Kreislauf statt Sackgasse: Warum menschliche Ausscheidungen wertvoller Dünger sind

Menschliche Ausscheidungen könnten eine wertvolle Nährstoffquelle für unsere Landwirtschaft sein. Ressourcenorientiere Sanitärsysteme ermöglichen diesen Kreislauf technisch bereits, Gesetze verhindern allerdings bislang eine breite Anwendung in Deutschland.

Auf den Öko-Feldtagen 2025 auf Gut Canitz waren sie allgegenwärtig: Trockentrenntoiletten. Sie sind mehr als eine sanitäre Ersatzlösung. Sie sind das sichtbare Zeichen eines Umdenkens – weg von der "Einbahnstraße Abwasser", hin zu einem echten Nährstoffkreislauf. Warum Trockentrenntoiletten der Schlüssel für eine ressourcenschonende Düngung in der Landwirtschaft sein könnten und welche Hürden dafür noch zu nehmen sind, zeigt der Blick hinter die Kulissen der Sanitär- und Nährstoffwende.

Was Trockentrenntoiletten anders machen

Wie der Name bereits verrät, werden die menschlichen Ausscheidungen in Trockentrenntoiletten nicht mit Wasser in die Kanalisation gespült, sondern getrennt gesammelt, um sie anschließend aufzubereiten und zu verwerten. Der Grund: Sowohl Urin als auch Fäzes enthalten pflanzenverfügbare Nährstoffe, die grundsätzlich wieder in die Landwirtschaft zurückgeführt werden können.

Die Nutzung menschlicher Ausscheidungen als Dünger ist kein grundlegend neues Konzept. Über Jahrtausende hinweg waren sie ein selbstverständlicher Bestandteil lokaler Nährstoffkreisläufe. Erst mit fortschreitender Urbanisierung, der Einführung von Wasserklosetts und dem Ausbau von Kanalisation und Kläranlagen änderte sich dieses System: Menschliche Ausscheidungen wurden mit Wasser verdünnt und als Abwasser behandelt. Mit der Folge, dass heute nur noch ein Teil der darin enthaltenen Nährstoffe – in Form von Klärschlamm – zurück auf landwirtschaftliche Flächen gelangt.

Anbieter von Trockentrenntoiletten

In Deutschland gibt es inzwischen eine wachsende Zahl von Anbietern für Trockentrenntoiletten und ressourcenorientierte Sanitärsysteme – von mobilen Lösungen bis hin zu dauerhaften Anwendungen.

Eine bundesweite Übersicht der Anbieter stellt der Dachverband NetSan e. V. (Netzwerk zur Sanitär- und Nährstoffwende) zur Verfügung.

Vom Abwasser zur Ressource: Bausteine für einen neuen Kreislauf

Die zunehmende Beschäftigung mit Trockentrenntoiletten und der Verwertung menschlicher Ausscheidungen ist Teil eines breiteren Transformationsprozesses, der von verschiedenen Akteurinnen und Akteuren aus Forschung, Kommunen, Wirtschaft und Landwirtschaft vorangetrieben wird. Ziel ist es, Stoff- und Nährstoffströme neu zu denken und menschliche Ausscheidungen nicht länger ausschließlich als Abwasser zu behandeln, sondern als potenzielle Ressource für eine künftige Kreislaufwirtschaft.

Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm

Ein Beitrag zur Nährstoffwende ist auch die Rückgewinnung von Phosphor aus bestehenden Abwasserströmen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Phosphorrezyklate wie Struvit, die aus Klärschlämmen gewonnen werden. Mehr dazu hier: Phosphor zurück in den Kreislauf – Struvit als Chance für den Ökolandbau.

Endstation Kanalisation: Warum wir heute wertvolle Nährstoffe verlieren

Ein zentraler Treiber der Sanitär- und Nährstoffwende ist der hohe Ressourcenverlust im heutigen Abwassersystem. Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und Kalium gelangen mit menschlichen Ausscheidungen in die Kanalisation, werden dort stark verdünnt und können anschließend nur noch mit erheblichem technischem und energetischem Aufwand zurückgewonnen werden. Trockentrenntoiletten setzen genau an diesem Punkt an: Durch die getrennte, wasserarme Erfassung bleiben Nährstoffströme konzentriert und sind grundsätzlich besser für eine spätere Verwertung geeignet.

Kostbares Trinkwasser: Den Spülverlust stoppen

Ein wichtiger Aspekt ist auch der Wasserverbrauch. Konventionelle Wasserspültoiletten benötigen große Mengen Trinkwasser, um die Ausscheidungen in der Kanalisation zu transportieren. Trockentrenntoiletten kommen ohne solches Spülwasser aus und tragen damit erheblich zur Einsparung einer zunehmend knappen Ressource bei.

