Vom Studium zur eigenen Pilzzucht

Vom Studium zur eigenen Pilzzucht

Schon seit seiner Kindheit faszinieren Henrik Hellmann Pilze. Ein Grund mehr für den Studenten der ökologischen Landwirtschaft sich in seiner Abschlussarbeit näher mit Innovationen in der Edelpilzzucht zu beschäftigen. Welche das genau sind und wie Henrik seine und die Zukunft der Edelpilzzucht in Deutschland sieht, hat er Oekolandbau.de im Interview erzählt. 

Henrik Hellmann hat sich in seiner Abschlussarbeit mit verschiedenen innovativen Ansätzen in der Edelpilzzucht beschäftigt. Er wollte herausfinden, was es in der Branche bereits für Lösungen gibt, inwiefern sie den Betriebsalltag erleichtern und ob sie Potenzial haben, um irgendwann einmal branchenweit eingesetzt werden zu können. Doch was genau bedeutet es eigentlich, wenn man von Innovation spricht? Auch Henrik musste den Begriff erst einmal für sich und seine Arbeit definieren: "Häufig wird unter Innovation das Einführen und Anwenden neuer Lösungen oder Methoden verstanden, die messbare Vorteile bringen – etwa in Form von sozialem oder wirtschaftlichem Nutzen. In meiner Arbeit handelt es sich meist um betriebseigene Lösungen, die innovative Merkmale aufweisen, aber noch nicht kommerziell verfügbar sind."

Als Grundlage für seine wissenschaftliche Arbeit hat Henrik verschiedene Betriebe aus dem Edelpilzbereich interviewt, die bereits mit verschiedenen innovativen Lösungen arbeiten. Ein spannendes Beispiel aus seiner Bachelorarbeit ist ein Betrieb, der sich einen alten Brauereitank organisiert und diesen umgebaut hat, um daraus einen Pasteurisator für die Behandlung von Substraten zu entwickeln. "Substrate müssen mit Hitze behandelt werden, um schädliche Mikroorganismen abzutöten", erklärt Henrik. Dafür hat der Betrieb den gebrauchten Tank für wenig Geld isoliert und mit einer speziellen Hitzetechnik ausgestattet. "Diese Lösung existiert mit Sicherheit so noch nicht auf dem Markt, aber auf betrieblicher Ebene ist es eine Innovation", sagt er.

Innovationen in Europa noch am Anfang

Henrik ist davon überzeugt, dass es gerade in der europäischen Edelpilzbranche noch viel Luft nach oben gibt im Hinblick auf Innovationen. "Da passiert gerade eine Menge, weil es noch eine relativ junge Branche ist und das Wissen hierzulande noch nicht so ausgeprägt ist wie in anderen Ländern", erklärt er. In Asien oder auch den USA sind längst fertige Maschinen für die Substratbehandlung auf dem Markt – jedoch nicht ganz kostengünstig. Für viele Betriebe sei es zum aktuellen Zeitpunkt allerdings nicht wirtschaftlich sinnvoll, diese teuren Maschinen aus den USA nach Europa zu importieren. Umso wichtiger daher die Weiterentwicklung und Forschung, damit es auch hierzulande künftig erschwingliche Technik zu kaufen gibt. Henrik blickt aber zuversichtlich in die Zukunft: "In Europa ist die Entwicklung dieser Maschinen zwar noch nicht so weit, aber mit dem steigenden Pilzkonsum dürfte auch die Nachfrage nach solchen Lösungen wachsen."

Forschungsbedarf in der Edelpilzzucht

Verbesserungspotenzial sieht Henrik auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Besonders kritisch findet er vor allem den hohen Plastikverbrauch. "Viele Substrate werden immer noch in Plastiksäcken verkauft. Wenn man bedenkt, dass diese Säcke nach der Ernte weggeworfen werden, ist das aus Umweltaspekten schon problematisch", betont er. Auch wenn es bereits erste Ansätze für den Einsatz alternative Materialien gäbe, so würde Henrik sich dennoch wünschen, dass noch mehr zu Verfahren geforscht würde, die eine Alternative zu Plastik bieten.

