Forschungsbedarf in der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft
Um die Innovationskraft der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft noch weiter auszubauen und ihre Potenziale zu heben, ist die Stärkung der Forschung essentiell. Es bedarf in der Forschung einer ganzheitlichen Perspektive, um Fragestellungen im System zu denken und zu bearbeiten und die Bio-Wertschöpfungskette im Blick zu behalten. Um hierfür sämtliches Wissen aus Wissenschaft und Anwendungspraxis einzubinden, braucht es praxisorientierte Forschungsansätze sowie inter- und transdisziplinäre Forschung. Welche Themenfelder sind besonders relevant? Hier finden Sie einen Überblick!
Das Kompetenzteam Forschung Ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft (KT FÖLL) wurde 2024 vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) im Rahmen der Umsetzung der Bio-Strategie 2030 als beratendes Gremium eingerichtet. Es setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern aus der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Beratung und Gremien der Länder zusammen. Als Gremium mit engem Praxisbezug unterstützt es das BMLEH darin, aktuelle Forschungsschwerpunkte zu identifizieren und entsprechend der aktuellen Bedarfe aus fachlicher Sicht zu priorisieren.
Der aktuelle Forschungsbedarf wurde in einem zweijährigen partizipativen Prozess erhoben. Das Ergebnis sind drei Themenblöcke, die eine zeitliche Reihung abbilden, wobei die Themen innerhalb der Blöcke gleichbedeutend sind. Ziel ist die qualitative und quantitative Weiterentwicklung des jeweiligen Bereichs unter den Bedingungen der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft.
Leistungen und Transformation
Prioritärer Öko-Forschungsbedarf besteht, um Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft ihr Potenzial als Treiberin einer Transformation hin zu einem nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystem voll entfalten kann. Hierfür ist es notwendig, die wirksamsten Hebel zu analysieren und in der Praxis anwendbare Konzepte gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren zu erarbeiten. Darüber hinaus ist die Entwicklung resilienter Wertschöpfungsnetze und Geschäftsmodelle notwendig.
Die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft weist vielfältige ökologische und soziale Leistungen auf, die es weiterzuentwickeln und zu bewerten gilt. Zugleich müssen diese entsprechend honoriert werden. Künftige Indikator- und Berichtssysteme, welche die gesellschaftlichen und ökologischen Systemleistungen darstellen, sind hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsleistungen zu analysieren und zu entwickeln.
Aufgrund der Bedeutung der Öko-Kontrolle muss diese optimiert und weiterentwickelt werden, um einerseits weiterhin die Einhaltung der Vorgaben der EU-Öko-Verordnung einschließlich der Prozess- und Produktqualität sicherzustellen und andererseits den Prüfaufwand und damit auch die Belastung der Betriebe möglichst gering zu halten.
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Anbausysteme mit und ohne Tierhaltung
Herausforderungen unserer Zeit erfordern eine standortabhängige Veränderung und Anpassung der ökologischen Anbausysteme. Forschungsfragen umfassen dabei die Optimierung und Erweiterung von Nährstoff- und Kohlenstoffkreisläufen, die Verbesserung der Wassereffizienz und die Gestaltung und Diversifizierung von Fruchtfolgen inklusive der Stärkung der Biodiversität sowie die Anpassung von Tierhaltungssystemen an den Klimawandel.
Maßnahmen zur Regulation von Beikräutern, Krankheiten und Schädlingen gehören ebenso dazu wie die Sicherstellung der geforderten Qualitäten der Ernteprodukte unter sich ändernden Bedingungen des Klimawandels.
Weitere zentrale Fragestellungen sind in der Förderung der Bodengesundheit und Bodenfruchtbarkeit sowie in der Weiterentwicklung ökologischer Anbausysteme im Sinne der Bioökonomie zu sehen. Dabei muss dem Systemansatz der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft Rechnung getragen und sowohl die Betriebs- als auch die Landschaftsebene betrachtet werden.
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Lebensmittel und Verarbeitung
Kleine und mittelständische Unternehmen in der Lebensmittelverarbeitung sind für ein resilientes Ernährungssystem essenziell. Erforscht werden muss, welche Rahmenbedingungen dafür politisch und wirtschaftlich gesetzt und gestärkt werden sollten. Weiterentwicklungsbedarf besteht vor allem in der Verarbeitung ökologischer Lebensmittel und im Erhalt und der Steigerung der Produktqualität und -sicherheit. Hierbei müssen neue Methoden, Prozesse und öko-kompatible Technologien entwickelt und erprobt werden.
Die Entwicklung öko-kompatibler Alternativen zur Reformulierung und Supplementierung von Lebensmitteln sowie die Erschließung von Proteinen aus Bio-Pflanzen erfordert Forschung. Zur Wahrung der Produktsicherheit besteht Forschungsbedarf beim Umgang mit Kontaminationen in landwirtschaftlichen Rohstoffen und bei Verarbeitungsprozessen. Die Auswirkungen von Bio-Lebensmitteln auf die menschliche Gesundheit müssen auch unter Beteiligung der Mikrobiomforschung untersucht werden.
