Gleichberechtigung auf dem Acker: Stephanie Strotdrees über Netzwerke, Vorbilder und Wandel

Gleichberechtigung auf dem Acker: Stephanie Strotdrees über Netzwerke, Vorbilder und Wandel

Wie steht es um die Bio-Branche in Deutschland, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht? Im Interview berichtet Stephanie Strotdrees über ihre Erfahrungen als Landwirtin in einer nach wie vor männerdominierten Branche und ihr Engagement im BioFrauenNetzwerk.

Oekolandbau.de: Sie sind Mitinitiatorin des BioFrauennetzwerks – welche Beweggründe gab es für die Gründung?

Stephanie Strotdrees: Tatsächlich sind wir im BioFrauennetzwerk Frauen aus der gesamten Bio-Branche, also nicht speziell aus der Landwirtschaft. Daher sind die Problemstellungen natürlich teilweise sehr unterschiedlich und nicht immer mit denen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zu vergleichen. Mein Hauptbeweggrund für die Initiative zum BioFrauennetzwerk war, dass insbesondere die Landwirtschaft bis heute noch immer eine absolute Männerdomäne ist.

"Als Frau wirklich zu sagen: ‚Moment, ich bin hier nicht nur diejenige, die die Arbeit macht, sondern ich bin auch maßgeblich entscheidungsprägend oder gar Ansprechpartnerin‘, davon sind wir immer noch weit weg."

Das spielt im BioFrauennetzwerk allerdings gar nicht so eine große Rolle. Es ist einfach ein völlig anderes Gefühl, unter Frauen zu tagen. Die Gesprächsbeiträge sind komplett andere, das Zuhören ist anders, weil weitere Ebenen mit hineinspielen. In diesen Runden dürfen Emotionen eine Rolle spielen. Schwächen können ganz anders zugestanden werden. Unsicherheiten dürfen da sein, ohne dass man als Frau an Ernsthaftigkeit verliert. Und das ist etwas, das ich unglaublich schätze. Im BioFrauennetzwerk kann einfach jede Frau so sein, wie sie möchte, und entsprechend ihrer Vorlieben, Stärken beziehungsweise Fähigkeiten die Aufgaben machen, die sie übernehmen möchte. Es ist toll, dass jede Frau hier teilnehmen kann, ihre Fähigkeiten mit in den Ring wirft, die ihr wichtig sind, ohne dass automatisch jede einzelne alle Aufgaben abdecken muss.  

Oekolandbau.de: Gibt es denn Themen, die aktuell sehr bewegen?

Stephanie Strotdrees: Inhaltlich geht es tatsächlich darum, die Arbeit von Frauen sichtbar zu machen. Genau das ist unter anderem auch das Ziel des UN-Jahres der Landwirtin. Denn im Gegensatz zu Männern neigen Frauen oft weniger dazu, ihre Positionen auf Bühnen und in Diskussionen klar darzustellen. Wir möchten mehr Frauenpräsenz auf politischer Ebene erreichen.

Ein weiterer wichtiger Punkt für uns ist, dass wir bei großen landwirtschaftlichen Veranstaltungen einen Treffpunkt schaffen. Ein Beispiel hierfür ist vor allem das BioFrauenfrühstück im Rahmen der Messe Biofach. Wir merken, dass dieses Angebot gut angenommen wird und erhalten viel positive Resonanz. Daher haben wir genau diesen Raum auch erstmals auf der Grünen Woche in Berlin geschaffen.

Ein Wermutstropfen in unserer Arbeit im BioFrauennetzwerk ist leider nach wie vor der geringe Anteil an Bäuerinnen in unserem Netzwerk. Es sind zu wenige aus diesem Bereich integriert, weil wir bisher einfach zu wenig Landwirtinnen gewinnen konnten.

"Viele Frauen machen die Arbeit auf den Höfen, bleiben dabei aber weiterhin unsichtbar. Die Gründe, warum es so schwierig ist, Frauen aus der Landwirtschaft für das Netzwerk zu gewinnen, sind leider nicht ganz klar oder eben sehr vielschichtig. Das macht es uns so schwer, dieses Defizit anzupacken und auszuräumen." 

Oekolandbau.de: Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Rolle der Frau in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahren verändert?

Stephanie Strotdrees: Wenn ich mir die jüngeren Frauen heute so anschaue, dann fällt mir oft auf, dass sie klassischerweise vor allem die Social-Media-Arbeit im Betrieb übernehmen oder für das Marketing zuständig sind. Wir vom BioFrauennetzwerk haben auf der Agritechnica zum ersten Mal eine Veranstaltung mit dem Titel „Mann-Frau-Maschine“ organisiert, um das Thema Technik und Frauen mehr in den Fokus zu rücken. Denn Technik ist nach wie vor männerdominiert, obwohl es die heutige Technik eigentlich möglich macht, dass Frauen auch in diesen Bereich Fuß fassen können. Wir Frauen brauchen Technik ja noch mehr als Männer. Je besser die Technik wird, desto weniger ist es eine reine Kraftfrage, was früher oft ein Argument war, warum sich vor allem Männer damit beschäftigt haben. Und trotzdem haben sie das Thema Technik noch immer für sich gepachtet. Und das gilt es zu ändern.

Hinzu kommt das Thema Hofnachfolge oder auch Betriebsleitung. Auch hier gibt es noch viel Luft nach oben. Das zeigt auch die aktuelle Studie zu Frauen in der Landwirtschaft des Thünen-Instituts. Nach wie vor gibt es nur elf Prozent Betriebsleiterinnen auf deutschen Höfen.

