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Keine Zukunft ohne Frauen –Wie das BioFrauen*netzwerk Diversität vorantreibt

Die Biofach 2026 in Nürnberg zeigte eindrucksvoll, wie inspirierend und bestärkend es sein kann, wenn Frauen aus Landwirtschaft, Wissenschaft und Unternehmen zusammenkommen. Das BioFrauen*netzwerk nutzte die Bühne der Fachmesse, um in einem Workshop ganz konkrete Hebel für mehr Eigentum, Mitbestimmung und soziale Absicherung von Frauen in der Land- und Lebensmittelwirtschaft aufzuzeigen – und um Mut zu machen.
"Wir feiern 2026 das Jahr der Landwirtin und ich freue mich daher umso mehr, euch so zahlreich zu diesem Workshop begrüßen zu dürfen", begrüßt Stephanie Strotdrees, Mitinitiatorin des Netzwerks und Landwirtin, die Runde. "Keine Zukunft ohne Frauen – Diversität umsetzen", so lautete der Titel des Workshops. Das ist nicht einfach nur ein Titel, sondern auch der Anspruch des BioFrauen*netzwerks, das sich 2018 gegründet hat. Bereits am Vormittag des 12. Februars trafen sich zahlreiche Frauen zum BioFrauenfrühstück des Netzwerks am Stand von Bioland, um sich auszutauschen und zu Netzwerken. Feierlich eingeweiht wurde auch die Webseite des BioFrauen*netzwerks, die am Vormittag online ging.
Dass es einen Schulterschluss braucht zwischen verschiedenen Akteuren der Branche zeigt ein Blick in das gemeinsame Positionspapier, das zum UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft erarbeitet wurde. Acht zentrale Forderungen formuliert das breite Verbändebündnis darin – vom BioFrauen*netzwerk über Bio-Verbände bis hin zu katholischen Frauenverbänden, Landjugend und Gewerkschaft. Im Kern geht es um strukturelle Hebel, die es schaffen sollen, die Situationen der Frauen in der Land- und Lebensmittelwirtschaft sichtbar zu machen und zu stärken. Folgende acht Handlungsfelder wurden dazu formuliert:
- Frauen als Eigentümerinnen und Betriebsleiterinnen fördern
- Soziale Absicherung garantieren
- Care-Arbeit anerkennen und gerecht umverteilen
- Lohngerechtigkeit verankern
- Sichere und gesunde Arbeitsbedingungen gewährleisten
- Politische Teilhabe und Repräsentation stärken
- Bildung, Forschung und Beratung geschlechtergerecht gestalten
- Daseinsfürsorge in ländlichen Räumen sichern
"Bei den acht Punkten in unserem Positionspapier war von Anfang an große Einigung und Geschlossenheit. Das hat uns unheimlich viel Kraft gegeben", betont Stephanie Strotdrees.
Frauen in Führungspositionen bringen
Die ersten beiden Forderungen des Papiers setzen an einer zentralen Stellschraube an, die vor allem im landwirtschaftlichen Bereich noch immer eine untergeordnete Rolle spielen: Eigentum und Betriebsleitung. Oft sind es nicht nur Traditionen und patriarchale Strukturen, die es Frauen schwer machen, sondern auch (steuer-)rechtliche Hürden. So kann in vielen landwirtschaftlichen Betrieben nur eine Person offiziell als Betriebsinhaber eingetragen werden – häufig der Mann, selbst wenn de facto gemeinsam geführt wird.
Wie es anders gehen kann, zeigt Marion Bohner, die gemeinsam mit ihrem Mann einen landwirtschaftlichen Betrieb leitet. Der Schlüssel für sie: "Das kann nur mit einer guten und gleichberechtigten Partnerschaft auf dem Hof funktionieren", macht sie deutlich. Bei den Bohners wird alles gemeinsam entschieden, auch wenn Marion noch rund 40 Prozent in ihrem gelernten Ausbildungsberuf arbeitet. Doch vor allem von außen wird diese Gleichberechtigung oft anders wahrgenommen. "Man merkt, dass gerade der landwirtschaftliche Bereich noch immer sehr traditionell geprägt ist. Wenn zum Beispiel Vertreter auf den Hof kommen, wird nach dem Chef und nicht der Chefin verlangt oder man wird schief angeschaut, wenn der Mann Entscheidungen nicht ohne seine Frau trifft. Das muss sich ändern und ich hoffe, dass wir mit dem BioFrauen*netzwerk und dem Positionspapier etwas verändern können."