Um die wahren gesellschaftlichen und ökologischen Kosten der Lebensmittelproduktion einpreisen und abbilden zu können, muss erforscht werden, wie Umweltkosten in der Praxis konsequent betriebswirtschaftlich internalisiert werden können. Hierfür braucht es praktisch umsetzbare und verursacherorientierte Mechanismen.
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Gemüse, Heil- und Gewürzpflanzen sowie Zierpflanzen
Für die klimabedingt notwendige Ernährungswende hin zu einer pflanzenbetonten Ernährung ist die Ausweitung des ökologischen Gemüsebaus unerlässlich. Gleichzeitig ist die ökologische Erzeugung dieser Kulturarten herausfordernd, weil viele Aspekte der Pflanzenernährung und des Pflanzenschutzes ungelöst sind. Dies gilt auch für Heil- und Gewürzpflanzen sowie für Zierpflanzen.
Durch den hohen Nährstoffbedarf von Gemüse bestehen hohe Ansprüche an ökologische Anbausysteme. Hier müssen Systeme erprobt und entwickelt werden, die Fruchtfolgen entsprechend diversifizieren und resilienter gegen Schadorganismen aufstellen sowie eine ausreichende Nährstoffzufuhr gewährleisten.
Um im Bereich der Züchtung und Vermehrung eine ausreichende Verfügbarkeit wirtschaftlich relevanter angepasster Sorten und Ausgangsmaterial in Bio-Qualität für die vielfältigen Arten von Gemüse, Heil-, Gewürz- und Zierpflanzen sicherzustellen, bedarf es prioritärer Öko-Forschung.
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Grünlandmanagement, Biodiversität, Grundfuttererzeugung und Wiederkäuer
Öko-Forschung muss spezifische präventive und kurative Maßnahmen entwickeln, um den besonderen Herausforderungen der ökologischen Grünlandbewirtschaftung und Wiederkäuerfütterung gerecht zu werden – unter Berücksichtigung der Bedeutung der Biodiversität von Grünlandflächen. Entsprechende Maßnahmen liegen vor allem im Bereich des effizienten Nährstoffmanagements für Boden, Pflanze und Tier, dem Unkraut- und Giftpflanzenmanagement sowie der allgemeinen Tiergesundheit.
Standortangepasste, abgestufte Nutzungssysteme und Managementmaßnahmen müssen gezielt (weiter)entwickelt werden, um sowohl artenreiche extensive Grünlandflächen als auch intensiv genutzte grundfuttererzeugende Flächen zu fördern und zu erhalten. Die Entwicklung von Strategien zur Etablierung resilienter Pflanzenbestände und zur Umsetzung eines angepassten Managements sowie zur Gewährleistung des Tierwohls sind von großer Bedeutung. Zudem gilt es, Zielkonflikte von Klimaschutz und Wiederkäuerhaltung aufzulösen und hierfür entsprechende Strategien zu entwickeln.
Die Weiterentwicklung multifunktionaler Haltungssysteme für Milchvieh sowie für Schafe und Ziegen müssen weiterhin in den Fokus der Forschung gerückt werden. Hierzu gehört ebenfalls die standortangepasste Tierzucht und die Optimierung der Schlachtung sowie die Weiterentwicklung der Aufzucht- und Haltungssysteme.
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Ackerbausysteme mit und ohne Tierhaltung
Ökologische Ackerbausysteme sind multifunktional ausgerichtet: Sie sollen idealerweise ihre Produktivität durch gleichzeitige weitere Intensivierung von Ökosystemleistungen steigern. Herausforderungen wie der Klimawandel, der fortschreitende Biodiversitätsverlust und die beständig sinkende landwirtschaftliche Nutzfläche in Deutschland erfordern Forschung zur Erhaltung und weiteren Steigerung der Leistungsfähigkeit ökologischer Ackerbausysteme.
Status quo-Analysen, Langzeitversuche sowie Praxis-Forschungsnetzwerke zu wichtigen Themen wie ökologischer Intensivierung, reduzierter Bodenbearbeitung, Leguminosenmüdigkeit, Diversifizierung von Ackerbausystemen und Pflanze-Boden-Prozessmodellen bedürfen der Erforschung unter den Bedingungen des ökologischen Landbaus. Hierzu gehören ebenfalls die Begleitforschung für die Pflanzenzüchtung, langfristig angelegte, dezentrale On-Farm-Sortenversuche und praxistaugliche Ansätze zur Regulierung von Schadorganismen sowie passende ökonomische Konzepte für die Verarbeitung und Vermarktung oder für die Verwendung als betriebseigene Futtermittel.
