Interview mit der neuen DGE-Präsidentin Prof. Renner

Interview mit der neuen DGE-Präsidentin Prof. Renner

Um nachhaltiger essen zu können, brauchen Menschen keine Bevormundung, sondern faire und transparente Unterstützung – so die neue Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Prof. Dr. Britta Renner. Sie plädiert im Interview mit Oekolandbau.de für Umgebungen, in denen nachhaltig erzeugte Lebensmittel und Gerichte leicht zugänglich und naheliegend sind. Aber was heißt das genau? Und wieso ist es so wichtig, auf eine gemeinsame Mahlzeit zu achten?

Prof. Dr. Britta Renner ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), stellvertretende Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) und Mitglied des Rates des unabhängigen Thinktanks Agora Agrar sowie im Beirat für Gesundheitsmonitoring und Gesundheitsberichterstattung des Robert Koch-Instituts (RKI). Zudem war sie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bürgerrat des Deutschen Bundestages "Ernährung im Wandel: Zwischen Privatangelegenheit und staatlichen Aufgaben".

Oekolandbau.de: Was bedeuten für Sie als DGE-Präsidentin die Ergebnisse aus dem gerade veröffentlichten Eat Lancet-Bericht 2025?

Although current food systems have largely kept pace with population growth, ensuring sufficient caloric intake for many, they are the single most influential driver of planetary boundary transgression.

Zitat aus dem EAT Lancet Bericht 2025

Prof. Renner: Die Eat-Lancet-Kommission spannt in ihrem Bericht einen großen Bogen von einer gesunden Ernährung für den Menschen bis hin zu einem gesunden Planeten. Das ist auch für die DGE ein ganz zentraler Aspekt: Es geht beim Thema Gesundheit im Kontext unserer Ernährung nicht nur um die körperliche Gesundheit und Nährstoffe im Essen, sondern auch um die psychische und soziale Gesundheit sowie um die Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima. Für beides, die Gesundheit der Menschen und die des Planeten, brauchen wir beispielsweise mehr pflanzliche und weniger tierische Lebensmittel auf dem Teller.

Oekolandbau.de: Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund eine nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung?

Prof. Renner: Immer mehr Menschen in Politik und Gesellschaft erkennen, dass die Gemeinschaftsgastronomie – ich verwende gerne diesen Begriff – ein zentraler Hebel für die Transformation unseres Ernährungssystems ist. Täglich essen rund 16 Millionen Menschen in Kantinen, Schulmensen oder ähnlichen Einrichtungen. 

Für diese verschiedenen Lebensbereiche des gemeinsamen Essens hat die DGE spezifische Qualitätsstandards definiert. Der Einsatz von Bio-Produkten ist in diesen Standards ein wichtiger Orientierungspunkt bei der nachhaltigen Beschaffung von Lebensmitteln. Wenn wir hier Veränderungen erreichen, können wir eine nachhaltigere Ernährung in der Breite umsetzen.

Oekolandbau.de: Welche Bedeutung hat das gemeinsame Essen für die Prägung von Ernährungsverhalten? Welche Befunde gibt es dazu aus der Wissenschaft?

Prof. Renner: Kinder wie auch Erwachsene lernen permanent, was Essen bedeutet. Die Gemeinschaftsgastronomie ist dafür ein zentraler Lernort, in dem Präferenzen mit festgelegt werden. Hier passiert ganz viel durch intuitives bzw. implizites Lernen. Durch das Angebot wird signalisiert, was normal ist. Das verdeutlicht der sogenannte "Portionsgrößeneffekt": Wenn die Teller und Portionen groß sind, dann wird das als Norm angesehen – und auch mehr gegessen. Über das gemeinsame Essen wird soziales Miteinander gelebt und es werden auch hier soziale Normen vermittelt. Wertschätzung für Lebensmittel und nachhaltige Verhaltensweisen können in Kitas und Schulen langfristig verankert und ernährungsbedingten Krankheiten effektiv vorgebeugt werden.

Hochschulmensen: vegetarisches und veganes Angebot induziert Nachfrage

Eine Studie aus Großbritannien konnte bereits 2019 zeigen: Wenn eine Mensa mehr vegetarische Speisen anbietet, werden auch mehr solcher Gerichte verkauft. 

