Wie entwickelt sich die Forschung im Ökolandbau weiter?

Wie entwickelt sich die Forschung im Ökolandbau weiter?

Das Bundesprogramm Ökologischer Landbau (BÖL) koordiniert und finanziert Forschungsprojekte im Ökolandbau mit Mitteln des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Höhe von jährlich rund 25 Mio. Euro. Die Referatsleiterin des BÖL Forschungsmanagements, Dorothée Hahn, erklärt im Interview, warum der Forschungsbedarf in der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft wächst, in welchen Bereichen stärker geforscht werden sollte und welches Potenzial Praxis-Forschungsnetzwerke mit langer Laufzeit haben.

Interview mit Dorothée Hahn

Oekolandbau.de: Frau Hahn, auf den Öko-Feldtagen 2025 wurde dem Bundeslandwirtschaftsministerium ein umfangreiches Paket mit Vorschlägen zum Ausbau der Forschungsförderung in der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft übergeben. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Bereiche, in denen die Öko-Forschung gestärkt werden sollte?

Dorothee Hahn: Die Vorschläge sind in der Tat sehr umfangreich. Sie umfassen Forschung in Anbausystemen mit und ohne Tierhaltung, in der Lebensmittelverarbeitung und Ernährung und sie schließen auch Untersuchungen der Systemleistungen des Ökolandbaus für Umwelt und Gesellschaft ein. Um die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft voranzubringen, muss man all diese Themen zusammendenken. Insofern sehe ich alle Themen als gleich wichtig an. Dabei muss man das Potenzial der Forschungsförderung richtig einschätzen: Mehr Öko-Forschung führt nicht automatisch zu mehr Öko-Flächen. Stattdessen wollen wir durch mehr Forschung das System Ökolandbau kontinuierlich weiterentwickeln und besser machen. Um das zu ermöglichen, müssen wir aber auch in die wissenschaftliche Infrastruktur investieren.

Was meinen Sie damit genau?

Dorothee Hahn: In einigen Fachbereichen, etwa in der ökologischen Lebensmittelverarbeitung, gibt es nicht genügend Forschungseinrichtungen, die Themen aus diesem Bereich bearbeiten könnten. Das heißt, selbst wenn wir hier mehr Mittel bereitstellen könnten, wäre kaum zusätzliche Forschung möglich. Aber auch ganz allgemein müssen wir deutlich mehr in die Forschungseinrichtungen selbst investieren. Denn hier fehlt es häufig an Personal - vor allem im wissenschaftlichen Mittelbau - und ganz schlicht an einer ausreichenden technischen Ausstattung zur Bearbeitung der Projekte. Für große Praxis-Forschungsnetzwerke wie NutriNet ist die Personalausstattung besonders wichtig. Denn hier stehen die Forschenden über einen langen Zeitraum in engem Kontakt mit vielen Betrieben. Bei mehreren Betrieben pro Netzwerk gibt es sehr viel abzustimmen. Das kostet viel Zeit und Arbeitskraft. Wichtig wäre hier, in Forschungseinrichtungen feste Stellen einzurichten, die diese Kontakte langfristig pflegen und ausbauen.

Das angesprochene Projekt NutriNet läuft seit 2019 und ist auf acht Jahre angelegt. In sechs Regionen bundesweit wurden hier Netzwerke mit Betrieben aufgebaut, die gemeinsam mit den Forschenden Praxisforschung für ein optimiertes Nährstoffmanagement betreiben. Lohnt sich der große Aufwand?

Dorothee Hahn: Das Feedback der beteiligten Betriebe und anderen Akteuren ist nach sechs Jahren Laufzeit sehr positiv. Es sind viele sehr Fragestellungen der Betriebe auf den Praxisflächen der Regio-Netzwerke bearbeitet worden. Die Ergebnisse waren für die eingebundenen Betriebe sehr hilfreich, um ihr Nährstoffmanagement zu verbessern. Durch den im Projekt integrierten Wissenstransfer profitieren auch die nicht eingebundenen Betriebe von den Ergebnissen, zum Beispiel auf Feldtagen, in Workshops oder über die Veröffentlichungen auf der NutriNet-Webseite. Auch die beteiligten Forschenden und die Beratung nehmen wertvolles Wissen mit. Allerdings ergeben sich in der Praxisforschung auch Probleme für die Forschenden.

Welche?

Dorothee Hahn: Nur ein Beispiel: Praxisforschung ist zeitaufwendig, allein wegen der intensiven Abstimmungsprozesse mit den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren. Für die Forschenden bedeutet das weniger Zeit für das Verfassen von Artikeln. Publikationen sind jedoch die entscheidende Währung für die weitere wissenschaftliche Karriere. Hier müsste das derzeitige wissenschaftliche Honorierungssystem erweitert werden. Dazu gehört aus meiner Sicht auch, feste Stellen in der transdisziplinären Forschung zu schaffen.

Ein weiteres Großprojekt mit einer Laufzeit von sieben Jahren war das VITIFIT-Projekt zur Bekämpfung von Falschem Mehltau im Öko-Weinbau. Gab es hier größere Erkenntnisse, die für die Praxis relevant sind?

Dorothee Hahn: Absolut! Weil viele unterschiedliche wissenschaftliche Einrichtungen gleichzeitig an aktuellen Herausforderungen der Praxis gearbeitet haben, wurden hier große Fortschritte erzielt, vor allem bei der Züchtung und Etablierung pilzresistenter Sorten (PIWIs) im Öko-Weinbau. Das verbessert die Produktionssicherheit von ökologisch wirtschaftenden Weinbaubetrieben. Auch hier waren Praxisbetriebe beteiligt. Durch die ungewöhnlich hohe Zahl der eingebundenen Fachinstitutionen sowie der Beratung und Verbandsarbeit und der langen Laufzeit hatte das Projekt auch eine sehr große Strahlkraft. Das zeigten die vielen Veröffentlichungen der Ergebnisse und die sehr große Beteiligung an der VITIFIT-Konferenz 2025 mit über 200 Teilnehmenden, einschließlich dem früheren Bundeslandwirtschaftsminister.

Werden große, transdisziplinäre Praxis-Forschungsnetzwerke deshalb zukünftig stärker gefördert?

Dorothee Hahn: Nein. Solche großen Projekte erfordern natürlich auch einen entsprechenden Mittelaufwand. Das BÖL wird weiterhin auf einen gesunden Mix achten, um den Forschungsbedarf in der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaftauch in der Breite abzudecken. Das heißt, es wird auch in Zukunft viele kleinere Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit maximal drei Jahren Laufzeit geben und auch längere Projekte über fünf Jahre, etwa im Bereich der Züchtung. Große Praxis-Forschungsnetzwerke wie NutriNet werden die Ausnahme bleiben und sich auf Themen beschränken, die längere Laufzeiten und eine starke Beteiligung der Praxis zwingend benötigen. Aber es wird sie weiterhin geben. Schon im Herbst 2025 werden wir neue Praxis-Forschungsnetzwerke fördern. Zudem planen wir weitere Bekanntmachungen. Worum es dabei inhaltlich geht, kann ich vor der endgültigen Bewilligung und Freigabe leider noch nicht sagen.

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Letzte Aktualisierung 28.08.2025

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