Paradiespilze: Pilzanbau in Bio-Qualität

Paradiespilze: Pilzanbau in Bio-Qualität

Im Interview mit oekolandbau.de erzählt der promovierte Mikrobiologe Evgeni Bratovanov wie er den Schritt vom Labor hin zu eigenen Pilz-Farm wagte und welche Bedeutung der bio-zertifizierte Pilzanbau für die Zukunft der Landwirtschaft hat.

Oekolandbau.de: Was hat Ihr Interesse am Pilzanbau geweckt?

Evgeni Bratovanov: Als Mikrobiologe war ich schon immer von Mikroorganismen umgeben – sei es in der Forschung oder als Hobbyzüchter. Meine Forschung konzentrierte sich auf die Symbiosen zwischen Pilzen und Bakterien, wobei ich untersuchte, welche Bakterien das Pilzwachstum fördern und welche Pilze zum Verrotten bringen. Für ein Experiment musste ich eigene Pilze züchten und sie mit "schlechten" Bakterien infizieren. So züchtete ich meine allerersten eigenen Pilze, und damit nahm alles seinen Anfang.

Oekolandbau.de: Wie kam es zur Entscheidung, den Pilzanbau im Haupterwerb zu führen?

Evgeni Bratovanov: Nach meiner erfolgreichen Promotion stand ich vor dem klassischen Dilemma: akademische oder eine Laufbahn in der Industrie. Stattdessen wählte ich den "ungewöhnlichen" Weg des Unternehmertums. Die Suche nach einem geeigneten Standort und die Ausstattung der ersten urbanen Farm in Jena war eine Herausforderung. Als ich jedoch feststellte, dass die Farm meine Erwartungen übertraf, entschied ich mich, das Projekt in Vollzeit weiter voranzutreiben.

Oekolandbau.de: Sie bauen vor allem Edelpilze an. Können Sie kurz erzählen, wie die Produktion in Ihrer Pilzfarm abläuft? Führen Sie alle Schritte des Kultivierungsprozesses selbst durch?

Evgeni Bratovanov: Ja tatsächlich, ein zentraler Bestandteil unseres Konzepts ist, dass der gesamte Kultivierungsprozess im eigenen Haus statt-findet. Aus einer großen Sammlung verschiedener Pilzstämme und mithilfe eines sterilen Verfahrens stellen wir unsere eigene Bio-Pilzbrut her, die wir für die Produktion benötigen. Alle Rohstoffe für die Pilzproduktion beziehen wir lokal und ausschließlich aus bio-zertifizierter Landwirtschaft. Wir stellen verschiedene Substrate her, die uns die Kultivierung seltener Gourmetpilze ermöglichen – von Igelstachelbart (Hericium erinaceus), Reishi und Shiitake bis hin zu exotischeren Sorten wie dem Ästigen Stachelbart (Hericium coralloides) und dem Kastanienseitling. Unsere Farm befindet sich im grünen Herzen Jenas, dem Paradiespark. Wir teilen uns das Dach mit dem Urban-Gardening-Projekt in Jena, FlussLand Jena, was uns einen guten Start ermöglichte, da wir viel Fachwissen über biologische Landwirtschaft teilen konn-ten. Da der gesamte Prozess auf der Farm stattfindet, entfallen Transportprobleme, und wir haben jederzeit eine strikte Kontrolle. Dank regionaler Lieferanten und Kunden bleiben wir flexibel und die Transportwege sind kurz.

Oekolandbau.de: Was bewegte Sie dazu, Edelpilze ökologisch zu produzieren? Was macht den Bio-Pilzanbau aus?

Evgeni Bratovanov: Meine ersten Eindrücke zur biologischen Landwirtschaft sammelte ich, als ich Teil der Farm wurde. Gemeinsam mit einem bio-zertifizierten Landwirt und einem Bioland-Imker erlebte ich die Vorteile und Herausforderungen des "Bio-Labels". Obwohl wir von Anfang an explizit Bio-Rohstoffe verwendeten und strenge Richtlinien befolgten, haben wir die offizielle Bio-Zertifizierung erst vor Kurzem abgeschlossen. Diese Formalität hat uns Märkte eröffnet, die vorher nicht zugänglich waren. Bio-zertifizierte Pilze erfahren zudem eine höhere Akzeptanz und mehr Vertrauen bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Oekolandbau.de: Mit welchen Herausforderungen muss man rechnen, wenn man Edelpilze (ökologisch) anbauen möchte?

Evgeni Bratovanov: Die Bio-Zertifizierung bringt nicht nur Vorteile mit sich. Sie stellt in gewisser Weise ein einschränkendes Ökosystem dar, das die Lieferkette nicht immer vereinfacht. Pilze wachsen auf verschiedenen holz- und strohbasierten Substraten sowie auf wertvollen Nebenprodukten aus landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Manchmal muss man (paradoxerweise) 300 Kilometer fahren, anstatt die Rohstoffe vom konventionell wirtschaftenden Nachbarn zu beziehen. Auch die Aufrechterhaltung sauberer Labor- und Fruchtungsräume wird durch die strengen Bio-Richtlinien deutlich teurer.

Oekolandbau.de: Welche Vermarktungskanäle nutzen Sie?

Evgeni Bratovanov: Über unseren Webshop erreichen wir unsere Kundschaft für Pilzzucht-Sets in ganz Deutschland. Frische Pilze liefern wir an einige der besten Restaurants in Jena sowie an Bioland-Höfe in der Region.

Oekolandbau.de: Welche Art von Unterstützung würden Sie sich von Forschung, Beratung oder vielleicht auch von anderen Betrieben wünschen?

Evgeni Bratovanov: Ich denke, dass der spezielle Fall der kleinen Pilzzuchtbetriebe es den Landwirtinnen und Landwirten erschwert, staatliche Förderprogramme leicht in Anspruch zu nehmen. Kleine Pilzbetriebe sollten bei den anfänglichen Investitionen unterstützt werden, insbesondere im Hinblick auf Energieeffizienz und erneuerbare Energiequellen. Beratung könnte jungen Landwirtinnen und Landwirten, gerade zu Beginn der Produktion, viel Zeit und Geld sparen. Dieser Schritt sollte daher so zugänglich wie möglich gestaltet werden. Ebenso wichtig wäre die Beratung in einer späteren Phase, wenn bereits Erfahrung gesammelt wurde und der Betrieb sich professionalisieren möchte.

Oekolandbau.de: Was raten Sie anderen landwirtschaftlichen Betrieben oder auch Quereinsteigerinnen sowie Quereinsteigern, die mit dem Gedanken spielen, in den Pilzanbau einzusteigen?

Evgeni Bratovanov: Ich ermutige jeden, der bereit ist, in eine völlig andere Welt der Landwirtschaft einzutauchen, diesen Schritt zu wagen. Obwohl dieser Weg viele Herausforderungen und unbefestigte Straßen mit sich bringt, wird die Pilzanbau weiter an Dynamik gewinnen und Pilze zu einem immer wichtigeren Bestandteil unseres täglichen Lebens machen.


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Letzte Aktualisierung 11.11.2025

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