Ein weiteres großes Thema, das längst nicht nur die Pilzzucht, sondern grundsätzlich viele Produktions- und Arbeitsbereiche betrifft, sieht der 33-Jährige in der Klimatisierung der Betriebe. "Die Raumklimatisierung – also Luftfeuchtigkeit, CO2 und Temperatur – kann energetisch noch viel effizienter gestaltet werden", meint Henrik. Insbesondere die energetische Optimierung der einzelnen Zuchträume spiele dabei eine entscheidende Rolle. "Wenn man die Räume besser isoliert, könnte man den Energieverbrauch erheblich senken und die Pilze trotzdem optimal zum Wachsen bringen."

Apropos Wachstum der Pilze: die biologische Effizienz der Substrate kann ebenfalls einen erheblichen Einfluss haben auf den Ernteerfolg. "Wenn man das Substrat besser zusammenstellt, kann man mit dem gleichen Volumen an Rohstoffen viel mehr Ertrag erzielen", erklärt er. Viele Pilzzuchtbetriebe kaufen Substrate von externen Lieferunternehmen – der Einfluss auf die Substratzusammenstellung ist dann unter Umständen begrenzt. Ein von Henrik interviewter Betrieb hat sich daher daran versucht, mit verschiedenen Substratrezepturen zu experimentieren. "Je nach Mischung zeigen sich große Unterschiede im Ertrag. Das ist natürlich hochspannend und ebenfalls ein Bereich, in dem noch viel Forschungsbedarf besteht", sagt er.

Ökologie und Wirtschaftlichkeit verbinden

Nachhaltigkeit und ökologische Aspekte sind das eine, sie müssen sich aber auch wirtschaftlich rechnen. Interessante Ansätze für die Verbindung beider Aspekte hat Henrik in seiner Arbeit thematisiert. Besonders das Thema Substrate und deren Herkunft beschäftigt ihn. "Ein Ansatz, der ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, könnte die Verwendung von Abfallstoffen aus der Landwirtschaft als Pilzsubstrat sein", erläutert er. Ein interessantes Beispiel hierfür sei ein deutsches Unternehmen, das Biertreber aus der Bierproduktion verwendet, um damit Pilze zu produzieren. "So schafft man einen Mehrwert und erhöht die Wertschöpfung", erklärt Henrik.

Henrik sieht genau in all diesen individuellen betrieblichen Lösungen das Potenzial, mit vergleichsweise niedriger Technisierung dennoch wirtschaftlich erfolgreich eine Pilzzucht zu betreiben. "Man muss nicht immer große Investitionen tätigen. Oft reicht es, mit klugen, kreativen Lösungen anzufangen", resümiert er. Es gehe eben nicht nur darum, sich teure Maschinen anzuschaffen, sondern mit einfachen Mitteln und Erfindergeist theoretische Ideen praktisch umzusetzen.

Dennoch sollte das kein Grund sein, die Betriebe alleine zu lassen in ihrer Forschungsarbeit. Vielmehr bräuchte es Unterstützung aus der Wissenschaft, um die Innovationen auf das nächste Level zu heben. Dazu gehört für ihn auch, die Ausbildung im Bereich Pilzzucht zu professionalisieren. "Es gibt viel Literatur und Foren im Internet, wo unglaublich viel Wissen existiert. Es wäre aber sicherlich hilfreich, wenn es staatliche Ausbildungsangebote dazu gäbe und nicht nur private Lehrgänge oder Workshops. Ich glaube einfach, dass das vielen Leute nutzen würde."