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Verbraucherverhalten
Die Nachfrage unterliegt einerseits Präferenzen und Gewohnheiten der Verbraucherinnen und Verbraucher, andererseits hängt das Ernährungsverhalten ganz wesentlich von der Ernährungsumgebung ab. Forschungsbedarf besteht in der Identifikation von konkreten und wirksamen Hebeln, um Ernährungsumgebungen so zu gestalten und Anreize für das Ernährungsverhalten so zu schaffen, dass diese gesundheitsförderlich und im Rahmen unserer sozialen und ökologischen Grenzen heute und in Zukunft tragfähig sind. Dies dient auch als Grundlage für eine erfolgreiche Kommunikation und entsprechende Empfehlungenfür die Praxis.
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Obst und Wein
Der ökologische Obst- und Weinbau hat in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle inne und ist in vielen Regionen ein wichtiger Faktor zur Erhaltung und Stärkung des ländlichen Raums. Den ständig neuen Herausforderungen kann jedoch nur durch stete Weiterentwicklung optimierter Anbausysteme dieser Dauerkulturen begegnet werden. Ziel muss es daher sein, den ökologischen Obst- und Weinbau hinsichtlich Anbau und Vermarktung resilienter und nachhaltiger zu gestalten und dabei den Praxisbetrieben auch langfristig eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten.
Forschungsfragen betreffen die sinnvolle Kombination indirekter und direkter Verfahren und die Balance hinsichtlich Produktqualität, Nachhaltigkeit, Intensität und Wirtschaftlichkeit sowie für den Obst- und Weinbau geeignete Züchtungen und geeignetem Pflanzenschutz sowie die verbesserte Verfügbarkeit von ökologisch erzeugtem Pflanzenvermehrungsmaterial.
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Geflügelhaltung
Die Nachfrage nach Bio-Eiern ist besonders hoch, was die Bedeutung der Geflügelhaltung in der ökologischen Landwirtschaft verdeutlicht. Ebenfalls weitet sich der Mastgeflügelbereich stark aus. Prioritärer Forschungsbedarf besteht insbesondere im Bereich der Fütterung sowie in der Züchtung von Tieren, die optimal zu den regionalen Haltungs- und Futterbedingungen passen. Hierzu gehört auch, eine längere Lebensdauer von Öko-Hennen anzustreben. Besonders die ganzheitliche Weiterentwicklung des Zweinutzungshuhns von Zucht bis Haltungssystemenn ist hier von Bedeutung.
Darüber hinaus gilt es, innovative Konzepte zur Reduktion der Umweltbelastung durch eine Geflügelhaltung zu entwickeln, die gleichzeitig die Produktivität und die Wirtschaftlichkeit der Betriebe sichern und die Zielkonflikte auflösen. Forschungsbedarf besteht zudem bei der Entwicklung und Erprobung praxistauglicher Maßnahmen zur Verbesserung der Tiergesundheit. Ansätze für praxisrelevante Vermarktungskonzepte sind ebenfalls zu beforschen.
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Schweinehaltung
Um die Herausforderungen einer ressourcenschonenden, tiergerechten und zugleich wettbewerbsfähigen ökologischen Schweinehaltung zu bewältigen, bedarf es einer System(weiter-)entwicklung. Hierbei sind innovative Ansätze und Weiterentwicklungen von Verfahren und Systemen gefragt, die nicht nur den Anforderungen an Tierwohl und Tiergesundheit inklusive Schlachtung gerecht werden, sondern auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit und Emissionsminderung berücksichtigen und somit deren Zielkonflikte auflösen.
Dabei besteht auch Forschungsbedarf zur Fütterung und Züchtung von ökologisch gehaltenen Schweinen, die optimal zu den regionalen Haltungs- und Fütterungsbedingungen passen. Zudem bestehen Forschungsfragen in der Erarbeitung von Vermarktungskonzepten und der Nutzbarmachung des Potenztials der ökologischen Schweinehaltung.
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Aquakultur
Die ökologische Erzeugung von aquatischen Organismen wie Fischen, Muscheln, Krebstieren und Algen geschieht naturnah und extensiv. Für die Weiterentwicklung und Sicherung der Produktionssysteme der ökologischen Karpfen- und Forellenteichwirtschaft sind Verbesserungen im Hinblick auf Jungfischerzeugung, Fischernährung, Tierwohl, Tiergesundheit, Prädatorensicherheit und Klimaanpassung wichtig.
Konzepte für innovative Vermarktungsstrategien sind zu entwickeln, um regionale Wertschöpfungsketten der ökologischen Fischzucht zu optimieren und die ökonomische Stabilität der Unternehmen nachhaltig zu verbessern. Forschungsbedarf besteht zudem im Bereich des Konsumverhaltens und der Verbraucherkommunikation. Für eine Ausweitung von extraktiver Aquakultur von Muscheln und Algen braucht es zusätzliche Forschung in diesen Bereichen.
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Letzte Aktualisierung 25.08.2025