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Warum bioregionale Wertschöpfungsketten unsere Ernährungssicherheit stärken

Foto: getty images / Tom Werner
Umweltveränderungen, geopolitische Konflikte und die starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten machen unsere Versorgung mit Lebensmitteln zunehmend verwundbar. Bioregionale Wertschöpfungsketten haben Potenziale, unsere Versorgung mit Lebensmitteln krisenfester zu machen, erläutert die Wissenschaftlerin Dr. Carla Wember im Interview mit der Oekolandbau-Redaktion.
In Kürze
- Umweltveränderungen, geopolitische Konflikte und globale Lieferketten machen unsere Lebensmittelversorgung zunehmend verwundbar.
- Regionale Wertschöpfungsketten können die Lebensmittelversorgung krisenfester machen.
- Besonders die Verbindung von Bio, Regionalität und direkten Handelsbeziehungen schafft Mehrwerte.
- Das Bäuerliche Versorgungsnetzwerk Steiermark (BVN) zeigt, wie dies praktisch gelingen kann.
Unserer Ernährungssicherheit rückt angesichts multipler Krisen in den Fokus aktueller Diskussionen. Wenn landwirtschaftliche Produktion und Verarbeitung, Logistiknetzwerke, der Handel sowie Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung unter Druck geraten, gefährdet das eine kritische Infrastruktur unserer Daseinsvorsorge.
Welche Potenziale bieten bioregionale Wertschöpfungsketten, um unsere Versorgung mit Lebensmitteln krisenfester zu machen? Dazu hat die Wissenschaftlerin Dr. Carla Wember vom Institut für Ländliche Strukturforschung der Goethe-Universität Frankfurt eine klare Position. Wir dürfen die Transformation zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem nicht länger als ein “grünes Projekt” betrachten, das wir uns leisten, wenn genug Geld da ist. Vielmehr können wir es uns nicht leisten, so weiterzumachen wie bisher. Der Handlungsdruck für Veränderung steigt in den multiplen Krisen. Wir brauchen die Transformation unseres Agrar- und Ernährungssystems jetzt, um unsere Versorgung mit Lebensmitteln krisenfester und zukunftsfit zu machen.
Was versteht man unter Resilienz?
Im Kontext von Ernährungssystemen bezeichnet Resilienz die Fähigkeit eines Netzes aus Erzeugung, Verarbeitung, Transport und Konsum, um auf Krisen, Schocks oder den Klimawandel so zu reagieren und sich anzupassen, dass grundlegende Funktionen aufrechterhalten werden und die Versorgung mit Lebensmitteln für alle stabil gesichert bleibt.
Kernmerkmale von resilienteren Systemen
- Widerstandskraft (Robustheit): Das System kann Störungen wie Extremwetter oder Lieferkettenausfälle abfedern.
- Anpassungsfähigkeit (Flexibilität): Bei dauerhaften Veränderungen (wie dem Klimawandel) werden Prozesse umgestellt.
- Regenerationskraft (Erholung): Nach einer außergewöhnlichen Belastung kann ein System rasch zur Grundfunktion zurückkehren.
- Lernfähigkeit: Ein System kann Erkenntnisse aus erlebten Krisen für zukünftige Risiken nutzen.
Interview mit Carla Weber
Oekolandbau.de: Können bioregionale Wertschöpfungsketten dazu beitragen, Agrar- und Ernährungssysteme resilienter zu machen?
Carla Wember: Ja! Gerade im Zusammendenken von Bio und Regionalität kommen zwei wichtige Aspekte zusammen: Die ökologische Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten viele Erfahrungen gesammelt und Praktiken entwickelt, wie landwirtschaftliche Systeme krisensicherer aufgebaut werden können. Wenn wir eine ökologische Landbewirtschaftung haben, die Ökosysteme erhält, stärkt das die Resilienz. Dies sollten wir in der Fläche skalieren und gleichzeitig mit einem Prozess der Regionalisierung verbinden. Denn über die Regionalisierung kommen auch soziale Aspekte dazu.

