Dieser Rahmen ist wichtig, weil die Einflüsse der Umgebung auf unser Ernährungsverhalten oft unterschätzt werden. Selbst gut informierte und motivierte Menschen tun sich schwer, wenn die Ernährungsumgebung im Alltag – ob in Kantinen, Schulen oder im Handel – nachhaltige Entscheidungen nicht erleichtert, sondern erschwert. Und genau das ist häufig der Fall: Wir haben Umgebungen geschaffen, die uns nicht in Richtung nachhaltiger Ernährung unterstützen.
Um nachhaltiger essen zu können, brauchen Menschen daher keine Bevormundung, sondern faire und transparente Unterstützung: also Umgebungen, in denen nachhaltig erzeugte Lebensmittel und Gerichte leicht zugänglich und naheliegend sind. Das beginnt in der Gemeinschaftsgastronomie und im schulischen Umfeld – dort, wo Ernährung im Alltag stattfindet.
Oekolandbau.de: Der Bürgerrat Ernährung im Wandel empfiehlt in seinem Gutachten an den Bundestag, die Definition von Grundnahrungsmitteln zu überarbeiten. Darunter sollten in Zukunft auch Produkte wie pflanzliche Milchersatzprodukte, Fleischersatzprodukte und alle nach Bio-Standards erzeugten Produkte fallen. Zucker solle hingegen nicht mehr als Grundnahrungsmittel gelten und damit die darauf erhobene Mehrwertsteuer auf 19 Prozent angehoben werden. Wie kommentieren Sie das?
Prof. Renner: Ich muss zu Beginn sagen: Ich war anfangs skeptisch, ob es bei einem so komplexen Thema und in der relativ kurzen Zeit gelingen kann, mit mehr als 160 Personen zu einem tragfähigen Konsens zu kommen. Umso mehr habe ich großen Respekt vor der ehrenamtlichen Arbeit des Bürgerrats. Die Mitglieder haben sich intensiv eingearbeitet und mit ihren neun konkreten Empfehlungen wichtige gesellschaftliche Akzente gesetzt. Der Bürgerrat legt damit ein Wertegutachten vor, das zeigt, welche Lösungen Bürgerinnen und Bürger als wünschenswert, gerecht und zukunftsorientiert ansehen. Und bemerkenswert ist: Viele dieser Einschätzungen decken sich mit wissenschaftlichen Empfehlungen – etwa denen, die der WBAE im Ernährungsgutachten von 2020 oder auch andere wissenschaftliche Fachgesellschaften formuliert haben. Der Punkt zur steuerlichen Behandlung verschiedener Lebensmittel berührt allerdings einen Bereich, in dem Begriffe wie "Grundnahrungsmittel" in Deutschland nicht eindeutig definiert sind. Deshalb wäre es aus meiner Sicht wichtig, hier sehr sorgfältig und transparent zu diskutieren, welche Ziele eine solche Differenzierung eigentlich verfolgen soll – etwa Gesundheitsförderung, soziale Ausgewogenheit oder Nachhaltigkeit.
Oekolandbau.de: Das heißt konkret?
Prof. Renner: Im aktuellen WBAE-Gutachten haben wir uns dafür ausgesprochen, dass die Mehrwertsteuer für pflanzliche Lebensmittelalternativen – etwa Hafermilch, Sojajoghurt oder veganer Käse – auf den ermäßigten Satz von 7 Prozent gesenkt werden sollte, der auch für tierische Milchprodukte gilt. Das schafft einen fairen Wettbewerb und unterstützt die Förderung einer nachhaltigeren Ernährung.
Wichtig finde ich aber vor allem die grundsätzliche Richtung, die der Bürgerrat klar nach vorne stellt: Lebensmittel, die zu einer gesunden und nachhaltigeren Ernährung beitragen, sollten für alle gut zugänglich und bezahlbar sein.
Und dort, wo Produkte keinen gesundheitlichen Nutzen haben oder erhebliche ökologische Folgekosten verursachen, ist es legitim, über eine angemessene steuerliche Einordnung zu sprechen. Der Bürgerrat zeigt sehr deutlich: Bürgerinnen und Bürger sind bereit, über faire und wirksame Rahmenbedingungen nachzudenken – wenn Ziele, Kriterien und Wirkungen transparent kommuniziert werden.