Hinzu kommt die Entlastung der Abwasserinfrastruktur. Werden Urin und Fäzes bereits an der Quelle getrennt erfasst, gelangen weniger Nährstoffe und organische Schmutzfracht in die Kanalisation – Kläranlagen werden entsprechend entlastet. Gleichzeitig lassen sich problematische Inhaltsstoffe wie etwa Arzneimittelrückstände oder Hormone gezielter behandeln oder vom Stoffkreislauf ausschließen.

Wertvolle Recyclingdünger für die Landwirtschaft

Nicht zuletzt verfolgen ressourcenorientierte Sanitärsysteme das Ziel, die Recyclingquote von Nährstoffen zu erhöhen und die Ressourceneffizienz insgesamt zu verbessern. Heute lassen sich durch moderne Aufbereitungsverfahren aus getrennt erfasstem Urin und Fäzes qualitätsgesicherte Recyclingdünger herstellen, die pflanzenverfügbare Nährstoffe liefern und organische Substanz in den Boden zurückbringen können. Damit eröffnet sich ein zusätzlicher Baustein für geschlossene Nährstoffkreisläufe zwischen Stadt und Land.

Sechs gute Gründe für die Sanitär- und Nährstoffwende

  • Rund ein Drittel des häuslichen Wasserverbrauchs entfällt auf die Toilettenspülung.
  • Trotz mehrstufiger Abwasserreinigung gelangen Nährstoffe sowie Arzneimittelrückstände und Hormone in Gewässer.
  • Die Entfernung von Stickstoff aus Abwasser ist energieintensiv: 10 bis 16 Prozent des kommunalen Energiebedarfs in Deutschland entfallen allein darauf.
  • Wertvolle Nährstoffe, die wir für die Düngung in der Landwirtschaft brauchen könnten, gehen verloren. Stattdessen werden synthetische Dünger eingesetzt.
  • Allein die Herstellung synthetischer Stickstoffdünger benötigt rund zwei Prozent des weltweiten Energieverbrauchs – ein erheblicher Klimafaktor.
  • Recyclingdünger aus menschlichen Ausscheidungen könnten in Deutschland bis zu 25 Prozent der synthetisch-mineralischen Dünger ersetzen.

Ein Großteil der Phosphordünger stammt aus endlichem Rohphosphat, das wegen zunehmender Verunreinigungen aufwendig aufbereitet werden muss.

Wie aus Urin und Fäzes Dünger wird

Eine zentrale Voraussetzung für die landwirtschaftliche Nutzung menschlicher Ausscheidungen ist ihre sichere Aufbereitung. Dabei spielen hygienische und technische Anforderungen ebenso eine Rolle wie der Umgang mit Arzneimittelrückständen.

Hygienische Sicherheit: Keimfrei zurück aufs Feld

Bei Urin gelten die hygienischen Risiken als vergleichsweise gering, insbesondere wenn er getrennt vom übrigen Abwasser erfasst wird. Frisch gesammelter Urin ist in der Regel nahezu keimfrei. Definierte Lagerzeiten dienen vor allem der zusätzlichen hygienischen Absicherung, etwa für den Fall geringfügiger fäkaler Verunreinigungen.

Fäzes erfordern hingegen aufwendigere Hygieneschritte. Um Krankheitserreger zuverlässig abzutöten, werden die festen Inhalte der Trockentrenntoiletten zunächst einer thermischen Warmbehandlung im sogenannten Hygienisierungscontainer unterzogen. Daran schließen weitere Schritte wie eine kontrollierte, sauerstoffversorgte Kompostierung sowie gegebenenfalls Trocknung, Reifung und Siebung an. Ziel ist es, einen stabilen, hygienisierten Feststoff zu erzeugen, der sicher gelagert, transportiert und ausgebracht werden kann. Dieses mehrstufige Verfahren ist inzwischen technisch gut erprobt.

Der professionelle Umgang mit Arzneimittelrückständen

Neben hygienischen Aspekten spielen auch Arzneimittelrückstände eine wichtige Rolle bei der Bewertung von Recyclingdüngern aus menschlichen Ausscheidungen. Diese Rückstände stammen vor allem aus dem Urin.

Hier spielt die getrennte Erfassung des Urins eine entscheidende Rollen. Denn sie ermöglicht eine gezielte technische Behandlung, mit der Arzneimittelrückstände zu über 95 Prozent entfernt werden können.

Technische Stabilisierung vermeidet Nährstoffverluste

Unbehandelter Urin neigt aufgrund schneller chemischer Umsetzungen zu Ammoniakverlusten und Geruchsbildung und ist somit nur eingeschränkt lagerfähig. Durch technische Stabilisierungsverfahren können die Stickstoffverluste minimiert und die Ammoniakemissionen vermieden werden.