Während Gleichberechtigung in manchen Branchen weiterhin kritisch beäugt wird, ist diese bei Sonnentor in Österreich längst Realität. 75 Prozent der Mitarbeitenden dort sind Frauen, 55 Prozent der Führungskräfte ebenfalls. "Wir pflegen ein Miteinander auf Augenhöhe", sagt Manuela Raidl-Zeller, Geschäftsführerin von Sonnentor. Gleichstellung sei keine Maßnahme, sondern die Basis des Unternehmens.
Besonders wichtig sei es, junge Frauen zu ermutigen, in Führungspositionen einzusteigen. Sie erzählt von einer 26-jährigen Kollegin, die sich eine Abteilungsleitung selbst nie zugetraut hätte. "Wir haben sie aktiv darin bestärkt, diesen Posten zu übernehmen – und es ist einfach schön zu sehen, wie sie in die Führung hineingewachsen ist." Ein zentrales Instrument darf da bei Sonnentor nicht fehlen: flexible Arbeitszeitmodelle. 150 Varianten bietet das Unternehmen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Raidl-Zeller selbst hat Karriere in Teilzeit gemacht – von der Rückkehr aus der Elternzeit bis in die Geschäftsführung. "Und das geht bei uns. Ich finde, das sollte auch in jedem anderen Unternehmen möglich sein."
Viele Studien zeigen allerdings, dass es bei Frauen oft schon am Mut fehlt, sich überhaupt auf gewisse Stellen zu bewerben. "Frauen bewerben sich oft erst, wenn sie glauben, zu 100 Prozent zu passen – während Männer die Bewerbung schon bei 50 Prozent Übereinstimmung wagen. Diese innere Hürde abzubauen, ist ebenso wichtig wie strukturelle Veränderungen", bekräftigt die Moderatorin des Workshops, Siegrid Giese.
Mutterschaft und Karriere schließen sich nicht aus
Dass Führung und Mutterschaft vereinbar sind, lebt auch Sophie Schweisfurth vor, CEO von BioKontor. Als sie ihre Leitungsposition bei BioKontor antrat, wurde sie direkt schwanger. Elternzeit nahm sie keine, sie nahm die Kinder einfach mit. "Wir kennen alle diese Zerrissenheit und das Gefühl von ‚Nicht gut genug‘-Sein", sagt sie offen. Gerade deshalb brauche es eine Unternehmenskultur, die Vertrauen ermöglicht. Wiedereinstieg sei kein einseitiges Commitment der Frau, sondern ein gemeinsamer Prozess – mit dem Unternehmen zusammen. Transparente Kommunikation – auch während der Elternzeit – schaffe Sicherheit auf beiden Seiten. "Führung darf nicht nur in Vollzeit gedacht werden."
"Dieses Gefühl, dass die Elternzeit automatisch ein Karrierebruch ist, müssen wir langsam ablegen." Sophie Schweisfurth
Ein weiterer Hebel sieht Sophie in der Gehaltstransparenz. "Nur durch eine klare, offene Gehaltsstruktur kann man den Gender Pay Gap reduzieren." Frauen müssten ihren Wert kennen – und diesen auch verhandeln können.
Noch immer ein blinder Fleck: die soziale Absicherung der Frau
Das Thema finanzielle (Un-)Sicherheit von Frauen macht insbesondere auf landwirtschaftlichen Betrieben nicht Halt. Susanne Padel, die an einer groß angelegten Studie zur Situation von Frauen in der Landwirtschaft mitgewirkt hat, an der rund 7.000 Frauen teilnahmen, berichtete zur sozialen Absicherung. Ein Punkt, der auf vielen Betrieben noch immer stark vernachlässigt wird.
Viele Frauen zahlen nicht in die landwirtschaftliche Alterskasse ein oder lassen sich befreien. Investitionen in Stall oder Technik gehen in vielen Fällen zu Lasten der Altersvorsorge der Frauen. "Da müssen sich die Frauen auch ehrlich fragen: Wo kommt meine soziale Absicherung in Zukunft her?" Padel mahnt: Die Hebel liegen nicht nur allein in der Politik, sondern bei jedem einzelnen Betrieb. "Wir können nur jeder Familie raten, sich rechtzeitig und ausführlich zu informieren und Modelle zu finden, sodass die Frauen ausreichend abgesichert sind. Die Frauen auf den Betrieben müssen aber auch lernen, ihre Rechte einzufordern und sich nicht nur immer hintenanstellen", betont Susanne Padel weiter. Auch gäbe es genug Beratungsangebote zu diesem Thema – sie würden nur zu selten genutzt.