Carla Wember hat Politikwissenschaften, Geographie und Integriertes Ressourcenmanagement studiert und am Institut für Ländliche Strukturforschung der Goethe-Universität Frankfurt zu Geschlechterverhältnissen in alternativer Landwirtschaft promoviert. In verschiedenen Projekten befasste sie sich mit der Funktionsweise bioregionaler Wertschöpfungsketten.
Oekolandbau.de: Das heißt konkret?
Carla Wember: Nicht nur auf eine Beziehung bauen, sondern auf ein Netzwerk von vielen Beziehungen. Das gilt sowohl auf der ökologischen, wie auch auf der sozialen Ebene. Netzwerke zwischen Kundinnen, Verarbeitern und Produktionsbetrieben können dabei helfen, in Krisen kreative Lösungen zu finden. Doch weder Regionalität noch Bio für sich alleine können mehr Resilienz schaffen. Denn Regionalität bringt noch nicht automatisch die gewünschten ökologischen Vorteile und kann Systeme hochgradig abhängig machen, beispielsweise beim Einkauf von Düngemitteln. Erst die Kombination von Bio und Regionalität bringt die erwünschten Mehrwerte. Die wissenschaftlich fundierte Begründung dafür hatte ja unlängst der Begleitausschuss der Bio-Strategie 2030 in einer Kurzstellungnahme anschaulich dargelegt.
Oekolandbau.de: Aber erhöhen wir nicht auch Abhängigkeiten, wenn wir in einer begrenzten Region eine möglichst hohe Selbstversorgung anstreben?
Carla Wember: Aber darum geht es nicht! Regionalisierung ist für mich keine räumliche Abschottung. Es ist eine Abgrenzung von einem Prozess der extremen Globalisierung, den wir in den letzten Jahren erlebt haben. Die Marktkräfte haben zu einer starken Konzentration und hohen Abhängigkeiten von einzelnen Marktakteuren geführt, die uns jetzt verwundbar machen. Diese Entwicklung müssen wir wieder mehr ausbalancieren und dafür den Aufbau von bioregionalen Strukturen und direkten Handelsbeziehungenstärken. Im Paket der Diversifizierung bleiben globale Handelsbeziehungen ein wichtiges Element. Denn wir sind auf vielfältige Weise mit anderen Teilen der Welt verbunden. Das können und sollten wir nicht rückgängig machen. Aber wir können damit anders umgehen und beispielsweise direktere Beziehungen auch zu Handelspartnern in anderen Ländern suchen. Short-Food-Chains sind ein Konzept, das sehr gut zur Regionalisierung passt, weil es Transparenz schafft und die Qualität von langfristigen Beziehungen betont.
Oekolandbau.de: Aber werden die Produkte damit nicht teurer und der Markt steuert deshalb in eine andere Richtung?
Carla Wember: Das hängt vom Zeithorizont der Betrachtung ab. Was kurzfristig Vorteile bringt, muss sich nicht unbedingt langfristig rechnen. Aktuell blenden wir bei den Preisen viele externe Kosten aus.
Deshalb müssen wir eine zukunftsweisende Strategie verfolgen, auch wenn sich diese derzeit nicht immer ökonomisch rechnet. Wir müssen vorausdenken und daran arbeiten, unserer Agrar- und Ernährungssysteme krisensicherer aufzustellen. Dafür braucht es einen politischen Willen.
Oekolandbau.de: Können sie uns dafür ein Beispiel nennen, wo ganz konkret resilientere Versorgungsstrukturen entstanden sind?
Carla Wember: Im Projekt RegioWertGeBen haben wir uns dazu in anderen Ländern Best-Practice-Beispiele angeschaut. In Österreich haben Landwirte und Landwirtinnen beispielsweise aus dem Bedarf heraus das Bäuerliche Versorgungsnetzwerk Steiermark gegründet.
Das ist Österreichs erste spartenübergreifende bäuerliche Genossenschaft, um Großküchen und verschiedener Versorgungseinrichtungen mit regionalen und nachhaltigen Lebensmitteln zu beliefern. Diese intermediäre Struktur bietet Bündelungs- und Logistik-Funktionen. Mitarbeitende beraten die Produktionsbetriebe, damit sich diese besser auf die Anforderungen der Großküchen beispielsweise in Bezug auf Qualitätsstandards und Gebindegrößen einstellen können. Gleichzeitig übernimmt die Genossenschaft aus einer Hand auch die Logistik. Diese Struktur soll sicherstellen, dass kein Marktakteur so viel Macht erhält, um die anderen zu diktieren.