Sicherheit mit Brief und Siegel: Die DIN SPEC 91421

2020 wurde eine wichtige Grundlage für eine Qualitätssicherung von Recyclingdüngern aus menschlichen Ausscheidungen geschaffen. Die Unternehmen Finizio und Goldeimer entwickelten gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau die DIN SPEC 91421 zur Aufbereitung und Bewertung von Recyclingprodukten aus Trockentrenntoiletten für den Einsatz im Gartenbau. Der darin beschriebene Standard wird unter anderem in der Recyclinganlage von Finizio in Eberswalde bereits angewendet.

Potenziale menschlicher Ausscheidungen als Dünger

Für die Nutzung als Dünger ist es entscheidend, die beiden Stoffströme Urin und Fäzes getrennt zu betrachten, da sie sich in ihrer Nährstoffzusammensetzung und ihren Eigenschaften für die landwirtschaftliche Nutzung deutlich unterscheiden.

Den überwiegenden Teil der pflanzenrelevanten Nährstoffe scheidet der Mensch über den Urin aus. Auf ihn entfallen etwa 90 Prozent des Stickstoffs, 50 bis 65 Prozent des Phosphors und 50 bis 80 Prozent des Kaliums. Diese Nährstoffe liegen überwiegend in gut pflanzenverfügbarer Form vor.

Fäzes enthält im Vergleich dazu geringere Mengen an mineralischen Nährstoffen, liefert jedoch organische Substanz und Kohlenstoff. Sein potenzieller Beitrag liegt weniger in der kurzfristigen Nährstoffversorgung als vielmehr im Humusaufbau, in der Förderung der Bodenstruktur sowie in langfristigen Effekten auf die Bodenfruchtbarkeit.

In konventionellen Abwassersystemen werden Urin und Fäzes gemeinsam mit dem Spülwasser erfasst und stark verdünnt. Dadurch gehen die ursprünglichen Eigenschaften der Stoffe weitgehend verloren, und ihre Nährstoffe stehen der Landwirtschaft nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Erst durch die getrennte Erfassung, wie sie bei Trenntoilettensystemen erfolgt, lassen sich die unterschiedlichen Nährstoffpotenziale gezielt nutzen und weiterverarbeiten.

Was zeigen Feldversuche mit Recyclingdüngern aus Urin und Fäzes?

In mehreren wissenschaftlich begleiteten Feld- und Gefäßversuchen wurden Recyclingdünger aus getrennt erfasstem und aufbereitetem menschlichem Urin und Fäzes unter praxisnahen Bedingungen untersucht. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass eine Kombination solcher Recyclingdünger – der Urin als flüssiger Dünger, die Fäzes als Kompost – eine vergleichbare Düngewirkung zu mineralischen Düngern erreichen können. Insbesondere der im Urin enthaltene Stickstoff stand den Pflanzen rasch zur Verfügung, während die aufbereiteten Fäzes neben organischer Substanz zur Versorgung mit Phosphor und Kalium beitrugen.

In den Versuchen wurden keine signifikanten Ertragsunterschiede gegenüber konventionell gedüngten Varianten festgestellt. Auch die Nährstoffaufnahme der Pflanzen entsprach dem Niveau mineralischer Referenzdüngungen. Die Kombination aus mineralisch wirksamem Urin-Dünger und organisch geprägten Fäzes erwies sich somit als funktional und pflanzenbaulich geeignet.

Darüber hinaus untersuchten die Forschenden mögliche Risiken. Arzneimittelrückstände und andere unerwünschten Spurenstoffe konnten in den Ernteprodukten entweder gar nicht oder nur in sehr geringen Konzentrationen nachgewiesen werden. Die gemessenen Werte lagen deutlich unter relevanten Orientierungs- oder Grenzwerten. Die Ergebnisse bestätigen damit, dass Recyclingdünger aus Urin und Fäzes bei sachgerechter Aufbereitung sowohl wirksam als auch sicher eingesetzt werden können.

Gesetzliche Schranken: Was die Nährstoffwende noch ausbremst

Obwohl moderne Techniken es heute ermöglichen, Ausscheidungen aus Trockentoiletten sicher in hochwertigen Dünger zu verwandeln, stehen dem in Deutschland noch veraltete Gesetze im Weg. Das Hauptproblem ist, dass unser Rechtssystem menschliche Hinterlassenschaften bisher fast nur als Abwasser betrachtet, das entsorgt werden muss, statt als wertvolle Ressource für den Kreislauf.

