruktiver Austausch, der sich ständig verbessert

Im Gegensatz zu häufig geäußerten Vorbehalten gegenüber externen Prüfungen sieht Zwergenwiese die jährlichen Bio-Kontrollen ausdrücklich als Unterstützung. "Es ist keine reine Kontrolle, sondern ein Austausch, der auch viele wertvolle Informationen liefert – besonders zu gesetzlichen Neuerungen oder Veränderungen der Bio-Verordnung." Die Prüfung wird als Teil eines lernenden Systems betrachtet, das zur kontinuierlichen Weiterentwicklung beiträgt.

In den letzten Jahren habe sich die Qualität der Kontrollen weiter verbessert – insbesondere durch die stärkere Einbindung der Buchhaltungsdaten. Das macht die Abläufe im Betrieb nicht nur plausibler, sondern auch nachvollziehbarer und robuster. Auf diese Weise wird die Bio-Konformität umfassender und transparenter abgesichert – gegenüber den Kundinnen und Kunden, der Kontrollstelle und den Behörden.

Ob während der Kontrolltermine oder im Alltagsgeschäft – das Unternehmen lobt die Verlässlichkeit seiner Zertifizierungsstelle. "Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Wir erhalten jederzeit Unterstützung – auch außerhalb der regulären Audits." Das Vertrauen in diese Partnerschaft ist über die Jahre gewachsen und wird als wichtige Grundlage für die eigene Qualitätssicherung gesehen.

Konkreter Rat für Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger

Betrieben, die eine Bio-Zertifizierung in Erwägung ziehen, empfiehlt die Zwergenwiese einen klar strukturierten Einstieg. "Zuerst Kontakt mit der Kontrollstelle aufnehmen, dann alle relevanten Details im Vorfeld klären und das Personal schulen. Erst wenn die Prozesse sicher aufgestellt sind, sollte die eigentliche Zertifizierung angestrebt werden." Eine solide Vorbereitung sei entscheidend für einen erfolgreichen und nachhaltigen Einstieg.

Wunsch an die Zukunft der Bio-Kontrolle? Nur eines: Weitermachen wie bisher

Auf die Frage nach Verbesserungswünschen an den Kontrollprozess fällt die Antwort knapp, aber deutlich aus: "Derzeit lässt die Kontrolle keine Wünsche offen." Für ein Unternehmen, das seit Jahrzehnten nach höchsten Standards arbeitet, ist das ein starkes Zeichen – und Ausdruck eines gelebten Qualitätsverständnisses, das auf kontinuierlicher Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen basiert.

Die Zertifizierung wird hier nicht als bürokratische Hürde, sondern als Bestätigung der eigenen Haltung verstanden – praxisnah, partnerschaftlich und mit Blick auf eine enkeltaugliche Zukunft.

Diese Erfolgsfaktoren sehen Betriebe im Bio-Kontrollsystem

Die Erfahrungen der drei Betriebe zeigen: Bio funktioniert – und auch das Kontrollsystem leistet einen entscheidenden Beitrag, wenn die innere Haltung stimmt und die Prozesse mitwachsen. Transparenz und Engagement der Akteure sind zentrale Erfolgsfaktoren auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und Verarbeitung. Mit einer gut eingebundenen Kontrollstelle und einer sorgfältigen Vorbereitung, unterstützt durch zunehmend digitalisierte Abläufe, lassen sich selbst komplexe Anforderungen meistern – vorausgesetzt, auf beiden Seiten besteht der Wille zu Offenheit und echter Zusammenarbeit.

Text: Ulla Nedebock, Ecocert


Mehr zum Thema auf Oekolandbau.de:

Letzte Aktualisierung 22.10.2025

Nach oben
Nach oben