Bäuerliches Versorgungsnetzwerk Steiermark (BVN)
Das BVN mit Hauptsitz in Graz versteht sich als Schnittstelle zwischen landwirtschaftlicher Produktion, Verarbeitung und den Küchen der Außer-Haus-Verpflegung (AHV) und hat aktuell 48 stimmberechtigte Mitglieder (Stand 2026) und 108 Betriebe, mit denen zusammengearbeitet wird.
Die beteiligten landwirtschaftlichen Betriebe übernehmen neben der Produktion zunehmend Schritte der Verarbeitung, also beispielsweise das Waschen, Schneiden und Vorkochen von Gemüse oder Kartoffeln. Für die Logistik ist das BVN verantwortlich.
Ausgangspunkt für die Gründung war ein Smart-City-Projekt. Es sollte untersuchen, wie bis 2030 rund 30 Prozent der Lebensmittel für die Stadt Graz aus einem Umkreis von 30 Kilometern bezogen werden können. Im Rahmen dieses Projekts schlossen sich fünf Landwirte zusammen, um die theoretischen Ergebnisse in die Praxis umzusetzen. Mit Unterstützung durch die Landwirtschaftskammer Steiermark gründeten sie daraufhin das BVN. Die beteiligten Landwirtinnen und Landwirte waren sich einig, dass eine reine Online-Plattform zur Vernetzung nicht ausreichen würde, um die gewünschten regionalen Versorgungsstrukturen aufzubauen. Das BVN übernahm daraufhin auch die Logistik, Lagerhaltung, Qualitätssicherung und Kundenkommunikation.
Heute beliefert das BVN eine Vielzahl öffentlicher und privater Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung. Zu den wichtigsten zählen die Steiermärkischen Krankenanstalten in Graz, die Justizanstalt Karlau, zahlreiche soziale Einrichtungen und Schulen, Betriebskantinen großer Unternehmen sowie kirchliche und private Institutionen wie die Benediktinerabtei Seckau. Keine der belieferten Küchen verwendet zu 100 Prozent Bio-Produkte, jedoch tragen die BVN-Lieferungen wesentlich dazu bei, den Anteil regionaler und biologischer Produkte in der Außer-Haus-Verpflegung zu erhöhen. Aktuell stammen 38 Prozent der Umsätze bei der BVN von Waren in Bio-Qualität.
Oekolandbau.de: Bieten Krisen wie die aktuellen auch Chancen, um den Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungssektor resilienter und nachhaltiger zu gestalten?
Carla Wember: Davon bin ich überzeugt! In den letzten Jahren ist eine starke Bewegung für eine ökologische und sozialen Erneuerung rund um das Thema Ernährung entstanden. In solchen Zeiten öffnen sich Fenster zur Veränderung. Aber das ist natürlich kein Selbstläufer. Da bin ich inzwischen etwas vorsichtiger geworden. Eine Krise führt nicht automatisch zur Auflösung von überkommenden Strukturen und gleichzeitig zum Aufbau von etwas Neuem und Besseren. Dafür müssen sich jetzt Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft sowie Betriebe der Produktion, Verarbeitung und des Handels einsetzen.
Aber es zeichnet sich dafür immer klarer eine Richtung ab: Es geht bei bioregionalen Strukturen nicht um einen zusätzlichen Luxus oder um ein “Nice to have”. Sondern es geht um die Zukunft der Ernährungssicherheit in Deutschland und darüber hinaus. Das merkt man auch in den Diskursen auf europäischer Ebene. Ernährungssicherheit und eine höhere Resilienz gegenüber Krisen rücken in den Fokus. Der Weg dorthin wird nicht reibungslos verlaufen, da bin ich mir sicher. Aber wir sollten unsere Kräfte bündeln und die Chancen nutzen.
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Letzte Aktualisierung 25.09.2026