Eine neue, noch nicht veröffentlichte wissenschaftliche Studie der Universität Konstanz und HTW Berlin unter Federführung von Julia Koller und Kevin Röhl zeigt: 2015 gab es nur 11 Prozent vegane Gerichte an deutschen Hochschulmensen, bis zum Jahr 2024 stieg dieser Anteil auf 40 Prozent. Das ist eine sehr deutliche Veränderung, die nicht allein durch ausschließlich vegan lebende Menschen zu erklären ist. Offenbar greifen auch viele Menschen mit einer omnivoren oder vegetarischen Ernährung immer häufiger zu veganen Gerichten. Das heißt: Die Nachfrage ist nie allein getrieben von Präferenzen, sondern wird auch maßgeblich durch das Angebot beeinflusst.

Oekolandbau.de: Manche sagen, dass es die Menschen bevormundet, wenn ihnen eine bestimmte Ernährungsweise "aufgetischt wird"…

Prof. Renner: Unser Ansatz ist ein anderer: Es geht nicht darum, Menschen etwas vorzuschreiben, sondern darum, allen Menschen die Chance und den Zugang zu einer gesunden und nachhaltigeren Ernährung zu ermöglichen, die die planetaren Grenzen respektiert. Im WBAE-Gutachten sprechen wir deshalb von "Mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch". Zudem gibt es keine Ernährungsumgebung bzw. Umwelt ohne Standards. Die Frage ist also nicht ob, sondern welche Standards wir setzen. Wir müssen uns deshalb darüber unterhalten, was wir als Standard gut und akzeptabel finden. Dann haben wir einen bestimmten Rahmen, in dem wir eine Auswahl an Angeboten platzieren.

Dieser Rahmen ist wichtig, weil die Einflüsse der Umgebung auf unser Ernährungsverhalten oft unterschätzt werden. Selbst gut informierte und motivierte Menschen tun sich schwer, wenn die Ernährungsumgebung im Alltag – ob in Kantinen, Schulen oder im Handel – nachhaltige Entscheidungen nicht erleichtert, sondern erschwert. Und genau das ist häufig der Fall: Wir haben Umgebungen geschaffen, die uns nicht in Richtung nachhaltiger Ernährung unterstützen. 

Um nachhaltiger essen zu können, brauchen Menschen daher keine Bevormundung, sondern faire und transparente Unterstützung: also Umgebungen, in denen nachhaltig erzeugte Lebensmittel und Gerichte leicht zugänglich und naheliegend sind. Das beginnt in der Gemeinschaftsgastronomie und im schulischen Umfeld – dort, wo Ernährung im Alltag stattfindet.

Oekolandbau.de: Der Bürgerrat Ernährung im Wandel empfiehlt in seinem Gutachten an den Bundestag, die Definition von Grundnahrungsmitteln zu überarbeiten. Darunter sollten in Zukunft auch Produkte wie pflanzliche Milchersatzprodukte, Fleischersatzprodukte und alle nach Bio-Standards erzeugten Produkte fallen. Zucker solle hingegen nicht mehr als Grundnahrungsmittel gelten und damit die darauf erhobene Mehrwertsteuer auf 19 Prozent angehoben werden. Wie kommentieren Sie das?

Prof. Renner: Ich muss zu Beginn sagen: Ich war anfangs skeptisch, ob es bei einem so komplexen Thema und in der relativ kurzen Zeit gelingen kann, mit mehr als 160 Personen zu einem tragfähigen Konsens zu kommen. Umso mehr habe ich großen Respekt vor der ehrenamtlichen Arbeit des Bürgerrats. Die Mitglieder haben sich intensiv eingearbeitet und mit ihren neun konkreten Empfehlungen wichtige gesellschaftliche Akzente gesetzt. Der Bürgerrat legt damit ein Wertegutachten vor, das zeigt, welche Lösungen Bürgerinnen und Bürger als wünschenswert, gerecht und zukunftsorientiert ansehen. Und bemerkenswert ist: Viele dieser Einschätzungen decken sich mit wissenschaftlichen Empfehlungen – etwa denen, die der WBAE im Ernährungsgutachten von 2020 oder auch andere wissenschaftliche Fachgesellschaften formuliert haben. Der Punkt zur steuerlichen Behandlung verschiedener Lebensmittel berührt allerdings einen Bereich, in dem Begriffe wie "Grundnahrungsmittel" in Deutschland nicht eindeutig definiert sind. Deshalb wäre es aus meiner Sicht wichtig, hier sehr sorgfältig und transparent zu diskutieren, welche Ziele eine solche Differenzierung eigentlich verfolgen soll – etwa Gesundheitsförderung, soziale Ausgewogenheit oder Nachhaltigkeit.