Der Hof gehört auch der Frau
Diese Schieflage wird nochmal deutlicher, wenn man einen Blick auf die Besitzverhältnisse wirft. "Man heiratet als Frau den Betrieb. Und leider steht der Betrieb oft über den Menschen, besonders aber über den Ehefrauen. Wir kennen alle Beispiele, wo Frauen schnell und sehr intensiv in den Hof eingestiegen sind und unabhängig von ihrer bisherigen Ausbildung ihre volle Arbeitskraft in den Betrieb einbringen. Trotzdem haben sie keinerlei Teilhabe, keine Besitzansprüche", erklärt Stephanie Strotdrees. Es würde nicht nur die Absicherung der Frau für den Betrieb geopfert, sondern letztlich auch der Anspruch der Frauen, gleichberechtigt am Betrieb und dem Besitz beteiligt zu sein.
Sogenannte Rückführungesklauseln, bei denen im Todesfall des Betriebsleiters und fehlender männlicher Nachkommen der Betrieb wieder zurück an die Eltern des Betriebsleiters geht, sind in der Praxis keine Seltenheit. "Wir kennen Beispiele, bei denen das genauso abgelaufen ist", meint Strotdrees. Auch Marion Bohner bekam damals ein Standardformular zur Unterschrift, das diese Klausel beinhaltete. "Da habe ich sofort mein Veto eingelegt und deutlich gemacht, dass wenn dieser Passus in diesem Vertrag bleibt, dass ich dann weg bin. Es kann ja nicht sein, dass man womöglich 30, 40 Jahre auf diesem Betrieb gearbeitet hat und dann die Koffer packen kann."
Für mehr Offenheit und Unterstützung
Dass Veränderung möglich ist, zeigt Sonnentor. Es wurde eine Frauen-Power-Kampagne gestartet – mit eigener Website, einer Social-Media-Kampagne und einem Podcast –, um Themen wie Menstruation und Wechseljahre offen anzusprechen. Periodenartikel auf den Toiletten oder Beckenbodentraining für alle – auch Männer – bietet das Unternehmen ganz selbstverständlich an. "Selbst wenn es für manche unangenehm ist, wir sollten darüber reden", sagt Raidl-Zeller.
Marion Bohner möchte Veränderungen auch in die Verbandslandschaft bringen. Denn auch hier sieht sie bei der Unterstützung der Frauenarbeit noch viel Luft nach oben. "40 Prozent der Arbeit auf Höfen wird von Frauen geleistet – im Ehrenamt spiegeln sich jedoch nur zehn bis zwölf Prozent wider." Während ihrer Zeit im Naturland-Präsidium habe man den Anteil auf 19 Prozent steigern können. "Wir hatten zu dieser Zeit das erste Mal sehr junge Delegierte, die wirklich auch noch kleine Kinder hatten und gestillt haben. Mir war das extrem wichtig, es möglich zu machen, dass zum Beispiel Begleitpersonen bei der Unterbringung mitgedacht werden oder die Kinder mit dabei sein dürfen, damit die Frauen in Präsenz teilnehmen können. Letztlich liegt es an uns die Rahmenbedingungen zu schaffen, denn die Frauen kommen nicht von allein, wir müssen uns schon selbst darum kümmern."
Quoten habe sie lange skeptisch betrachtet, das sieht Bohner aber heute pragmatischer: "Wie weit hat uns die Freiwilligkeit gebracht?" Parität könne ein Vehikel sein, um Frauen überhaupt erst in Position zu bringen, in der sie ihre Fähigkeiten zeigen können. "Außerdem liefern divers besetzte Gremien eindeutig bessere Ergebnisse. Wir machen es zusammen besser."
"Es ist 2026 und Frauen werden weiter strukturell benachteiligt. Oder es werden Zugänge systematisch blockiert – zum Beispiel, wenn es um Führungspositionen geht. Für eine nachhaltige Wirtschaft und faire Gesellschaft wird jedoch entscheidend sein, ob es künftig gelingt, Beteiligung und Repräsentation erfolgreicher zu organisieren. Hier ist richtig viel Luft nach oben, auch was andere Gruppen wie Arbeiterkinder oder Menschen mit ostdeutscher, migrantischer und Armuts-Biografie angeht. Für starke Teams und gesunde Unternehmen braucht es Vielfalt und verschiedene Lebensrealitäten am Tisch. Das ist nicht nur gerechter, sondern sorgt letztlich auch für bessere Ergebnisse und Zufriedenheit – auch in der Bio-Branche.“ Joyce Moewius, Parlamentarische Beratung der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im sächsischen Landtag
Der Workshop auf der BIOFACH 2026 macht deutlich: Es geht nicht um symbolische Gesten, sondern um wirkliches Handeln. Oder, wie Stephanie Strotdrees es formuliert: "Es ist nicht so, dass wir einmal den Riegel umlegen und dann läuft das von selbst. Es ist ein stetes Dranbleiben und Weiterklopfen."
