Wie wirtschaftlich arbeiten Bio-Betriebe?

Wie wirtschaftlich arbeiten Bio-Betriebe?

Bio-Betriebe verdienen im Schnitt knapp 10.000 Euro mehr im Jahr als konventionelle Betriebe. Das liege schlicht an den höheren Fördermitteln, sagen kritische Stimmen. Denn eigentlich arbeite man im Ökolandbau betriebswirtschaftlich ineffizienter als im konventionellen Bereich. Dr. Jürn Sanders, Experte für Betriebswirtschaft im Ökolandbau, sieht das anders und rät zu einer differenzierten Betrachtung.

Dr. Jürn Sanders arbeitet im Institut für Betriebswirtschaft des Thünen-Instituts in Braunschweig. Er war an verschiedenen Forschungsprojekten zur Wirtschaftlichkeit, zur Förderung und zu den Umweltleistungen des Ökolandbaus beteiligt. Zudem erstellt er jährlich einen Bericht zur Einkommenssituation von Bio-Betrieben im Vergleich zu konventionellen Betrieben. Dafür werden die Daten von rund 500 Bio-Betrieben und 2.000 konventionellen Betrieben herangezogen, die mit vergleichbaren Strukturen auf ähnlichen Standorten arbeiten.

Oekolandbau.de: Herr Dr. Sanders, wie hat sich die Wirtschaftlichkeit von Bio-Betrieben in den letzten fünf Jahren entwickelt?

Dr. Sanders: Man kann sagen, dass die Einkommen der von uns untersuchten Bio-Betriebe weniger Schwankungen unterlagen als die der vergleichbaren konventionellen Betriebe. Über alle Betriebe und Betriebsformen hinweg lag das durchschnittliche Einkommen in den letzten beiden Wirtschaftsjahren etwa 10.000 beziehungsweise 9.300 Euro höher als im konventionellen Bereich.

Oekolandbau.de: Welche Bio-Betriebe waren besonders erfolgreich?

Dr. Sanders: Besonders gut haben im letzten Wirtschaftsjahr die von uns ausgewerteten Ackerbaubetriebe abgeschnitten. Bei den Milchviehbetrieben machten sich die etwas geringeren Auszahlungspreise bemerkbar. Überdurchschnittlich hohe Einkommen erzielen in der Regel Betriebe mit wertschöpfungsstarken Kulturen wie Gemüse und Kartoffeln. Doch auch zwischen den einzelnen Bio-Betrieben mit ähnlichen Voraussetzungen gibt es große Unterschiede bezüglich der Wirtschaftlichkeit. Letztlich schneiden die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter am besten ab, die über ein sehr gutes landwirtschaftliches Know-how im System Ökolandbau verfügen und optimale Vermarktungsstrukturen aufgebaut haben.

Oekolandbau.de: Wie gehen Sie beim Vergleich der Betriebe vor und wie setzen sich die ermittelten Umsatzerlöse zusammen?

Dr. Sanders: Wir stellen die Daten von konventionellen und Bio-Betrieben gegeneinander, die auf ähnlichen Standorten mit einer ähnlichen Betriebsstruktur arbeiten. Wir sehen auf der Kostenseite Vorteile für Bio-Betriebe im Bereich der variablen Kosten durch Einsparungen beim Pflanzenschutz und der Düngung. Umgekehrt haben konventionelle Betriebe weniger Arbeitskosten. Unter dem Strich gleicht sich das aus, sodass wir auf nahezu identische Umsatzerlöse pro Hektar kommen.

Oekolandbau.de: Fallen die Einkommen der Bio-Betriebe auf allen Standorten besser aus?

Dr. Sanders: Auf ungünstigen und mittleren Standorten gilt das auf jeden Fall. Auf guten bis sehr guten Standorten schneiden konventionelle Betriebe tendenziell besser ab. In Gunstlagen gibt es allerdings weniger Bio-Betriebe, weshalb die Aussagekraft der Daten in diesem Bereich geringer ist.

Oekolandbau.de: Trotz ähnlicher Umsatzerlöse liegen die jährlichen Einkommen der Bio-Betriebe in Ihren Erhebungen etwa 10.000 Euro höher. Sagen Kritiker hier nicht zurecht, dass das vermeintlich höhere Einkommen nur auf höheren Fördermitteln beruht und nicht auf einer besseren Wirtschaftlichkeit?

Dr. Sanders: Zunächst einmal gehen viele Kritiker davon aus, dass in der Landwirtschaft ein freies Unternehmertum herrscht. Aber das stimmt ja nicht, denn die Politik hat hier enormen Einfluss. Auch im konventionellen Bereich stammt im Schnitt die Hälfte des Einkommens aus Fördermitteln. Und hier würde ich sogar eher von Subventionen sprechen, da es sich überwiegend um pauschale Zahlungen handelt, die Betriebe dafür bekommen, dass sie Landwirtschaft betreiben. Wenn man von Wirtschaftlichkeit spricht, müssen aus meiner Sicht auch die Kosten mitgerechnet werden, die der Betrieb nicht bezahlen muss. Dazu gehört zum Beispiel der größere Aufwand für eine mögliche Belastung des Grundwassers mit Stickstoff oder chemischen Pflanzenschutzmitteln. Den Mehraufwand für die Wasseraufbereitung trägt die Gesellschaft. Diese Kosten muss man für eine Vergleichbarkeit mit einpreisen. Umgekehrt kann man sich fragen, ob es schon eine förderwürdige Leistung ist, auf synthetischen Dünger und Pflanzenschutzmittel zu verzichten. Darüber muss man diskutieren, um angemessene politische Rahmenbedingungen zu schaffen.

