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Frauen in Führungspositionen: Strukturelle Benachteiligung und Chancen

Frauen sind weltweit in vielen Branchen und Berufen strukturell benachteiligt. Obgleich es Fortschritte gibt, sind die Herausforderungen groß, insbesondere im Hinblick auf Führungspositionen. Auch in der Bio-Branche zeigen sich strukturelle Ungleichheiten. Doch welche Länder und Maßnahmen bieten Hoffnung auf Veränderung? Und warum reicht es nicht, Frauen allein in Führungspositionen zu bringen?
Trotz jahrzehntelanger Gleichstellungsbemühungen sind Frauen in Führungsrollen unterrepräsentiert. Laut dem Global Gender Gap Report 2023 des World Economic Forums ist die Geschlechtergleichheit in Bereichen wie Bildung und Gesundheit weltweit gestiegen, doch in wirtschaftlicher Teilhabe stagniert sie. In Deutschland sind nur 28,7 Prozent der Führungskräfte weiblich, ein Wert, der sich seit 2012 kaum verändert hat (Statistisches Bundesamt, 2023). Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Care-Arbeit: Frauen übernehmen oft den Großteil der unbezahlten Haus- und Familienarbeit, was ihre Karrieremöglichkeiten einschränkt.
- Gender Pay Gap: In Deutschland verdienen Frauen durchschnittlich 18 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Positionen. (Antidiskriminierungsstelle des Bundes)
- Mangel an Vorbildern: Es fehlen weibliche Führungspersönlichkeiten, die als Inspiration für die nächste Generation dienen können.
Die Bio-Branche als Vorreiter?
Die Bio-Branche in Deutschland zeigt positive Ansätze. Eine Studie des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren (BNN) ergab, dass 40 Prozent der befragten Bio-Unternehmen von Frauen geleitet oder mitgeleitet werden. Das ist im Vergleich zu anderen Branchen schon sehr gut. Gründe dafür könnten sein:
- Nachhaltigkeitswerte: Themen wie soziale Verantwortung und Umweltbewusstsein sprechen viele Frauen an. (MDR: Eco Gender Gap)
- Flexiblere Strukturen: Viele Unternehmen der Bio-Branche bieten familienfreundliche Arbeitszeiten und flachere Hierarchien.
Trotzdem gibt es auch hier Hürden. Frauen in der Bio-Branche berichten von Vorurteilen, einem Mangel an gezielter Förderung für Führungsrollen und einem oft ungünstigen beruflichen Umfeld.
Das Arbeitsumfeld: Ein entscheidender Faktor
Selbst wenn Frauen Führungspositionen erreichen, bleibt das Arbeitsumfeld ein entscheidender Erfolgsfaktor. Johanna Stumpner, Geschäftsführerin des Büro Lebensmittelkunde und Qualität GmbH, eine Dienstleisterin für Bio-Unternehmen, schildert, wie zwischenmenschliche Strukturen die Integration von Frauen in Führungsrollen erschweren können. Sie berichtet von Sitzungen, die wiederholt auf den Nachmittag gelegt wurden, obwohl sie aufgrund ihrer Betreuungspflichten für ihre kleine Tochter klar kommuniziert hatte, nur vormittags teilnehmen zu können.
Diese ignorierte Flexibilität führt dazu, dass Frauen oft zwischen beruflichen und familiären Verpflichtungen jonglieren müssen – manchmal mit ihrem Kind im Hintergrund oder gar durch Abwesenheit.
Ihr Fall ist zwar nur ein Beispiel, aber eines von vielen, das die alltäglichen Herausforderungen für Frauen in Führungsrollen beleuchtet. Diese Problematik ist symptomatisch für ein größeres strukturelles Defizit: Auch wenn Frauen die fachliche und persönliche Eignung für Führungspositionen mitbringen, werden sie oft durch ein mangelndes Verständnis für ihre Bedürfnisse und Einschränkungen behindert. Damit Diversität in Führungsebenen nicht nur eine theoretische Verbesserung bleibt, ist ein kultureller Wandel im Umgang miteinander unabdingbar. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass das Unternehmen des Vaters, Partners oder Partnerin beziehungsweise erziehungsberechtigten Person, flexible Arbeitsbedingungen bieten kann. Fehlt diese Flexibilität, stoßen insbesondere Mütter sowie Alleinerziehende oft schnell an ihre Grenzen. Hierbei sind sowohl Unternehmen als auch Teams gefragt, Lösungen zu entwickeln, die berufliche und familiäre Anforderungen gleichermaßen berücksichtigen.
Es braucht nicht nur Frauen in Führungspositionen, sondern auch eine gelebte Akzeptanz und Flexibilität im Team und in den Strukturen.
Johanna Stumpner
Erfolgsmodell Schweden: Was machen sie anders?
Ein Blick nach Skandinavien zeigt, wie strukturelle Benachteiligung angegangen werden kann. Schweden etwa gehört laut Global Gender Gap Report 2023 zu den Spitzenreitern in Sachen Gleichstellung. Gründe für den Erfolg:
Schweden bietet eine Elternzeit von 480 Tagen, die zwischen beiden Elternteilen aufgeteilt werden kann. Dies reduziert die alleinige Belastung von Frauen.
Öffentliche und private Unternehmen sind verpflichtet, Gleichstellungspläne (PDF-Datei) zu erstellen und umzusetzen.
Gesetzlich vorgeschriebene Gehaltsberichte verhindern Diskriminierung und fördern gleiche Bezahlung.