Auch eine professionelle Beratung wie in anderen landwirtschaftlichen Teilbereichen sieht er als notwendig an – egal ob für landwirtschaftliche Betriebe, die auf Pilzzucht umsteigen wollen oder für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die den Einstieg planen. "Jemanden zu haben, der einen umfänglich beraten kann zu rechtlichen Dingen, wie und wo man Förderungen beantragen kann oder einfach generell, was es für die Pilzzucht alles braucht, ist unglaublich wertvoll. Viele etablierte Betriebe haben sich das Wissen über viele Jahre selbst aneignen müssen. Aber nicht jeder hat die Kapazitäten das zu tun. Umso wichtiger sind daher eine professionelle Ausbildung und Beratung, die unterstützend in diesem Prozess sein können“, betont Henrik abschließend.

Wie Henrik seine Zukunft nach seinem abgeschlossenen Bachelor-Studium gestalten möchte, hat er uns in einem weiteren Interview erzählt:

Oekolandbau.de: Ein Masterstudium steht aktuell bei dir nicht auf der Agenda, sondern du möchtest lieber mit einer eigenen Pilzzucht starten. Hast du bereits konkrete Pläne, wie du in die Praxis einsteigen möchtest?

Henrik Hellmann: Es gibt eigentlich zwei Optionen. Die erste wäre, dass ich meine Pilzzucht in einen bereits bestehenden Gemüsebaubetrieb integriere. Da habe ich auch schon Gespräche geführt mit einem Gartenbaubetrieb hier in Heidelberg. Die haben einen tollen Hofladen und der Betriebsleiter könnte sich das vorstellen, wenn ich mit meiner Pilzzucht einsteige. Für ihn wäre es wichtig, wenn er in seinem Hofladen Pilze nicht von außen zukaufen müsste, sondern wenn diese regional bzw. direkt auf seinem Hof hergestellt würden. Der Betrieb hat auch die nötigen Räumlichkeiten, die ich umbauen könnte. Die andere Option wäre, mit einem Freund hier in Heidelberg selbst eine Firma zu gründen, die sich zu 100 Prozent auf Edelpilze konzentriert.

Wenn ich meine Pilzzucht in die Gärtnerei integriere, wäre das natürlich für mich persönlich auch ein geringeres Risiko, weil ich in einen bestehenden Betrieb einsteige, ein richtiges Gehalt ausgezahlt bekäme und eine Anstellung hätte. Das andere wäre eine Selbstständigkeit. Und da muss man sich ja immer fragen: Will man eine Selbstständigkeit, die vielleicht in den Gründungsjahren sehr arbeitsintensiv und stressintensiv ist, oder steige ich mit einer sicheren Anstellung ein und probiere innerhalb dieser etwas Neues aus? Also diese Möglichkeit zu haben, das fände ich total cool.

Oekolandbau.de: Wie stehst du zu ökologischen Aspekten in der Edelpilzzucht? Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in deiner Planung?

Henrik Hellmann: Das wäre in jedem Fall für mich persönlich eine Bedingung. Also ich möchte definitiv Bio-Edelpilze produzieren. Nachhaltigkeit ist mir schon sehr wichtig, weshalb ich auch nicht unbedingt Substrate zukaufen möchte, die einen weiten Transportweg hinter sich haben und von konventionellen Betrieben kommen. Ich möchte meine Pilzzucht, wenn ich sie mache, möglichst ökologisch, nachhaltig und regional aufbauen.

Oekolandbau.de: Gibt es bestimmte Technologien oder Innovationen aus deiner Forschung, die du in die Praxis umsetzen möchtest?