Doch genau dieses beharrliche Klopfen wird lauter. Eine nachhaltige Land- und Lebensmittelwirtschaft hat nur dann Zukunft, wenn Frauen nicht nur mitarbeiten – sondern mitentscheiden.
Interview mit der Bayerischen Bio-Königin Anna-Lena II.
Anna-Lena Dworschak ist 2024 zur Bayerischen Bio-Königin gekürt worden. Als Botschafterin der bayerischen ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft repräsentiert sie die bayerische Biobranche. Ihr Ziel ist es, die Menschen in Bayern für regionale Bio-Lebensmittel zu begeistern. Anna-Lena ist auf einem ökologischen Gemüsebau- und Milchviehbetrieb bei Nürnberg aufgewachsen und hat dann Wirtschaftsingenieurwesen, Agrarmarketing & Management an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf studiert. Nun ist sie Betriebsleiterin des elterlichen Milchviehbetriebs. Im Interview mit Oekolandbau.de hat sie erzählt, wie sie Geschlechterrollen in der Bio-Branche wahrnimmt und was ihr als Frau und Betriebsleiterin wichtig ist.
Oekolandbau.de: Du bist viel im Bio-Bereich unterwegs und bekommst ja auch einiges mit. Wie nimmst du Geschlechterrollen in der Bio-Branche wahr?
Anna-Lena: Ich bin viel auf verschiedenen Höfen, bei Podiumsdiskussionen und auf Messen – und ich merke schon: Die Bio-Branche ist oft etwas offener, aber ganz frei von klassischen Rollenbildern ist sie nicht. Uns Frauen traut man immer noch zu wenig zu. Es gibt viele starke Frauen, und auch wenn sie nicht so oft im Vordergrund stehen, wissen wir alle: Hinter einem starken Mann steht eine noch stärkere Frau! Wir Frauen spielen seit Generationen eine zentrale Rolle in der Landwirtschaft. Wir arbeiten mit Kopf, Hand und Herz, treffen Entscheidungen und halten Abläufe zusammen – oft selbstverständlich, oft im Stillen, aber immer mit tiefem Herzblut.
Oekolandbau.de: Du bist selbst in den elterlichen Betrieb eingestiegen. Glaubst du denn, dass es einen Unterschied macht, ob ein Betrieb von einer Frau oder einem Mann geleitet wird? Und gibt es vielleicht Dinge, die umsetzen oder ändern willst, weil du eine Frau bist?
Anna-Lena: Ich glaube nicht, dass Frauen grundsätzlich "besser" oder Männer "schlechter" führen. Aber ich glaube, dass unterschiedliche Perspektiven den Unterschied machen. Ich selbst bin Betriebsleiterin unseres Bio-Milchviehbetriebs und in unserem Bio-Gemüsebaubetrieb mit circa 110 Mitarbeitenden in der Saison unter anderem für das Personal zuständig. Mir ist eine transparente Kommunikation im Team und eine Mitarbeiterführung auf Augenhöhe wichtig. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen Beziehungen und Kommunikation stärker in den Mittelpunkt stellen. Ich merke jedenfalls, dass ich sehr viel Wert auf Austausch lege – im Team, mit Kunden sowie mit Berufskollegen. Und ja, es gibt Dinge, die ich bewusst anders angehe: Ich möchte zeigen, dass eine junge Frau selbstverständlich einen Milchviehbetrieb führen kann – modern, betriebswirtschaftlich kompetent und gleichzeitig empathisch und mit viel Herzblut.
Oekolandbau.de: Welche Veränderungen / Maßnahmen sind deiner Meinung nach nötig, um die Bio-Branche diverser und eventuell gerechter für Frauen zu gestalten?
Anna-Lena: Folgende Dinge sind hier meiner Meinung nach wichtig:
- Sichtbarkeit erhöhen: Wir brauchen mehr Frauen auf Podien, in Vorständen und als Betriebsleiterinnen.
- Hofnachfolge neu denken: Noch immer wird der Hof oft automatisch dem Sohn übertragen. Hier braucht es einen Bewusstseinswandel in den Familien.
- Netzwerke stärken: Netzwerke wie das BioFrauen*netzwerk sind sehr wichtig für den Austausch untereinander.
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Letzte Aktualisierung 23.02.2026







