Workshop "Dialog auf Augenhöhe: Praxiserfahrung als Motor der Forschung"
24214 Lindhöft/Noer

Stabile Erträge, mehr Einkommen, mehr Ernährungssicherheit – das weltweit größte Umstellungsprojekt in Indien macht deutlich, welche Vorteile der Ökolandbau unter tropischen Bedingungen haben kann. Das Konzept ist auch für viele andere tropische Staaten interessant.
Seit 2016 findet in Indien das weltweit größte Projekt zur Umstellung der Landwirtschaft auf ökologische Anbaumethoden statt. Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesch haben bisher etwa 1,8 Millionen Betriebe mit überwiegend kleinbäuerlichen Strukturen umgestellt oder befinden sich in der Umstellung. 6,4 Millionen Hektar Ackerland werden inzwischen nach ökologischen Methoden bewirtschaftet.
Das Projekt heißt ‘Andhra Pradesh Community-Managed Natural Farming’ (APCNF) - früher ZBNF - und wird über eine Non-Profit-Organisation von der Regierung im Bundesstaat gefördert. Ziel der Regierung ist es, in den nächsten zehn Jahren alle sechs Millionen bäuerlichen Betriebe und damit die gesamte Nutzfläche in Andhra Pradesch auf eine klimaresiliente, nachhaltige Landwirtschaft umzustellen.
Der Grund für den großangelegten Schwenk ökologischen Bewirtschaftung war die schwierige Lage der Kleinbetriebe. Über 60 Prozent Böden im Bundesstaat waren degradiert und belastet durch intensiven Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und teils unsachgemäße Düngung, die das Bodenleben zerstörte. Dürren und Starkregen infolge des Klimawandels verschärften die Problematik für die Menschen, von denen in Andhra Pradesch fast zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben.
Das APCNF-Konzept sieht vor, dass die Betriebe keine Betriebsmittel mehr zukaufen und komplett auf synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel verzichten. Alle benötigten Produktionsmittel sind natürlichen Ursprungs und können selbst hergestellt werden. Das von einem einheimischen Bäuerinnen und Bauern entwickelte Konzept basiert auf vier wesentlichen Prinzipien:
Die Kleinbetriebe brauchen im Projekt etwa fünf Jahre, bis sie das Konzept verinnerlicht haben und selbstständig umzusetzen können. Während der Umstellungsphase werden sie vor Ort von landwirtschaftlichen Beratungsdiensten unterstützt. Hier arbeiten Bäuerinnen und Bauern, die bereits mit der Methode vertraut sind und für die Beratung geschult wurden. Zudem gibt es sogenannte Field-Schools, in denen sich die Betriebe bei regelmäßigen Treffen austauschen und gegenseitig beraten.
Frauen spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung des Konzepts. Sie erledigen den Großteil der landwirtschaftlichen Arbeiten und waren von Anfang an besonders offen für die nachhaltigen Anbaumethoden. Da ein Großteil der Frauen in Selbsthilfegruppen engagiert ist, nutzen sie die regelmäßigen Treffen, um für das Konzept zu werben und in den Dörfern zu verbreiten.
Die Ergebnisse dieser großen ökologischen Transformation der Landwirtschaft bestätigen nahezu alle Vorzüge, die der ökologische Anbau verspricht. Das ergab eineumfassende Studie der Universitäten Cambridge, Edinburgh und Kalkutta, in der die Forschenden drei Jahre lang Daten auf den Betrieben aufnahmen und anschließend auswerteten.
So blieben die Erträge auch nach dem Verzicht auf chemische Betriebsmittel im Durchschnitt der Betriebe und Jahre auf gleichem Niveau stabil. Gleichzeitig konnten die Bäuerinnen und Bauern ihr Einkommen mehr als verdoppeln, vor allem, weil die Kosten für chemische Pflanzenschutzmittel und synthetische Dünger entfielen. Im Schnitt stieg ihr Einkommen um 123 Prozent gegenüber den Betrieben, die weiter konventionell wirtschafteten.
Zudem führte die Umstellung zu einer höheren Biodiversität, die anhand der Arten- und Individuenzahl typischer Vogelarten in der Region bestimmt wurde. Im untersuchten Zeitraum siedelten sich in den umgestellten Flächen elf Arten mehr an als auf den konventionellen Flächen.
Andere Studien belegen positive Effekte für den Boden. So stieg etwa die Zahl der Regenwürmer nach der Umstellung des Anbausystems um das 6-Fache. Befragungen unter den Bäuerinnen und Bauern ergaben, dass die Betriebe im Schnitt 50 bis 60 Prozent weniger Wasser und Strom für den Anbau der wichtigsten Kulturen benötigen.
Die Autorinnen und Autoren der Studie sprechen wegen dieser beeindruckenden Ergebnisse von einem seltenen Beispiel für einen agrarökologischen Wandel, der eine Win-Win-Situation für Mensch und Natur schafft, ohne die Produktivität zu beeinträchtigen. Das mache das Konzept auch für viele andere tropische Staaten interessant.
Denn wie in Indien besteht auch in anderen Ländern die Herausforderung, die richtige Balance zwischen Ernährungssicherheit, menschlicher Gesundheit und nachhaltiger Landwirtschaft zu finden. Berechnungen der Forschenden auf Basis der erhobenen Daten zeigen, dass diese Balance mit dem ökologischen Ansatz des APCNF-Projekts deutlich besser erreicht werden kann als mit einer konventionellen Landwirtschaft auf Basis chemisch-synthetischer Dünge- und Pflanzenschutzmittel.
Entsprechend groß ist das Interesse in anderen tropischen Staaten. So sind Mitarbeitende des APCNF derzeit zum Beispiel in Sri Lanka und Sambia aktiv, um für die dortigen Klima- und Standortbedingungen ein angepasstes Nachhaltigkeitskonzept für die Landnutzung zu entwickeln.
Für ihren Ansatz und die bisher sehr erfolgreiche Umsetzung erhielten die Initiatoren des APCNF-Projekts den Food-Planet-Preis 2026. Der Preis wird von der schwedischen Curt Bergfors-Stiftung verliehen und ist mit 1,5 Millionen Dollar Preisgeld die wichtigste Auszeichnung für Konzepte zur Transformation von Ernährungssystemen. Das Preisgeld soll für die Anpassung des Konzepts in anderen Ländern eingesetzt werden.
Nach Einschätzung des Forscherteams könnten die positiven Effekte der Umstellung für Mensch und Umwelt durch begleitende politische Maßnahmen sogar noch größer sein. So wäre es sinnvoll, wenn der Staat den Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten innerhalb des Projekts fördern und das Programm in die Naturschutzplanung einbinden würde. Außerdem würde eine Streichung der bestehenden Subventionen für Agrarchemikalien den wirtschaftlichen Vorteil weiter zugunsten des APCNF-Ansatzes vergrößern.
Politisches Eingreifen ist aber nach Einschätzung des Forscherteams auch an anderer Stelle notwendig. Denn die Betriebe könnten die höhere Rentabilität der Bewirtschaftung dazu nutzen, ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen zu vergrößern, indem sie in wichtige natürliche Lebensräume wie Wälder vordringen. Die Politik sollte deshalb unbedingt auf den Schutz bestehender natürlicher Ökosysteme setzen, die bereits in der Vergangenheit häufig der Ausweitung der Landwirtschaft zum Opfer gefallen sind.