Henrik Hellmann: Ja, auf jeden Fall. Ich würde vor allem gerne die selbst gebauten Pasteurisatoren ausprobieren. Dazu habe ich mir auch schon große Metalltonnen zugelegt, die ich selbst umbauen will. Zudem würde ich bestimmte Komponenten aus den Klimatisierungssystemen der interviewten Betriebe aus meiner Bachelorarbeit integrieren. Ein Betrieb lässt zum Beispiel die Schläuche, mit denen Wasser für die Nebelmaschine in die Zuchträume transportiert wird, durch einen Kühlraum laufen, damit das Wasser kühl bleibt. Der Kühlraum ist ja sowieso da und durch diesen Trick spart sich der Betrieb die Energie, das Wasser für die Nebelmaschine aktiv zu kühlen. Solche Kleinigkeiten möchte ich auf jeden Fall auch nutzen, um meinen Betrieb möglichst energieeffizient und nachhaltig aufzubauen.

Oekolandbau.de: Mit welchen Pilzkulturen würdest du einsteigen?

Henrik Hellmann: Ich würde erst einmal starten mit ein paar einfachen Kulturen, wie beispielsweise dem Austernseitling oder Shiitake. Von diesen Pilzen weiß ich, dass sie sicher funktionieren, weil sie die Leute auf dem Markt schon kennen. Generell würde ich auch erst einmal nur mit einer oder maximal zwei Kulturen loslegen, um Erfahrungen zu sammeln und mich auszuprobieren. Nach und nach könnte ich dann mehr Arten hinzunehmen und mich auch an verschiedenen Substraten beziehungsweise Substratrezepturen probieren.

Oekolandbau.de: Wie siehst du die Zukunft der Edelpilzzucht in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Welche Trends oder Entwicklungen könnten deiner Meinung nach den Markt besonders beeinflussen?

Henrik Hellmann: Also ich sehe das Potenzial relativ hoch an. Es werden immer mehr Pilze konsumiert und ich glaube, das wird auch noch so weiter gehen – unter der Voraussetzung, dass man den Konsum mehr fördert. Dafür müssen aber die positiven Gesundheits- und Umweltaspekte stärker beworben werden. Vor allem wenn man sich die Proteine in den Pilzen anschaut, dann sind das zwar wesentlich weniger als in Fleisch, aber wenn man die Umweltaspekte bzw. die Umweltauswirkung von Fleischprodukten mit Pilzen vergleicht, dann ist das schon ein großer Unterschied. Pilze sind im Gegensatz dazu deutlich umweltfreundlicher herzustellen. Und das muss einfach stärker hervorgehoben werden. Hinzukommen die vielen gesundheitlichen Vorteile von Pilzen. Viele Speisepilze sind ja gleichzeitig auch Vitalpilze. Das ist in der europäischen Forschung noch nicht so ganz etabliert, wie jetzt beispielsweise in der traditionell chinesischen Medizin, wo eben Edelpilze schon ganz lange ein hohes Ansehen in der Medizin genießen. Der Austernseitling zum Beispiel, ist in der chinesischen Medizin auch ein Heilpilz. Da besteht auf jeden Fall auch noch Forschungsbedarf auf europäischer Seite. Aber um nochmal zurückzukommen: All diese Aspekte sind Voraussetzung dafür, dass dieser Trend bestehen bleibt und dass Pilze noch mehr in die Gesellschaft rücken. Wenn ich einen eigenen Pilzbetrieb gründe, dann würde ich genau diese Themen möglichst offen kommunizieren und meinen Betrieb auch öffnen für Menschen, die Interesse daran haben. Tage der offenen Tür oder Bildungsangebote für Schulklassen oder sogar Kindergärten sind da ein wunderbares Mittel, um zu zeigen, wie toll Edelpilze eigentlich sind.

Ein Problem ist glaube ich auch, dass viele gar nicht so genau wissen, wie man Edelpilze verarbeitet. Das klassische Rezept ist ja irgendwie die Pilze mit Zwiebeln und Knoblauch anzubraten. Aber es gibt sehr viele Möglichkeiten, Pilze anders zuzubereiten. Es gibt auch Pilzbetriebe, die Kochkurse anbieten. Und das ist schon eine richtig gute Idee, den Menschen Pilze näher zu bringen.


Letzte Aktualisierung 28.11.2025

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