Oekolandbau.de: Das heißt konkret?

Prof. Renner: Im aktuellen WBAE-Gutachten haben wir uns dafür ausgesprochen, dass die Mehrwertsteuer für pflanzliche Lebensmittelalternativen – etwa Hafermilch, Sojajoghurt oder veganer Käse – auf den ermäßigten Satz von 7 Prozent gesenkt werden sollte, der auch für tierische Milchprodukte gilt. Das schafft einen fairen Wettbewerb und unterstützt die Förderung einer nachhaltigeren Ernährung.

Wichtig finde ich aber vor allem die grundsätzliche Richtung, die der Bürgerrat klar nach vorne stellt: Lebensmittel, die zu einer gesunden und nachhaltigeren Ernährung beitragen, sollten für alle gut zugänglich und bezahlbar sein. 

Und dort, wo Produkte keinen gesundheitlichen Nutzen haben oder erhebliche ökologische Folgekosten verursachen, ist es legitim, über eine angemessene steuerliche Einordnung zu sprechen. Der Bürgerrat zeigt sehr deutlich: Bürgerinnen und Bürger sind bereit, über faire und wirksame Rahmenbedingungen nachzudenken – wenn Ziele, Kriterien und Wirkungen transparent kommuniziert werden.

Oekolandbau.de: Was ist für Sie persönlich noch ein wichtiger Aspekt in diesem Diskurs zu mehr Qualität?

Prof. Renner: Wir müssen stärker in den Blick nehmen, was vor dem Mund passiert. Denn Essen verbindet uns sozial. Eine Mensa ist ein Begegnungsort für alle. Sie schafft Gemeinsamkeit und Identität. Ergebnisse aus unseren Studien im Verhaltensbeobachtungslabor zeigen: Wenn Menschen gemeinsam essen, können sie auch kontroverse Themen besser diskutieren. Gemeinsames Essen reduziert Stress. Diese sozialen Potenziale werden bisher noch nicht richtig genutzt – allerdings fehlen uns dazu noch viele Daten.

OSF Preprints: Food as an Icebreaker: The Impact of Social Eating on Freezing Body Movements in Natural Conversations

Oekolandbau.de: Was müsste passieren, damit Sie am Ende Ihrer Amtszeit sagen können: Hier hat sich etwas dahin bewegt, wie ich es mir gewünscht habe.

Prof. Renner: Die wünschenswerte Zukunft ist für mich das Bild vom gemeinsamen Tisch, bei dem wir nicht alle das Gleiche essen müssen; aber es gibt ein gemeinsames Essen in allen Lebensbereichen und für alle Zugang zu einer nachhaltigen Ernährung. Die Gemeinschaftsgastronomie ist dafür ein wichtiger Hebel.

Fünf praktische Tipps von Prof. Renner zur Gemeinschaftsgastronomie

  • Verbindliche Qualitätsstandards anwenden: Bei Ausschreibungen DGE-Qualitätsstandards nutzen und umsetzen
  • Pflanzenbetonte Küche stärken: Mehr alltagstaugliche Rezepte mit pflanzlichen Lebensmitteln entwickeln und anbieten.
  • Vegane bzw. vegetarische Gerichte ganz selbstverständlich integrieren: Diese Gerichte normal in den Speiseplan aufnehmen, ohne sie besonders hervorzuheben oder zu labeln.
  • Soziale Aspekte betonen: Das gemeinsame Essen als soziale Erfahrung stärken – durch ansprechende Essumgebungen und genügend Zeit.
  • Kompetenzen in den Küchen fördern: Fortbildungen und Schulungen ermöglichen, um Teams bei nachhaltiger und kreativer Speiseplanung zu unterstützen.

Text: Andreas Greiner


Letzte Aktualisierung 14.01.2026

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