Ein zentrales Hindernis ist die Bioabfallverordnung. Bisher definiert das Gesetz Bioabfall nur als Stoffe, die von Pflanzen oder Tieren stammen. Menschlicher Urin und Fäzes dürfen demnach nicht wie Biomüll kompostiert und als Dünger genutzt werden. Das ist besonders widersprüchlich, da Klärschlamm – der diese Stoffe in verdünnter Form enthält – unter bestimmten Bedingungen durchaus auf Felder ausgebracht werden darf.

Zusätzlich fehlt für getrennt gesammelte menschliche Ausscheidungen die Aufnahme in die Düngemittelverordnung. Nur Stoffe, die dort auf einer sogenannten "Positivliste" stehen, dürfen für die Herstellung von Dünger verwendet werden.

Für eine Sanitär und Nährstoffwende muss der rechtliche Rahmen also angepasst werden. Gefordert wird die Aufnahme von Urin und Fäzes in die Bioabfall- und Düngemittelverordnung sowie ein kommunales Wahlrecht zwischen Abwasser- und Abfallpfad. Dieses Wahlrecht soll den bisherigen Anschlusszwang an die Kanalisation aufheben, damit Kommunen Trockentrenntoiletten-Inhalte offiziell als recyclingfähigen Abfall statt als zu entsorgendes Abwasser behandeln dürfen. So könnten diese Stoffe rechtssicher gesammelt, zu Dünger veredelt und wirtschaftlich verwertet werden, anstatt sie ungenutzt wegzuspülen.

Pionierarbeit in Europa: Urin-Dünger bereits auf dem Markt

In der Schweiz wurde in den vergangenen Jahren ein Urin-Dünger gezielt weiterentwickelt und bis zur Marktreife gebracht. Das Produkt Aurin, ein Dünger aus getrennt erfasstem und technisch aufbereitetem Urin, ist dort bereits rechtlich zugelassen. Auch in Österreich und Luxemburg ist der Einsatz von aufbereitetem Urin als Dünger inzwischen erlaubt.

Die Erfahrungen aus diesen Ländern zeigen, dass Urin als Recyclingdünger unter entsprechenden rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen praktikabel, sicher und pflanzenbaulich wirksam eingesetzt werden kann.

Wachsende Akzeptanz für neue Düngewege – auch im Ökolandbau

Entgegen der häufigen Annahme, dass der Einsatz von Recyclingdüngern aus menschlichen Ausscheidungen auf Ablehnung oder Ekel stößt, zeichnen Befragungen aus dem Projekt zirkulierBAR ein anderes Bild: Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist hoch, sofern die Sicherheit der Verfahren und der Nutzen für den Ressourcenschutz klar kommuniziert werden.

Auch innerhalb der Öko-Branche wird das Thema zunehmend offen diskutiert. Öko-Verbände sehen in Recyclingdüngern aus menschlichen Ausscheidungen ein grundsätzlich interessantes Potenzial, insbesondere für viehlose oder nährstoffarme Betriebe. Voraussetzung aus Sicht des Ökolandbaus sind jedoch klare rechtliche Regelungen, transparente Qualitätsstandards und eine saubere Abgrenzung gegenüber Klärschlamm. Zudem wird betont, dass sich solche neuartigen Düngemittel in bestehende Betriebspraktiken integrieren lassen müssen – insbesondere im Einklang mit den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung und der geltenden Betriebsmittellisten. Unter diesen Bedingungen wird der Ansatz von vielen Akteurinnen und Akteuren nicht als Tabu, sondern als möglicher Baustein einer künftigen Kreislaufwirtschaft bewertet.

Potenzial vorhanden, Umsetzung noch offen

Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Menschliche Ausscheidungen bergen ein erhebliches Potenzial als Recyclingdünger. Technische Lösungen zur getrennten Erfassung, hygienischen Aufbereitung und Qualitätssicherung sind vorhanden und funktionieren. Auch aus fachlicher Sicht sprechen viele Argumente für eine stärkere Rückführung von Nährstoffen aus Urin und Fäzes in die Landwirtschaft – insbesondere vor dem Hintergrund knapper Phosphorressourcen, geschlossener Kreisläufe und einer ressourcenschonenden Nährstoffversorgung. Einer breiten Umsetzung steht jedoch noch die aktuelle Rechtslage entgegen, die menschliche Ausscheidungen bisher einseitig als zu entsorgendes Abwasser statt als wertvolle Ressource definiert. Für eine echte Nährstoffwende ist daher eine Anpassung der Bioabfall- und Düngemittelverordnung zwingend erforderlich.

Autor: Jörg Planer, Meckenheim


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Letzte Aktualisierung 10.03.2026

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