Oekolandbau.de: Welche Leistungen des Ökolandbaus sind aus Ihrer Sicht tatsächlich förderungswürdig?

Dr. Sanders: Aus den Ergebnissen einer großen Literaturstudie, die wir gemeinsam mit anderen Instituten vor zwei Jahren durchgeführt haben, würde ich den Schutz des Grundwassers, die höhere Biodiversität und die stärkere Bindung von Kohlenstoff im Boden dazurechnen. Diesen volkswirtschaftlichen Nutzen müssen wir in die Diskussion um Fördermittel unbedingt mit einbeziehen und uns den Wert klarmachen. Denn wir wissen aus der Umweltökonomie: Volkswirtschaftlich gesehen ist es immer günstiger, Schäden zu vermeiden statt sie zu reparieren.

Oekolandbau.de: Aber Bio-Betriebe bekommen doch schon mehr Fördermittel. Im Schnitt beträgt der Anteil der Förderung am Einkommen hier sogar 70 Prozent. Ist das nicht mehr als ausreichend?

Dr. Sanders: Das stimmt. Der Unterschied beruht überwiegend auf der Öko-Prämie, die je nach Standort zwischen 210 und 260 Euro pro Hektar liegt. Aber letztlich ist es eine Frage der Perspektive. Denn formal ist die Öko-Prämie so bemessen, dass sie die zusätzlichen Kosten und die geringeren Erträge durch die nachhaltige Art der Bewirtschaftung ausgleicht. Auf diese Weise sollen die beiden Anbausysteme gleichgestellt werden. Die Öko-Prämie stellt also keinen zusätzlichen wirtschaftlichen Anreiz dar. Dazu kommen die angesprochenen gesellschaftlichen Leistungen des Ökolandbaus in Bezug auf eine möglichst nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln. Auf die Erreichung solcher Umweltziele hat sich die Politik und damit auch die Gesellschaft verständigt. Man könnte in Bezug auf die Höhe der Förderung auch umgekehrt argumentieren: Trotz der vermeintlich überhöhten Förderung, sind wir immer noch sehr weit vom Ziel 20 Prozent Ökolandbau entfernt. Der Anreiz, ökologisch zu wirtschaften, ist also noch zu gering.

Oekolandbau.de: Als großes Manko des Ökolandbaus werden die geringen Erträge gesehen. Ist hier nicht dringend eine Steigerung der Produktivität notwendig?

Dr. Sanders: Das Ziel des Ökolandbaus ist eine systemische Leistungssteigerung. Man will die Erträge maximieren und gleichzeitig auch die Umweltleistungen und die Produktqualität verbessern. Doch gerade bei der Bewertung der Umweltleistungen muss man sicherlich kritisch hinterfragen, welche Erträge dahinterstehen. Dabei kommt es wieder auf die Perspektive an. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht, sollte ich meine Erträge unbedingt steigern. Aber es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Intensität einer Produktion und ihrer Wirkungen auf die Umwelt. Je mehr Input, desto größer ist die Gefahr für die Umwelt. Der Ökolandbau hat hier aufgrund der strengen Vorgaben Vorteile. Der Nachteil des Systems ist, dass die Effizienz nicht immer optimal ist, weil bestimmte Technologien nicht genutzt werden dürfen.

Oekolandbau.de: Wenn der Ökolandbau wirtschaftlich und in Bezug auf die Nachhaltigkeit so viele Vorteile bietet, warum haben bisher nicht viel mehr Betriebe umgestellt?

Dr. Sanders: Dafür gibt es viele Gründe, die von hohen Investitionskosten für die Umstellung bis zur mangelnden Offenheit der Betriebsleitung für das System Ökolandbau reichen. Zudem berichtet die Beratung immer häufiger vom Effekt der Pfadabhängigkeit. Das heißt, je länger ein Betrieb in bestimmten Strukturen arbeitet und sich innerhalb dieser Strukturen weiterentwickelt, desto schwieriger fällt der Betriebsleitung die Umstellung auf ein anderes System.

Oekolandbau.de: Ist denn das Ziel 20 Prozent Ökolandbau bis 2030 aus Ihrer Sicht realistisch und wünschenswert?

Dr. Sanders: In den letzten fünf Jahren ist der Ökolandbau so stark gewachsen wie nie zuvor. Dieses Tempo ist wirklich bemerkenswert. Und bisher hat das nicht zu Problemen geführt. Aber natürlich gilt grundsätzlich, dass mit steigender Wachstumsgeschwindigkeit auch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass nicht mehr alle Rädchen optimal ineinandergreifen. Das können zum Beispiel Engpässe bei Futtermitteln sein, Ungleichgewichte bei Angebot und Nachfrage nach Bio-Produkten oder schlicht ein Mangel an Beratungskräften. Aber Politik und Gesellschaft haben sich ja grundsätzlich auf einen schnellen Umbau des Agrarsystems geeinigt. Deshalb müssen dafür auch die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die Fortsetzung des schnellen Wachstums halte ich für möglich, aber die Herausforderungen nehmen natürlich zu.


Letzte Aktualisierung 13.07.2021

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