"Sobald es einen Sohn in der Familie gibt, wird der Hof weiterhin an ihn vererbt, selbst wenn es eine Tochter gäbe, die den Hof gerne übernehmen würde. Dieses Bild bestätigt sich auch in der Arbeit unseres BioFrauennetzwerks." 

Oekolandbau.de: Welche Rolle spielen weibliche Vorbilder in der Landwirtschaft, und wie können junge Frauen davon profitieren?

Stephanie Strotdrees: Starke weibliche Vorbilder sind wichtig, aber wie viele Frauen reiben sich daran auf, dass sie etwas verändern möchten?

Deshalb denke ich, dass, wenn man sich für Frauen einsetzt, auch die Männer gezielt angesprochen und zum Umdenken bewegt werden müssen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass nur wir Frauen uns weiterentwickeln und die Männer nicht miteinbeziehen.

Oekolandbau.de: Gab es Situationen im Betriebsalltag, in denen Sie bewusst neue Wege gegangen sind, weil Sie eine Frau sind?

"Bei uns war es auf jeden Fall so, und ich weiß das auch von sehr vielen anderen Bio-Betrieben: Gerade bei der klassischen Betriebsumstellung auf ökologische Landwirtschaft waren die Frauen die treibende Kraft."

Stephanie Strotdrees: Ganz oft hat diese Idee mit der Ernährung innerhalb der Familie seinen Anfang genommen, was ja doch wieder der klassisch weibliche Part ist. In vielen Fällen war oder ist es dann aber auch der Mut, über den Tellerrand zu gucken und etwas verändern zu wollen.

Oekolandbau.de: Welche Erwartungen oder Vorurteile begegnen Ihnen im Berufsalltag noch, und wie gehen Sie damit um?
 

"Die Kritik rund um die klassischen Hausarbeiten. Wenn beispielsweise Besucher kommen und das Regal verstaubt ist, würden alle sofort sagen, was ist denn das für eine Frau, die hier eingeheiratet hat. Es würde keiner sagen „Oh der Jungbauer hat das Haus hier aber nicht im Griff“. Solche Dinge werden immer der Frau angelastet. Von dem Mann erwartet das niemand." 

Stephanie Strotdrees: Oder auch in der Erntezeit ist es bei uns immer noch üblich, dass die Mitarbeitenden mit Essen und Trinken versorgt werden. Und da wird bis heute zu 100 Prozent erwartet, dass die Frauen das übernehmen. Man könnte ja meinen, dass das heute eher in der Familie ausdiskutiert wird, wer für was zuständig ist. Aber ich bin tatsächlich erschrocken, wenn ich sehe, wie junge Kolleginnen auf Instagram einen Wettbewerb veranstalten, wer das beste Ackercatering macht. Da denke ich mir, dass im Erntestress sowieso schon alles Kopf steht, die Frauen im Stress sind und dann müssen sie auch noch wetteifern? Man könnte auch einfach dazu stehen und sagen, dass vielleicht gerade alles ein bisschen viel ist und so etwas aktuell keinen Platz mehr hat.

Oekolandbau.de: Welche politischen oder gesellschaftlichen Maßnahmen wären nötig, um mehr Frauen für die Landwirtschaft, insbesondere für Leitungsrollen, zu gewinnen?

Stephanie Strotdrees: Tatsächlich finde ich politische Forderungen immer enorm schwierig, denn eigentlich muss in erster Linie gesellschaftlich und (inner-)familiär etwas passieren. Grundsätzlich halte ich eine Quotenregelung nicht unbedingt für die beste Lösung oder das Ideal, aber sie ist ein gutes Vehikel, um überhaupt erst einmal weiterzukommen. Das ist besonders in der Verbandslandschaft, in der ich selbst so lange tätig war, sehr eindrücklich. Ich spreche dabei nicht nur von den Bauernverbänden, sondern auch von den Bio-Verbänden, in denen es höchste Zeit wird, dass da etwas in Richtung Parität passiert. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Aus- und Schulbildung, in der dieses Thema stärker aufgegriffen werden muss. Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass es auch betriebswirtschaftliche Möglichkeiten oder eben Gesellschaftsformen geben muss, in denen es möglich ist, dass ein Paar zusammen einen Betrieb führen kann.

Oekolandbau.de: Welche Chancen sehen Sie in der ökologischen Landwirtschaft im Hinblick auf Gleichberechtigung und mehr Chancengleichheit für Landwirtinnen? Sehen Sie hier Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft?

Stephanie Strotdrees: Die Chancen sehe ich im Ökolandbau theoretisch schon, eben weil wir es eigentlich mit aufgeklärten Menschen zu tun haben. Aber praktisch gibt es noch einiges zu tun.

"Manchmal muss man wirklich den Kopf schütteln, dass wir uns so divers bezeichnen, aber dann doch so wenig Diversität leben."

Oekolandbau.de: Welche Botschaft oder welchen Ratschlag würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben, die in der Landwirtschaft eine Führungsposition übernehmen wollen?

Stephanie Strotdrees: Mein Rat wäre, nicht nur Frauen, sondern auch Männer anzusprechen, denn wir alle müssen ein gemeinsames Interesse daran haben, etwas zu verändern. Frauen sollten sich nicht vornehmen, dass sie alles allein schultern wollen – die klassischen Care-Arbeiten und dann on top noch einem Job nachgehen. Wir müssen dieses Konstrukt aufbrechen. Es kann nicht der richtige Weg sein, allein die Kinderbetreuung zu optimieren, nur damit Frauen andere Jobs ausüben können. Die Entscheidung sollte nicht gegen Kinder und für den Job fallen. Beide Seiten müssen sich bewegen, sodass nicht an einem Part alles hängenbleibt.


Letzte Aktualisierung 23.01.2026

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