Auch wenn nicht alle Frauen Mütter sind und nicht alle Kinder haben möchten, zeigt der Vergleich der mutterschaftsbedingten Lohneinbußen deutlich, wie vorteilhaft das schwedische System ist. Laut einer Studie von Sigle-Rushton und Waldfogel (2007) halbieren sich zwar die Jahresgehälter von Müttern in Schweden unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes, doch die langfristigen Auswirkungen sind weitaus weniger gravierend als in Deutschland:
- Ab einem Alter von etwa 40 Jahren verdienen schwedische Mütter im Durchschnitt sogar mehr als kinderlose Frauen
- Mütter von zwei Kindern haben in Schweden bis zum Alter von 45 Jahren insgesamt nur 11 Prozent weniger Lohneinkommen generiert als Frauen ohne Kinder.
- Im Vergleich dazu beträgt die Einkommenseinbuße von Müttern mit zwei Kindern in Deutschland bis zum Alter von 45 Jahren ganze 42 Prozent.
Diese Zahlen zeigen, wie sehr zeitgemäße Strukturen und gezielte Gleichstellungsmaßnahmen Frauen auf dem Arbeitsmarkt entlasten können. Schweden schafft es, durch eine familienfreundliche Politik, Transparenz und der gezielten Reduktion wirschaftlicher Nachteile, ein Umfeld zu schaffen, in dem Frauen auch als Mutter langfristig erfolgreich sein können. Die Förderung der Gleichstellung stärkt darüber hinaus neben der individuellen Karriere auch die Wirtschaft im Kollektiv nachhaltig. Dieses Modell bietet wertvolle Lektionen für andere Länder und Branchen, einschließlich der Bio-Branche.
Diversität als Erfolgsfaktor – Eine Chance für die Bio-Branche
Die wirtschaftlichen Vorteile eines solchen inklusiven Ansatzes sind unbestreitbar. Studien, wie die von McKinsey zu Diversität und Profitabilität, zeigen, dass Unternehmen mit gemischten Führungsteams eine um 15 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Doch Diversität bedeutet nicht nur Frauen in Führungspositionen zu bringen – es geht auch darum, strukturelle Hindernisse zu beseitigen und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, dass die Bedürfnisse und Lebensrealitäten aller Mitarbeitenden berücksichtigt.
Die Bio-Branche hat hier eine besondere Chance. Ihre Werte, wie Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung, bieten bereits eine solide Grundlage für Diversität. Doch es bedarf einer gelebten Vielfalt, um strukturelle Hürden konsequent abzubauen. Dies kann durch familienfreundliche Strukturen, transparente Gehaltssysteme und eine Unternehmenskultur erreicht werden, die auf gegenseitiger Rücksichtnahme basiert.
Die Lehren aus Schweden zeigen, dass Diversität nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit ist, sondern auch ein entscheidender Erfolgsfaktor für Organisationen. Wenn die Bio-Branche diese Erkenntnisse aufgreift und konsequent umsetzt, könnte sie nicht nur ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, sondern auch eine Vorreiterrolle bei der Gestaltung einer geschlechtergerechten Arbeitswelt einnehmen.
Strategien für eine geschlechtergerechte Bio-Branche
Um Frauen in der Bio-Branche stärker zu fördern, sind gezielte Maßnahmen notwendig. Arbeitgebende könnten unter anderem mit folgenden Strategien beginnen:
- Netzwerke und Mentoring: Initiativen wie das Bio-FrauenNetzwerk bieten Frauen eine Plattform für Austausch und berufliche Unterstützung. Hier können weibliche Vorbilder getroffen und von ihren Erfahrungen profitiert werden. Arbeitgebende könnten ihren Mitarbeiterinnen gezielt Zeit für die Vernetzung mit anderen Frauen aus der Branche ein-räumen.
- Flexible Arbeitsmodelle: Homeoffice und Teilzeitoptionen erleichtern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und sollten, überall wo es möglich ist, die Normalität sein.
- Bewusstseinsbildung: Schulungen zu unbewussten Vorurteilen und geschlechtergerechter Kommunikation als festen Bestandteil in die Unternehmenskultur integrieren. Führungsprogramme: Workshops und Trainings wie Leadership-Seminare die Frauen auf Führungsrollen vorbereiten.
- Verpflichtende Quoten: Temporäre Frauenquoten in Führungspositionen können helfen, Ungleichgewichte auszugleichen.
Fazit: Fortschritte, aber kein Grund zum Ausruhen
Die Bio-Branche hat aufgrund ihrer ursprünglichen Werte, worunter auch Fairness fällt, das Potenzial, eine Vorbildfunktion für andere Wirtschaftszweige zu übernehmen. Frauenförderung und Diversität sind nämlich nicht nur ethische, sondern auch wirtschaftliche Notwendigkeiten. Doch Führungspositionen allein genügen nicht – es bedarf eines Wandels im Miteinander, der die individuellen Bedürfnisse von Frauen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ernst nimmt.
Text: BLQ, Giulia Vogel
Mehr zum Thema auf Oekolandbau.de:
Weitere Infos im Web:
- Global Gender Gap Report 2023 (World Economic Forum)
- Statistisches Bundesamt: Frauen in Führungspositionen (2023)
- Schrot und Korn: Frauen in der Bio-Branche (2016), Studie des BNN
- McKinsey: Women in the Workplace 2024: The 10th-anniversary report
- McKinsey: Diversity and Inclusion
- Informationen zur schwedischen Familienpolitik: Geschlechtergleichstellung und Elternzeitregelungen
- BioFrauenNetzwerk auf LinkedIn
Letzte Aktualisierung 07.01.2025




